Von Berlin nach Koh Larn – mein neues Leben in Thailand
Ankunft in einem neuen Leben
Als ich vor drei Jahren meine Wohnung in Berlin aufgab, war ich voller Vorfreude und auch ein wenig Angst. Ich war damals 62, frisch in Rente und mit dem Wunsch, die nächsten Jahrzehnte meines Lebens nicht zwischen grauen Häuserblocks, nassen Novembertagen und dem ständigen Gefühl des „Funktionierenmüssens“ zu verbringen. Freunde erklärten mich für verrückt, als ich erzählte, dass ich nach Thailand gehen wolle. Doch ich hatte schon einige Urlaube hier verbracht und wusste: Das warme Klima, die Herzlichkeit der Menschen und das Meer hatten etwas, das mich tief berührte.
Mein erster Stopp war Pattaya. Die Stadt war mir aus Ferien bekannt und schien ideal für den Beginn: viele Auswanderer, eine gute Infrastruktur, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten. Ich wollte Sicherheit, aber auch etwas erleben – und Pattaya versprach beides.
Drei Jahre in Pattaya – zwischen Faszination und Überforderung
Die ersten Monate in Pattaya waren aufregend. Jeden Abend brannte die Stadt wie ein Feuerwerk. Restaurants aus aller Welt, Märkte, Bars, Strände, Motorengeräusche – ein Leben, das niemals schlief. Ich lernte andere Deutsche kennen, mal zufällig im Supermarkt, mal bewusst in den typischen Stammlokalen, wo man schon nach zwei Besuchen per Handschlag begrüßt wurde.
Doch je länger ich dort lebte, desto stärker merkte ich: Pattaya ist ein Ort, an dem man sich schnell verlieren kann. Die Stadt bietet alles, aber sie verlangt auch alles. Wer nicht aufpasst, wird von der Geschwindigkeit mitgerissen. Viele Bekannte, die ich dort kennenlernte, verbrachten ihre Tage mit Bier, Billard und Gesprächen, die sich irgendwann im Kreis drehten. Mir fehlte Tiefe, mir fehlte Ruhe.
Dennoch will ich nicht schlecht reden: Pattaya war wichtig für meinen Anfang. Ich habe dort gelernt, allein klarzukommen, mich durch den thailändischen Alltag zu bewegen und die Sprache zumindest so weit zu verstehen, dass ich nicht mehr bei jeder Kleinigkeit jemanden um Hilfe bitten musste.
Der Umzug nach Koh Larn – eine bewusste Entscheidung
Nach knapp drei Jahren wusste ich: Wenn ich wirklich zur Ruhe kommen möchte, muss ich Pattaya verlassen. Immer wieder war ich auf Koh Larn gewesen, einer kleinen Insel vor der Küste, nur knapp eine Stunde mit der Fähre entfernt. Dort fand ich das, was mir fehlte: besseres Wasser, schönere Strände, ein langsamer Rhythmus.
Als ich beschloss, dorthin zu ziehen, hielten mich viele Freunde für verrückt. „Da ist doch nichts los!“, sagten sie. Genau das war für mich der Reiz. Ich wollte weniger „los“. Ich wollte, dass meine Tage nicht von Verkehrslärm, sondern vom Rauschen der Wellen begleitet werden.
Der Umzug selbst war erstaunlich unkompliziert. Eine kleine Bungalow am Hang mit Blick auf das Meer, ein Roller, um die Insel zu erkunden – mehr brauchte es nicht. Heute, wenn ich morgens auf meiner Terrasse sitze und die Sonne über dem Wasser aufgeht, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war.
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Unterschiede zwischen Stadt- und Inselleben
Das Leben auf einer Insel ist ein Kontrastprogramm. In Pattaya war alles jederzeit verfügbar: Supermärkte, Ärzte, Shopping-Malls. Auf Koh Larn gibt es zwar alles Nötige, aber eben in kleinerem Maßstab. Will man eine größere Auswahl, nimmt man die Fähre nach Pattaya. Am Anfang erschien mir das umständlich, inzwischen empfinde ich es als Luxus. Man wird gezwungen, bewusster zu leben und sich zu fragen: Brauche ich das wirklich?
Auch die Menschen sind anders. In Pattaya ist fast jeder auf Durchreise: Touristen, Geschäftsleute, Auswanderer, die es mal hierhin und mal dorthin verschlägt. Auf Koh Larn dagegen kennt man sich. Nach kurzer Zeit grüßten mich die Nachbarn, die Verkäuferin im kleinen Laden sprach mich mit Namen an, und die Kinder vom Strand winkten mir lachend zu. Diese Nähe, dieses Gefühl von Gemeinschaft, hatte ich in Pattaya vermisst.
Natürlich gibt es auch Herausforderungen: Wenn der Sturm die Fähren stoppt, ist man abgeschnitten. Stromausfälle kommen vor, manchmal gibt es Tage, an denen das Internet nicht zuverlässig funktioniert. Früher hätte mich das gestresst, heute sehe ich es als Gelegenheit, einfach mal wieder ein Buch zu lesen oder den Blick schweifen zu lassen.
Beziehungen zu Männern – Deutschland und Thailand im Vergleich
Ein besonders spannendes Thema ist für mich der Umgang mit Männern. In Deutschland hatte ich Beziehungen, die nicht schlecht waren, aber sie waren immer geprägt von Diskussionen, Erwartungen, Abgrenzungen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es mehr ums Aushandeln ging als um das gemeinsame Leben.
Hier in Thailand habe ich eine ganz andere Erfahrung gemacht. Die Thai Männer, die ich kennengelernt habe, sind oft weniger kompliziert. Es geht nicht darum, wer was „leisten“ muss, sondern darum, das Hier und Jetzt zu genießen. Ich erlebe mehr Respekt und Leichtigkeit. Natürlich ist nicht jede Begegnung frei von Missverständnissen – die kulturellen Unterschiede sind da. Aber sie führen nicht zu endlosen Grundsatzdiskussionen, sondern oft zu einem Lächeln und Schulterzucken.
Was mich überrascht hat: Ich fühle mich als ältere Frau in Thailand oft mehr geschätzt, als ich es in Deutschland gewohnt war. In Berlin war man mit Mitte 60 schnell unsichtbar. Hier werde ich gefragt, wie es mir geht, man reicht mir beim Einkaufen die Tasche oder lacht mit mir über Kleinigkeiten. Das mag oberflächlich erscheinen, aber für das Lebensgefühl macht es einen gewaltigen Unterschied.
Kleine Erlebnisse, die den Unterschied machen
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Marktbesuch auf Koh Larn. Ich war unsicher, welche Preise angemessen sind und wie ich die Namen der Fische aussprechen sollte. Eine ältere Verkäuferin sah meine Unsicherheit, lachte herzlich und zeigte mir alles geduldig. Am Ende schenkte sie mir eine Mango mit den Worten: „Für die neue Nachbarin.“ Solche Momente haben mir das Gefühl gegeben, angekommen zu sein.
Oder ein anderer Abend: Ein Stromausfall legte die Insel lahm. Statt mich zu ärgern, wie ich es früher in Deutschland getan hätte, saßen wir Nachbarn auf der Straße, zündeten Kerzen an und erzählten Geschichten. Ich habe selten so viel gelacht wie in dieser Nacht.
Rückblick und Ausblick
Manchmal frage ich mich, ob ich diesen Schritt nicht schon früher hätte machen sollen. Aber vielleicht war es genau richtig so: Erst musste ich das Tempo von Pattaya erleben, um die Langsamkeit von Koh Larn wirklich schätzen zu können.
Ich vermisse Berlin manchmal – die Kultur, die Theater, die langen Spaziergänge im Tiergarten. Doch dann gehe ich morgens an den Strand, schaue aufs Meer, sehe Fischer ihre Netze einholen und spüre: Hier bin ich richtig.
Ich habe gelernt, dass man auch mit 65 noch einmal ganz neu anfangen kann. Thailand hat mir gezeigt, dass Alter kein Ende, sondern eine Chance ist. Eine Chance, Ballast abzuwerfen und das Leben einfacher, aber intensiver zu leben.
Schlusswort
Ich schreibe diesen Leserbrief nicht, um andere zu überzeugen, denselben Schritt zu gehen. Jeder Mensch hat seine eigenen Träume, Bedürfnisse und Ängste. Aber ich möchte zeigen: Es ist möglich, die Komfortzone zu verlassen und etwas Neues zu wagen.
Für mich war Thailand die richtige Wahl. Pattaya hat mir den Start erleichtert, Koh Larn hat mir die Ruhe geschenkt. Und ich – eine Rentnerin mit 65 – habe hier etwas gefunden, was ich in Deutschland schon verloren geglaubt hatte: Lebensfreude.
Hinweis der Redaktion:
Dieser Leserbrief wurde von unserer Redaktion in sprachlicher Form überarbeitet und an die Länge angepasst. Die inhaltlichen Aussagen spiegeln die persönlichen Erfahrungen und Ansichten der Autorin wider.


