BANGKOK, THAILAND – Die Oppositionspartei Pheu Thai hat mit Yodchanan Wongsawat einen neuen Spitzenkandidaten präsentiert – und damit erneut gezeigt, wie stark sie weiter vom Namen Shinawatra geprägt bleibt.
Rückkehr zur Familienformel
Mit der Kür von Yodchanan Wongsawat, in Thailand als „Ajarn Chen“ bekannt, setzte Pheu Thai klar auf Kontinuität innerhalb der Shinawatra-Dynastie. Yodchanan ist Sohn des früheren Premierministers Somchai Wongsawat und von Yaowapha Wongsawat, der jüngeren Schwester von Thaksin Shinawatra.
Pheu Thai vollzog damit eine strategische Kehrtwende. Frühere Versuche, politische „Außenseiter“ an die Spitze zu stellen, seien aus Sicht der Parteiführung gescheitert. Beispiele sind Samak Sundaravej aus der Ära der People Power Party sowie Srettha Thavisin, Pheu-Thai-Kandidat bei der Wahl 2023.
Beide hätten weder das volle Vertrauen der inneren Machtzirkel genossen noch ließen sie sich eng genug kontrollieren. Beide verloren ihr Amt vor Ablauf der regulären Amtszeit – ein Warnsignal für die Parteistrategen.
Technokrat mit Shinawatra-DNA
In diesem Kontext gilt Yodchanan als Rückgriff auf eine vermeintlich sichere Formel: familiär eng mit Thaksin verbunden und damit politisch berechenbar. Gleichzeitig wird er bewusst als moderner Technokrat inszeniert.
Yodchanan ist Vizepräsident für Forschung an der Mahidol-Universität und gibt sich als zukunftsorientierter Wissenschaftler mit Management-Erfahrung. Im Zentrum seiner Vision steht der Anspruch, das Land mithilfe von Wissenschaft, Technologie und Künstlicher Intelligenz in den Status eines Hochlohnlandes zu führen.
Er setzt auf höhere Produktivität in den Industrien, modernere Logistik und mehr Wettbewerbsfähigkeit. Damit soll er auch für Wählergruppen attraktiv werden, die über den traditionellen Pheu-Thai-Kern hinausgehen.
Vorwurf der Clan-Partei flammt wieder auf
Kaum war Yodchanan als Nummer 1 präsentiert, lebte die Kritik an Pheu Thai als „Familienpartei“ wieder auf. Gegner werfen der Partei vor, innerlich weder unabhängig noch demokratisch zu sein, sondern strukturell an einen politischen Clan gebunden.
Darauf reagiert Yodchanan mit einer Gegen-Erzählung. Er betont immer wieder, er habe einen eigenen Kopf und eine eigene Agenda. Seine familiären Verbindungen stellt er offensiv als Stärke dar.
Kritik an Nähe zur Shinawatra-Familie
Einer seiner meistzitierten Sätze lautet: „Ich sehe familiäre Verbindungen als Stärke – als eine Form von Kapital. Wir mögen kleine Leute sein, die in den Händen eines gütigen Riesen stehen. Wir können weiter sehen, weil wir auf den Schultern eines Riesen stehen.“ Die Nähe zur Shinawatra-Familie biete, so sein Argument, Erfahrung, institutionelles Gedächtnis und Praxiswissen in der Regierungsarbeit.
An den realen Machtverhältnissen in Pheu Thai ändert das aus Sicht vieler Beobachter wenig. Solange Thaksin Shinawatra als geistiges und strategisches Zentrum der Partei gilt, bleibt seine Rolle zugleich politischer Vorteil und Belastung.
Starke Basis im Norden – Skepsis in Bangkok
Der Name Shinawatra mobilisiert weiterhin große Teile der Stammwählerschaft, vor allem im Norden und Nordosten. Für viele langjährige Pheu-Thai-Anhänger, frühere Thaksin-Unterstützer und ehemalige „Rothemden“-Aktivisten steht die Familie für frühere wirtschaftliche Chancen und erfolgreiche populistische Programme.
Yodchanans Kandidatur signalisiert diesen Gruppen, dass die Partei an ihrem Kernprofil festhält. Doch in Bangkok, bei Teilen der urbanen Mittelschicht und in weiten Teilen des Südens zeigt sich ein anderes Bild.
Frühe Umfragen nach Yodchanans öffentlichem Einstieg deuten auf eine sinkende Begeisterung in der Hauptstadt hin. Das nährt die Sorge, dass die Marke Shinawatra außerhalb der Hochburgen nur begrenzt zieht – oder sogar abschreckt.
Regierungsbilanz drückt auf die Kampagne
Hinzu kommt die belastende Regierungsbilanz der vergangenen zwei Jahre. Pheu Thai muss sich inzwischen an konkreten Ergebnissen messen lassen.
Zentrale Versprechen wie das digitale Geldbörsen-Programm stocken, der Mindestlohn blieb hinter den Erwartungen zurück, die Agrarpreise sind weiterhin niedrig. Scharfe Kritik löste zudem der Umgang der Regierung mit dem Grenzkonflikt zu Kambodscha aus.
Diese Auseinandersetzung wurde zum breiteren Streit um Nationalismus und Sicherheit aufgebläht und hat das Vertrauen zusätzlich untergraben.
Wettlauf bis zum Wahltag
Vor diesem Hintergrund ist offen, ob Yodchanan das Vertrauen in Pheu Thai spürbar zurückgewinnen kann. Die Partei setzt dennoch klar darauf, die fortdauernde „Magie Thaksins“ zu nutzen und seine Symbolkraft in Stimmen umzumünzen.
Die Botschaft an die Kernwähler ist eindeutig: Auch wenn Thaksins Handlungsspielraum begrenzt ist, habe er die Partei nicht verlassen. Pheu Thai nimmt den Vorwurf einer „Schattenpartei Thaksins“ offenbar bewusst in Kauf, um die eigene Basis zu mobilisieren.
Bis zum Wahltag am 8. Februar steht Yodchanan nun vor einer doppelten Bewährungsprobe:
• Kompetenz und Führungsstärke glaubhaft machen
• Unabhängigkeit von familiären Netzwerken demonstrieren
• Eine moderne, technologiegetriebene Zukunftsagenda vermitteln
Gelingt ihm dieser Spagat, könnte er Pheu Thai breiter aufstellen und unentschlossene sowie urbane Wähler zurückgewinnen. Scheitert er, bleibt der Eindruck eines Kandidaten, der lediglich die Botschaften einer alten Machtgeneration in neuem Gewand überbringt.
🗣 Erbe als Stärke – oder politische Sackgasse?
Erfahrung, Loyalität, klare Machtstrukturen: Für Pheu Thai ist die Rückkehr zur Familie ein Sicherheitsnetz.
Doch in einer Gesellschaft, die nach Erneuerung ruft, kann dieselbe Entscheidung wie ein Rückschritt wirken.
Ist Yodchanan die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft –
oder der Beweis, dass Pheu Thai den Schatten Thaksins nie verlassen kann?
Was meint ihr: kluger Schachzug oder riskantes Déjà-vu?



