7.000 Kilometer entfernt – und trotzdem mitten im Krieg

Öl über 120 Dollar, blockierte Meerenge, leere Reserven – und Thailand, das sich „neutral“ nennt, steht plötzlich mit dem Rücken zur Wand. ⚠️ Wie lange hält das noch – und was passiert, wenn der Hahn wirklich zu bleibt? Jetzt weiterlesen ⯈

7.000 Kilometer entfernt – und trotzdem mitten im Krieg
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Thailand spürt den Nahost-Konflikt mit voller Wucht. Öl über 120 Dollar, die Straße von Hormus gesperrt, Tausende Landsleute in der Krisenregion. Ein Land, das sich neutral nennt, kämpft ums wirtschaftliche Überleben.

Thailand hat kein Öl – und das rächt sich jetzt

Bangkok importiert 85 bis 90 Prozent seines Rohöls aus dem Ausland. Rund die Hälfte davon kam bislang durch die Straße von Hormus. Seit dem 2. März 2026 ist diese Meerenge gesperrt. Die IRGC, die iranischen Revolutionsgarden, haben die wichtigste Ölpassage der Welt dichtgemacht – und Thailand sitzt auf einem Zeitproblem: Die nationalen Reserven reichen für 60 bis 61 Tage ohne Lieferungen aus dem Nahen Osten. Japan hat 254.

Der Ölpreis kletterte von 60 Dollar je Barrel Anfang Februar auf 117,58 Dollar am 9. März – ein Anstieg um 80 Prozent in fünf Wochen. Jeden Cent davon zahlen die Thais an der Zapfsäule: Jede zehn Dollar Aufschlag je Barrel bedeuten zwei Baht mehr pro Liter Diesel. Die Regierung hat den Dieselpreis bei 30 Baht eingefroren. Der Ölfonds zahlt dafür täglich 1,2 Milliarden Baht Subvention – und hatte Anfang März noch 2,46 Milliarden Baht Guthaben. Für etwa einen weiteren Monat.

Wie es so weit kam

Der Krieg, der jetzt Thais trifft, begann nicht am 28. Februar 2026. Er begann am 7. Oktober 2023, als Hamas-Kämpfer israelische Siedlungen überfielen, 1.195 Menschen töteten und 251 als Geiseln verschleppten. Darunter 31 thailändische Landarbeiter – die größte ausländische Geiselnehmergruppe.

Seitdem eskalierte der Konflikt in Wellen. Iran und Israel beschossen sich erstmals direkt im April 2024. Israel tötete Hezbollah-Chef Hassan Nasrallah im September 2024 per Luftangriff auf seinen Bunker, zerstörte Teile von Irans Luftabwehr, dann schränkte ein kurzer Waffenstillstand die Kämpfe ein. Nach Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 wurde das Ultimatum gestellt: Iran müsse sein Atomprogramm vollständig aufgeben – oder die USA würden eingreifen.

Am 13. Juni 2025 startete Israel die „Operation Rising Lion“ mit über 200 Kampfflugzeugen gegen mehr als 100 Ziele in Iran, darunter Nuklearanlagen. Iran antwortete mit 550 Raketen und 1.000 Drohnen. Am 22. Juni griffen die USA mit der „Operation Midnight Hammer“ ein, warfen zwölf Mega-Bunkerbomben auf Irans Atomanlagen. Am 24. Juni gab es einen Waffenstillstand – der „Zwölf-Tage-Krieg“ war vorbei.

Er hielt nicht.

Im Dezember 2025 brachen in Iran die größten Proteste seit der Islamischen Revolution aus. Die Führung ließ schießen – Hunderte, möglicherweise Tausende Tote. Am 28. Februar 2026 flogen USA und Israel gemeinsam Angriffe auf Teheran, Isfahan, Qom und weitere Städte. Ayatollah Ali Khamenei wurde getötet. Iran feuerte mit der „Operation True Promise IV“ auf Israel und US-Stützpunkte in neun Ländern. Seitdem läuft der Krieg.

110.000 Thais im Krisengebiet

Die Zahlen, die Bangkok beschäftigen: 65.000 Thais arbeiten in Israel. 110.000 insgesamt im gesamten Nahen Osten. 250 waren in Iran, als die Bomben fielen.

Dass so viele Thais überhaupt dort waren, hat einen klaren Grund. Israelische Farmarbeit zahlt fünf- bis zehnmal mehr als vergleichbare Stellen in Thailand. Nach dem Hamas-Angriff 2023, nach 46 getöteten und 31 entführten Landsleuten, stieg die Zahl der arbeitenden Thais in Israel auf über 38.000 – weil viele gar keine Alternative sahen. Bis Januar 2025 waren es bereits mehr als 65.000.

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Seit dem 28. Februar organisiert die Botschaft in Teheran Landkorridore in die Türkei. Am 7. März fuhren 62 Thais los, am 10. März weitere 69. 14 wurden aus dem Irak ausgeflogen. 351 Menschen kamen bislang heil zurück.

Für den Fall einer massiven Eskalation rund um Israel bereitet Bangkok die Evakuierung von bis zu 77.000 Menschen vor.

Der Wirtschaftsschaden läuft täglich an

Nicht nur der Ölpreis trifft Thailand. Die Handelsrouten kollabieren.

In der ersten Märzwoche 2026 brach der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus um 95 Prozent ein. Maersk, CMA CGM, Hapag-Lloyd und MSC stellten Fahrten ein. Kriegsrisikoaufschläge stiegen um 400 bis 500 Prozent. Ein 40-Fuß-Container nach Europa kostete zuletzt 7.000 Dollar – vor der Krise waren es 3.500.

Rund 32 Milliarden Baht an thailändischen Waren liegen nach Angaben des Exporteurverbands in Transithäfen fest. Der Schaden durch Handelsunterbrechungen: 33,3 Milliarden Baht pro Monat. Thailand exportierte 2025 Güter im Wert von 12,5 Milliarden Dollar in den Nahen Osten – knapp vier Prozent des Gesamtexports.

Der Baht fiel in einer Woche von 30,84 auf 32,15 pro US-Dollar – der stärkste Rückgang unter allen asiatischen Währungen. Die Börse in Bangkok verlor am 4. März in einer einzigen Sitzung acht Prozent, der schlimmste Einbruch seit dem Corona-Crash im März 2020.

Die Zentralbank hatte den Leitzins seit Oktober 2024 bereits sechsmal gesenkt, auf jetzt ein Prozent. Wachstumsprognosen wurden von 2,0 auf 1,3 bis 1,6 Prozent zurückgenommen. Hält der Ölpreis über 115 Dollar, könnte die Inflation – die zehn Monate in Folge negativ war – auf über vier Prozent steigen.

Bangkok nennt es Neutralität

Offiziell hält sich Thailand heraus. Premier Anutin Charnvirakul spricht von „Zurückhaltung aller Seiten“ und „internationalem Recht“. Bangkok verdammt keine der kriegführenden Parteien, nennt keine Aggressoren.

Die Erklärung liegt in der Gemengelage: Die USA sind Verteidigungspartner Thailands. Iran war Vermittler bei den Geiselbefrei­ungen 2023 und 2024. Ein Handelsabkommen mit Teheran vom Februar 2025 steigerte den bilateralen Handel um 25 Prozent. Wer auf beiden Seiten Interessen hat, meidet klare Worte.

Die Brookings Institution gruppiert Thailand in ein Lager der „vorsichtigen Abwägung“ – neben den Philippinen, im Unterschied zu Malaysia und Brunei, die die US-israelischen Angriffe offen verurteilten, oder Indonesien, das Vermittlungsgespräche anbot.

ASEAN verabschiedete am 4. März eine fünfzeilige Erklärung: Waffenstillstand sofort, Eskalation „besonders bedauerlich“. Der Text erwähnt, der Konflikt sei „von Israel und den USA ausgelöst“ worden – eine der deutlichsten Formulierungen, die der Block in seiner Geschichte verwendet hat.

Eine Krise, die schon vorher begann

Thailand war vor dem 28. Februar 2026 nicht stabil. Sechs Zinssenkungen in Folge. Wachstum unter Druck. Ein Ölfonds mit Reserven für einen Monat, nicht für einen Krieg.

Der Nahost-Konflikt hat Thailands Probleme nicht geschaffen. Er hat sie auf einmal sichtbar gemacht. Wie lange die Straße von Hormus gesperrt bleibt und ob die Notfall-Ölkäufe aus Westafrika, den USA und Malaysia rechtzeitig eintreffen, entscheidet darüber, ob das Land ein schwieriges Quartal übersteht oder in eine echte Krise rutscht.

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Quelle: thethaiger.com

Ein Kommentar zu „7.000 Kilometer entfernt – und trotzdem mitten im Krieg

  1. Auch wenn es im The Thaiger so stehen sollte, aber es sind 96% Steigerung von 60 auf 117,58 US $. Und die von der Hamas verschleppten 31 Thailänder waren die größte ausländische Geiselgruppe und ganz bestimmt nicht Geiselnehmergruppe.

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