Sehr geehrte Redaktion, liebe Leserinnen und Leser,
mit großem Interesse, aber auch mit wachsender Verzweiflung verfolge ich die aktuellen Entwicklungen rund um die Steuerpflicht für ausländische Mitbürger. Es ist eine grundsätzliche und international anerkannte Regel, dass Personen, die sich dauerhaft in einem Land aufhalten, auch ihren gerechten Beitrag zur Gesellschaft in Form von Steuern leisten sollten.
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Gegen diese Pflicht möchte ich mich keineswegs wehren. Was mich jedoch dazu bewegt, mich heute mit diesem Schreiben an Ihre Redaktion und an die Leserschaft zu wenden, ist die absolute Katastrophe der praktischen Umsetzung im digitalen Raum. Wir stehen hier vor einem System, das Kooperation nicht fördert, sondern durch massive technische und sprachliche Hürden de facto unmöglich macht.
Der erste und eklatanteste Stolperstein ist die vollständige Abwesenheit einer englischsprachigen Benutzeroberfläche bei einem Portal, das sich ausdrücklich auch an ausländische Steuerpflichtige richtet. In einer vernetzten Welt, in der Regierungen um internationale Fachkräfte, Investoren und Rentner werben, ist es unverständlich, dass essenzielle bürokratische Prozesse ausschließlich in der Landessprache angeboten werden.
Die Realität vor dem heimischen Bildschirm sieht so aus, dass man gezwungen ist, mit mehreren Geräten gleichzeitig zu hantieren. Man sitzt mit dem Laptop vor der eigentlichen Steuermaske und muss das Smartphone mit einer Kamera-Übersetzungs-App als eine Art digitale Lupe nutzen, um überhaupt zu verstehen, welche Daten in welches Feld eingetragen werden müssen.
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Jeder einzelne Schritt, sei es die Eingabe der Adresse, des Bundeslandes oder der Stadt, wird zu einem zeitaufwendigen Ratespiel. Man scrollt sich durch endlose Dropdown-Menüs, deren Schriftzeichen einem fremd sind, stets in der Angst, aus Versehen eine falsche Angabe zu machen, die später zu rechtlichen Konsequenzen führen könnte.
Doch die sprachliche Barriere ist nur der Anfang einer ganzen Kette von Fehlkonstruktionen in der Benutzerführung. Ein besonders absurdes Beispiel ist die zwingende Abfrage einer Dorfnummer bei der Adresseneingabe.
Viele Ausländer leben in städtischen Gebieten und bewohnen Eigentumswohnungen oder moderne Apartmentkomplexe. Diese Wohnformen besitzen schlichtweg keine Dorfnummer. Das digitale System ist jedoch derart starr programmiert, dass es ein Freilassen dieses Feldes nicht akzeptiert. Versucht man, ohne diese Angabe fortzufahren, hängt sich das Programm auf oder verweigert schlicht den nächsten Schritt.
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Durch mühsames Ausprobieren findet man irgendwann heraus, dass man als Platzhalter schlicht eine Eins eintragen muss, um die Maske zu überlisten. Solche programmiertechnischen Sackgassen zeugen von einem gravierenden Mangel an Praxistests und Verständnis für die Lebensrealität der Nutzer.
Hat man diese Hürden der Dateneingabe endlich überwunden, wartet die nächste Prüfung im Bereich der IT-Sicherheit. Man wird aufgefordert, ein sicheres Passwort zu erstellen. Folgt man den üblichen Sicherheitsstandards und nutzt kryptische Zeichenfolgen, wird das Passwort oft aus unerfindlichen Gründen vom System abgelehnt.
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Noch gravierender ist jedoch der Umstand, dass elementare Funktionen wie das Kopieren und Einfügen blockiert werden. Wer einen Passwortmanager nutzt – was heutzutage von jedem Experten für Cybersicherheit dringend empfohlen wir, kann sein generiertes Passwort nicht einfach in sein sicheres Archiv übertragen. Dies zwingt die Nutzer dazu, Passwörter abzutippen oder unsichere Alternativen zu wählen, was den gesamten Sicherheitsgedanken ad absurdum führt.
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Der absolute Höhepunkt der Frustration wird jedoch beim eigentlichen Anmeldevorgang erreicht. Man gibt seine offizielle Steueridentifikationsnummer und das mühsam erstellte Passwort ein, nur um mit einer lapidaren Fehlermeldung abgespeist zu werden, die besagt, die Eingaben seien falsch.
Selbst nach mehrmaligem Zurücksetzen und Ändern des Passworts bleibt einem der Zugang verwehrt. Die Lösung dieses Rätsels ist so banal wie ärgerlich und nirgendwo dokumentiert: Die Steueridentifikationsnummer wird auf den offiziellen Dokumenten mit Bindestrichen ausgewiesen. Das digitale System zur Anmeldung akzeptiert diese Nummer jedoch nur, wenn man diese Bindestriche manuell entfernt.
Eine simple Zeile Programmcode zur automatischen Formatierung der Eingabe würde dieses Problem lösen, stattdessen lässt man den Nutzer in dem Glauben, er habe seine Zugangsdaten vergessen oder sein Konto sei gesperrt.
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An diesem Punkt ist bei vielen, und da schließe ich mich unumwunden ein, das Maß voll. Wenn eine Behörde Geld einfordern möchte, muss sie auch die entsprechenden, funktionierenden Werkzeuge zur Verfügung stellen. Der aktuelle Zustand führt zu einer völligen Resignation.
Man gelangt an einen Punkt, an dem man geneigt ist, die Bemühungen einzustellen und darauf zu warten, dass die Behörden von sich aus aktiv werden müssen. Diese Haltung entspringt keiner bösen Absicht oder dem Willen zur Steuerflucht, sondern ist das direkte Resultat einer unzumutbaren digitalen Infrastruktur.
Oft wird Ausländern in solchen Situationen der Ratschlag erteilt, man solle sich doch einfach von einheimischen Bekannten oder Partnern helfen lassen. Diesen Einwand halte ich für äußerst problematisch. Finanzielle Angelegenheiten und Steuerdaten gehören zu den sensibelsten persönlichen Informationen überhaupt.
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Selbst wenn man in einer Partnerschaft lebt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man seine kompletten Einkommens und Vermögensverhältnisse ungefiltert offenlegen möchte. Erst recht gilt dies für alleinstehende Personen, die völlig auf sich gestellt sind. Es ist ein Grundrecht, seine behördlichen Angelegenheiten eigenständig, diskret und ohne die Abhängigkeit von Dritten erledigen zu können. Ein Steuersystem darf nicht darauf aufbauen, dass der Steuerpflichtige auf die Wohlwilligkeit und Sprachkenntnisse von Nachbarn oder Lebenspartnern angewiesen ist, um seinen gesetzlichen Pflichten nachzukommen.
Daher richte ich mich mit diesem Brief an die Redaktion mit der Bitte, dieses Thema journalistisch aufzugreifen und zu untersuchen, ob hier seitens der verantwortlichen Stellen Nachbesserungen geplant sind. Gleichzeitig möchte ich die Frage an die anderen Leserinnen und Leser richten: Geht es nur mir so? Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht oder vielleicht sogar Lösungswege gefunden, um sich durch diesen digitalen Dschungel zu navigieren, ohne die eigenen Prinzipien von Datenschutz und Eigenständigkeit aufgeben zu müssen? Ich bin sehr an einem konstruktiven Erfahrungsaustausch interessiert.
Mit freundlichen Grüßen,
Ein besorgter und frustrierter Steuerzahler
Anmerkung der Redaktion:
Wir danken dem Verfasser für diesen detaillierten Einblick in die aktuellen Herausforderungen bei der digitalen Steuererklärung. Die geschilderten technischen und sprachlichen Barrieren decken sich mit Berichten, die uns in den vergangenen Wochen vermehrt erreicht haben. Unsere Redaktion wird diese Problematik zum Anlass nehmen, bei den zuständigen Behörden nachzufragen, ob Anpassungen an der Benutzeroberfläche und der Usability für ausländische Steuerpflichtige in Planung sind. Wir laden unsere Leserschaft herzlich dazu ein, ihre eigenen Erfahrungen und Lösungsansätze zu diesem Thema mit uns zu teilen.



Den Frust kann ich nachvollziehen.
In Deutschland ist Elster allerdings auch nur auf Deutsch
Ich kann nur empfehlen, gehe in den Finanzamt und lasse dir beim Ausfüllen des Formulars helfen.
Die sind sehr nett.
Da kann deutsches Finanzamt in der Regel nicht mithalten.
Im übrigen kann man sich das Formular am Computer komplett übersetzen lassen, ebenfalls die Durchführungsverordnung.
Mein Log in funktioniert auch nicht.
Ich gehe dann eben zum Sachbearbeiter