Husten im Salon? In Deutschland Streit, in Asien Respekt

Ein kleiner Zettel an einer Tür – und plötzlich tobt der Netzkrieg. Während Deutsche über Bevormundung streiten, gilt in Thailand Rücksicht als selbstverständlicher Anstand. Zwei Welten, ein Husten, ein Kulturschock.

Husten im Salon? In Deutschland Streit, in Asien Respekt
Screenshot Facebook/Friseur am Markt Pino Venditti
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Friseur schließt Erkältete aus – und offenbart einen Kulturschock zwischen Europa und Asien

Ein Zettel, der alles verändert

Es braucht manchmal nicht viel, um eine Lawine loszutreten. Ein simpler Zettel an der Tür eines Friseursalons in Wuppertal reichte aus, um im Netz eine regelrechte Schlacht zu entfesseln. Pino Venditti, Inhaber von „Friseur am Markt“, hatte genug: „Offensichtlich erkältete Menschen“ werden bei ihm nicht mehr bedient. Punkt. Kein Husten, kein Niesen, kein Fieber – zumindest nicht in seinem Laden. Was vernünftig klingt, wird im Internet zur Spaltungsfrage. Die einen jubeln: „Endlich mal jemand mit Rückgrat!“ Die anderen toben: „Ihr habt den Knall echt nicht gehört!“

Doch während in Deutschland über Freiheitsrechte und Überempfindlichkeit gestritten wird, würde in Thailand niemand auch nur mit der Wimper zucken. Dort ist es selbstverständlich: Wer krank ist, setzt eine Maske auf. Aus Respekt. Aus Anstand. Keine Diskussion. Zwei Welten, zwei Mentalitäten – und ein Friseur mittendrin, der ungewollt zum Symbol einer kulturellen Kluft wurde.

„Eine kleine Erkältung ist doch kein Grund!“

Die Reaktionen auf Vendittis Post ließen nicht lange auf sich warten. Während die einen von „gesundem Menschenverstand“ sprachen, wetterten andere gegen vermeintliche Corona-Panik. „Erst seit der Erfindung der Corona-Pandemie wird so eine Panik verbreitet!“, schimpfte ein User. „Vorher habe ich über so eine Scheiße nichts gehört.“ Andere finden die Regel schlicht „lächerlich“.

Ein nachvollbarer Punkt

Doch ist es wirklich übertrieben? Venditti selbst stellt klar: Es geht ums Geschäft, nicht um Ideologie. „Mir geht es darum, dass mein Personal und ich nicht krankheitsbedingt ausfallen.“ Ein nachvollbarer Punkt. Denn Personalausfall bedeutet Verdienstausfall. Und in einer Branche, die durch Corona ohnehin gebeutelt wurde, kann das existenzbedrohend sein. Von 15 Friseuren in seinem Stadtteil mussten zwölf schließen. Zwölf! Wer da noch leichtfertig über „eine kleine Erkältung“ spricht, hat die wirtschaftliche Realität vieler Kleinunternehmer nicht verstanden.

Wenn Egoismus auf Rücksichtnahme trifft

Aber mal ehrlich: Wer kennt sie nicht, diese Typen? Die mit dem triefenden Schnupfen im Supermarkt. Die Hustenden in der vollbesetzten Bahn. Die Fiebrigen, die trotzdem zum Termin erscheinen – „man hat ja Zeit, da man einen Krankenschein hat“, wie eine Nutzerin sarkastisch bemerkte. Es ist diese Form von Alltagsegoismus, die Venditti auf die Palme brachte. Und die in anderen Kulturen schlicht undenkbar wäre.

Eine Friseurin berichtete in den Kommentaren von ihrer eigenen Erfahrung: Eine Kollegin arbeitete krank – und steckte prompt ihre Kundin an. Ist das fair? Ist das zumutbar? Oder ist es einfach nur der Beweis dafür, dass in unserer Gesellschaft das „Ich“ oft größer geschrieben wird als das „Wir“?

In Thailand würde niemand diskutieren

Wer schon einmal in Thailand oder anderen asiatischen Ländern gelebt hat, kennt das Bild: Menschen mit Maske in der BTS, im 7-Eleven, auf der Straße. Nicht aus Panik. Nicht aus Zwang. Sondern aus Höflichkeit. Wer hustet, schützt andere. So einfach ist das. Diese Selbstverständlichkeit hat nichts mit Corona zu tun – sie existierte schon lange vorher und wird auch lange danach bestehen bleiben.

In Thailand ist die Maske ein Zeichen von Respekt. In Deutschland gilt sie vielen als Symbol der Unterwerfung, der Angst, der Bevormundung. Zwei völlig unterschiedliche Interpretationen desselben Stück Stoffs. Und genau hier offenbart sich ein fundamentaler kultureller Unterschied: In Asien steht die Gemeinschaft über dem Individuum. In Europa pocht man auf persönliche Freiheit – koste es, was es wolle.

Was Expats in Thailand wirklich denken

Doch wie gehen westliche Touristen und Expats damit um, wenn sie in Thailand auf Maskenträger treffen? Die Reaktionen sind gemischt. Manche rollen innerlich die Augen: „Schon wieder diese Überreaktion.“ Andere haben gelernt, die kulturelle Logik dahinter zu verstehen und sogar zu schätzen. Wer länger in Thailand lebt, dem wird früher oder später bewusst: Es geht nicht um Angst, sondern um Anstand.

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Ein deutscher Langzeitresident in Bangkok brachte es mal auf den Punkt: „Am Anfang fand ich es komisch. Inzwischen verstehe ich: Die Thais denken an andere, bevor sie an sich denken. Das ist keine Schwäche – das ist Stärke.“ Eine Erkenntnis, die in westlichen Gesellschaften oft verloren gegangen scheint. Dort gilt: Ich bin doch nicht krank genug, um zu Hause zu bleiben. In Thailand gilt: Ich könnte jemanden anstecken – also schütze ich ihn.

Missverständnisse, die tiefer gehen

Natürlich gibt es auch Missverständnisse. Touristen, die zum ersten Mal in Bangkok landen, sind oft irritiert. Warum tragen hier so viele Menschen Masken? Haben die alle Angst? Ist hier eine Seuche ausgebrochen? Die Antwort ist meist profaner: Jemand hat einen leichten Schnupfen. Oder die Luftverschmutzung ist hoch. Oder man will einfach nur höflich sein.

Diese Selbstverständlichkeit stößt bei vielen Westlern zunächst auf Unverständnis. Doch je länger man im Land bleibt, desto mehr versteht man: Es ist nicht paranoid, sondern praktisch. Es ist nicht hysterisch, sondern höflich. Und vor allem: Es funktioniert. In Gesellschaften, in denen Rücksichtnahme selbstverständlich ist, verbreiten sich Infektionskrankheiten nachweislich langsamer.

Zwei Mentalitäten prallen aufeinander

Der Kern des Problems liegt tiefer als ein simpler Zettel an einer Friseurtür. Es geht um zwei fundamental unterschiedliche Weltanschauungen. In Europa herrscht die Überzeugung: Meine Gesundheit, meine Entscheidung. Wenn ich trotz Erkältung arbeiten oder einkaufen gehe, ist das mein gutes Recht. In Asien lautet die Maxime: Meine Gesundheit betrifft auch andere. Wenn ich krank bin, trage ich Verantwortung für die Gemeinschaft.

Diese Denkweise ist nicht besser oder schlechter – sie ist einfach anders. Aber sie führt zu völlig unterschiedlichen Verhaltensweisen im Alltag. Während in Deutschland heftig über einen Friseur diskutiert wird, der Erkältete abweist, würde in Thailand das Gegenteil für Kopfschütteln sorgen: Jemand, der krank zum Friseur geht, würde als rücksichtslos gelten.

Die Online-Schlacht tobt weiter

Die Debatte in den sozialen Medien spiegelt diese Spaltung perfekt wider. „Wenn ich krank bin, bin ich zu Hause im Bett!“, schreiben die einen. „Scheinbar haben die zu viel Geld“, giften die anderen. Eine Friseurin konterte: „Auch vor der Pandemie fand ich es nicht geil, durch kranke Kunden krank zu werden.“ Logisch, möchte man meinen. Aber Logik hat in emotionalen Debatten selten Platz.

Interessant wird es bei den Grenzfällen: Was ist mit Dauerhusten nach Corona? Was mit einer Nase, die wetterbedingt läuft? Venditti reagierte pragmatisch: Wer offensichtlich nicht ansteckend ist, ist willkommen. Eine Ausfallgebühr bei kurzfristiger Absage wegen Krankheit gibt es nicht. Also genau das, was man vernünftig nennen würde. Und doch reicht es vielen nicht.

Rücksichtnahme oder Freiheitsberaubung?

Am Ende steht eine Frage im Raum, die weit über einen Friseursalon hinausgeht: Wo hört persönliche Freiheit auf, wo beginnt soziale Verantwortung? In Thailand ist diese Frage längst beantwortet. In Europa wird sie jeden Tag neu verhandelt – oft lautstark, selten konstruktiv.

Vendittis Zettel ist mehr als eine Hausregel. Er ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Ein Symptom dafür, dass wir verlernt haben, Rücksichtnahme als Selbstverständlichkeit zu begreifen. Dass wir jede noch so kleine Einschränkung als Angriff auf unsere Freiheit interpretieren. Und dass wir dabei vergessen: Freiheit bedeutet auch, die Freiheit anderer zu respektieren – nämlich die Freiheit, gesund zu bleiben.

Was bleibt?

Ein kleiner Zettel. Eine große Debatte. Und die Frage, ob wir vielleicht von Kulturen lernen können, in denen Gemeinschaft nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung verstanden wird. Ob ein bisschen mehr thailändische Gelassenheit und asiatische Höflichkeit uns allen guttun würde. Oder ob das naive Wunschvorstellungen sind in einer Welt, in der jeder sein eigenes Süppchen kocht.

Was denken Sie? Ist der Friseur im Recht – oder völlig überempfindlich? Und wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen in Thailand jemand den Zutritt verweigert, weil Sie husten? Sollten wir uns eine Scheibe von der asiatischen Rücksichtskultur abschneiden – oder ist das alles nur Panik? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren!

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