Panzer, Jets und Raketen: Der Grenzstreit eskaliert erneut
NEW YORK / BANGKOK – Nach zwei Tagen blutiger Kämpfe an der thailändisch-kambodschanischen Grenze hat Kambodscha bei den Vereinten Nationen einen sofortigen Waffenstillstand gefordert. „Kambodscha bittet um einen sofortigen, bedingungslosen Waffenstillstand und eine friedliche Lösung des Konflikts“, sagte UN-Botschafter Chhea Keo am Freitag nach einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats, bei der auch Thailand vertreten war.
Der diplomatische Vorstoß folgt auf eine dramatische Eskalation der Gewalt am Donnerstag: Jets, Artillerie, Panzer und Bodentruppen prägten das Bild an mehreren Frontabschnitten. Der Konflikt, der sich rund um die Provinz Oddar Meanchey auf kambodschanischer Seite abspielt, forderte bislang mindestens 15 Todesopfer auf thailändischer Seite und einen Toten in Kambodscha.
Feuerpause in Sicht? Bangkok offen für Gespräche
Thailands Außenministerium zeigte sich am Freitag gesprächsbereit. Sprecher Nikorndej Balankura erklärte gegenüber AFP, man sei offen für bilaterale Gespräche oder auch für eine Vermittlung über Malaysia, das derzeit den Vorsitz der ASEAN innehat. „Wir sind bereit, aber bisher haben wir keine Antwort erhalten“, sagte Nikorndej noch vor der UN-Sitzung.
Die Situation vor Ort sei mittlerweile etwas ruhiger, so der Sprecher. Laut der thailändischen Armee flammten die Kämpfe jedoch am Freitag gegen 4 Uhr morgens erneut an drei Orten auf. Dabei habe Kambodscha mit BM-21-Raketen, schwerer Artillerie und Bodenangriffen agiert. Thailand habe mit „angemessener Gegenwehr“ reagiert.
Artilleriefeuer, Tote, Flüchtende – die Lage an der Grenze
In Oddar Meanchey meldeten die Behörden einen getöteten Zivilisten (70) sowie fünf Verletzte. In Thailand wurden laut Gesundheitsministerium 14 Zivilisten und ein Soldat getötet, 46 weitere Menschen verwundet, darunter 15 Soldaten. Mehr als 138.000 Menschen wurden in Thailand evakuiert.
Einwohner auf beiden Seiten der Grenze berichten von anhaltendem Artilleriefeuer, zerstörten Gebäuden und Angriffen auf zivile Infrastruktur. Thailand wirft Kambodscha gezielte Angriffe auf ein Krankenhaus und eine Tankstelle vor. Die kambodschanische Seite widerspricht – und stellt die Darstellung Bangkoks in Frage, auch mit Verweis auf die eigene militärische Unterlegenheit.
Der alte Streit flammt wieder auf
Der Konflikt zwischen Thailand und Kambodscha ist nicht neu. Bereits zwischen 2008 und 2011 kam es zu Kämpfen um Teile der 800 Kilometer langen Grenze, besonders rund um den historisch bedeutsamen Preah-Vihear-Tempel. Damals kamen mindestens 28 Menschen ums Leben, Zehntausende mussten fliehen. Ein UN-Gerichtsurteil von 2013 brachte vorübergehend Ruhe – doch seit Mai 2025 eskaliert der Streit erneut. Auslöser war der Tod eines kambodschanischen Soldaten bei einem Zusammenstoß.
Panik in den Grenzregionen – „Wir sind einfach nur noch verängstigt“
Der bewaffnete Konflikt betrifft mittlerweile weite Teile der Grenzregion. Am Donnerstag wurden laut thailändischer Armee sechs Kampfzonen aktiv beschossen, darunter zwei historische Tempelareale. Auf thailändischer Seite kamen sogar F-16-Kampfjets zum Einsatz.
In der kambodschanischen Stadt Samraong, rund 20 Kilometer von der Grenze entfernt, flüchteten Anwohner in Panik. „Ich lebe sehr nah an der Grenze. Wir haben große Angst“, sagte der 41-jährige Pro Bak. Er habe Frau und Kinder in ein Buddhistisches Kloster gebracht – in der Hoffnung, dort Schutz zu finden.
Beide Seiten zeigen mit dem Finger aufeinander
Während Kambodscha bei der UN ein Ende der Gewalt fordert, beschuldigen sich beide Länder weiterhin gegenseitig, den ersten Schuss abgegeben zu haben. Premierminister Phumtham Wechayachai, derzeit als Übergangsregierungschef in Thailand im Amt, warnte in Bangkok: „Wenn es weiter eskaliert, könnte daraus ein Krieg werden.“ Aktuell sei die Lage jedoch noch als „lokale Gefechte“ einzuordnen.
UN mahnt zur Zurückhaltung – ASEAN könnte vermitteln
Die Vereinten Nationen riefen beide Seiten dazu auf, „äußerste Zurückhaltung“ zu zeigen und eine diplomatische Lösung zu suchen. Auch wenn sich die Teilnehmer der Sicherheitsratssitzung nicht öffentlich äußerten, drängt die Zeit: Die internationale Gemeinschaft blickt mit Sorge auf die Region, die nicht nur geostrategisch wichtig, sondern auch wirtschaftlich eng verflochten ist.
Ob Malaysia als Vermittler zwischen den Streitparteien auftreten kann, ist noch offen. ASEAN – der regionale Staatenbund – wäre das naheliegende Forum. Doch bisher fehlt es an einer konkreten diplomatischen Initiative, während der nächste Schuss an der Grenze nur Minuten entfernt sein könnte.


