Rund 94 bis 95 Prozent der Thailänder bekennen sich zum Theravada-Buddhismus. Goldene Tempel, Mönche in orangefarbenen Roben, kleine Geisterhäuschen vor jedem Gebäude: Die Religion durchdringt hier jeden Lebensbereich. Doch was steckt wirklich hinter dieser Lehre – und was wird dabei oft missverstanden?
Thailand und der Theravada: Eine Religion, die jeden Lebensbereich durchdringt
Rund 94 bis 95 Prozent der Thailänder sind Buddhisten – Theravada-Buddhisten. Diese Richtung gilt als eine der ältesten noch existierenden Schulen und orientiert sich eng an den ursprünglichen Lehren Siddharta Gautamas, des historischen Buddha, der vor über 2.500 Jahren in Nordindien lebte.
Tempel, sogenannte Wats, sind in Thailand nicht nur Gotteshäuser. Sie sind soziale Zentren: Schule, Meditationsort, Begräbnisstätte, Gemeindetreff. Fast jeder männliche Thai tritt einmal im Leben für mehrere Wochen in ein Kloster ein. Die Konsequenzen dieser Praxis zeigen sich im ganzen Alltag.
Nirvana und Erleuchtung: Was Buddha wirklich lehrte – und was er nie sagte
Das Ziel der buddhistischen Lehre ist Nirvana – ein Begriff, der im Westen oft missverstanden wird. Buddha lehrte, dass der Mensch durch Erkenntnis seiner wahren Natur den Kreislauf der Wiedergeburten verlassen kann. Wer dieses Ziel erreicht, braucht nicht mehr zu reinkarnieren.
Einen Begriff hat Buddha nach überlieferten Quellen nie selbst benutzt: „Erleuchtung“. Auch bezeichnete er sich nicht als Erleuchteten. Das Wort „Buddha“ bedeutet schlicht „der Erwachte“ – jemand, der zur Einsicht in die eigene Natur gelangt ist. Eine Unterscheidung, die vieles erklärt.
Körper, Seele, Bewusstsein: Buddhas dreiteilige Sicht des Menschen
Buddha lehrte, dass der Mensch weder sein Körper noch seine Seele ist – zumindest nicht in seiner tiefsten Identität. Daraus wurde oft abgeleitet, er habe die Existenz der Seele verneint. Das ist eine Fehlinterpretation: Buddha verneinte weder Körper noch Seele, er ordnete sie anders ein.
Nach seiner Lehre ist das Bewusstsein die tiefste Ebene des Menschen – raumlos, formlos, nicht an den Körper gebunden. Körper und Seele sind Erscheinungsformen dieses Bewusstseins, nicht umgekehrt. Wer das erkennt, beginnt nach buddhistischer Vorstellung, Materie und Raum zu durchschauen.
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Der mittlere Weg: Wie Buddha sieben Jahre Askese aufgab – und damit alles änderte
In seinen frühen Jahren lebte Siddhartha Gautama als strenger Asket. Er fastete, mied alle weltlichen Genüsse – überzeugt, nur so zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Nach sieben Jahren kam er zu einem überraschenden Schluss: Extreme Askese führt nicht zum Ziel, sie verhindert es.
Er brach mit der Mönchspraxis seiner Zeit und begründete den „Mittleren Weg“: nicht in Extremen leben, weder in Luxus noch in strenger Enthaltsamkeit. Das war ein offener Bruch mit der hinduistischen Religionsführung – und der Beginn einer eigenständigen Schule, die er auf ganz neue Grundlagen stellte.
Frauen in Buddhas Schule: Gleichberechtigung gegen Fanatismus und offene Gefahr
Zu Buddhas Lebzeiten galten Frauen in spirituellen Belangen als minderwertig. Er entschied dennoch, Frauen gleichberechtigt in seine Schulen aufzunehmen – weil er keinen Unterschied im spirituellen Potenzial erkannte. Eine Entscheidung, die damals tatsächlich lebensbedrohlich war.
Fanatiker seiner Zeit betrachteten diese Gleichstellung als Gotteslästerung. Schülerinnen und Schüler lebten in akuter Gefahr. Buddha wies sie an, keinen öffentlichen Aufruhr darüber zu erregen – zum Schutz des eigenen Lebens. In seinen Schulen selbst galt ohne Ausnahme: Mann und Frau waren gleich.
Buddhas Schüler: Warum sie äußerlich von niemandem zu unterscheiden waren
Die Schüler Buddhas waren keine Einsiedler und keine abgehobene Geistlichkeit. Sie hatten Berufe, Familien, Kinder – sie lebten mitten in der Gesellschaft. Äußerlich war kein Unterschied zu einem gewöhnlichen Bürger zu erkennen. Die Praxis fand im Alltag statt, nicht in Abgeschiedenheit.
Primär handelte es sich um spirituell offene, suchende Menschen. Buddhas Lehre war in vielem eine Abkehr von der alten hinduistischen Tradition – und enthielt für seine Zeit erstaunlich moderne Ansätze. Nicht umsonst gilt der Buddhismus heute als eine der wenigen Weltreligionen ohne Bekehrungszwang.
Reinkarnation im Buddhismus: Was Wiedergeburt wirklich bedeutet – und was oft falsch erklärt wird
Reinkarnation ist fester Bestandteil der buddhistischen Lehre. Wer das höchste Ziel in einem Leben nicht erreicht, bekommt weitere Gelegenheiten – durch erneute Geburt. Der Kreislauf ist nicht endlos und nicht Selbstzweck: Er endet, wenn die Erkenntnis der eigenen Natur vollständig ist.
Ein verbreitetes Missverständnis: Wer böse Taten begeht, kehre als Tier zurück. Die Theravada-Lehre beschreibt sechs Existenzebenen – darunter auch Tierwelten. Der entscheidende Gedanke lautet jedoch: Wiedergeburt dient nicht der Strafe, sondern der Weiterentwicklung des Bewusstseins.
Karma: Keine göttliche Strafe, sondern ein Lernmechanismus der Seele
Karma bedeutet im Buddhismus nicht Vergeltung, sondern Konsequenz. Wer anderen schadet, bindet sich karmisch an die Folgen – nicht als Bestrafung durch eine höhere Macht, sondern weil er erst dadurch begreift, dass solche Handlungen nicht seiner eigentlichen Natur entsprechen.
Negatives Karma blockiert den Weg zur Selbsterkenntnis – solange, bis Einsicht und Wiedergutmachung eintreten. Das kann im selben Leben geschehen. Andernfalls überträgt es sich auf die nächsten Geburten. Der Kreislauf endet, wenn das Bewusstsein das erzeugte Karma vollständig aufgelöst hat.
Forscher und Kindheitserinnerungen: Wenn Kinder Details aus früheren Leben kennen
Reinkarnation lässt sich – anders als viele religiöse Konzepte – empirisch untersuchen. Wissenschaftler befragten weltweit Kinder, die spontan Erinnerungen an vergangene Leben beschrieben: Namen, Orte, Umstände. Der deutsche Reinkarnationsforscher Dieter Hassler arbeitete jahrzehntelang auf diesem Gebiet.
In vielen dokumentierten Fällen konnten die Angaben der Kinder unabhängig bestätigt werden. Die Forschungslage ist nicht eindeutig, und Skeptiker haben berechtigte Einwände. Dennoch liefert diese Forschung Datenmaterial, das in der akademischen Psychologie und Parapsychologie weiterhin diskutiert wird.
Reinkarnation im Judentum: Ein Kernbestandteil, den kaum jemand kennt
Was kaum bekannt ist: Reinkarnation ist keine rein fernöstliche Lehre. Im Judentum gehört sie seit jeher zur religiösen Tradition. In der Kabbala wird sie ausführlich behandelt. Im Alten Testament taucht sie an einzelnen Stellen auf. Das Judentum lehrt die Wiedergeburt bis heute.
Damit teilen Judentum, Hinduismus und Buddhismus ein gemeinsames Grundprinzip: Das Bewusstsein des Menschen existiert über den Tod hinaus und kann erneut verkörpert werden. Auch das frühe Christentum kannte diesen Gedanken – bevor er unter politischem Druck aus dem Lehrgebäude entfernt wurde.
Origenes und Justinian: Wie ein Kaiser die Reinkarnation aus dem Christentum tilgte
Der frühchristliche Theologe Origenes (ca. 185–254) lehrte die „Präexistenz der Seele“ – die Vorstellung, dass die Seele vor der Geburt existiert und nach dem Tod weiterwandert. Sein Hauptwerk „De Principiis“ enthält ausführliche Ausführungen dazu. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Kirchenlehrer.
Kaiser Justinian I. ließ Origenes 543 offiziell verurteilen, seine Lehren wurden mit dem Kirchenbann belegt. Das Konzil von Konstantinopel 553 bekräftigte diese Verurteilung. Nach heutigem Forschungsstand ist umstritten, in welchem genauen Umfang die Reinkarnationslehre selbst Konzilsgegenstand war – die Konsequenzen für ihre Verbreitung waren jedoch weitreichend.
Sufismus und Islam: Wo Wiedergeburt trotz Verbots weitergedacht wird
Auch im Islam gibt es Strömungen, die Reinkarnation nicht kategorisch ablehnen – allen voran der Sufismus. In fundamentalistisch geprägten Gesellschaften ist das eine gefährliche Position. Die islamische Hauptlehre folgt dem Prinzip des „doppelten Ausgangs“: nach dem Tod entweder ewiger Himmel oder ewige Hölle.
Insgesamt zeigt sich: Reinkarnation ist kein Randgedanke einer einzigen Religion. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, das frühe Christentum und Teile des Islam haben dieses Konzept gekannt oder kennen es noch. Ob als Tatsache oder Lehre – die Frage nach dem, was nach dem Tod kommt, hat Menschen zu allen Zeiten bewegt.



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