Gründe für Kran-Drama

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The Nation
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SAMUT SAKHON, THAILAND – Nach dem tödlichen Einsturz eines Krans auf der Rama-II-Straße haben Fachingenieure und die Regierung gravierende Mängel bei Technik und Sicherheit benannt. Der Druck auf den Großauftragnehmer Italian-Thai Development (ITD) und die zuständigen Behörden hat sich innerhalb weniger Tage deutlich erhöht.

Erste Analyse am Unglücksort

Am 16. Januar 2026 besuchte Chulert Jitjuajun, Vizepräsident der Thai Structural Engineers Association, die Baustelle des Projekts Special Highway No. 82 auf der Rama-II-Straße im Landkreis Mueang Samut Sakhon. Bei dem Einsturz waren Menschen getötet und verletzt worden.

Nach Auswertung von Schäden, Luftbildern und Aufnahmen vor dem Ereignis sah Chulert vor allem Fehler im technischen Ablauf als Ursache. Die Stützfüße des Krans seien auf dem dünnsten Bereich eines Betonsegments abgestellt worden, statt auf den dickeren, tragfähigeren Zonen. Dadurch hätten die Füße die Rückseite des Betonsegments durchstoßen und den Einsturz ausgelöst.

„Die Platzierung der Stützbeine war höchstwahrscheinlich falsch und entsprach nicht den tragfähigsten Bereichen des Betonträgers“, erklärte Chulert.

Mängel an Hydraulik und Sicherungselementen

Zusätzlich stellte der Ingenieur Defekte an der hydraulischen Ausrüstung fest. Betroffen war vor allem eine Sicherungsmanschette (Collar), die eigentlich den Schaft eines Hydraulikhebers vor dem Einknicken schützen soll.

Die Manschette habe den Schaft nicht vollständig zu 360 Grad umschlossen und es hätten erforderliche Bolzen gefehlt. Dadurch seien Spalten sichtbar gewesen, durch die der Schaft zu erkennen war – ein Hinweis auf eingeschränkte Stabilität.

Chulert betonte, nach ingenieurtechnischen Regeln müsse die Manschette den Schaft komplett umschließen und sicher verriegelt sein. Die dokumentierten Defekte in mehreren Fotos könnten dazu geführt haben, dass der Schaft einknickte oder sich löste und so die Gesamtstabilität des Systems beeinträchtigte.

Zwei zentrale Ursachen – mit Vorbehalt

Aus Sicht des Fachverbands verdichteten sich damit zwei wahrscheinliche Hauptursachen:

Sorgfaltsmängel im Ingenieurprozess – fehlerhafte Positionierung der Stützbeine und fehlende Verteilträger zur angemessenen Lastabtragung

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Mangelhafte oder unterstandardige Ausrüstung – insbesondere die unvollständig ausgeführte hydraulische Manschette

Zugleich warnte Chulert vor vorschnellen Schlüssen. „Diese Bewertung basiert auf ersten Annahmen, weil uns detaillierte Daten aus dem Montageprozess noch fehlen“, sagte er. Es gebe weder vollständige technische Unterlagen noch eine Auswertung gemeinsam mit der Baufirma. Erst mit weiteren Informationen lasse sich eindeutig klären, ob die Arbeiten den geltenden Ingenieurstandards entsprachen.

Verkehrsminister stoppt 14 ITD-Projekte

Parallel reagierte die Politik mit weitreichenden Maßnahmen. Am 16. Januar 2026 leitete Phiphat Ratchakitprakarn, Verkehrsminister, ein Krisentreffen zur Transportsicherheit. Vorausgegangen war eine Anordnung von Premierminister Anutin Charnvirakul, zwei Verträge mit ITD zu kündigen und alle übrigen ITD-Bauprojekte vorübergehend zu stoppen.

Insgesamt wurden 14 Verträge für 15 Tage ausgesetzt, um Sicherheitsprüfungen durchzuführen. Betroffen sind zahlreiche Großvorhaben im Straßen- und Schienenbau.

Neue Untersuchungsgremien eingesetzt

Das Ministerium richtete mehrere Gremien ein. Eine „Fact-Finding Committee“ soll die betroffenen Bauprojekte prüfen, Ursachen der Unfälle ermitteln, Verantwortliche benennen und Vorschläge zur Vermeidung künftiger Ereignisse erarbeiten. Vorsitzender ist der Ständige Vizegeneralsekretär des Verkehrsministeriums, unterstützt von Sicherheits- und Technikabteilungen.

Zusätzlich wurde ein „Komitee zur Überwachung und Verbesserung von Sicherheitsstandards im Bau und im öffentlichen Verkehr“ geschaffen (Order No. 121). Dieses Gremium soll als Steuerungsmechanismus für Sicherheitsstandards im gesamten System dienen – von der Bauphase bis zum Betrieb.

Vertreten sind unter anderem Department of Land Transport, Department of Rail Transport, Department of Highways, Department of Rural Roads, Department of Harbors, Airports of Thailand (AOT) und die Civil Aviation Authority of Thailand (CAAT). Aufgabe ist es, bestehende Sicherheitsmaßnahmen zu überprüfen, Verbesserungen vorzuschlagen und Aktionspläne zu erarbeiten, die dem Minister regelmäßig berichtet werden.

Schärfere Kontrolle von Bauunternehmen

Ein weiteres Gremium (Order No. 122) soll den Einsatz einer neuen Ministerialverordnung zur Registrierung von Auftragnehmern beschleunigen. Kerninstrument ist ein sogenanntes „Contractor Book“ für Vergabeverfahren. Vorsitz führt ebenfalls der stellvertretende Ministerialdirektor, unterstützt von Fachleuten aus Hoch- und Tiefbau sowie Recht und Sicherheit.

Das Komitee soll sicherstellen, dass die Verordnung praxisnah umgesetzt und die Anwendung in der Beschaffung dokumentiert wird. Monatliche Berichte an den Minister sind vorgesehen.

„Umfassender“ Ansatz für Sicherheit

Verkehrsminister Phiphat umriss drei Leitlinien, mit denen das Ministerium die öffentliche Sicherheit stärken will:

Schnelle Aufklärung der Ursachen und klare Zuordnung von Verantwortlichkeiten

Langfristige Verbesserung von Sicherheitsstandards im Bau und im öffentlichen Verkehr

Strengere Regulierung und Überwachung von Auftragnehmern, inklusive Registrierung, Klassifizierung, Nutzung des „Contractor Book“ und Sanktionen

Zudem wies Phiphat die Projektträger an, Entschädigungsmaßnahmen für Betroffene zügig zu bündeln, um schnell Hilfe zu leisten.

Am Nachmittag erklärte Jirapong Theppitak, stellvertretender Ständiger Sekretär im Verkehrsministerium und Vorsitzender des Fact-Finding Committee, das Ministerium habe ITD verpflichtet, auf 14 Projekten sämtliche Bauarbeiten 15 Tage ruhen zu lassen, damit Experten detaillierte Sicherheitsprüfungen vornehmen können.

Darüber hinaus sollen alle größeren Bauprojekte unter Verantwortung des Ministeriums für bis zu 15 Tage gestoppt werden, um vergleichbare Kontrollen durchzuführen. Die Ergebnisse sollen als Grundlage für weitere rechtliche Schritte und regulatorische Maßnahmen dienen.

Zweites Kranunglück mit 32 Toten unter Beobachtung

Parallel wird der Kranunfall bei Si Khiew im Landkreis Nakhon Ratchasima, bei dem am 14. Januar 32 Menschen starben und zahlreiche verletzt wurden, eng verfolgt. Dort kam ein Kran im Hochgeschwindigkeitsbahn-Projekt von ITD zum Einsatz.

Am 16. Januar äußerte sich Wichian Rungrujirat, ITD-Manager, erstmals öffentlich. Er betonte, der Abbau des Stahlrahmens sei sorgfältig geplant worden, die State Railway of Thailand (SRT) habe als Berater fungiert. Die vor Ort eingesetzten Maschinen seien für die Aufgabe geeignet.

Die Demontage des beschädigten Stahlgerüsts soll nach seinen Angaben bis 17. Januar abgeschlossen werden. Der Fokus liege auf Sicherheit, mit einem detaillierten Verfahren für das Heben und Schneiden mit Schlingen. Arbeiter lösten Schrauben schrittweise, Schweißarbeiten zur Trennung des Stahls seien nicht vorgesehen, Verzögerungen könnten jedoch durch Rost oder Verschleiß entstehen.

Baustopps für Hochgeschwindigkeitsstrecken

Aufgrund von Regierungsanordnungen ist jedoch der gesamte Bau von Hochgeschwindigkeitsbahn-Abschnitten, der das Heben und Montieren von Hochstraßenteilen umfasst, landesweit vorübergehend ausgesetzt.

Wichian räumte ein, dass die Kündigung von Verträgen das Unternehmen treffe. ITD sei auf laufende Projekte und Einnahmen angewiesen, ein längerer Stillstand schade sowohl der Finanzlage als auch den Arbeitsplätzen tausender Beschäftigter und ihrer Familien. Er hoffe, die Regierung verzichte auf endgültige Vertragsbeendigungen.

„Wir übernehmen Verantwortung und werden Ausrüstung und Schulungen gründlich prüfen, um Vertrauen wiederherzustellen“, erklärte Wichian. Gleichzeitig bestätigte er, dass die Gemeinde Si Khiew den Baustopp offiziell verfügt habe; die Demontage müsse erst beendet werden, bevor eine Wiederaufnahme beantragt werden könne.

Kommunikation und Haftung noch ungeklärt

Nach Angaben von Wichian war die SRT über die geplanten Arbeiten am 16. Januar informiert, obwohl der Unfall bereits am 14. Januar ohne vorherige Meldung geschehen war. Er selbst war zum Zeitpunkt des Ereignisses nicht vor Ort, normalerweise erfolge die Abstimmung per Funk zwischen Baustelle und Bahnverkehr.

Am Unglücksort waren nach seinen Angaben zehn Arbeiter im Einsatz, überwacht von Sicherheitspersonal. Zur genauen Ursache laufen Ermittlungen, doch Wichian sprach von einem Zusammenspiel aus menschlichem Versagen und systemischen Problemen. Er habe die Situation bereits gegenüber dem Premierminister eingeräumt, die Polizei habe drei Mitarbeiter zur Vernehmung vorgeladen.

In Bezug auf Entschädigungen habe ITD den Angehörigen von sieben Todesopfern jeweils 150.000 Baht gezahlt. Die Regierung prüft zusätzliche Hilfen, nachdem der Premierminister 1 Million Baht pro Opfer vorgeschlagen hat; die endgültige Summe steht noch nicht fest.

Ingenieure sehen Problem bei Abstützung – nicht beim Kran

Kritsada Yongkamlang, Assistenzdirektor für das Hochgeschwindigkeitsbahn-Projekt bei ITD, bestätigte, dass ihm die Vertragskündigungen bekannt seien, betonte aber, dass die vertraglichen Details geprüft werden müssten, bevor über das weitere Vorgehen entschieden werden könne.

Er zeigte sich besorgt über den Zeitpunkt der Entscheidung, da das Projekt sich nahe der Fertigstellung befand und nur noch etwa 300 Meter zu bauen waren.

Bezogen auf den eingesetzten Kran, der aus China importiert und relativ neu sei, sagte Kritsada, das Gerät sei nicht defekt gewesen; die vorgeschriebenen Wartungsintervalle seien eingehalten worden. Ingenieure hätten die Sicherheit der Ausrüstung geprüft und einen Plan erarbeitet, den Kran in drei Teile zu zerlegen, die jeweils mit einem weiteren Kran kontrolliert abgelassen würden.

Kritsada erklärte, das Unternehmen stimme sich grundsätzlich mit der SRT ab, bevor Krane bewegt werden. Dazu gehöre auch, den Bau einzustellen, wenn Züge verkehren. Der Unfall sei während der Vorbereitung zur Verlagerung des Krans passiert.

Eine detaillierte Untersuchung laufe noch, doch erste Analysen deuteten darauf hin, dass die Ursache im Stützsystem des Krans liegen könnte.

🗣 Wer trägt die Schuld?

Fehlende Sicherungen, falsch gesetzte Stützen – und am Ende Tote und Verletzte. War das ein tragischer Unfall oder das Ergebnis systematischer Nachlässigkeit auf Thailands Großbaustellen? Müssen Verantwortliche endlich persönlich haften – oder reicht wieder ein Untersuchungsbericht? Schreib, was du wirklich denkst.

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Quelle: The Nation

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