Dieter und die Liebe, die aus der Walking Street kam

Dieter und die Liebe, die aus der Walking Street kam
Illustration via OpenAI (2025)

Die Landung im Paradies

Der Airbus setzt sanft auf der Landebahn des Suvarnabhumi Airport auf. Dieter, 61 Jahre alt, Frührentner aus Dortmund-Hörde, spürt ein Kribbeln im Bauch, das er seit seiner Jugend nicht mehr gekannt hat. Thailand! Endlich! Nach drei gescheiterten Ehen und einem Leben zwischen Schichtdienst und Sonntagabend-Tatort hat er sich diesen Traum erfüllt. Seine Kumpels aus der Stammkneipe haben ihm Pattaya empfohlen. „Da ist was los, Dieter. Da fühlst du dich wieder jung.“

Am Flughafen riecht es nach Desinfektionsmittel und Exotik – eine Mischung, die Dieter nicht genau zuordnen kann, die ihm aber sofort gefällt. Im Taxi nach Pattaya starrt er aus dem Fenster wie ein Kind beim ersten Zoobesuch. Palmen! Tuk-Tuks! Menschen auf Motorrollern, zu dritt, zu viert, mit Kühlschränken zwischen den Beinen. „Das ist Freiheit“, denkt er und ahnt noch nicht, dass diese Freiheit ihren Preis haben wird.

Ankunft in der Stadt der ewigen Nacht

Pattaya empfängt ihn mit offenen Armen und noch offeneren Bars. Sein Hotel liegt keine hundert Meter von der berühmten Walking Street entfernt – dem pulsierenden Herzen dessen, was Touristen gerne als „Nachtleben“ bezeichnen und Einheimische als Arbeitsplatz kennen. Dieter checkt ein, duscht, zieht sein bestes Hawaii-Hemd an (das mit den Papageien, das er extra bei C&A gekauft hat) und macht sich auf den Weg ins Abenteuer.

Die Walking Street ist ein Meer aus Neonlicht, Bass und Lächeln. Überall winken ihm junge Frauen zu, rufen „Hello, Handsome Man!“ und Dieter, der in Deutschland seit Jahren von niemandem mehr als „handsome“ bezeichnet wurde, fühlt sich wie ein Rockstar. Er betritt eine Bar namens „Sweet Dreams“ – der Name kommt ihm passend vor.

Liebe auf den ersten Chang

An der Bar sitzt sie. Nui. Einundzwanzig Jahre jung, mit einem Lächeln, das die Leuchtreklamen der Straße in den Schatten stellt. Ihre Augen funkeln – ob von Lebensfreude, Übermüdung oder etwas anderem, kann Dieter nicht sagen und will es in diesem Moment auch nicht wissen. Sie trägt ein knappes, silbernes Kleid und bestellt gerade etwas, das verdächtig nach einem Energy-Drink mit Zusätzen aussieht.

„Hi, you alone?“ fragt sie mit einem Akzent, den Dieter unglaublich charmant findet.

„Yes, first time Thailand“, stammelt er und bestellt zwei Chang-Bier. Eines für sich, eines für sein neues Leben.

Die nächsten Stunden verschwimmen in einem Nebel aus gebrochenem Englisch, Google Translator und einer Chemie, die Dieter für echt hält. Nui erzählt von ihrem schweren Leben, dass sie erst seit drei Monaten hier arbeite, eigentlich studieren wolle. „But family poor“, sagt sie mit einem Augenaufschlag, der Dieter direkt ins Herz trifft – oder zumindest in die Brieftasche.

Nui – zu schön, um wahr zu sein

Was Dieter nicht weiß: Nui ist bereits seit zwei Jahren ein fester Bestandteil der Pattaya-Szene. Sie kennt jeden Club-Manager, jede Abkürzung, jede Masche. Ihre Geschichte von den drei Monaten hat sie so oft erzählt, dass sie selbst manchmal fast daran glaubt. In ihrer Handtasche – einer gefälschten Louis Vuitton, die sie sich von einem anderen „Freund“ hat kaufen lassen – stecken drei Smartphones. Jedes für einen anderen Farang, jedes mit einer anderen Geschichte.

Aber das alles sieht Dieter nicht. Er sieht nur ihre Augen, ihre Jugend, ihre scheinbare Unschuld. „Sie ist anders“, denkt er. „Sie hat etwas Besonderes.“ Das haben vor ihm schon Klaus aus Hannover, Jean-Pierre aus Toulouse und Dave aus Manchester gedacht.

Der zweite Tag im Paradies

Am nächsten Morgen wacht Dieter in seinem Hotelzimmer auf – allein, aber glücklich. Auf seinem Handy eine WhatsApp-Nachricht: „Good morning, teerak. I miss you already.“ Teerak – das hat sie ihm erklärt – bedeutet „Schatz“ auf Thai. Dieter lächelt wie ein verliebter Teenager. Sie schreibt ihm den ganzen Tag. Herzchen-Emojis. Fotos von ihr beim Kaffeetrinken. Ein Selfie mit Kussmündchen.

Abends treffen sie sich wieder. Diesmal lädt Dieter sie zum Essen ein. Ein schickes Restaurant am Strand, wo die Kellner so tun, als würden sie nicht jeden Tag solche Pärchen bedienen. Nui bestellt das Teuerste auf der Karte und ein Glas Champagner. „For special moment“, sagt sie und Dieter nickt, als hätte er gerade ein Lottogewinn gemacht.

Drei Brüder und eine Notlage

Am dritten Tag kommt das Gespräch auf die Familie. Nui wird plötzlich ernst, ihre Augen füllen sich mit Tränen, die so echt wirken, dass Dieter überzeugt ist, gleich eine Oscar-Preisträger zu umarmen.

„I have three brothers“, sagt sie leise. „Youngest brother, he very sick. Need money for hospital.“

Dieters Beschützerinstinkt erwacht. „How much?“ fragt er, ohne nachzudenken.

„Maybe… twenty thousand Baht?“ Sie sagt es so zaghaft, als würde sie sich schämen. Dieter rechnet kurz um – etwa fünfhundert Euro. Viel Geld, aber für die Gesundheit eines jungen Mannes…

Er gibt Ihr das Geld noch am selben Abend. Nui umarmt ihn stürmisch, küsst ihn auf die Wange. „You good man, Dieter. You have big heart.“

Was Dieter nicht sieht: Zwei Stunden später sitzt Nui in einem Club in Soi 6, bestellt eine Flasche Johnny Walker Blue Label für ihre Freundinnen und postet ein Instagram-Story mit dem Text „Living my best life 💎✨“.

Die unsichtbare Tochter

Die Wahrheit ist komplizierter, als Dieters romantisches Weltbild es zulässt. Nui hat tatsächlich eine Familie – aber keine drei Brüder. Sie hat eine vierjährige Tochter, die bei der Großmutter in Isaan lebt, vierhundert Kilometer nördlich von Pattaya. Das Kind sieht seine Mutter zweimal im Jahr, zu Songkran und Neujahr. Nui schickt Geld nach Hause – aber längst nicht so viel, wie sie verdient.

Der Rest fließt in ein Leben, das auf Instagram besser aussieht als in der Realität. Designer-Imitationen, VIP-Tische, Wochenendtrips nach Koh Samui. Und Substanzen, die helfen, die Nächte durchzustehen und die Tage zu vergessen. Kleine weiße Pillen, die in Pattaya so leicht zu bekommen sind wie Chang-Bier. Aber darüber spricht man nicht – schon gar nicht mit den Kunden.

Wenn die WhatsApp-Wahrheit ans Licht kommt

Dieter verlängert seinen Urlaub. Einmal. Zweimal. Aus zwei Wochen werden vier. Seine Ersparnisse schmelzen wie Eis in der thailändischen Mittagssonne. Nui braucht Geld für eine Schuluniform (für welchen Bruder eigentlich?), für eine Reparatur am Haus der Eltern (die in Wahrheit gar kein Haus haben, sondern in einem Betonklotz hausen), für eine angebliche Operation der Mutter.

Dann, eines Nachts, passiert der klassische Fehler. Nui liegt neben ihm im Bett, ihr Handy vibriert. Dieter, halb schlafend, sieht auf das Display. Eine Nachricht auf Englisch: „When you come back to me, baby? I miss you. Here is 10.000 Baht for you.“

Der Absender heißt Klaus.

Der Tanz der Illusionen

Dieter konfrontiert sie nicht sofort. Er ist kein Dummkopf – naja, vielleicht ein bisschen – aber er ist auch kein Naivling mehr. Tief in seinem Inneren hat er es die ganze Zeit gewusst. Aber wissen und akzeptieren sind zwei verschiedene Dinge. Die nächsten Tage beobachtet er genauer. Die neue Handtasche. Die Markenschuhe. Die Art, wie sie manchmal mitten im Gespräch wegdriftet, mit glasigen Augen, als wäre sie in einer anderen Dimension.

„Nui, you have other boyfriends?“ fragt er schließlich.

Sie sieht ihn an, lacht, als wäre es die absurdeste Frage der Welt. „No, teerak! Only you. You special.“

Aber ihre Augen sagen etwas anderes. Ihre Augen sagen: „Du bist nett, Dieter. Du bist großzügig. Aber du bist einer von vielen.“

Zwischen Euro und Emotion

Das Perfide an solchen Geschichten ist: Die Gefühle sind nicht immer falsch. Nui mag Dieter wirklich – auf ihre Weise. Er ist nett, ungefährlich, gutmütig. Ein Goldesel mit Herz. Aber Liebe? Das ist ein Wort, das in Pattaya eine andere Bedeutung hat. Liebe ist eine Währung, eine Transaktion, ein Geschäftsmodell.

Dieter sitzt eines Abends allein am Strand von Jomtien, schaut aufs Meer und fragt sich, wann genau er die Kontrolle verloren hat. War es beim ersten Chang? Beim ersten Lächeln? Beim ersten „Teerak“?

Ein Herz auf Bewährung

Seine Rückflugticket ist für übermorgen gebucht. Nui schreibt ihm, sie sei traurig, dass er gehe. „Maybe you come back soon? I wait for you.“ Natürlich wird sie warten – zwischen Klaus, Jean-Pierre, Dave und wer auch immer als Nächstes in der Sweet-Dreams-Bar auftaucht.

Dieter packt seinen Koffer. Das Hawaii-Hemd lässt er da – es passt nicht mehr zu ihm. In seiner Brieftasche findet er einen Zettel, den Nui ihm mal geschrieben hat: „You make me happy.“ Er zerknüllt ihn, wirft ihn in den Mülleimer, holt ihn wieder raus, glättet ihn und steckt ihn ins Portemonnaie.

Warum Pattaya keine Märchenstadt ist

Am Flughafen, beim Check-in, sieht er sie überall. Nuis und Dieters. Alte Männer mit jungen Frauen. Junge Männer mit noch jüngeren Frauen. Alle mit demselben Blick: eine Mischung aus Hoffnung, Selbstbetrug und der Gewissheit, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird.

Pattaya ist kein Ort der Lügen – es ist ein Ort der notwendigen Illusionen. Jeder bekommt, was er braucht: Die einen Geld, die anderen das Gefühl, begehrenswert zu sein. Fair ist das nicht. Ehrlich auch nicht. Aber wer hat jemals behauptet, dass das Leben fair sei?

Die Rückkehr in die Realität

Im Flugzeug zurück nach Deutschland bestellt Dieter einen doppelten Whisky. Sein Handy vibriert. Eine letzte Nachricht von Nui: „I love you, Dieter. Don’t forget me.“ Darunter ein Herzchen. Und dann, zehn Minuten später: „Brother sick again. You can help?“

Dieter lächelt bitter, schaltet das Handy aus und lehnt sich zurück. Irgendwo zwischen Siem Reap und Dubai beschließt er, dass diese Reise ihm eine wichtige Lektion erteilt hat. Welche genau, wird er wohl erst herausfinden, wenn er wieder in Dortmund ist, in seiner Einzimmerwohnung, mit dem Blick auf den Parkplatz des Supermarkts.

Aber eines weiß er jetzt schon: Das Paradies hat seinen Preis. Und manchmal zahlt man ihn nicht in Baht, sondern in Selbstachtung.

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