Milliarden verschwunden – Wahl in der Grauzone

Milliarden verschwunden – Wahl in der Grauzone
Siam Rath, Thai Examiner
Google Werbung

BANGKOK, THAILAND – Ungewöhnlich hohe Bargeldabhebungen von mehr als 160 Milliarden Baht haben wenige Wochen vor der Parlamentswahl am 8. Februar die Aufsichtsbehörden, Parteien und Menschenrechtsaktivisten alarmiert. Während die Zentralbank vor vorschnellen Schlüssen warnt, werden Kontrollen verschärft und der Verdacht auf systematischen Stimmenkauf lauter.

Zentralbank zieht Kontrollen an

Am Dienstag kündigte Bank-of-Thailand-Gouverneur Vitai Ratanakorn schärfere Überwachung großer Bargeldbewegungen an. Besonders im Visier stehen Abhebungen und Umtauschvorgänge mit 100- und 500-Baht-Scheinen, die im Alltag weit verbreitet und leicht in großen Mengen einsetzbar sind.

Vitai erklärte, Banken müssten verdächtige Bargeldtauschgeschäfte melden, insbesondere bei Summen zwischen 1 und 5 Millionen Baht. „Die Zentralbank kann Bargeldgeschäfte nicht verbieten, aber sie bittet die Institute um engere Kooperation und zusätzliche Meldungen“, so der Gouverneur.

Berichte gingen bislang hauptsächlich an das Anti-Money Laundering Office (AMLO). Nun werden Meldepflichten ausgeweitet, um Geldflüsse detaillierter nachverfolgen zu können. Parallel arbeitet die Zentralbank an einer Anpassung von Vorschriften, die tiefere Prüfungen von Bargeldgeschäften erlauben soll – diese Änderungen werden jedoch voraussichtlich erst in zwei bis drei Monaten greifen.

Erklärungen für Bargeldflut – und ein Wahltermin

Nach Angaben der Zentralbank wurden starke Schwankungen insbesondere im September und Dezember 2025 registriert. Offizielle Stellen führten dafür mehrere Ursachen an. Im September habe eine schwere Störung im Bankensystem nach der Verschärfung von Anti-Geldwäsche-Maßnahmen gegen Betrugsnetzwerke und sogenannte „Mule Accounts“ das Vertrauen in digitale Zahlungen vorübergehend geschwächt.

Viele Konten seien geschlossen oder eingefroren worden, Online-Transaktionen seien teils eingeschränkt gewesen. Laut Zentralbank wichen zahlreiche Bürger daraufhin auf Bargeld aus. „Die Menschen zogen Geld ab, um es offline zu lagern und auszugeben“, hieß es in einer Erklärung vom 11. Januar 2026. Schon im Oktober habe sich das Zahlungsverhalten weitgehend normalisiert.

Nur saisonale Nachfrage?

Der erneute Anstieg im Dezember wurde von der Notenbank mit saisonaler Nachfrage begründet: Vor Weihnachten und Neujahr steigt traditionell der Bargeldbedarf, dieser Trend sei statistisch jedes Jahr sichtbar und nicht außergewöhnlich.

Vitai räumte zugleich ein, dass hohe Bargeldnutzung typisch für Wahlzeiten sei. Daher würden Hinweise auf mögliche Zusammenhänge mit der Wahlkampagne nicht ignoriert. Die Zentralbank weitete zudem ihre Rolle bei der Bekämpfung von „Grey Money“ und strukturellen Finanzproblemen aus.

Menschenrechtskommission und Opposition schlagen Alarm

Die Nationale Menschenrechtskommission (NHRC) warnte, dass in den vier Monaten vor der Wahl insgesamt rund 160 Milliarden Baht aus dem Finanzsystem abgezogen worden seien. Dies werfe ernste Fragen zur Integrität des Wahlprozesses auf.

Stört Sie die Werbung?
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
ZUM ANGEBOT

Politische Akteure nutzten die Zahlen für öffentliche Forderungen nach Aufklärung. Chaiwat Sathavorawichit, Listenbewerber der People’s Party, sprach auf Facebook von einer „schockierenden“ Entwicklung. Er fragte, wohin die über 160,8 Milliarden Baht geflossen seien, die laut Notenbankstatistik von Juli bis November 2025 in Umlauf gebracht wurden.

Höchster jemals verzeichneter Monatswert

Im September 2025 allein seien es demnach 127 Milliarden Baht gewesen – nach seinen Angaben der höchste jemals verzeichnete Monatswert, der nicht zu üblichen Saisoneffekten passe. Chaiwat verwies zudem auf vertrauliche Hinweise eines ranghohen Bankers über Abhebungen in dreistelliger Millionenhöhe bei verschiedenen Instituten.

Parallel verknüpfte er die Bargeldwelle mit einer Phase intensiver politischer Umbrüche: Im Juli 2025 habe das Verfassungsgericht die damalige Premierministerin vorläufig entmachtet, im August endgültig aus dem Amt entfernt. Im September sei Anutin Charnvirakul in einem Deal mit der People’s Party zum Regierungschef gewählt worden, ein Bündnis, das im Dezember zerbrochen sei und die jetzige Neuwahl ausgelöst habe.

Chaiwat stellte öffentlich die Frage, wofür die Mittel eingesetzt würden, und bezeichnete das Ausmaß als gefährlich. Seine Kommentare verbreiteten sich in sozialen Medien und erhöhten den Druck auf AMLO und andere Aufsichtsbehörden.

Wahlkommission prüft Kampagnen und digitale Inhalte

Die Wahlkommission reagierte unterdessen mit sichtbaren Maßnahmen. Sie leitete Ermittlungen zu fünf Video- und Audioclips ein, die gegen Wahlgesetze verstoßen könnten. Laut Generalsekretär Saweang Boonmee würden im Falle von Verstößen umgehend Korrektur- oder Löschanordnungen ergehen; schwerwiegende Fälle würden an Ermittlungsstellen weitergeleitet.

Gleichzeitig entschied die Kommission über vier Rechtsanfragen der Bhumjaithai-Partei zum Wahlkampf. Sie stellte klar, dass die Vorstellung potenzieller Kabinettspersonalien nach Paragraf 74 des Wahlgesetzes zulässig sei, sofern Mediennutzung und Darstellung den Regeln entsprächen.

Externe Wahlkampfhelfer, die nicht Parteimitglied sind, dürfen bei Veranstaltungen auftreten, wenn Aufgaben und Vergütung gemeldet werden.

• Auf Wahlplakaten dürfen sie nur erscheinen, wenn sie rechtlich als Parteichef oder offizielle Kandidaten gelten.

• In Debatten und öffentlichen Formaten ist ihre Teilnahme erlaubt, solange keine irreführende Darstellung nationaler Regierungspläne erfolgt.

Saweang berichtete zudem von 34 weiteren Fällen, die derzeit geprüft werden, darunter acht Verfahren wegen mutmaßlicher Verunglimpfung der Monarchie und 26 wegen aufheizender oder aggressiver Sprache in Kampagnen.

Hinweise auf Stimmenkauf in den Provinzen

Die Sorgen über Bargeldzuflüsse werden durch Meldungen aus den Wahlkreisen verstärkt. Ein Pheu-Thai-Kandidat in der Provinz Ubon Ratchathani schätzte jüngst, dass dort rund 1 Milliarde Baht in gezielten Stimmenkauf in Schlüsselbezirken fließen könnten. Er warnte vor dem Einsammeln von Personalausweisen durch Mittelsmänner – ein in der Region bekanntes Indiz für den Versuch, Wähler zu kontrollieren – und forderte die Wahlkommission zu entschiedenerem Handeln auf.

Trotz dieser Risiken sieht Abhisit Vejjajiva, Vorsitzender der Democrat Party und nach seinem Rückzug 2019 wieder in die Politik zurückgekehrt, eine positivere Entwicklung. Er sprach gegenüber Journalisten von einem stärkeren und entschlosseneren politischen Bewusstsein in der Bevölkerung.

Gleichzeitig betonen Beobachter, dass der gezielte Einsatz großer Finanzmittel durch lokale Machtgruppen nur schwer zu unterbinden sei und das Ergebnis der Wahl sowie die Mandatsverteilung der Parteien spürbar beeinflussen dürfte. Klare Fakten stehen bislang fest: Die Bargeldabhebungen stiegen in bestimmten Monaten deutlich an, Kontrollbehörden reagieren und Ermittlungen laufen – während der Wahltermin am 8. Februar unverändert näher rückt.

160 Milliarden Baht in bar. Ungewöhnliche Abhebungen. Nervöse Banken.
Und ein Wahlkampf, der längst nicht mehr nur auf Plakaten geführt wird.
Ist das nur ein Nebeneffekt von Misstrauen und Saisonkonsum –
oder das finanzielle Fundament eines massiven Stimmenkaufs?

Wie schützt man eine Wahl, wenn Geld anonym fließt, aber Stimmen persönlich zählen?
Reichen Überwachung und Appelle – oder steht Thailand vor einer echten Bewährungsprobe für seine Demokratie?
Sag offen:
Finanzrauschen – oder gefährliches Warnsignal?

Newsletter abonnieren

Newsletter auswählen:
Abonnieren Sie den täglichen Newsletter des Wochenblitz und erhalten Sie jeden Tag aktuelle Nachrichten und exklusive Inhalte direkt in Ihr Postfach.

Wir schützen Ihre Daten gemäß DSGVO. Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.
Quelle: Thai Examiner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert