Schönheitswahn mit tödlichen Folgen

Schönheitswahn mit tödlichen Folgen
KI-generierte Illustration, erstellt von Google Gemini.

In Bangkok trägt die 22-jährige Kunststudentin Supapich stolz eine Zahnspange mit leuchtend violetten Brackets. Was in westlichen Ländern als unangenehmes Relikt der Pubertät gilt, ist in Thailand ein begehrtes Modeaccessoire.

Doch hinter dem glänzenden Trend verbergen sich ernsthafte Gesundheitsrisiken, die in einigen Fällen tödlich endeten. Die thailändischen Behörden warnen seit Jahren vor den Gefahren gefälschter Zahnspangen.

Kultureller Unterschied: Zahnspangen als Wohlstandssymbol

Während Jugendliche in Europa und Nordamerika den Tag kaum erwarten können, an dem die Zahnspange endlich entfernt wird, werden die Metalldrähte in Thailand, Indonesien und Malaysia ganz anders wahrgenommen. Dort gelten Zahnspangen als Zeichen von Wohlstand und sozialem Status, selbst bei Menschen ohne Zahnfehlstellungen.

Der Grund liegt in den Kosten. Eine professionelle kieferorthopädische Behandlung kostet in Bangkok zwischen 40.000 und 100.000 Baht, umgerechnet etwa 1.070 bis 2.670 Euro. Für durchschnittliche thailändische Familien ist das eine erhebliche finanzielle Belastung.

Entstehung eines Schwarzmarkts für Zahnspangen-Attrappen

Der hohe Preis echter Behandlungen führte vor fast zwei Jahrzehnten zur Entstehung eines Marktes für sogenannte Fashion Braces oder Fake Braces. Diese Attrappen imitieren das Aussehen echter Zahnspangen, haben aber keinerlei medizinischen Nutzen.

Die gefälschten Spangen werden auf Flohmärkten verkauft, in Schönheitssalons angebracht oder als DIY-Sets im Internet angeboten. Für umgerechnet etwa 40 Euro erhält man ein komplettes Set mit bunten Brackets von Hello-Kitty-Motiven bis zu Regenbogenfarben.

Verstärkung durch Prominente und soziale Medien

Thailändische Popstars und indonesische Sänger zeigen sich öffentlich mit bunten Brackets. In einer Gesellschaft, in der Jugendliche ihren Idolen nacheifern, wirkt das wie eine Empfehlung.

Die sozialen Medien verstärken diesen Effekt zusätzlich. Hinter der schillernden Fassade lauern jedoch erhebliche Gefahren, vor denen die thailändischen Gesundheitsbehörden seit vielen Jahren warnen.

Zwei dokumentierte Todesfälle in Thailand

In Thailand wurden mindestens zwei Todesfälle direkt mit gefälschten Zahnspangen in Verbindung gebracht. Ein 17-jähriges Mädchen aus der nordöstlichen Stadt Khon Kaen entwickelte eine Schilddrüseninfektion, die rasch zu Herzversagen führte.

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In der Provinz Chonburi starb ein 14-jähriges Mädchen, nachdem es zwei Monate lang eine pinke Fake-Zahnspange getragen hatte. Die Autopsie zeigte schwere Infektionen im Mundraum und am Zahnfleisch. Die Polizei konnte den Tod mit einer Spange in Verbindung bringen, die an einem illegalen Marktstand gekauft worden war.

Gefährliche Schwermetalle in den verwendeten Materialien

Die thailändische Zahnärztekammer hat beschlagnahmte Fake-Zahnspangen untersucht und dabei besorgniserregende Ergebnisse erhalten. Die verwendeten Materialien enthielten gefährliche Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Quecksilber und Arsen.

Dr. Thongchai Vachirarojpisan, stellvertretender Vorsitzender der Zahnärztekammer, erklärte bei einer Pressekonferenz, dass in Proben aus illegalen Geschäften Cadmiumwerte gemessen wurden, die in zugelassenen Zahnspangen niemals vorkommen würden. Diese Schwermetalle werden vom Körper aufgenommen, während die Spange im Mund getragen wird.

Gesundheitsrisiken von Vergiftung bis Erstickungsgefahr

Die Folgen reichen von Zahnfleischbluten und Geschwüren über Infektionen bis hin zu Leberschäden und einem erhöhten Krebsrisiko. Die Vergiftung geschieht schleichend, sodass Betroffene oft erst dann etwas merken, wenn bereits erhebliche Schäden entstanden sind.

Viele Jugendliche kleben sich die Brackets mit handelsüblichem Sekundenkleber selbst auf die Zähne. Dieser ist nicht für den Einsatz im Mundraum gedacht, kann Schleimhäute verätzen und allergische Reaktionen auslösen. Zudem lösen sich die Brackets häufig und können verschluckt werden, was zu Erstickungsgefahr führt.

Mangelnde Hygiene bei der Anbringung durch Laien

Wer seine Spange in einem Schönheitssalon oder bei einem Straßenhändler anbringen lässt, muss mit unsterilen Werkzeugen rechnen. Eine ordnungsgemäße Sterilisation findet in der Regel nicht statt. Dadurch können Bakterien und Viren direkt in den Mundraum eingebracht werden.

Die thailändische Zahnärztekammer warnt vor Blutvergiftungen, Nervenschäden und schweren Infektionen als mögliche Folgen dieser unhygienischen Praktiken. Die Risiken werden oft unterschätzt, weil die unmittelbaren Folgen zunächst nicht sichtbar sind.

Hauptzielgruppe: Kinder und junge Jugendliche unter 15 Jahren

Eine wissenschaftliche Studie der Thai Dental Association aus dem Jahr 2023 untersuchte Jugendliche in Bangkok, die Fake-Zahnspangen trugen. Das Ergebnis zeigt das Ausmaß des Problems: 93,3 Prozent der Nutzer waren jünger als 15 Jahre.

Die Hauptmotivation war der Einfluss von Freunden und der Wunsch, einer bestimmten sozialen Gruppe anzugehören. Die Studie identifizierte mehrere Faktoren: ein jüngeres Alter, der Einfluss von Gleichaltrigen und Prominenten, mangelndes Wissen über Gesundheitsrisiken sowie ein niedrigerer sozioökonomischer Status.

Zahnspangen als soziales Symbol statt medizinisches Hilfsmittel

Die Jugendlichen verstanden die Zahnspange nicht als medizinisches Gerät, sondern als reines Statussymbol. Im Gegensatz zu Nutzern echter Zahnspangen erwarteten sie keine Verbesserung ihrer Zahnstellung.

Die Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass soziale Faktoren wie Gruppendruck und der Wunsch nach Zugehörigkeit die Entscheidung für Fake-Zahnspangen maßgeblich beeinflussen. Gesundheitliche Überlegungen treten dabei in den Hintergrund.

Gesetzliche Verschärfungen im Jahr 2018 mit hohen Strafen

Die thailändische Regierung hat auf die Todesfälle und Gesundheitsgefahren reagiert. Im Jahr 2018 verschärfte Thailand die Gesetze erheblich. Das Consumer Protection Board verbot den Online-Verkauf sämtlicher nicht zugelassener Zahnspangen und kieferorthopädischer Materialien.

Verstöße können nun mit bis zu fünf Jahren Gefängnis und Geldstrafen von bis zu 500.000 Baht, etwa 13.400 Euro, geahndet werden. Dr. Paisal Kangwolkij, Präsident der thailändischen Zahnärztekammer, betonte, dass legale Zahnspangen nur von zugelassenen Zahnärzten nach einer gründlichen Untersuchung verschrieben werden können.

Ermittlungen führten zu 90 illegalen Kliniken in 19 Provinzen

Seit April 2017 hat die thailändische Zahnärztekammer über 308 Hinweise auf illegale Zahnspangen-Geschäfte erhalten. Die Ermittlungen führten zu 90 illegalen Kliniken in 19 Provinzen, darunter Bangkok, Chiang Mai, Khon Kaen und Samut Prakan.

Die Bekämpfung gestaltet sich schwierig, denn viele Händler operieren über soziale Medien und ändern ständig ihre Adressen. Ermittler müssen sich als Käufer ausgeben, um die Betreiber zu identifizieren und Proben für Qualitäts- und Giftstofftests zu beschaffen.

Profitables Geschäft: 535.000 Euro Umsatz in einem Jahr

Der Schwarzmarkt ist trotz aller Verbote lukrativ. Ein illegaler Online-Shop, der im Januar 2018 entdeckt wurde, hatte innerhalb eines Jahres Umsätze von fast 20 Millionen Baht, umgerechnet etwa 535.000 Euro, erwirtschaftet.

Diese enormen Gewinne machen deutlich, warum sich immer wieder neue Händler finden, die das Risiko einer Strafverfolgung eingehen. Die Nachfrage nach den günstigen Alternativen zu echten Zahnspangen bleibt hoch.

Verlagerung des Vertriebs von Straßenmärkten ins Internet

Im digitalen Zeitalter haben sich die Vertriebswege verlagert. Früher wurden Fake-Zahnspangen hauptsächlich auf Straßenmärkten verkauft. Heute werben Influencer und sogenannte Net-Idols auf Plattformen wie Facebook und Instagram für ihre Produkte.

Die Behörden stehen vor der Herausforderung, diese dezentralen Netzwerke zu überwachen und zu unterbinden. Die Food and Drug Administration führte Razzien in Produktionsstätten durch, unter anderem in einer registrierten Fabrik in der Provinz Ratchaburi.

Empfehlungen: Nur zugelassene Kieferorthopäden aufsuchen

Für Familien in Thailand und anderen betroffenen Ländern gibt es klare Empfehlungen. Eine Zahnspange sollte ausschließlich von einem zugelassenen Kieferorthopäden verschrieben und angepasst werden.

Dies umfasst eine gründliche Diagnose, einen individuellen Behandlungsplan und regelmäßige Kontrolltermine. Nur so ist gewährleistet, dass sichere, medizinisch zugelassene Materialien verwendet werden und die Behandlung unter sterilen Bedingungen erfolgt.

Langfristige Kosten übersteigen die anfängliche Ersparnis

Der scheinbar günstige Preis von Fake-Zahnspangen kann sich als Trugschluss erweisen. Wer durch minderwertige Materialien Zahnschäden, Zahnfleischerkrankungen oder systemische Gesundheitsprobleme erleidet, zahlt am Ende deutlich mehr.

Die Kosten für die Behandlung von Komplikationen übersteigen die anfängliche Ersparnis bei Weitem. Dazu kommen gesundheitliche Risiken, die teilweise irreversibel sein können.

Aufklärung als wichtigster Ansatz gegen den Trend

Experten sind sich einig, dass Bildung der wichtigste Ansatz ist. Jugendliche und ihre Eltern müssen über die realen Gefahren informiert werden. Schulen könnten eine wichtige Rolle spielen, indem sie Aufklärungsprogramme anbieten.

Gleichzeitig sollten die sozialen Einflüsse, die diesen Trend befeuern, offen diskutiert werden. Wer versteht, warum Zahnspangen als Statussymbol gelten, kann auch alternative Wege finden, soziale Zugehörigkeit zu demonstrieren.

Verbesserter Zugang durch Ratenzahlungen in Kliniken

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Verbesserung des Zugangs zu legitimer kieferorthopädischer Versorgung. Wenn professionelle Behandlungen erschwinglicher werden, sinkt der Anreiz, auf gefährliche Alternativen zurückzugreifen.

Einige thailändische Zahnkliniken bieten bereits Ratenzahlungen an, um Familien die Finanzierung zu erleichtern. Solche Initiativen könnten helfen, die Lücke zwischen Nachfrage und finanziellen Möglichkeiten zu schließen.

Anhaltende Popularität trotz jahrelanger Warnungen

Trotz aller Warnungen und Verbote zeigt sich der Trend bemerkenswert widerstandsfähig. Das thailändische Gesundheitsministerium hat mehr als fünf Jahre lang kontinuierlich vor den Gefahren gewarnt, doch immer noch suchen manche Jugendliche nach Möglichkeiten, an die begehrten Accessoires zu gelangen.

Die kulturelle Bedeutung der Zahnspange als Statussymbol lässt sich offenbar nicht durch Gesetze allein ändern. Es braucht einen gesellschaftlichen Wandel im Verständnis von Wohlstand und sozialem Status.

Ausbreitung in andere asiatische Länder wie Indonesien

Was in Thailand begann, hat sich längst über die Grenzen hinaus ausgebreitet. In Indonesien, wo Fake-Zahnspangen weniger streng reguliert sind, tragen inzwischen auch Erwachsene die bunten Brackets.

In manchen Hotels berichten Reisende, dass ein Großteil des Servicepersonals metallische Lächeln zeigt. Auch in China und Malaysia ist der Trend angekommen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Notwendigkeit eines Umdenkens auf mehreren Ebenen

Die Situation erfordert ein Umdenken auf verschiedenen Ebenen. Behörden müssen ihre Durchsetzungsmaßnahmen verstärken und den Online-Handel besser überwachen. Gleichzeitig braucht es gesellschaftliche Diskussionen über Schönheitsideale und Statussymbole.

Solange eine Zahnspange als Zeichen von Wohlstand gilt, werden Jugendliche nach Wegen suchen, dieses Symbol zu tragen. Die Herausforderung besteht darin, sichere Alternativen zu schaffen und gleichzeitig die zugrunde liegenden sozialen Werte zu hinterfragen.

Warnung anhand der dokumentierten Todesfälle

Die Geschichte der beiden verstorbenen Teenager in Thailand sollte als eindringliche Warnung dienen. Hinter den bunten Brackets kann sich eine ernsthafte Gefahr verbergen. Was als harmloses Accessoire beginnt, kann in schweren Infektionen, Vergiftungen oder im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Die dokumentierten Fälle zeigen, dass es sich nicht um theoretische Risiken handelt, sondern um reale Gefahren, die junge Menschen das Leben gekostet haben. Die Gesundheitsrisiken sind wissenschaftlich belegt und sollten ernst genommen werden.

Anmerkung der Redaktion

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