Rotlicht in Bangkok: Eine nüchterne Bilanz

Rotlicht in Bangkok: Eine nüchterne Bilanz
Gemini AI

Bangkok bei Nacht: Was Reisende über die berühmten Vergnügungsviertel wissen sollten

Wer abends durch die Sukhumvit Road schlendert, dem fällt sofort auf: Hier ist was los. Neonlichter blinken um die Wette, Straßenküchen brutzeln ihr Abendgeschäft, und zwischen den Hochhäusern verstecken sich kleine Gassen, die eine ganz eigene Geschichte erzählen. Bangkok hat viele Gesichter – und eines davon leuchtet besonders grell.

Die drei bekanntesten Adressen heißen Nana Plaza, Soi Cowboy und Patpong. Wer zum ersten Mal hier ist, reibt sich erstmal die Augen. Das ist nicht Mallorca, das ist nicht Hamburg – das ist eine Welt für sich, bunt, laut und manchmal ziemlich schräg.

Wie alles anfing: Ein Erbe aus Kriegszeiten

Die Geschichte beginnt nicht etwa in Thailand, sondern mitten im Vietnamkrieg. Damals brauchten amerikanische Soldaten einen Ort zum Entspannen – und Thailand lag praktischerweise gleich nebenan. Was als Ausgehviertel für GIs begann, entwickelte sich nach Kriegsende einfach weiter. Die Strukturen blieben, nur die Kundschaft wechselte.

Aus den Soldaten wurden Touristen, aus den improvisierten Kneipen wurden professionelle Betriebe. Und so wuchs über Jahrzehnte eine Industrie heran, die heute fest zum Stadtbild gehört – ob man das nun gut findet oder nicht. Die Wurzeln sind jedenfalls alles andere als thailändisch, auch wenn das viele denken.

Verboten, aber überall: Die merkwürdige Rechtslage

Jetzt wird’s kurios: Offiziell ist Prostitution in Thailand seit 1996 verboten. Steht schwarz auf weiß im Gesetz. Gleichzeitig gibt es in Bangkok vermutlich mehr Bars dieser Art als Apotheken. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: gar nicht.

Die Lösung heißt „Entertainment Venue“ oder „Massage Salon“. So heißen die Läden offiziell, und so bekommen sie ihre Lizenz. Was drinnen passiert? Nun ja, das ist eine andere Geschichte. Die Behörden schauen meistens weg, solange alles diskret bleibt und die richtigen Leute bezahlt werden. Willkommen in der Grauzone.

Nana Plaza: Der Wolkenkratzer des Vergnügens

Stellen Sie sich ein dreistöckiges Einkaufszentrum vor – nur dass hier keine Klamotten verkauft werden, sondern Unterhaltung. Nana Plaza ist der größte Komplex seiner Art, ein U-förmiges Gebäude vollgestopft mit 30 bis 40 Bars. Im Erdgeschoss geht’s noch relativ gemütlich zu, weiter oben wird’s spezieller.

Ein Bier kostet hier zwischen 120 und 180 Baht, umgerechnet etwa 3 bis 5 Euro. Das klingt günstig, ist aber Bangkok-Maßstab schon gepfeffert – normale Thais bezahlen im 7-Eleven keine 50 Baht. Die eigentlichen Kosten kommen aber erst, wenn man eine der Damen „auslösen“ möchte. Das nennt sich Barfine und schlägt mit 700 bis 1.500 Baht zu Buche, je nach Bar und Verhandlungsgeschick.

Soi Cowboy: Die Straße, die niemals schläft

Nur eine Skytrain-Station weiter liegt Soi Cowboy – eine Straße, die gerade mal 150 Meter lang ist, aber so hell leuchtet, dass man meinen könnte, die Sonne sei nie untergegangen. Benannt wurde sie nach einem Amerikaner namens „Cowboy“, der hier 1977 die erste Bar eröffnete. Ob er ahnte, was daraus mal werden würde?

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Die Straße ist so fotogen, dass sie sogar in „Hangover 2“ mitspielte. Seitdem kommen auch Leute her, die nur gucken wollen. Die stehen dann mit dem Smartphone da und knipsen, während nebenan das Geschäft wie gewohnt läuft. Für die Barbetreiber ist das egal – Hauptsache, die Kasse klingelt.

Patpong: Der alte Herr macht schlapp

Patpong war mal die Nummer eins, der Platzhirsch, die Legende. Heute? Naja, sagen wir mal so: Die besten Zeiten sind vorbei. Tagsüber ist hier Nachtmarkt mit gefälschten Markentaschen, abends quetschen sich Touristen zwischen T-Shirt-Ständen und Barhocker. Das Ergebnis ist ein ziemliches Durcheinander.

Berüchtigt ist Patpong für die sogenannten Ping-Pong-Shows in den oberen Etagen. Klingt lustig, ist es aber nicht – zumindest nicht für den Geldbeutel. Hier lauern die größten Abzock-Fallen der Stadt. Wer von einem freundlichen Herrn nach oben gelotst wird, zahlt am Ende schnell mal 3.000 Baht für ein Bier. Beschützertypen an der Tür sorgen dafür, dass man auch wirklich bezahlt.

Thaniya Road: Die unsichtbare japanische Parallelwelt

Hier wird’s interessant: Direkt neben Patpong liegt eine Straße, die die meisten westlichen Touristen nie betreten werden – die Thaniya Road. Japanische Schriftzeichen, Damen in Kimonos, gediegene Atmosphäre. Das ist das Ausgehviertel für japanische Geschäftsleute, und Fremde sind hier nicht wirklich erwünscht.

Viele Clubs lassen nur Japaner rein oder verlangen horrende Mitgliedsbeiträge. Das Konzept ist anders: keine Gogo-Tänzerinnen, sondern Hostessen, die auf Japanisch plaudern, beim Karaoke mitsingen und Drinks einschenken. Eine Flasche Whisky kostet hier locker 10.000 Baht – auf Firmenkosten versteht sich. Es ist wie ein Stück Tokio mitten in Bangkok.

Der lokale Markt: Wo die Thais hingehen

Jetzt kommt der Teil, von dem westliche Reiseführer selten erzählen: Der thailändische Markt ist zehnmal größer als alles, was in Nana oder Cowboy passiert. Riesige Massage-Paläste an der Petchaburi Road, unzählige Karaoke-Bars in jedem Vorort – hier treffen sich thailändische Männer zum Feierabendbier mit weiblicher Begleitung.

In den großen Etablissements sitzen die Damen hinter Glas in einem sogenannten „Goldfischglas“ und warten auf Kunden, die sie per Nummer auswählen. Das Ganze ist industriell durchorganisiert und auf Diskretion getrimmt – mit Privatparkplätzen und Hintereingängen für die gut betuchte Kundschaft. Von außen sieht man meistens gar nichts.

Warum machen die das? Die wirtschaftliche Wahrheit

Jetzt wird’s ernst: Die meisten Frauen (und Männer) in diesem Gewerbe kommen aus den armen Provinzen im Nordosten, dem Isaan. Nicht weil sie Abenteuer suchen, sondern weil die Familie zu Hause auf das Geld wartet. In Thailand gilt es als höchste Tugend, die Eltern zu unterstützen – notfalls eben so.

Ein normaler Job im Laden oder in der Fabrik bringt vielleicht 300 Baht am Tag. In einer Bar verdient man das an einem guten Abend zehnmal. Klar, was die meisten wählen, wenn daheim Schulden drücken oder das Dach durchlässt. Das rechtfertigt nichts, erklärt aber einiges.

Wie das Geld nach Hause fließt

Wer durch die Dörfer im Isaan fährt, sieht überall neue Häuser, Pickup-Trucks und Satellitenschüsseln. Woher kommt das Geld? Oft von der Tochter in Bangkok. Die lebt dort zu viert in einem Zimmer, schickt aber jeden Monat 20.000 oder 30.000 Baht nach Hause. Das ist ein inoffizielles Sozialsystem in einer Region, wo sonst nicht viel läuft.

Der Preis dafür ist allerdings hoch: Die Frauen leben ein Doppelleben, verstecken ihre Tätigkeit vor den Nachbarn und hoffen insgeheim auf den reichen Ausländer, der sie rausholt. Manchmal klappt das sogar – meistens aber nicht.

Was ein Abend wirklich kostet

Thailand als Billigreiseland? War einmal. Im Jahr 2026 sind die Preise in den Touristenvierteln ordentlich angezogen. Neben Barfine und dem eigentlichen Service kommen noch Hotel, Taxi, Essen und Getränke dazu. Wer nicht aufpasst, gibt an einem Abend schnell 5.000 bis 10.000 Baht aus – das sind 135 bis 270 Euro.

Damit haben sich die Gäste verändert: Weniger Rucksacktouristen, mehr zahlungskräftige Kurzurlauber aus Russland, China, Indien oder den Golfstaaten. Die Bars passen sich an: Andere Musik, andere Sprachen, andere Angebote. Die „guten alten billigen Zeiten“ sind endgültig vorbei.

Vorsicht, Falle! Wo es richtig teuer wird

Wo viel Bargeld fließt, ist der Betrug nicht weit. Die Ping-Pong-Shows in Patpong sind nur die bekannteste Masche. Auch K.O.-Tropfen im Drink kommen vor, um Touristen anschließend auszurauben. Die Polizei hilft da selten – schließlich ist man ja selbst in einem illegalen Etablissement gewesen.

Deshalb die Standardtipps: Getränke nie unbeaufsichtigt lassen, Preise vorher klären und schriftlich bestätigen lassen, und bei zu guten Angeboten skeptisch werden. Wer sich in Gefahr begibt, trägt das Risiko – so sieht’s die thailändische Gesellschaft.

Gesundheit: Ein Heftchen gibt’s, Garantie nicht

Viele Betriebe verlangen von ihren Mitarbeiterinnen regelmäßige Gesundheitschecks, dokumentiert in einem kleinen Heftchen. Das soll die Kunden beruhigen – eine echte medizinische Absicherung ist es aber nicht. HIV und andere Geschlechtskrankheiten bleiben ein reales Risiko.

Besonders schwierig wird’s für Frauen aus Laos oder Myanmar, die keine thailändische Krankenversicherung haben. Die müssen alles privat bezahlen und lassen Krankheiten deshalb oft unbehandelt. Für alle Beteiligten keine gute Situation.

Zwischen Respekt und Verachtung: Das gesellschaftliche Stigma

In Thailand selbst ist die Sache kompliziert: Einerseits werden die Frauen für ihr finanzielles Opfer respektiert. Andererseits gelten sie als „beschädigt“ und für einen anständigen thailändischen Mann als ungeeignet. Viele müssen ihre wahre Tätigkeit vor Verwandten und Nachbarn verheimlichen.

Die Hoffnung vieler: Ein ausländischer Partner, der weniger Vorurteile hat. Der Traum vom „Farang“, der sie rausholt, hält viele über Jahre in der Branche – auch wenn er sich nur selten erfüllt.

Die Legalisierungs-Debatte 2026: Viel Gerede, wenig Bewegung

Im Jahr 2026 wird wieder über eine mögliche Legalisierung diskutiert. Die Argumente sind immer die gleichen: Befürworter sagen, nur so könnte man Arbeitsbedingungen verbessern und Korruption eindämmen. Gegner befürchten den moralischen Untergang des buddhistischen Landes.

Dazu kommt die Image-Frage: Will Thailand wirklich offiziell als Sextourismus-Destination gelten? Die Regierung versucht schließlich, Luxus- und Familientouristen anzulocken. Also bleibt alles beim Alten: verboten auf dem Papier, geduldet in der Praxis.

Neue Gäste, neue Regeln: Asien übernimmt

Früher dominierten Europäer und Amerikaner die Szene. Heute kommen immer mehr Besucher aus Indien, China und Südkorea. Die haben andere Erwartungen, andere Trinkgewohnheiten, andere Musikwünsche. Die Bars müssen sich anpassen – vom Schlager zum K-Pop sozusagen.

Für die alteingesessenen westlichen Expats ist das ein Kulturschock. Englisch reicht nicht mehr überall, Mandarin und Hindi werden wichtiger. Aber Geschäft ist Geschäft, und das Geld riecht bekanntlich nicht.

Ausblick: Was bringt die Zukunft?

Verschwinden wird das Gewerbe nicht – dafür ist es zu tief verwurzelt. Wahrscheinlicher ist eine Verlagerung ins Digitale: Dating-Apps und soziale Medien ersetzen zunehmend die Bars. Die physischen Orte werden vielleicht zu reinen Entertainment-Centern mit Shows und Gastronomie.

Solange das wirtschaftliche Gefälle zwischen Stadt und Land, zwischen Thailand und anderen Ländern besteht, wird es Angebot und Nachfrage geben. Bangkok wird sich verändern, vielleicht moderner und sauberer werden – aber das Geschäft mit der Sehnsucht bleibt. Mal grell im Neonlicht, mal diskret im Schatten.


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Ein Kommentar zu „Rotlicht in Bangkok: Eine nüchterne Bilanz

  1. Etwas gar viel Klischee, wird in diesem Artikel serviert. Die neuen Häuser werden nicht von Damen im Rotlichtviertel finanziert, sondern weil die Farmer nicht nur mehr Reis anbauen, sondern nebst Reis, Zucker & Maniok anbauen, aber daneben noch mindestens einen weiteren Arbeit nachgehen. Es stimmt schon, dass viele Damen im Rotlichtviertel arbeiten, aber das trifft auf ganz Thailand zu. Die widerlichen Sachen spielen sich in den Provinzen ab, wo kein Tourist auf die Idee käme, das käufliche und zu junge Mädchen erhältlich wären. Es sind auch Etablissement in denen ich mich, obwohl hier ansässig, nicht getrauen würde einzutreten. Unter dem Tag sind diese Karaoke Bars mit dunklen Netzen verhüllt, bei Nacht blinkt und flimmert es als gäbe es nichts zu verbergen. Die Kunden sind Thais, meist älteren Jahrgangs. Auch die Resorts wo es dann zur Sache geht, sieht man im ganzen Land verstreut, Leuchtreklamen mit Übergrossen Ziffern, weisen den Weg. Die Bungalows werden Stundenweise vermietet. Man kann sie aber auch normal zu übernachten mieten und sind meist sehr billig, aber mit Dusche & TV ausgestattet. Die Ausweise werden nur von den Herren kontrolliert und eingetragen, die meist viel zu jungen Mädchen ignoriert man. Wenn man weiss was auf dem Land abgeht, sind Nana Plaza (Kathoys) & Soi Cowboy harmlos.

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