BANGKOK, THAILAND – Ein seit Jahren schwelender Justizfall um den Red-Bull-Erben Vorayuth „Boss“ Yoovidhya hat mit einem Gerichtsurteil aus dem April 2025 neue Brisanz erhalten. Im Zentrum steht die Frage, mit welcher Geschwindigkeit sein Ferrari 2012 einen Polizeibeamten auf der Sukhumvit Road in Bangkok erfasste und tödlich verletzte – und ob thailändische Behörden später Beweise verändert haben, um eine Anklage zu verhindern.
Tödlicher Unfall und jahrelange Hängepartie
Im Jahr 2012 war Vorayuth Yoovidhya mit einem Ferrari in einen Unfall verwickelt, bei dem Pol Snr Sgt Maj Wichian Klanprasert mit seinem Motorrad auf der Sukhumvit Road unterwegs war. Der Wagen prallte auf das Motorrad und schleifte den Beamten rund 200 Meter mit.
Der Fall wurde über Jahre zu einem Symbol für Zweifel an der Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Im Fokus stand insbesondere der Vorwurf, der wohlhabende Unternehmererbe sei mit Hilfe einflussreicher Beamter der Strafverfolgung entzogen worden.
Zwei Geschwindigkeiten, zwei Wirklichkeiten
Ausgangspunkt der neuen Kontroverse ist die Geschwindigkeitsberechnung des Ferraris. Pol Col Thanasit Taengchan, damaliger Experte des Office of Police Forensic Science, hatte unmittelbar nach dem Unfall 2012 die Geschwindigkeit zunächst auf 177 km/h berechnet – ein Wert, der grobe Fahrlässigkeit nahelegt.
Jahre später tauchte ein neues Gutachten mit 79 km/h auf – knapp unter der Grenze von 80 km/h, die rechtlich eine entscheidende Rolle spielt. Diese niedrigere Geschwindigkeit wurde zur zentralen Grundlage dafür, dass Nate Naksuk, damals stellvertretender Generalstaatsanwalt, die Anklage wegen „fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr“ fallenließ.
Die National Anti-Corruption Commission (NACC) stellte zwischen 2016 und 2020 Unregelmäßigkeiten in der Behandlung des Falles fest. Sie warf unter anderem dem früheren Polizeichef Pol Gen Somyot Poompanmoung und sieben weiteren Personen vor, Beweise gezielt verändert zu haben, um Vorayuth vor einer Strafverfolgung zu schützen.

Gericht: 76 bis 80 km/h – und Freisprüche
Das nun im April 2025 ergangene Urteil, dessen Begründung inzwischen breit diskutiert wird, zeichnete ein anderes Bild. Das Gericht stellte fest, dass ihm damals nur zwei Beweisgruppen zur Geschwindigkeit vorlagen:
• Set A: unter 80 km/h, ermittelt von einem zentralen Verkehrsexperten, dem Gerichtsgutachter sowie Dr Saiprasit Koetniyom, früher Experte für Fahrzeugsicherheit an der King Mongkut University of Technology in Bangkok
• Set B: 177 km/h, berechnet von Pol Col Thanasit, Zeuge der Staatsanwaltschaft
Beide Ansätze „nicht vereinbar“
Die Richter erklärten beide Ansätze für nicht vereinbar und setzten den glaubhaften Bereich schließlich auf 76–80 km/h fest. Die Berechnung von 177 km/h sei wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert, unzureichend validiert und stehe im Widerspruch zu mehreren anderen Experten.
Nach Ansicht des Gerichts hatte Pol Col Thanasit seine Berechnung stark auf CCTV-Aufnahmen gestützt, ohne ausreichende Erfahrung in der physikalischen Rekonstruktion von geschwindigkeitsrelevanten Unfällen. Seine Aussagen hätten sich mehrfach geändert, was die Zuverlässigkeit zusätzlich geschwächt habe.
Geschwindigkeit der zentrale Faktor
Weil die Geschwindigkeit der zentrale Faktor für den Grad der Fahrlässigkeit ist, führte die Neubewertung zu erheblichen juristischen Konsequenzen. Am 22. April 2025 sprach das Gericht sechs von acht Angeklagten frei, darunter Dr Saiprasit, Pol Gen Somyot, Pol Maj Gen Thawatchai Mekprasertsuk, den früheren Leiter der Forensic Evidence Division, Pol Capt Wiradol Thubtimdee, den Anwalt Thanit Buakhiew sowie Pichai Lertpongadisorn, Präsident der Chiang Mai Provincial Administrative Organisation.
In allen sechs Fällen sah das Gericht keine ausreichenden Beweise für eine gezielte, korrupte Absprache zur Manipulation der Geschwindigkeitsdaten.
Verurteilte Staatsanwälte und juristische Debatte
Verurteilt wurden dagegen zwei frühere Staatsanwälte. Nate Naksuk, einst stellvertretender Generalstaatsanwalt, erhielt drei Jahre Haft, weil er die Anklage wegen „fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr“ gegen Vorayuth fallenließ.
Der frühere Leitende Staatsanwalt Chainarong Saengthongaram wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hatte die Geschwindigkeitsberechnung auf 76,1 km/h angepasst.
Mehrere Juristen würdigten das Urteil anschließend als rein beweisorientiert. Das Gericht habe die Beweise professionell abgewogen und sei nicht dem öffentlichen Druck gefolgt, lautet der Tenor. Insbesondere der Wert von 177 km/h sei demnach wissenschaftlich schwach untermauert und stehe im Konflikt mit mehreren anderen Experteneinschätzungen.
Widerspruch aus der Spurensicherung
Für zusätzlichen Streit sorgt jedoch Pol Maj Chavalit Laohaudomphan, einer der ursprünglichen forensischen Ermittler am Unfallort und heute ehemaliger Abgeordneter der People’s Party. Er hatte bereits 2012 selbst eine Geschwindigkeit von 177 km/h berechnet und bekräftigte diese Einschätzung am 31. Dezember in einem Facebook-Beitrag.
Nach seiner Darstellung handelte es sich um einen Auffahrunfall und nicht um ein Einscheren des Motorrads. Die spätere Berechnung von 79 km/h widerspreche grundlegenden physikalischen Prinzipien.
Falsche geometrische Messungen
Chavalit unterscheidet zwischen relativer Geschwindigkeit beim Aufprall und der tatsächlichen Fahrzeuggeschwindigkeit, die er aus CCTV-Aufnahmen ableitete. Selbst konservative Annahmen lägen nach seinen Berechnungen über 110 km/h. Die spätere Reduktion auf 79 km/h beruhe aus seiner Sicht auf falschen geometrischen Messungen.
Er zeigt sich frustriert darüber, dass die Justiz aus seiner Sicht auf fehlerhafte wissenschaftliche Methoden zurückgegriffen habe, und warnt davor, unzureichende forensische Verfahren zur Grundlage weitreichender Rechtsentscheidungen zu machen.
Berufung und laufendes Korruptionsverfahren
Trotz der Freisprüche aus April 2025 legte das Office of the Attorney-General im August 2025 Berufung ein. Ziel ist es, alle Angeklagten mit Ausnahme der bereits verurteilten Staatsanwälte verurteilen zu lassen. Der Fall liegt nun beim Appeal Court for Corruption and Misconduct Cases.
Im Berufungsverfahren dürfen keine neuen Zeugen geladen werden; die Richter stützen sich ausschließlich auf die bereits vorliegenden Beweise. Eine Entscheidung wird in 8–12 Monaten erwartet – damit könnte noch in diesem Jahr ein weiterer entscheidender Richterspruch fallen.
Juristisch ist zwischen zwei Verfahren zu unterscheiden:
• dem Korruptionsverfahren gegen Beamte und andere Beteiligte, in dem es um mutmaßliche Beweismanipulation geht
• dem eigentlichen Strafverfahren zum tödlichen Unfall, in dem Vorayuth selbst Beschuldigter ist
Im Unfallverfahren sind die meisten Tatvorwürfe aufgrund der Verjährungsfristen bereits erloschen. Offen ist nur noch der Vorwurf der fahrlässigen Tötung, dessen Verjährung mit 15 Jahren am 3. September 2027 endet.
Vorayuth weiter flüchtig – und die zentrale Streitfrage
Vorayuth Yoovidhya hält sich weiterhin im Ausland auf. Gegen ihn besteht eine Interpol Red Notice, eine Festnahme gelang bisher jedoch nicht. Ohne seine Ingewahrsamnahme kann der Hauptprozess nicht beginnen.
Damit bleibt die Kernfrage des gesamten Komplexes ungelöst: Fuhr der Ferrari mit 177 km/h oder unter 80 km/h? Von dieser Zahl hängen sowohl die rechtliche Bewertung des Unfalls als auch das Vertrauen vieler Menschen in die Integrität von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten ab.
Ob das Berufungsgericht die Freisprüche bestätigt oder die Vorwürfe der Beweismanipulation neu belebt, dürfte entscheidend dafür werden, wie dieser der meistbeachteten Justizfälle des Landes in die Geschichte eingeht.
🗣 Rechtsstaat oder Machtspiel – woran glaubt man noch?
Zwei Zahlen, ein Toter, jahrelange Verzögerungen – und ein Angeklagter auf der Flucht.
Wenn Experten sich widersprechen und Urteile spalten, steht mehr auf dem Spiel als ein einzelner Fall: das Vertrauen in den Rechtsstaat.
Ist das Urteil Ausdruck nüchterner Beweiswürdigung – oder ein weiteres Kapitel institutionellen Versagens?
Was muss passieren, damit Gerechtigkeit nicht nur juristisch, sondern auch gesellschaftlich überzeugt?




Zitat: „…Vertrauen in den Rechtsstaat….“ In Thailand?