Rama 2: Thailands tödlichste Baustelle

Rama 2: Thailands tödlichste Baustelle
The Thaiger
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BANGKOK, THAILAND – Auf der Rama-2-Straße, einer der wichtigsten Ausfallstraßen Bangkoks, ereignen sich seit Jahren schwere Baustellenunfälle. Trotz milliardenschwerer Projekte und strenger Vergaberegeln bleiben Sicherheitsprobleme bestehen.

Eine Hauptschlagader mit komplexer Geschichte

Die Rama-2-Straße (Highway 35) verbindet Bangkok mit dem Süden des Landes und gilt als zentrale Verkehrsachse für Personen- und Warenverkehr. Seit ihrem Baubeginn 1970 befindet sie sich nahezu ununterbrochen im Ausbau.

Über Jahrzehnte erhielt die Trasse den sarkastischen Spitznamen „Sieben-Generationen-Straße“, weil ein Ende der Arbeiten für viele unerreichbar scheint. Die Herausforderungen haben sich in den letzten Jahren von Schlaglöchern und Staus hin zu Sicherheitsbedenken bei Bauarbeiten verlagert.

Von Fahrspurerweiterung zu komplexen Hochstraßenprojekten

Ursprünglich war Rama 2 eine zweispurige Schnellverbindung und verkürzte den Weg nach Süden im Vergleich zur Phetkasem Road um mehr als 40 Kilometer. Mit dem Wachstum von Stadtgebieten und Industrie folgten jedoch Dauerbaustellen und Ausbauphasen.

Besonders anspruchsvoll ist die seit 2018 laufende dritte Ausbaustufe. Statt nur am Boden zu verbreitern, entstehen massive, sich überlagernde Hochstraßen – während darunter der Verkehr rund um die Uhr weiterläuft. Diese Konstellation stellt besondere Anforderungen an Planung und Baustellensicherheit.

Derzeit laufen zwei Großprojekte parallel: die Rama-3–Dao-Khanong–Outer-Ring-Road-Expressway der Expressway Authority of Thailand und die M82-Motorway-Abhebung Bang Khun Thian–Ban Phaeo des Department of Highways.

Unfallstatistik zeigt erhebliche Sicherheitsprobleme

Zwischen dem Haushaltsjahr 2018 und heute wurden auf der Rama-2-Straße mehr als 2.242 Unfälle registriert. Die Bilanz umfasst 132 Todesopfer und über 1.305 Verletzte.

In der ersten Phase, von 2018 bis 2020, standen vor allem verengte Spuren, unzureichende Beschilderung und problematische Barrierenanordnungen im Vordergrund. Ab 2022 änderte sich das Muster der Vorfälle: Zunehmend ereigneten sich strukturelle Versagen bei Bauwerken.

Die Unfälle resultierten nicht primär aus Fahrfehlern, sondern aus technischen Problemen bei Bauarbeiten, darunter Vorfälle mit Brückenträgern, Kränen und anderen Bauelementen, die den fließenden Verkehr beeinträchtigten.

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Dokumentierte Vorfälle und technische Analysen

Am 31. Juli 2022 ereignete sich nahe dem Vibharam Hospital in Samut Sakhon ein Vorfall, bei dem eine U-Turn-Brücke einstürzte. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben.

Ingenieuranalysen stellten Mängel bei Instandhaltungsverfahren fest. Das Abtragen der Fahrbahnplatte habe das Tragverhalten der Konstruktion verändert und seitliche Halterungen geschwächt, was zum Versagen der gealterten Brücke führte.

Im Mai 2023 ereignete sich in der Nähe eines Einkaufszentrums ein weiterer Vorfall mit einem Betonelement. Ermittlungen ergaben, dass Gewindestangen, welche die Hebekonstruktion mit dem Träger verbinden sollten, versagten – ein Hinweis auf Materialqualität und Wartungsmängel beim Auftragnehmer.

Im November 2024 kam es im Abschnitt 1 des M82-Projekts zu einem Versagen einer Kranmontagestruktur, bei dem vier Menschen starben. Vorläufige Erkenntnisse führten den Unfall auf Fehler bei der Gewichtsverteilung während der Bauteilbewegung zurück.

Jüngster Vorfall im Januar 2025

Am 15. Januar 2025 ereignete sich in der Provinz Samut Sakhon, kurz vor der Tha-Chin-Flussbrücke, ein weiterer Vorfall mit einem Baukran auf der Rama-2-Straße. Nach ersten Berichten waren zwei Fahrzeuge betroffen.

Rettungskräfte waren mehrere Stunden im Einsatz. Zwei Todesopfer wurden bestätigt. Details zu Ursache und Verantwortlichkeit lagen zunächst nicht vor und sind Gegenstand laufender Ermittlungen.

Komplexe Organisationsstrukturen bei Großbauprojekten

Hinter den Bauzäunen stehen häufig staatliche Großaufträge mit hohen Eignungshürden, die Unternehmen zu Joint Ventures bewegen. In der Praxis können dadurch Zuständigkeiten komplex werden.

In manchen Fällen überwacht die führende Firma den Baustellenbetrieb, während operative Arbeiten von Partnern und Subunternehmern ausgeführt werden. Ein Beispiel: In Abschnitt 1 war Udomsak Chiang Mai Co., Ltd. Hauptauftragnehmer, während die Vor-Ort-Arbeit von PSCI Construction Co., Ltd. erbracht wurde.

Mehrere Subunternehmer-Stufen können die Sicherheitskommunikation erschweren. Anweisungen von leitenden Ingenieuren müssen durch verschiedene Organisationsebenen weitergegeben werden. Hinzu kommt, dass ein Teil der Arbeitskräfte Migrantinnen und Migranten sind, bei denen Sprachbarrieren die Kommunikation komplexer technischer Vorgaben zusätzlich erschweren können.

Diese Struktur stellt besondere Anforderungen an die Aufsicht und kann zu Herausforderungen bei der Qualitätssicherung führen.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Durchsetzung

In öffentlichen Diskussionen wird häufig gefragt, warum Unternehmen nach Unfällen weiterhin staatliche Projekte erhalten. Experten verweisen auf Herausforderungen bei der Durchsetzung bestehender Regeln.

Das Comptroller General’s Department und das Transportministerium haben ein Leistungsbewertungssystem für Auftragnehmer eingeführt, bei dem nach Unfällen Punkte abgezogen und Firmen herabgestuft werden können. Allerdings begrenzen Vergabegesetze die Möglichkeiten für weitreichende Ausschlüsse großer Konzerne.

Behörden stehen vor dem Dilemma, dass ein umfassender Ausschluss führender Bauunternehmen Auswirkungen auf zahlreiche andere Großprojekte hätte. Daher beschränken sich Sanktionen meist auf temporäre Baustopps oder Geldstrafen, die angesichts von Auftragsvolumen in zweistelliger Milliardenhöhe (Baht) eine begrenzte Abschreckungswirkung haben.

Entschädigungsfragen und juristische Hürden

Auch die Situation der Betroffenen ist herausfordernd. Entschädigungen bei Todesfällen bewegen sich oft im Bereich von einigen Millionen Baht – ein Betrag, der aus Sicht betroffener Familien den Verlust nicht angemessen widerspiegelt.

Zivilklagen gegen staatliche Stellen und Bauunternehmen wegen Schadensersatz sind kostenintensiv und rechtlich komplex. Dies stellt für viele Betroffene eine erhebliche Hürde dar, um ihre Ansprüche geltend zu machen.

Wirtschaftliche Auswirkungen und Lebensqualität

Die Auswirkungen reichen über die unmittelbare Baustelle hinaus. Der Tourismus in Phetchaburi und Prachuap Khiri Khan, insbesondere in Hua Hin und Cha-am, ist von Sicherheitsbedenken und Verkehrsverzögerungen betroffen. Manche Reisende wählen alternative Routen oder verschieben ihre Pläne.

Transport- und Logistikunternehmen sind mit höheren Zeit- und Kostenaufwänden konfrontiert. Bewohnerinnen und Bewohner in Thonburi und Samut Sakhon berichten von Beeinträchtigungen der Lebensqualität durch Lärm, Staubbelastung und Unsicherheitsgefühle bei der täglichen Nutzung der Strecke.

Vorschläge für verbesserte Baustellensicherheit

Fachleute sehen in der Rama-2-Straße ein Beispiel für systemische Herausforderungen – von der Vergabe über das Contractor-Management bis zur Rechtsdurchsetzung. Eine reine Beschleunigung der Baustellen würde die grundlegenden Probleme nicht lösen.

Zu den diskutierten Verbesserungsvorschlägen gehören erstens die Begrenzung der Subunternehmer-Ebenen, um Verantwortlichkeiten klarer zu strukturieren. Zweitens wird der Einsatz von Sensoren und digitalen Überwachungssystemen zur Echtzeitüberwachung der Bauwerksstabilität vorgeschlagen. Drittens fordern Experten die Veröffentlichung detaillierter Unfallstatistiken pro Vertrag, um öffentliche Transparenz und Kontrolle zu stärken.

Weitere Ansätze umfassen verbesserte Schulungsprogramme für mehrsprachige Teams, strengere Qualitätskontrollen bei Materialien und Bauverfahren sowie regelmäßige unabhängige Sicherheitsinspektionen während der Bauphase.

Gesellschaftliche Debatte über Infrastruktur und Sicherheit

Die Unfallserie auf der Rama-2-Straße hat eine gesellschaftliche Debatte über das Verhältnis zwischen Infrastrukturentwicklung und öffentlicher Sicherheit ausgelöst. Kritiker argumentieren, dass wirtschaftliche Interessen und Projektfristen in der Vergangenheit zu stark gegenüber Sicherheitserwägungen gewichtet wurden.

Unterstützer strengerer Regulierung fordern, dass Baustellensicherheit bei Großprojekten denselben Stellenwert erhalten sollte wie Zeitplan und Budget. Sie verweisen auf internationale Standards, bei denen Baustellen über stark befahrenen Straßen besondere Sicherheitsvorkehrungen erfordern, einschließlich temporärer Schutzkonstruktionen und eingeschränkter Verkehrsführung während kritischer Bauphasen.

Die Regierung hat angekündigt, die Sicherheitsstandards für Infrastrukturprojekte zu überprüfen. Ob und wann konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

Ausblick: Notwendigkeit struktureller Reformen

Die Rama-2-Straße bleibt ein Beispiel für die Herausforderungen bei der Umsetzung von Großbauprojekten in dicht besiedelten Gebieten. Mit 132 Todesopfern und über 1.300 Verletzten seit 2018 ist eine Neubewertung der bisherigen Praktiken erforderlich.

Experten sind sich einig, dass nachhaltige Verbesserungen nur durch strukturelle Reformen möglich sind. Dies umfasst klarere Haftungsregelungen, transparentere Vergabeverfahren, konsequentere Durchsetzung von Sicherheitsstandards und eine stärkere Berücksichtigung von Präventionsmaßnahmen bereits in der Planungsphase.

Solange grundlegende Fragen der Verantwortlichkeit und Durchsetzung ungelöst bleiben, wird die Rama-2-Straße weiterhin als Mahnung für die Notwendigkeit systemischer Verbesserungen im Baustellenmanagement dienen. Die betroffenen Gemeinden und Verkehrsteilnehmer hoffen auf baldige konkrete Schritte zur Verbesserung der Sicherheitslage.

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Quelle: The Thaiger

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