Kommt das Social-Media-Verbot für Kinder?

Kommt das Social-Media-Verbot für Kinder?
Bangkok Post

BANGKOK, THAILAND – Ein weltweit einmaliges Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige in Australien heizte die Debatte um Online-Schutz für Kinder auch in Bangkok deutlich an. Behörden, Lehrkräfte, Eltern und Jugendliche rangen zuletzt um die Frage, wie weit der Staat in den digitalen Alltag junger Menschen eingreifen soll.

Australien setzt harte Altersgrenze

Australien hatte im Dezember mit dem Online Safety Amendment (Social Media Minimum Age) Bill eine Altersuntergrenze von 16 Jahren für Social-Media-Konten eingeführt. Kinder und Jugendliche unterhalb dieser Schwelle dürfen dort keine eigenen Accounts bei großen Plattformen wie TikTok, X, Facebook, Instagram, YouTube, Snapchat und Threads haben.

Das Gesetz zielte nicht nur auf digitale Abhängigkeit, sondern explizit auch auf Plattform-Designs, die lange Online-Zeiten fördern und Minderjährige mit Inhalten konfrontieren können, die ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden schaden.

Klare Mehrheiten in Umfragen – aber offene Schlupflöcher

Nach dem Ipsos Education Monitor 2025 befürworteten 87 Prozent der Befragten in Thailand, dass Kinder unter 14 gar keinen Zugang zu sozialen Netzwerken haben sollten – der höchste Wert unter 30 Ländern weltweit. Dennoch blieben rechtliche Schlupflöcher und praktische Umgehungsmöglichkeiten bestehen.

Kritiker verwiesen international unter anderem auf:

VPN-Dienste und Plattformen in Streaming- oder Gaming-Bereichen

• Risiken einer massenhaften Altersverifikation und möglicher Datenschutzverstöße

Stört Sie die Werbung?
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
ZUM ANGEBOT

• fehlende Einbeziehung von Datingseiten und Online-Gaming, die ähnliche Gefahren bergen

Internationale Trends – gemischte Erfahrungen

Mehrere Staaten diskutierten oder planten ähnliche Schritte: Dänemark wollte Social Media für Unter-15-Jährige verbieten, Norwegen erwog ein vergleichbares Vorgehen. Frankreich empfahl ein Verbot unter 15 Jahren sowie eine Art Online-Ausgangssperre für 15- bis 18-Jährige, Spanien setzte auf elterliche Zustimmung für Nutzer unter 16.

Im Vereinigten Königreich traten 2025 neue Online-Sicherheitsregeln in Kraft, die bei Versäumnissen gegenüber jungen Nutzern hohe Geldstrafen oder Haftstrafen für Verantwortliche vorsahen. In Utah hingegen scheiterte 2024 ein Gesetz, das Social Media für Minderjährige ohne Zustimmung der Eltern einschränken sollte, an einem Bundesgericht.

Schulalltag in Thailand: Verbot auf dem Papier

In Thailand gilt seit 2017 ein Verbot von Mobiltelefonen an Schulen, eingeführt durch das Bildungsministerium. Die Umsetzung blieb jedoch schwach. Viele Eltern hielten die Regel im Familienalltag für schwer praktikabel, Schüler nutzten weiter Tablets oder Schulcomputer für den Zugang zu sozialen Netzwerken.

Eine Lehrerin an einer Schule im Norden des Landes berichtete von einem Kompromissmodell: „Mobiltelefone werden beim Betreten der Schule eingesammelt und dürfen nur in Notfällen in den Pausen genutzt werden.“ Familien könnten die Schule jederzeit kontaktieren. Ohne Smartphone hätten die Kinder mehr Zeit auf dem Fußballplatz oder beim Tanzen, sagte sie.

Sechzehn Jahre angemessenes Alter?

Zur australischen Altersgrenze erklärte sie: „Sechzehn ist ein angemessenes Alter für das Gesetz in Australien. Man könnte die Grenze sogar auf 18 oder 20 anheben, ähnlich dem Mindestalter für Alkoholkonsum.“

Zugleich betonte sie, manche Online-Angebote seien für das Lernen hilfreich. Für Thailand könnten daher Modelle mit elterlicher Zustimmung realistischer sein.

Ministerium warnt: Online-Risiken verschärfen bestehende Probleme

Thianthong Prasanpanich, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendschutz im Ministerium für soziale Entwicklung und menschliche Sicherheit, sah digitale Gefahren als zusätzlichen Belastungsfaktor: „Viele Schülerinnen und Schüler erleben bereits Gewalt durch Familie, Lehrkräfte und Gleichaltrige. Probleme aus sozialen Netzwerken wie Online-Dating und Finanzbetrug sind reale Sorgen und schwer zu verhindern.“

Als entscheidend nannte sie Aufklärung und Meldemut: „Der wichtigste Faktor ist das Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen sowie ihr Mut, Probleme bei Eltern oder Schulen anzusprechen.“

Elternorganisation setzt auf Mitwirkung statt Totalverbot

Rata Kaewbuangoen, Vertreterin der Parents and Teachers Association (PTA) der Samsen Wittayalai School und Mutter zweier erwachsener Kinder, berichtete von Fällen Cybermobbing und Depression im Zusammenhang mit Social Media. „Das Gesetz könnte in Thailand gut funktionieren. Aber eine Zwischenlösung wäre, wenn Eltern Inhalte prüfen, bevor Kinder sie posten“, sagte sie.

Kinder, die eine Karriere als Influencer anstrebten, könnten so unter elterlicher Aufsicht weitermachen. „Mit oder ohne Gesetz ist Kommunikation zwischen Schülerinnen, Schülern und Eltern entscheidend“, ergänzte sie. PTAs richteten häufig Peer-Support-Gruppen in Klassen ein, um Jugendliche bei Online- oder persönlichen Problemen zu unterstützen.

Psychische Gesundheit: Nutzen von Handyverboten an Schulen

Dr Varoth Chotpitayasunondh, Sprecher des Departments of Mental Health, verwies auf internationale Studien, wonach früher Zugang zu Mobiltelefonen langfristige Risiken für die körperliche und psychische Entwicklung berge. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Handyverbote an Schulen positive Effekte hätten.

Laut Dr Varoth verbesserten sich unter solchen Regeln:

Konzentration im Unterricht

schulische Leistungen

soziale Beziehungen und Kommunikationsfähigkeit mit Gleichaltrigen

Mehr Zeit im Freien gefordert

In manchen Studien seien die Pausenhofbereiche lebhafter geworden, weil Kinder mehr Zeit im Freien verbrachten – ein wichtiger Faktor für ihre Entwicklung. „Weniger Bildschirmzeit kann auch das Ausmaß von Cybermobbing senken“, sagte er.

Gleichzeitig warnte er vor Nachteilen: Kritiker befürchteten Einschränkungen in Notfallsituationen und bei der Nutzung von digitalen Lernmitteln. „Regelungen sollten auf Beiträgen aller Beteiligten basieren – Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern. Sie müssen zu unserem sozialen Kontext passen. Werden Regeln nur von oben durchgesetzt, fühlen sich Kinder gestresst und verstehen die Gründe nicht.“

Zweifel an Umsetzbarkeit strikter Social-Media-Verbote

Dr Varoth verwies zudem auf durchwachsene Erfahrungen anderer Länder mit Social-Media-Verboten für Kinder. Die Durchsetzung sei schwierig, weil junge Nutzer häufig Fake-Accounts anlegten oder Beschränkungen umgingen. Zu strikte Regeln könnten zudem Kreativität einschränken.

„Wenn Regelungen in der Praxis nicht umgesetzt werden können, sollten sie nicht eingeführt werden“, betonte er.

Stimme aus dem Klassenzimmer: Kontrolle ja, aber mit Augenmaß

Thanchanok Saengkhositthada, 13-jährige Schülerin der Matthayom 2 (Klasse 8) an der Wat Bang Bo School in Bangkok, berichtete, das Handyverbot an ihrer Schule habe sich positiv ausgewirkt. Ohne Smartphones verbrächten die Jugendlichen mehr Zeit mit Freundinnen und Freunden und seien im Unterricht konzentrierter.

„Ich finde es gut, wenn jüngere Schülerinnen und Schüler keine Handys in der Schule haben“, sagte sie. „Aber ältere sollten das Recht bekommen, sie zu nutzen. Am wichtigsten ist, zu lernen, wie man Handys im Alltag verantwortungsvoll ausbalanciert.“

Australien hat einen Präzedenzfall geschaffen.
Nicht App-Verbote in Schulen.
Nicht freiwillige Bildschirm-Limits.
Sondern ein landesweites Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige.

Dass ausgerechnet Thailand in Umfragen weltweit an der Spitze der Zustimmung steht, ist kein Zufall. Lehrer, Eltern und Behörden erleben täglich, wie früh Abhängigkeit beginnt, wie Cybermobbing eskaliert, wie Sexualisierung, Betrug und Depression immer jünger werden.

Ein totales Verbot klingt stark – ist aber technisch kaum dicht zu machen.

Deshalb läuft alles auf die eigentliche Kernfrage hinaus:
Wer trägt Verantwortung für digitale Erziehung – Staat, Eltern oder Konzerne?

Newsletter abonnieren

Newsletter auswählen:
Abonnieren Sie den täglichen Newsletter des Wochenblitz und erhalten Sie jeden Tag aktuelle Nachrichten und exklusive Inhalte direkt in Ihr Postfach.

Wir schützen Ihre Daten gemäß DSGVO. Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.
Quelle: Bangkok Post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert