Deutschland: Zehn Millionen mit Lese- und Schreibproblemen – so hart ist der Alltag
Bis zu zehn Millionen Menschen in Deutschland kämpfen im Alltag mit dem Lesen und Schreiben. Experten sprechen von funktionalem Analphabetismus. Betroffene lesen kurze Sätze, verstehen aber längere Texte kaum. Formulare, Mails, Verträge oder digitale Anträge werden zur Hürde. Das betrifft Arbeit, Gesundheit, Finanzen und Familie. Zahlen schwanken je nach Definition. Orientierung geben Untersuchungen der Universität Hamburg und der LEO-Studie zur Literalität Erwachsener. Klar ist: Das Problem bleibt groß. Und es bleibt oft unsichtbar, weil Betroffene Strategien entwickeln, um nicht aufzufallen.
Peggy aus Berlin erzählt, wie sie sich jahrelang durchschlägt. Sie druckt Formulare aus, bittet eine Freundin um Hilfe, gibt sie später „fertig“ in der Schule ab. „Kannst du mir helfen?“ wird zu ihrem Satz. Sie will nicht auffallen. Sie schämt sich. Erst als ihre Tochter schreiben lernt und immer wieder fragt, meldet sich Peggy zu einem Kurs an. Eine Entscheidung aus Verantwortung. Und ein wichtiger Schritt, um sich selbst wieder etwas zuzutrauen.
Der Alltag bleibt für viele hart. Amtsgänge stressen. Wer einen Bescheid versteht, kann widersprechen. Wer nicht versteht, schweigt. Digitale Behördenwege verschärfen den Druck. Gleichzeitig gibt es Hilfe. Volkshochschulen, Betriebe und Projekte der Erwachsenenbildung bieten Kurse, auch anonym. Doch die Hürde, darüber zu sprechen, ist hoch. Forscherinnen und Forscher betonen: Niedrigschwellige Angebote, leichte Sprache und verlässliche Beratung sind entscheidend. Nur so erreichen Maßnahmen die Menschen, die Unterstützung am dringendsten brauchen.
Alphabetisierung wirkt: Dekaden-Bilanz mit stabilen Zahlen und gelungener Integration
Seit 2016 läuft die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung des Bundes und der Länder. Ziel: Lesekompetenz stärken, Angebote ausbauen, Stigma abbauen. Die LEO-Studie der Universität Hamburg liefert die wichtigste Datengrundlage. Laut einer aktuellen Neuauswertung bleiben die Zahlen der Menschen mit geringen Schriftsprachkenntnissen stabil. Das ist kein Selbstläufer. Es geschieht in einer Phase hoher Zuwanderung und schneller Digitalisierung. Die Botschaft: Investitionen wirken, wenn sie langfristig sind und Zielgruppen erreichen.
Die Hamburger Bildungsforscherin Anke Grotlüschen zieht eine vorsichtig positive Bilanz. Deutschland investiert in Bildung, Chancenausgleich und Weiterbildung. Laut Grotlüschen gelingt es hier besser als etwa in Österreich, die Stabilität zu halten. Gründe sind eine kombinierte Integrations- und Literalitätsstrategie, frühe Sprachförderung, viele Kursangebote und eine Willkommenskultur, die an praktischer Unterstützung ausgerichtet ist. Entscheidend ist nicht nur der Zugang, sondern die Qualität der Angebote und ihre Verankerung in Kommunen und Betrieben.
Peggy steht für das, was gelingen kann. Sie besucht einen Kurs, übt, schreibt, liest. Sie hilft ihrer Tochter bei den Hausaufgaben. Sie füllt Anträge allein aus. Das verbessert auch ihre Jobchancen. Solche Wege wollen Politik und Praxis verbreiten. Dazu gehören Lernberatung, Lerncafés, mobile Angebote und digitale Tools, die an Alltagssituationen anknüpfen. Fachleute fordern verlässliche Finanzierung über 2026 hinaus. Alphabetisierung ist keine Einmalaktion. Sie ist ein Dauerauftrag – für Arbeit, Integration und Teilhabe.
Hamburger Forscher warnen: Populismus schwächt Lesekompetenz – Gefahr für die Demokratie
Alphabetisierung ist mehr als eine persönliche Fähigkeit. Sie ist politisch. Wer Texte meidet, meidet oft auch Debatten. Das zeigt Forschung aus Hamburg. Viele Betroffene trauen sich nicht, über Politik zu sprechen. Sie fühlen sich nicht kompetent genug. Sie widersprechen Behörden seltener, weil sie Inhalte nicht sicher verstehen. Das schwächt Teilhabe. Und es erhöht das Risiko, auf einfache Parolen hereinzufallen. Untersuchungen der OECD (PIAAC) verknüpfen höhere Grundkompetenzen mit mehr Vertrauen, Wahlbeteiligung und Engagement.
Grotlüschen warnt vor internationalen Trends. In Ländern, in denen rechtspopulistische Kräfte mitregieren, sinken teils die Investitionen in Weiterbildung. Das könne Literalität schwächen. Die Forscherin sieht in Programmen, die soziale Unterstützung abbauen, eine Gefahr für Bildungsgerechtigkeit. Sie verweist auf Länder, in denen polarisierende Politik den Ausbau von Grundbildung bremst. Aus ihrer Sicht ist das riskant: Wer schlechter liest, hat weniger Zugänge zu Informationen. Wer weniger Zugänge hat, ist stärker auf einfache Botschaften angewiesen.
Die Konsequenz liegt auf der Hand. Demokratien brauchen starke Grundbildung. Nötig sind stabile Budgets, flächendeckende Angebote, leichte Sprache in Ämtern, Lernzeiten im Betrieb und kampagnenfähige Öffentlichkeitsarbeit ohne Stigma. Medienkompetenz gehört dazu. So erreichen Informationen mehr Menschen. Die Dekade für Alphabetisierung wird damit auch zu einer Dekade für Demokratie. Ihr Ziel: Mehr Menschen, die lesen, verstehen, nachfragen, mitreden. Das schützt vor Vereinfachung. Und es stärkt die Fähigkeit, unterschiedliche Quellen zu prüfen – jeden Tag.



