Sehr geehrte Redaktion,
ich weiß nicht, ob Sie so etwas veröffentlichen – aber ich möchte einfach meine Geschichte erzählen. Nicht, weil ich Mitleid will. Sondern weil ich glaube, dass es anderen vielleicht genauso geht wie mir. Und weil man manchmal einfach nur jemanden braucht, der zuhört – oder liest.
Ich bin 67 Jahre alt, geschieden, komme aus Niedersachsen, und ich lebe seit dreieinhalb Jahren in Thailand. Mein Entschluss, hierher auszuwandern, war nicht spontan – ich hatte das Land auf mehreren Urlaubsreisen kennengelernt und war jedes Mal aufs Neue fasziniert: von der Freundlichkeit, der Wärme, der Gelassenheit, mit der die Menschen hier das Leben nehmen. Und, ja, natürlich auch von den Frauen. Ich war einsam. Und Thailand hat mir diese Einsamkeit auf eine fast zärtliche Weise genommen.
Ich lernte Nan kennen – 38 Jahre alt, aus Khon Kaen. Wir begegneten uns in einem kleinen Lokal in Pattaya. Es war kein „Bar-Girl“-Ort, eher ein thailändisch geführtes Restaurant mit Livemusik. Sie arbeitete dort an der Kasse, sprach ein bisschen Englisch, genug jedenfalls, um zu lachen, zu fragen, woher ich komme, und was ich denn allein hier mache. Ich fand sie sofort sympathisch. Keine aufgesetzte Freundlichkeit, sondern echtes Interesse.
Daraus wurde mehr. Wir trafen uns, gingen spazieren, redeten viel (so gut es eben ging), und irgendwann blieb sie über Nacht. Dann noch eine. Dann zog sie bei mir ein. Ich hatte eine kleine Wohnung in Jomtien, nicht luxuriös, aber sauber. Sie kochte für mich, weckte mich mit einem Lächeln, war aufmerksam und – ich sage es ehrlich – ich fühlte mich plötzlich wieder lebendig. Wie ein Mann, nicht wie ein alter Kerl, den alle nur noch für einen Walking-Stick halten.
Nach ein paar Wochen kamen die ersten Gespräche über ihre Familie. Ihre Mutter sei krank, der Vater ohne Einkommen. Sie schickte regelmäßig Geld, auch schon vor mir. Das verstand ich – Familie ist wichtig hier. Ich hatte Respekt davor. Natürlich unterstützte ich sie, ohne zu zögern.
Aber es wurde mehr. Erst ein kleiner Betrag für Medikamente. Dann neue Zähne für die Mutter. Dann hatte der Bruder angeblich ein Motorrad verpfändet und musste „ausgelöst“ werden. Ich begann, mich zu fragen: Bin ich noch Teil einer Beziehung – oder nur Teil eines Familienbudgets?
Ich sprach sie darauf an. Ruhig. Sie weinte. Sagte, sie liebe mich. Dass ich sie nicht verstehe. Dass sie sich verantwortlich fühlt. Ich glaubte ihr – oder wollte ihr glauben. Wer will schon der sein, der eine Frau in Not im Stich lässt?
Ein halbes Jahr später stand plötzlich ihre Mutter vor der Tür. Mit Tasche und Reis. Und blieb zwei Wochen. Ohne mich vorher zu fragen. Ich kochte vor Wut, schwieg aber. Dann kam noch der Neffe dazu, dann die Schwester. Mein Condo fühlte sich nicht mehr an wie mein Zuhause – sondern wie ein Außenposten ihres Dorfes.
Ich begann, mich zurückzuziehen. Ging morgens allein spazieren. Saß in Cafés und beobachtete Touristen. Und ich fragte mich: War ich wirklich verliebt – oder einfach nur dankbar, dass mich jemand noch berührt hat?
Ich habe mich vor acht Monaten getrennt. Es war ruhig. Kein Drama. Sie sagte nur: „Okay. I understand.“ Ich weiß nicht, ob sie traurig war. Ich war es. Nicht wütend – sondern enttäuscht. Über mich selbst vielleicht. Weil ich geglaubt hatte, dass Liebe hier einfacher ist als in Deutschland. Dass Zuneigung bedeutet, man gehört zueinander – nicht einer ganzen Familie.
Ich schreibe Ihnen das nicht, weil ich Thailand schlecht machen will. Ganz im Gegenteil. Ich liebe dieses Land noch immer. Aber ich glaube, viele Ausländer – besonders Männer in meinem Alter – kommen her mit der Hoffnung auf eine zweite Chance. Und oft endet es nicht im Glück, sondern im Dilemma zwischen Sehnsucht und Realität.
Vielleicht hilft meine Geschichte jemandem da draußen. Vielleicht erkennt sich jemand wieder. Vielleicht versteht auch jemand Nan besser als ich es konnte.
Danke, dass Sie mir zugehört haben.
Mit freundlichen Grüßen,
Klaus H.
(Pseudonym – vollständiger Name der Redaktion bekannt)
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