Wenn die europäische Vollmacht in Thailand plötzlich wirkungslos wird
Wer seinen Ruhestand in Thailand verbringt, hat meist vieles geregelt. Das Visum ist verlängert, die Krankenversicherung abgeschlossen, vielleicht auch eine Eigentumswohnung gekauft. Viele Auswanderer bringen zudem notariell beglaubigte Vorsorgevollmachten aus ihrer Heimat mit. Diese Dokumente sollen im Ernstfall absichern, wenn man selbst nicht mehr handeln kann.
Doch genau hier beginnt ein Problem, das vielen erst bewusst wird, wenn es bereits zu spät ist. Eine Vollmacht, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz rechtlich einwandfrei ist, kann in Thailand im entscheidenden Moment ihre Wirkung verlieren. Der Grund liegt nicht in mangelnder Anerkennung, sondern in der praktischen Umsetzung vor Ort.
Thailand kennt dauerhafte Vollmachten, doch in der Praxis funktionieren sie anders
Das thailändische Rechtssystem unterscheidet zwischen verschiedenen Vollmachtstypen. Laut Thailand Law Online und anderen Rechtsquellen gibt es sowohl allgemeine Vollmachten für mehrere Angelegenheiten als auch spezielle Vollmachten für einzelne Vorgänge. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen normalen und dauerhaften Vollmachten.
Eine dauerhafte Vollmacht, auf Englisch „Durable Power of Attorney“, kann auch dann gültig bleiben, wenn der Vollmachtgeber geschäftsunfähig wird. Das bestätigen thailändische Rechtsexperten wie Closer Law und PS Law and Business Services. Diese Form der Vollmacht existiert im thailändischen Recht durchaus. Das Problem liegt woanders: Selbst wenn eine solche Vollmacht rechtlich gültig ist, scheitert sie häufig an der praktischen Anwendung im Alltag.
Behörden und Banken akzeptieren meist nur ihre eigenen thailändischen Formulare
Hier liegt der Kern des Problems. Thailändische Behörden und Banken arbeiten fast ausschließlich mit standardisierten Formularen in thailändischer Sprache. Ein umfangreiches Dokument aus Europa, selbst wenn es professionell übersetzt und konsularisch beglaubigt ist, überfordert viele Mitarbeiter vor Ort.
Hinzu kommt eine ausgeprägte Vorsicht der Angestellten. Wenn ein Sachbearbeiter die Tragweite eines ausländischen Dokuments nicht eindeutig beurteilen kann, lehnt er es ab. Die übliche Antwort lautet dann: Der Kontoinhaber muss persönlich erscheinen. Ist dies aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich, entsteht eine vollständige Blockade.
Immobiliengeschäfte erfordern das spezielle Tor Dor 21 Formular vom Grundbuchamt
Besonders streng sind die Anforderungen beim thailändischen Grundbuchamt, dem Land Department. Für jede Immobilientransaktion wird ausschließlich das offizielle „Tor Dor 21“ Formular akzeptiert, wie Forbes & Partners und Thailand Property Lawyer bestätigen. Dieses Dokument ist nur auf Thai verfügbar und muss sehr präzise ausgefüllt werden.
Andere Vollmachten, selbst wenn sie von spezialisierten Anwälten erstellt wurden, werden grundsätzlich abgelehnt. Das Formular muss detaillierte Angaben zur Immobilie enthalten, einschließlich Grundstücksnummer, Bezirk und Urkundennummer. Die Prüfung der Geschäftsfähigkeit ist hier besonders gründlich. Beamte verlangen oft, mit dem Eigentümer persönlich zu sprechen oder per Video zu kommunizieren.
Ausländer können in Thailand kein Land besitzen, aber Eigentumswohnungen schon
Hier ist ein wichtiger Punkt für deutschsprachige Ruheständler: Als Ausländer dürfen Sie in Thailand kein Grundstück kaufen. Das thailändische Landgesetz von 1954 verbietet dies ausdrücklich, wie mehrere Quellen einschließlich Dezan Shira & Associates bestätigen. Land kann nur von thailändischen Staatsbürgern oder Firmen mit mindestens 51 Prozent thailändischer Beteiligung erworben werden.
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Anders sieht es bei Eigentumswohnungen aus. Laut dem thailändischen Condominium Act können Ausländer Eigentumswohnungen im eigenen Namen besitzen. Die einzige Einschränkung: Maximal 49 Prozent der gesamten Wohnfläche eines Gebäudes dürfen ausländischen Eigentümern gehören. Wenn Sie also eine Eigentumswohnung besitzen, benötigen Sie für jeden Verkauf oder jede Übertragung das erwähnte Tor Dor 21 Formular.
Wer ein Haus hat, besitzt nur das Gebäude, nicht das Land darunter
Viele Ausländer haben Häuser in Thailand, die auf gepachtetem Land stehen. Das ist eine gängige Lösung, da Sie zwar das Gebäude besitzen dürfen, aber nicht das Grundstück darunter. Typischerweise werden Pachtverträge für 30 Jahre abgeschlossen, mit der Möglichkeit zweimaliger Verlängerung um jeweils 30 Jahre.
Wenn Sie also ein Haus verkaufen oder übertragen wollen, während Sie geschäftsunfähig sind, wird es kompliziert. Das Land Department verlangt das offizielle Formular und persönliche Anwesenheit. Eine alte Vollmacht aus Europa wird hier nicht funktionieren, selbst wenn sie rechtlich gültig wäre.
Thailändische Banken haben eigene Vorschriften, die von Filiale zu Filiale variieren
Banken in Thailand verfügen über strenge interne Richtlinien, die erstaunlich unterschiedlich sein können. Was in einer Filiale in Bangkok akzeptiert wird, kann in einer Filiale in Chiang Mai oder Pattaya kategorisch abgelehnt werden. Die meisten Banken bestehen auf hauseigenen Vollmachtsformularen, die zeitlich befristet sind.
Langjährig ausgestellte Generalvollmachten werden selten akzeptiert. Banken verlangen häufig Unterlagen, die nicht älter als drei bis sechs Monate sind. Wenn der Kontoinhaber nicht mehr in der Lage ist, neu zu unterschreiben oder seine Identität zu bestätigen, wird das Konto zum Schutz gesperrt.
Plötzliche Kontosperrungen treffen Partner ohne Vorbereitung besonders hart
Für Ehepartner oder Lebensgefährten ist dies eine der belastendsten Situationen. Stellen Sie sich vor: Ihr Partner liegt im Krankenhaus, die Rechnungen laufen auf, aber Sie können plötzlich nicht mehr an das Geld heran. Dringende Ausgaben für Pflege, Medikamente oder den täglichen Lebensunterhalt lassen sich nicht mehr begleichen.
Besonders problematisch wird es, wenn Rentenzahlungen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz auf ein Einzelkonto laufen und der Partner keine eigene Verfügungsberechtigung hat. Banken erfahren von kritischen Gesundheitszuständen oft schneller als erwartet, sei es durch offizielle Mitteilungen von Krankenhäusern oder informelle Hinweise aus dem sozialen Umfeld.
Kulturelle Unterschiede erschweren rechtliche Regelungen zusätzlich
In Thailand spielt der familiäre Zusammenhalt traditionell eine große Rolle. Entscheidungen werden oft pragmatisch im Familienkreis getroffen, ohne formelle Dokumente. Das funktioniert gut innerhalb thailändischer Familien, wo alle Beteiligten die ungeschriebenen Regeln kennen.
Bei internationalen Partnerschaften mit komplexen Vermögensverhältnissen stößt diese kulturelle Praxis jedoch an rechtliche Grenzen. Unklare Zuständigkeiten können zu Konflikten führen, etwa zwischen dem deutschen Partner und erweiterten thailändischen Familienmitgliedern. Ohne rechtssichere, lokal anerkannte Regelungen entsteht ein Vakuum.
Der Weg über das Familiengericht ist zeitaufwendig und kostspielig
Wenn keine wirksamen Vorkehrungen getroffen wurden und der Betroffene nicht mehr entscheidungsfähig ist, bleibt nur der Gang zum Gericht. Angehörige müssen beim thailändischen Familiengericht beantragen, als Vormund bestellt zu werden. Dies ist der einzige rechtssichere Weg, um Zugriff auf eingefrorene Vermögenswerte zu erhalten.
Dieser Prozess erfordert zwingend die Hilfe eines thailändischen Anwalts. Es müssen medizinische Gutachten von staatlich anerkannten Ärzten vorgelegt werden, die den Geisteszustand zweifelsfrei bestätigen. Das Gericht prüft zudem, ob die antragstellende Person geeignet ist und keine Interessenkonflikte bestehen.
Gerichtsverfahren dauern mehrere Monate und verursachen erhebliche Kosten
Ein Vormundschaftsverfahren in Thailand ist nicht nur nervenaufreibend, sondern auch teuer. Die Anwaltskosten variieren erheblich je nach Komplexität des Falls. Laut Silk Legal Thailand und anderen Rechtsquellen können solche Verfahren zwischen zwei und vier Monate oder länger dauern.
Hinzu kommen Gerichtskosten, Übersetzungsgebühren und Auslagen für medizinische Gutachten. Diese Kosten müssen oft vorgestreckt werden, während das eigentliche Vermögen noch gesperrt ist. In dieser Zeit laufen Kosten für Krankenhaus oder Pflegeheim weiter. Ohne finanzielle Reserven oder Zugriff auf ein gemeinsames Konto kann diese Wartezeit existenzbedrohend werden.
Gerichtlich bestellte Vormünder stehen unter staatlicher Aufsicht
Ist man einmal vom Gericht als Vormund bestellt, bedeutet das nicht absolute Freiheit über das Vermögen. Der Vormund ist dem Gericht gegenüber rechenschaftspflichtig und muss das Vermögen im Interesse des Betreuten verwalten. Große Transaktionen wie der Verkauf von Immobilien bedürfen oft einer erneuten richterlichen Genehmigung.
Dies dient dem Schutz des hilflosen Patienten, ist aber für den Partner eine administrative Belastung. Jede größere Ausgabe muss dokumentiert und belegbar sein. Man verwaltet fremdes Vermögen unter staatlicher Aufsicht, selbst wenn es um den eigenen Lebenspartner geht.
Für medizinische Entscheidungen gibt es den Living Will nach Section 12
Für medizinische Entscheidungen gibt es in Thailand eine klarere gesetzliche Grundlage. Section 12 des National Health Act von 2007 erlaubt ausdrücklich eine Patientenverfügung, den sogenannten „Living Will“. Laut Thailand Law Online und Tilleke & Gibbins können Sie darin festlegen, dass Sie keine lebensverlängernden Maßnahmen wünschen, wenn keine Aussicht auf Heilung besteht.
Dieses Dokument entlastet die Angehörigen von extrem schwierigen Entscheidungen und gibt den Ärzten Rechtssicherheit. Sie können damit die Ablehnung von Wiederbelebung, künstlicher Beatmung, Ernährungssonden oder Dialyse im Voraus festlegen. Wichtig zu wissen: Ein Living Will regelt ausschließlich medizinische Behandlungen, nicht finanzielle Angelegenheiten.
Ein Living Will muss in Thailand erstellt werden, um gültig zu sein
Hier ist ein entscheidender Punkt: Ein Living Will aus Deutschland oder der Schweiz ist in Thailand nicht automatisch gültig. Wie Anglo Siam Legal und andere Rechtsexperten betonen, muss das Dokument nach thailändischen Rechtsvorschriften erstellt werden. Am besten ist eine zweisprachige Version auf Thai und Englisch.
Das Dokument muss schriftlich sein, Sie müssen bei der Unterzeichnung geistig voll zurechnungsfähig sein, und es werden mindestens zwei erwachsene Zeugen empfohlen. Viele Anwaltskanzleien in Thailand bieten die Erstellung eines Living Will zu moderaten Kosten an. Es ist eine sinnvolle Ergänzung zur finanziellen Vorsorge.
Ein thailändisches Testament erspart den Hinterbliebenen Monate des Wartens
Ein Testament regelt den Verbleib des Vermögens nach dem Tod und hilft nicht bei Lebzeiten. Dennoch ist es wichtig, ein separates thailändisches Testament zu verfassen. Ein ausländisches Testament muss erst übersetzt und anerkannt werden, was den Zugriff auf das Erbe oft monatelang blockiert.
Ein thailändisches Testament ist relativ einfach und kostengünstig zu erstellen. Es sorgt dafür, dass im Todesfall der Partner oder die Kinder schnell Zugriff auf die Konten und Vermögenswerte erhalten. Es ist die logische Ergänzung zur Vorsorge zu Lebzeiten und sollte immer Teil der Gesamtstrategie sein.
Gemeinschaftskonten mit Oder-Klausel sind die pragmatischste Lösung
Die einfachste Lösung für das Liquiditätsproblem sind Gemeinschaftskonten, auf Englisch „Joint Accounts“, mit der „Oder“-Klausel. Das bedeutet, jeder der beiden Partner ist einzeln berechtigt, Geld abzuheben und Überweisungen zu tätigen. Wird einer handlungsunfähig, kann der andere weiterhin alle Zahlungen vornehmen.
Dies setzt natürlich uneingeschränktes Vertrauen voraus. Zudem sollte man beachten, dass im Todesfall theoretisch die Hälfte des Guthabens eingefroren werden könnte. In der Praxis laufen solche Konten jedoch oft weiter. Es ist die einfachste Methode, um sicherzustellen, dass die Stromrechnung und der Wocheneinkauf auch in Krisenzeiten bezahlt werden können.
Nicht das gesamte Vermögen auf ein Gemeinschaftskonto legen
Jede Form der Vollmacht oder des gemeinsamen Zugriffs birgt das Risiko des Missbrauchs. In einer Beziehung, die vielleicht Krisen durchlebt oder in der finanzielle Ungleichgewichte bestehen, kann ein Gemeinschaftskonto auch schnell leergeräumt werden. Dies ist eine Gratwanderung zwischen notwendiger Vorsorge und Schutz des eigenen Vermögens.
Experten raten oft dazu, nur einen Teil des Vermögens auf einem solchen operativen Konto zu halten. Das große Ersparte kann auf einem Einzelkonto verbleiben, während das Gemeinschaftskonto genug Deckung für drei bis sechs Monate Lebenshaltungskosten aufweist. So bleibt der mögliche Schaden im Falle eines Vertrauensbruchs begrenzt.
Eine gut sortierte Notfallmappe kann im Ernstfall Gold wert sein
Abseits von juristischen Dokumenten ist Organisation entscheidend. Eine gut sortierte Notfallmappe kann im Chaos einer plötzlichen Erkrankung unbezahlbar sein. Darin sollten Kopien aller wichtigen Dokumente, Versicherungspolicen, Kontaktnummern von Anwälten und der Botschaft griffbereit liegen.
Auch einfache Dinge wie der Zugang zum Online-Banking sollten bedacht werden. Wenn der Partner die PIN kennt und Zugriff auf das Mobiltelefon für die TAN-SMS hat, können viele Zahlungen weiterlaufen. Dies ist zwar rechtlich eine Grauzone, aber in der Praxis oft der einzige Weg, um den Alltag am Laufen zu halten.
Zeugen geben Dokumenten in Thailand besondere Glaubwürdigkeit
In Thailand haben Zeugen bei Vertragsunterzeichnungen eine besondere Bedeutung. Ein Dokument, das nur von zwei Parteien unterschrieben wurde, ist vor Gericht leichter anfechtbar. Bei wichtigen Verfügungen sollten immer zwei neutrale Zeugen anwesend sein, die die Unterschrift bestätigen.
Dies gilt auch für privat aufgesetzte Vereinbarungen. Ein Dokument gewinnt erheblich an Glaubwürdigkeit, wenn beispielsweise ein Anwalt oder andere respektierte Personen als Zeugen mitunterzeichnet haben. Dies erschwert es Dritten später, die Echtheit der Willenserklärung anzuzweifeln.
Das offene Gespräch mit dem Partner ist das wichtigste Instrument
Das wichtigste Instrument der Vorsorge ist das offene Gespräch mit dem Partner. Viele Paare scheuen sich, über Szenarien wie Demenz, Schlaganfall oder Tod zu sprechen. Doch nur wenn der Partner genau weiß, was im Ernstfall zu tun ist und wo die Unterlagen liegen, kann er effektiv handeln.
Klären Sie Erwartungen und Befürchtungen. Sollte im Ernstfall eine Rückkehr nach Europa organisiert werden? Welche medizinische Versorgung ist gewünscht? Wer diese Fragen in gesunden Tagen klärt, nimmt dem Partner im Notfall eine enorme Last von den Schultern und verhindert panische Entscheidungen unter Stress.
Thailändische Lösungen für das Leben in Thailand entwickeln
Die Hoffnung, dass eine deutsche Generalvollmacht in Thailand schon irgendwie funktionieren wird, ist kein guter Plan. Das thailändische System erfordert thailändische Lösungen. Wer sich proaktiv um Gemeinschaftskonten, eine thailändische Patientenverfügung und ein lokales Testament kümmert, baut ein Sicherheitsnetz auf.
Es lohnt sich, diese Dinge zu regeln, solange man geistig fit und mobil ist. Ein Besuch bei einem lokalen Anwalt oder der Bank kostet Zeit und etwas Geld, aber es ist eine Investition in den Seelenfrieden. So bleibt der Traum vom Leben in Thailand auch dann erhalten, wenn gesundheitliche Probleme auftreten.
Anmerkung der Redaktion:
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Die Gesetzeslage in Thailand kann sich ändern, und individuelle Fälle erfordern oft maßgeschneiderte Lösungen. Wir empfehlen, für verbindliche Dokumente stets einen lizenzierten thailändischen Anwalt oder spezialisierten Rechtsbeistand zu konsultieren.


