Schweizer Rentner in Thailand: Zwischen Glück und Zukunftsangst

Ich bin 70, komme aus der Schweiz und lebe seit fünf Jahren im Norden Thailands. Ich bin glücklicher als je zuvor. Und trotzdem: Manchmal schleichen sich die Sorgen an mich heran. Was passiert mit meiner Rente, mit den Steuern, mit meiner Familie?

Schweizer Rentner in Thailand: Zwischen Glück und Zukunftsangst
Gemini AI
Google Werbung

Mein Name ist Urs. Ich bin 70 Jahre alt und lebe in der Nähe von Loei. Das Leben hier ist schön. Manchmal so schön, dass ich Angst bekomme, es könnte sich verändern.

Der Morgen beginnt mit Vogelgezwitscher – nicht mit Stau

Wenn ich morgens aufwache, höre ich keine Autos, keinen Stress, keine Hektik. Draußen zwitschern Vögel, die Bergluft riecht frisch, und meine Frau Noi steht bereits in der Küche. Ich liege kurz still und denke: Wie konnte ich je woanders leben wollen?

Die Gegend um Loei ist nicht das Thailand der Hochglanzprospekte. Keine Strände, keine Partys. Stattdessen grüne Hügel, Reisfelder, einfache Menschen. Genau das, was ich gesucht habe. Mit 70 Jahren brauche ich keinen Trubel mehr – ich brauche Frieden. Und den habe ich hier wirklich gefunden.

Eine Frau, die ich nicht verdient habe

Noi und ich kennen uns seit fast sechs Jahren. Sie ist jünger als ich, das stimmt, und ich weiß, was manche denken. Aber wer uns zusammen sieht, versteht es schnell: Wir ergänzen uns. Sie kümmert sich um den Haushalt, das Haus, die Familie – und ich tue alles, um ihr das Leben leichter zu machen.

Ihre zwei Kinder, beide über zwanzig, haben mich anfangs skeptisch beäugt. Das war verständlich. Heute kommen sie zum Essen vorbei, helfen, wenn etwas repariert werden muss, und reden mit mir – manchmal sogar auf Englisch. Das fühlt sich an wie Familie. Echte Familie.

Die Enkelin macht den Unterschied

Was ich nicht erwartet hatte: dass ich mit 70 noch einmal ein Kind aufwachsen sehe. Nois älteste Tochter hat ein kleines Mädchen, Fah, gerade mal vier Jahre alt. Und irgendwie ist dieses Kind zu unserem geworden. Sie nennt mich Opa – nicht auf Deutsch, natürlich. Aber der Klang ist derselbe.

Fah ist der Grund, warum ich morgens mit einem echten Lächeln aufstehe. Sie fragt mich, warum meine Haare so weiß sind. Sie lacht über meine Thai-Versuche. Sie schläft manchmal auf meinem Arm ein. In solchen Momenten vergesse ich alle Sorgen. Leider kommen sie abends wieder zurück.

Stört Sie die Werbung?
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
ZUM ANGEBOT

Meine Rente kommt pünktlich – aber reicht sie für immer?

Meine AHV und eine kleine Pensionskasse laufen zuverlässig. Das Geld reicht gut für unser Leben hier in Nordthailand. Die Kosten sind niedrig, der Baht ist stabil – zumindest bisher. Ich lebe nicht in Luxus, aber in Würde. Das war mir immer wichtiger als ein großes Konto.

Was mich beschäftigt: Was passiert, wenn die Lebenshaltungskosten steigen? Wenn der Kurs dreht? Wenn ich plötzlich Pflegebedarf habe? Meine Rente ist fix. Sie wächst nicht. Thailand ist nicht die Schweiz, was soziale Absicherung angeht. Ich mache mir Gedanken. Öfter als mir lieb ist.

Thailand und Steuern – ein Thema, das mich nicht schlafen lässt

Bis vor Kurzem war es klar: Meine Schweizer Rente wird in der Schweiz versteuert, Thailand verlangt nichts. Dann kamen Nachrichten, dass Thailand seine Steuerregeln für Ausländer ändern könnte. Ich habe begonnen, Artikel zu lesen, Foren zu durchsuchen, andere Expats zu befragen.

Die meisten sagen: keine Panik. Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen der Schweiz und Thailand schütze mich. Aber ich bin kein Steueranwalt. Ich verstehe nicht alles. Und was ich nicht verstehe, macht mir Angst – besonders wenn es um Geld geht, das ich bereits versteuert habe.

Das Doppelbesteuerungsabkommen – Schutz oder Papiertiger?

Die Schweiz und Thailand haben ein Abkommen, das verhindern soll, dass ich doppelt zahle. Ich habe es gelesen – oder versucht es zu lesen. Juristische Texte auf Englisch sind nicht meine Stärke. Was ich verstanden habe: Schweizer Renten sollen grundsätzlich in der Schweiz besteuert werden.

Aber es gibt Ausnahmen, Klauseln, Interpretationsspielräume. Und die Thai-Steuerbehörde sieht das vielleicht anders als ich. Was, wenn ich eines Tages einen Brief bekomme, den ich nicht verstehe – und der mich Tausende Baht kostet? Solche Gedanken kommen, ob ich will oder nicht.

Eigentum in Thailand – auf dem Papier gehört mir nichts

Unser Haus steht auf dem Land von Noi. So ist es hier: Ausländer dürfen kein Land besitzen. Das Haus selbst ist in meinem Namen, das Grundstück in ihrem. Das klingt nach einem fairen Kompromiss – und meistens fühlt es sich auch so an.

Aber manchmal denke ich: Was ist, wenn etwas mit Noi passiert? Habe ich dann noch ein Zuhause? Diese Fragen stelle ich nicht aus Misstrauen – ich vertraue ihr vollständig. Aber ich bin Schweizer. Und ein Schweizer denkt nun einmal in Szenarien. Das lässt sich nicht abstellen.

Was passiert mit meiner Familie, wenn ich sterbe?

Ich bin 70. Ich bin gesund, treibe Sport, esse gut. Aber ich bin 70. Man macht sich Gedanken. Was passiert mit Noi, wenn ich eines Nachts nicht mehr aufwache? Hat sie Anspruch auf meine Schweizer Hinterbliebenenrente? Wie funktioniert das aus dem Ausland?

Ich habe mich informiert. Die AHV zahlt grundsätzlich auch ins Ausland. Aber die Bürokratie ist komplex, und ich bin mir nicht sicher, ob Noi das alleine navigieren könnte – mit der Sprache, den Formularen, den Behörden in der Schweiz. Das macht mir Sorgen. Nicht für mich – für sie.

Gesundheit: gut versorgt – aber wie lange noch?

Meine private Krankenversicherung deckt mich gut ab. Bis jetzt. Ich zahle eine jährliche Prämie, die jedes Jahr teurer wird – weil ich älter werde. Das ist logisch, aber nicht angenehm. Irgendwann kommt der Punkt, wo es unbezahlbar wird. Ich weiß nur nicht, wann.

In der Nähe von Loei gibt es ein Krankenhaus, aber für ernstere Eingriffe fährt man nach Khon Kaen oder Chiang Mai. Das sind Stunden Fahrt. Mit 70 denkt man darüber nach. Nicht mit Panik, aber mit Nüchternheit. Gute medizinische Versorgung ist hier keine Selbstverständlichkeit.

Die Sprachbarriere bleibt mein größtes Handicap

Mein Thai ist nach fünf Jahren – ausbaufähig. Ich kann einkaufen, mich vorstellen, Smalltalk machen. Aber wenn es ernst wird – beim Arzt, beim Amt, beim Anwalt – bin ich aufgeschmissen. Noi übersetzt dann, und ich vertraue ihr. Gerne. Aber es ist eine Abhängigkeit.

Was wäre, wenn Noi nicht dabei sein könnte? Wenn ich allein vor einem Beamten sitze, der kein Englisch spricht, und ich ein Dokument unterschreiben soll, das ich nicht verstehe? Das ist keine Fantasie – das ist Thailand-Alltag für viele von uns. Und ich habe noch keine Antwort darauf.

Die Expat-Gemeinschaft: Trost und Spiegel zugleich

In der Region gibt es eine kleine Gemeinschaft westlicher Rentner. Wir treffen uns gelegentlich, trinken Bier, reden über Gott und die Welt – und über unsere Sorgen. Es tut gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der nachts grübelt. Die meisten haben dieselben Fragen.

Manchmal macht mich diese Runde aber auch nachdenklicher. Einer lebt seit dem Tod seiner Frau allein, ohne Familie, ohne Netz. Ein anderer hat seinen Krankenversicherungsschutz verloren, weil er zu alt für die Police wurde. Ich höre zu – und denke: Das könnte ich sein. Irgendwann.

Thailand verändert sich – und ich verändere mich mit

Thailand ist nicht das Land, das es vor zwanzig Jahren war. Die Regierung modernisiert, digitalisiert, reguliert. Für Expats meiner Generation bedeutet das: mehr Papierkram, mehr Vorschriften, mehr Unsicherheit. Jedes Jahr gibt es neue Anforderungen für die Visumsverlängerung.

Ich habe das Retirement-Visum, bisher lief alles glatt. Aber wenn ich die Nachrichten lese, frage ich mich: Wie lange noch? Was ist, wenn Thailand plötzlich höhere Einkommensnachweise verlangt oder die Regeln für ältere Ausländer verschärft? Ich wäre nicht das erste Mal überrascht.

Rückkehr in die Schweiz? Keine Option.

Manchmal fragen mich Bekannte aus der Heimat: «Urs, komm doch zurück.» Ich lache dann meistens. Zurück wohin? Die Wohnung ist weg, der Alltag ist weg. Die Schweiz ist teuer, kalt – und ich habe dort niemanden mehr, der auf mich wartet.

Hier in Thailand habe ich eine Familie. Ich habe ein Zuhause. Ich habe Noi, Fah und das Frühstück auf der Veranda. Das aufzugeben wäre keine Rückkehr – das wäre Kapitulation. Nein, ich bleibe. Aber ich möchte, dass mein Bleiben auf einem soliden Fundament steht. Daran arbeite ich.

Was ich tue, um ruhiger zu schlafen

Ich habe begonnen, meine Situation zu ordnen. Ein Gespräch mit einem Steuerberater steht an – jemand, der sich mit dem Schweizer-Thai-Steuerrecht auskennt. Ich lasse mein Testament aktualisieren, nach Schweizer und nach Thai-Recht. Das kostet – aber es kauft mir etwas Kostbares: Klarheit.

Noi weiß Bescheid, was wo liegt. Wir haben gesprochen – über das Haus, über die Finanzen, über das, was nach mir kommt. Es ist kein einfaches Gespräch für ein Ehepaar. Aber es ist ein wichtiges. Und danach schläft man tatsächlich ein bisschen besser. Meistens jedenfalls.

Trotz allem: Ich würde es wieder tun

Wenn mich jemand fragt, ob ich es bereue, mit 65 alles hinter mir gelassen und hier neu angefangen zu haben: Nein. Keine Sekunde. Das Leben hier hat mir etwas gegeben, das ich in der Schweiz nie mehr gefunden hätte – Wärme, Familie, Sinn. Fah nennt mich Opa. Das reicht.

Die Sorgen bleiben. Sie gehören zum Alter wie die weißen Haare und die steiferen Knie. Aber ich sitze auf meiner Veranda, schaue auf die Hügel und höre Fah im Garten lachen – und denke: So soll es sein. Möge es noch lange so sein. Und möge ich klug genug sein, es zu schützen.

Newsletter abonnieren

Newsletter auswählen:
Abonnieren Sie den täglichen Newsletter des Wochenblitz und erhalten Sie jeden Tag aktuelle Nachrichten und exklusive Inhalte direkt in Ihr Postfach.

Wir schützen Ihre Daten gemäß DSGVO. Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Kommentar zu „Schweizer Rentner in Thailand: Zwischen Glück und Zukunftsangst

  1. Hört sich doch alles gut bis wunderbar an. Ich kenne einige Schweizer, die hier leben und zwei Sachen haben sie alle gemeinsam. Sehr angenehme Menschen und keine Probleme mit den Finanzen (was ich jedem gönne).
    Nette Frau, Enkelin und anscheinend spielt auch der Rest der Familie mit…was will man mehr. Ach ja, Loei und der Norden von Phetchabun werden bei vielen „die Schweiz Thailands“ genannt. Ganz tolle Landschaft, angenehme Temperaturen, der Mekong ist auch nicht fern…passt alles. Natürlich kann man mit 70 langsam anfangen, sich Gedanken über das Ableben zu machen und wie die Frau dann versorgt wird. Das ist aber heutzutage durchs Internet recht gut möglich. Ansonsten sage ich immer: „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“.

Wichtiger Hinweis für unsere Leser

Wir freuen uns auf Ihren Beitrag! Bitte beachten Sie für ein freundliches Miteinander unsere Regeln:

  • Höflichkeit: Keine Beleidigungen, Kraftausdrücke oder Gewaltandrohungen.
  • Sorgfalt: Bitte achten Sie auf die korrekte Schreibweise von Namen.
  • Quellen: Zitate nur mit Namensnennung (Internet-Links/URLs sind nicht erlaubt).
  • Themen: Bitte keine Kritik an der Regierung, der Monarchie oder Diskussionen zur Moderation.
Vorbehalt der Redaktion: Wir behalten uns das Recht vor, Kommentare nachträglich zu bearbeiten oder zu löschen, sollten diese gegen unsere Regeln oder geltendes Recht verstoßen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert