Premier-Duell in Thailand: Cannabis-Reformer gegen Jungpolitiker

Premier-Duell in Thailand: Cannabis-Reformer gegen Jungpolitiker
Bhumjaithai Party
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BANGKOK, THAILAND – Kurz vor der Parlamentswahl am 8. Februar ringen konservative Kräfte, die etablierte Shinawatra-Familie und eine neue progressive Bewegung um die Führung des Landes für die nächsten vier Jahre. Mehrere prominente Kandidaten verkörpern einen tiefen politischen Richtungsstreit, der von Gerichtsentscheidungen und Koalitionspoker geprägt ist.

Anutin und die Macht der Deals

Der amtierende Übergangspremier Anutin Charnvirakul, 59, von der Bhumjaithai-Partei hatte im September vergangenen Jahres nur Stunden nach der Entmachtung von Paetongtarn Shinawatra durch ein Gericht das Spitzenamt erlangt, indem er die damalige Regierungspartei Pheu Thai ausmanövrierte.

Sein intensives Werben um bisherige Koalitionspartner Paetongtarns sowie Teile der Opposition zementierte seinen Ruf als erfahrener Machtvermittler, der bereit ist, mit nahezu jedem Lager zu koalieren, um an die Regierung zu kommen.

Bhumjaithai zwischen Königstreue und Cannabisreform

Obwohl Bhumjaithai bei den Wahlen 2019 und 2023 mit 51 beziehungsweise 71 Sitzen nicht stärkste Kraft wurde, reichte der Einfluss, um dem strikt königstreuen Partei­chef Schlüsselressorts wie Innenministerium, Gesundheitsministerium und den Posten des Vizepremiers zu sichern.

In einer von harten Rivalitäten geprägten politischen Landschaft galt Anutin als seltener Brückenbauer zwischen verfeindeten Eliten, was ihm beträchtlichen Einfluss über Parteigrenzen hinweg verschaffte.

Konservativer Pragmatiker mit Cannabis-Profil

Trotz seiner konservativen Verortung führte Anutin eine weithin beachtete Kampagne zur Entkriminalisierung von Cannabis, die schließlich Erfolg hatte und ihm ein reformorientiertes Image einbrachte.

Die kurze Phase als führende Regierungspartei und zahlreiche Überläufe aus anderen Lagern könnten dem früheren Bauunternehmer nun für die Wahl 2026 eine deutlich stärkere Verhandlungsposition verschaffen.

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Junge Progressive: Natthaphong und die People’s Party

Der 38-jährige Natthaphong Ruengpanyawut, ehemals Unternehmer und Softwareingenieur, zog 2019 zunächst für die progressive Future Forward Party, den Vorläufer der heutigen People’s Party, ins Parlament ein.

Als ausgewiesener Digitalstratege prägte er maßgeblich die Onlinekampagnen von Future Forward und später Move Forward, deren Social-Media-Offensive entscheidend zum Wahlsieg 2023 beitrug.

Nach Verbot von Move Forward: neuer Oppositionsführer

Nachdem ein Gericht Move Forward im August 2024 wegen des Versuchs, das die Monarchie schützende Strafrechts­vorschrift Paragraph 112 zu ändern, auflöste und die Spitzenfunktionäre sperrte, übernahm Natthaphong die Führung der Nachfolgepartei People’s Party.

Mit seiner Wahl zum jüngsten Oppositionsführer in der Geschichte des Landes wurde er zum wichtigsten Kopf des progressiven Lagers im neuen Dreikampf um das Amt des Regierungschefs.

Yodchanan: Politikneuling aus der Shinawatra-Dynastie

Der 46-jährige Yodchanan Wongsawat, Sohn des früheren Premiers Somchai Wongsawat, entstammt der milliardenschweren Shinawatra-Familie, die mit der Pheu-Thai-Partei seit rund einem Vierteljahrhundert die Politik maßgeblich geprägt hat.

Der Ingenieur verbrachte den Großteil seines Berufslebens in der Wissenschaft und lehrt als Professor für Biomedizinische Technik an der Mahidol-Universität in Bangkok, seine bisher einzige Regierungsfunktion war eine beratende Rolle in Technologiefragen in einer früheren Pheu-Thai-geführten Administration.

Erbe eines umkämpften Familiennamens

In einem Interview mit Reuters bezeichnete sich Yodchanan als „sehr kleine Person auf der Schulter eines Riesen“ und spielte damit auf seinen Onkel, den umstrittenen und derzeit inhaftierten Ex-Premier Thaksin Shinawatra, an.

Seine Tante Yingluck Shinawatra sowie seine Cousine Paetongtarn Shinawatra waren ebenfalls Regierungschefinnen und wurden wie mehrere andere Premiers aus dem Umfeld von Pheu Thai durch Militärputsche oder Gerichtsentscheide aus dem Amt gedrängt, was Zweifel nährt, ob eine mögliche Amtszeit Yodchanans stabil wäre.

Technokraten und alte Bekannte im Rennen

Der 67-jährige Karrierediplomat Sihasak tritt erstmals politisch für Bhumjaithai an und ist derzeit Außenminister, nachdem er zuvor als Botschafter unter anderem in Japan, Frankreich und bei den Vereinten Nationen in Genf tätig war.

Mit ihm stellt Bhumjaithai einen zweiten Premierskandidaten mit internationalem Profil auf, während die Volkspartei mit der 44-jährigen Ökonomin Sirikanya Tansakun und dem Cambridge-Promovierten Veerayooth zwei weitere prominente Namen ins Rennen schickt, wobei Veerayooth als Absicherung fungiert, falls Gerichte führende Köpfe sperren.

Abhisit und das Risiko neuer Verbote

Der 61-jährige Abhisit Vejjajiva, ehemaliger Premier von 2008 bis 2011, versucht, die in die Jahre gekommene Demokrat-Partei neu zu positionieren, nachdem er einst als Hoffnungsträger des konservativen Establishments galt und in Großbritannien aufwuchs und studierte.

Beobachter schließen eine Rückkehr Abhisits ins Amt nicht aus, sollte es nach der Wahl zu einer politischen Blockade kommen, während gleichzeitig 44 frühere Abgeordnete von Move Forward wegen angeblicher ethischer Verstöße im Zusammenhang mit einer Initiative zur Änderung von Paragraph 112 vor der Justiz stehen und im Fall einer Verurteilung mit langen politischen Sperren rechnen müssen.

⚠️ Nicht nur die Wahl entscheidet über die Macht

Dieses Rennen zeigt einmal mehr: In der thailändischen Politik zählt nicht ausschließlich das Wahlergebnis. Koalitionen, Deals und politisches Gewicht hinter den Kulissen können am Ende genauso entscheidend sein wie Millionen Stimmen.

Während Anutin als erfahrener Machtbroker gilt, verkörpert Natthaphong für viele einen politischen Neustart mit moderner Kampagnenführung und klarer Reformagenda. Genau dieser Kontrast macht die Wahl so unberechenbar.
👉 Wird Stabilität belohnt – oder entscheiden sich die Wähler für einen Generationswechsel?

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Quelle: Bangkok Post

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