BANGKOK, THAILAND – Ein verschärftes Cyber-Schutzdekret hat die Welle an Online-Betrug nicht gebrochen, während Verbraucherschützer schnellere Eingriffe, gemeinsame Haftung und verzögerte Überweisungen fordern.
Dekret seit 2025 – Probleme bleiben
Seit die zweite Version des Royal Decree on Measures to Protect Victims of Technology Crime im April 2025 in Kraft trat, sind laut Verbraucherschützern die erhofften Effekte ausgeblieben. Besonders das zentrale Problem, gestohlenes Geld zurückzubekommen, habe sich kaum verbessert.
Die gemeldeten Fälle lassen sich weiterhin grob in zwei Gruppen einteilen: Phishing- und Spoofing-Betrug, die unter das Dekret fallen, sowie Fälle, in denen Opfer selbst zu Überweisungen verleitet werden, etwa bei angeblichen Investmentangeboten. Wichtige Schutzmechanismen vor einer Transaktion, etwa Überweisungsverzögerungen, fehlen bisher.
Verbraucherrat: Betrug wird komplexer
Die Generalsekretärin des Thailand Consumers Council, Saree Ongsomwang, erklärte, Cyberbetrug habe sich nicht abgeschwächt, sondern sei „komplexer geworden“. Sie verweist auf erhebliche Lücken zwischen Plattformen, Banken und Telekomunternehmen.
Als Beispiel nannte sie App-Stores auf iOS und Android, in denen gefälschte Apps gelistet würden, ohne dass ausreichend geprüft werde, ob es sich um echte oder falsche Anwendungen handelt. Auch die staatliche Electronic Transactions Development Agency (ETDA) könne Plattformen bisher weder wirksam registrieren noch deren Pflichten konsequent durchsetzen.
Saree kritisierte, dass gefälschte Apps und Seiten immer wieder neu auftauchen können: „Verbraucher bleiben ungeschützt, weil neue Fake-Angebote ohne wirksame Hürden online gehen können.“
Banken: Fortschritt, aber Lücken bei „Mule Accounts“
Im Bankensektor sieht der Verbraucherrat zwar Fortschritte bei der Umsetzung von Maßnahmen der Bank of Thailand (BOT), erkennt aber zentrale Schwachstellen. Besonders problematisch seien sogenannte Mule Accounts, also Konten, über die Betrüger Geld verschieben.
Nach Ansicht Sarees müssten solche Konten von Anfang an an Transfers gehindert werden. In der Praxis könnten viele Mule Accounts jedoch weiterhin Geld bewegen. Zudem fehle eine klare gemeinsame Haftung der Banken, wenn solche Konten für Betrug genutzt würden.
Reaktionen verspätet oder garnicht
Kritik äußerte sie auch an Mule Accounts über juristische Personen. Einige Unternehmen hätten mehr als fünf Jahre lang keine Finanzberichte eingereicht und seien dennoch nicht von der Department of Business Development gelöscht worden. Dadurch könnten sie wiederholt zur Täuschung von Verbrauchern eingesetzt werden.
Zusätzlich sei die BOT-Definition von „vulnerablen Gruppen“ zu eng. Derzeit liege der Fokus bei Menschen ab 65 Jahren, während auch Personen ab 60 häufig Ziel von Betrügern seien, ohne denselben Schutz zu genießen.
Telekom-Regulierung erschwert SIM-Abschaltungen
Sorge bereitet dem Verbraucherrat auch der Telekomsektor. Neue Vorgaben der NBTC hätten das Abschalten betrügerischer SIM-Karten erschwert, so Saree. Anbieter müssten nun auf eine Anordnung der Regulierungsbehörde warten, bevor sie betrügerische SIMs sperren dürfen.
Früher konnten Netzbetreiber SIM-Boxen selbst erkennen und sofort deaktivieren. Manche Unternehmen, die einst rasch reagierten, seien heute deutlich eingeschränkter. Auch die Pflicht zur Registrierung mit echten Identitäten sei nicht streng genug, weshalb Fake-Seiten und Apps immer wieder neu registriert werden könnten.
Opfer müssen klagen – Entschädigung unklar
Da gesetzliche Maßnahmen den digitalen Betrug bislang nicht effektiv eindämmen, seien viele Betroffene gezwungen, selbst zu klagen, sagte Saree. In manchen Fällen werde ihnen mitgeteilt, sie seien rechtlich keine „Verbraucher“ und hätten daher keinen Anspruch auf Unterstützung.
Viele Opfer müssten Anwälte beauftragen. Üblich seien Gebühren von rund 10 % der Schadenssumme, in einigen Fällen sogar bis zu 20 %, selbst nach gewonnenem Verfahren. Zahlreiche Betroffene stünden finanziell vor dem Ruin und wüssten nicht, wie sie weiter vorgehen sollen.
Zudem erhielten sie je nach zuständiger Behörde unterschiedliche Auskünfte, während es keinen einheitlichen Standard für Entschädigungen gebe. Saree plädierte deshalb für einen gemeinsamen Entschädigungsfonds, der Geschädigten gezielt helfen soll.
Klarere Vorgaben gefordert
Sie kritisierte einen „Stückwerk-Ansatz“ der Behörden. Vorgaben, nach denen Plattformen binnen 24 Stunden auf Hinweise zu Falschinhalten reagieren müssen, seien in der Praxis zu langsam, da Betrüger Gelder in Minuten über mehrere Ebenen verschieben könnten.
Saree forderte eine drastische Verkürzung der Fristen: maximal zwei Stunden, besser 30 bis 60 Minuten, seien technisch machbar und würden Schäden deutlich reduzieren, wenn Behörden und Unternehmen wirklich koordiniert vorgingen.
Forderung nach automatischer Haftung und Verzögerungssystem
Der Thailand Consumers Council drängt auf ein System automatischer Haftung, um Plattformen und Finanzinstitute stärker in die Pflicht zu nehmen. In vielen Ländern gebe es klare Strafen und Entschädigungsmechanismen, während Betroffene in Bangkok und anderen Landesteilen Verfahren bislang selbst anstoßen müssten.
Um Verluste tatsächlich zu begrenzen, brauche es laut Saree vor allem präventive Sicherungen, insbesondere ein System verzögerter Überweisungen. So hätten Verbraucher Zeit, Transaktionen zu prüfen, bevor Geld endgültig abfließt.
Der Rat setze sich seit mehr als zwei Jahren für diese Verzögerungen ein. In Singapur seien ähnliche Maßnahmen bereits umgesetzt und hätten messbare Erfolge gezeigt. Automatische Entschädigung und geteilte Haftung müssten parallel eingeführt werden, so Saree, statt Betroffene allein in einem langsamen System kämpfen zu lassen.
Beschwerdestatistik zeigt Ausmaß
Zwischen Oktober 2024 und September 2025 gingen beim Thailand Consumers Council insgesamt 18.687 Beschwerden zu digitalen Risiken ein. Am häufigsten wurden
• SMS mit gefälschten Links
• Online-Käufe ohne Lieferung der Ware
• Täuschungen durch Call-Center-Banden, die zu Überweisungen verleiteten
Darüber hinaus betreute der Rat 111 Fälle, in denen Verbraucher nach Betrugsfällen von Kreditkartenunternehmen und Banken verklagt wurden. Die hohen Fallzahlen wertet der Rat als Zeichen für strukturelle Schwächen der bestehenden Mechanismen.
Betroffene müssten sich oft an mehrere Stellen wenden, da keine zentrale Behörde direkt Verantwortung übernehme – obwohl die meisten Fälle klar internetbasierte Finanzbetrugsdelikte und nicht nur einfache Telefontricks seien.
🗣 Warum schützt das System die Falschen?
Betrüger agieren in Minuten, Opfer warten Monate.
Plattformen verweisen auf Regeln, Banken auf Verfahren, Behörden auf Zuständigkeiten.
Doch wer trägt Verantwortung, wenn Geld mit einem Klick verschwindet?
Braucht Thailand endlich automatische Haftung und Verzögerungen bei Überweisungen –
oder ist der Schaden längst einkalkulierter Kollateralschaden eines digitalen Systems?



