Eine lustige Geschichte aus dem Land des Lächelns
Nach einer Idee von Erich Oser
Uwe H., 68, pensionierter Beamter aus Düsseldorf, hatte sich seinen ersten Thailand-Urlaub anders vorgestellt. Nicht nur, dass er bereits am dritten Tag seine Badehose in Knallpink gekauft hatte (weil die Verkäuferin so nett lächelte und er nicht „nein“ sagen konnte), nein – jetzt stand er auch noch völlig verwirrt vor der Rezeption seines Hotels und versuchte verzweifelt herauszufinden, wann denn nun eigentlich das Frühstück serviert wird.
„Breakfast gau moong schau“, hatte ihm die freundliche Rezeptionistin Ploy erklärt und dabei so strahlend gelächelt, dass Uwe reflexartig zurückgelächelt und genickt hatte, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, was „gau moong schau“ bedeutete.
Zurück in seinem Zimmer studierte er ratlos den Reiseführer. „Die thailändische Uhrzeit“, las er, „verwendet drei verschiedene Systeme…“ Uwe seine Augen wurden immer größer. Drei Systeme? Für die Uhrzeit? In Deutschland gab es auch nur eins, und das funktionierte seit Generationen einwandfrei!
„Von Mitternacht bis früh morgens wird mit ‚dtii‘ gezählt“, murmelte er vor sich hin. „Dtii nüng für 1 Uhr, dtii haa für 5 Uhr…“ Uwe kratzte sich am Kopf. Das klang wie ein Geheimcode.
Am nächsten Morgen beschloss er, die Sache systematisch anzugehen. Deutscher Gründlichkeit würde auch diese exotische Zeitrechnung nicht standhalten! Bewaffnet mit einem Notizblock und seinem alten Casio-Wecker marschierte er zur Rezeption.
„Entschuldigung“, begann er auf Englisch, „könnten Sie mir die Uhrzeit sagen?“
„Kap!“ strahlte der neue Rezeptionist Somchai. „Baay song moong!“
Uwe notierte eifrig: „Baay song moong = ???“. Nach einer Weile des Hin und Her stellte sich heraus, dass es 14 Uhr war. Uwe war stolz auf sich – das war ja das Nachmittags-System!
Eine Stunde später kam er wieder: „Und jetzt?“
„Baay saam moong!“, verkündete Somchai fröhlich.
Uwe strahlte. Das System ging auf! Baay + Zahl + moong = Nachmittagszeit. Er fühlte sich wie ein Kryptograf, der einen wichtigen Code geknackt hatte.
Um 16 Uhr wurde es jedoch kompliziert. „Sii moong yen“, sagte Somchai, und Uwe sein mühsam aufgebaute Systematik brach wie ein Kartenhaus zusammen. Wo war denn jetzt das „baay“ geblieben? Und was bedeutete „yen“?
Nach intensivem Studium seines Reiseführers (und drei Chang-Bier zur Beruhigung) verstand er: Ab 16 Uhr wurde das System schon wieder gewechselt! Jetzt hieß es „… moong yen“ für die frühen Abendstunden.
„Das ist ja wie bei uns mit den Bundesländern“, murmelte er in sein Bier. „Jeder macht was anderes.“
Die wahre Bewährungsprobe kam am Abend. Uwe hatte sich mit Ploy von der Rezeption für „saam tumm“ verabredet – sie wollte ihm die Nachtmärkte zeigen. Aber wann war denn nun „saam tumm“?
Uwe rechnete: Saam ist drei, tumm ist das Abendsystem ab 19 Uhr… also drei Stunden nach 19 Uhr… das wären 22 Uhr, also 21 Uhr? Oder doch 20 Uhr?
Vorsichtshalber erschien er bereits um 20 Uhr in der Lobby. Niemand da. Um 20:30 Uhr: immer noch niemand. Um 21 Uhr kam endlich Ploy, sichtlich amüsiert über den pünktlichen Deutschen.
„Sie sind früh!“, lachte sie. „Saam tumm ist 21 Uhr, aber ‚Thai time‘ bedeutet: plus 30 Minuten!“
Uwe sein Kopf rauchte. Nicht nur gab es drei verschiedene Zeitsysteme, nein – es gab auch noch einen kulturellen Pufferzeit-Bonus obendrauf!
Den Höhepunkt erreichte sein Zeit-Delirium am letzten Urlaubstag. Er wollte zum Flughafen und fragte den Taxifahrer: „Airport, bitte um… äh…“ Uwe überlegte fieberhaft. Es war 5 Uhr morgens. Das war das dtii-System! „Dtii haa!“ verkündete er stolz.
Der Taxifahrer schaute ihn verwirrt an: „Sie wollen um 5 Uhr zum Flughafen? Jetzt ist es doch schon dtii haa!“



