Thai-Frauen: 7 Tage, 12 Stunden, 1 Lächeln – Rechnung folgt

Thailand gilt als Land der Frauen – sie führen Firmen, ernähren Familien und halten den Alltag am Laufen. Nur eines fehlt erstaunlich oft: die offizielle Anerkennung. Ein Rundgang durch Widersprüche, die zum Schmunzeln wären, wenn sie nicht so verdammt wahr wären.

Thai-Frauen: 7 Tage, 12 Stunden, 1 Lächeln – Rechnung folgt
KI-generierte Illustration, erstellt von Google Gemini.
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Thailand, das Land des Lächelns – und wer genau hinschaut, merkt schnell: Das breiteste Lächeln tragen meistens die Frauen, denn sie erledigen auch die meiste Arbeit.

Die Garküche als Weltanschauung

Nop steht um fünf Uhr morgens an ihrer Garküche und kocht scharfe Suppe, während ihr Bruder im Dorf noch schläft und auf das Erbe der Eltern wartet. Jeden Monat schickt sie brav Geld nach Hause. Dass man ihr dafür wenigstens applaudieren könnte, hat noch niemand vorgeschlagen.

Sieben Tage, zwölf Stunden, ein Lächeln. In Europa würde man das „Burnout“ nennen, in Thailand heißt es einfach: Dienstag. Die Debatte über die Frauenquote im Aufsichtsrat hat Nop übrigens noch nicht erreicht – vermutlich, weil sie keine Zeit hat, die Zeitung zu lesen.

Business-Anzug trifft Bambusvorhang

Wer durch Sukhumvit spaziert, sieht selbstbewusste Frauen im Kostüm mit Smartphone am Ohr – Bankfilialleiterinnen, Marketingchefinnen, Medienmacherinnen. Kurz denkt man: Hier hat die Gleichberechtigung gewonnen. Dann schaut man ins Parlament und ernüchtert sich umgehend.

Die Frau verwaltet das Familiengeld, der Mann macht die Gesetze. Eine klassische Arbeitsteilung: Sie weiß, wo der Hase läuft, er unterschreibt die Verordnung über den Hasen. Familiäres Matriarchat trifft institutionelles Patriarchat – Thailand hat beides perfektioniert.

Premierministerin? Aber gerne – solange sie aus der richtigen Familie stammt

Ja, Thailand hatte schon Frauen an der Regierungsspitze. Die Kritiker flüstern allerdings, dass der Aufstieg oft weniger mit Leistung als mit dem richtigen Nachnamen zu tun hatte. Politische Dynastien sind in Thailand das, was Adel in Europa war – nur ohne Krone und mit mehr Pressekonferenzen.

Für eine Frau aus der Arbeiterklasse ist die politische Karriere dagegen ungefähr so realistisch wie ein verschneiter Songkran. Die Netzwerke aus Militär und Bürokratie sind männlicher als eine Stammtischrunde in Bayern – und genauso schwer zu infiltrieren.

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Studiert bis zur Perfektion, bezahlt wird trotzdem weniger

An Thailands Universitäten sind Frauen längst in der Überzahl. Medizin, BWL, Sprachwissenschaften – die Damen räumen ab. Man könnte meinen, das schlägt sich irgendwann im Gehaltsscheck nieder. Man könnte meinen. Es wäre schön.

Ein männlicher Ingenieur verdient 50.000 Baht, seine Kollegin mit gleichem Diplom kommt auf 40.000. Das Gute: Sie hat die Universitätszeit statistisch effizienter genutzt. Das Schlechte: Der Arbeitgeber hat davon offenbar nichts mitbekommen. Der Gender Pay Gap lächelt zurück.

Häusliche Gewalt: Das Thema, über das man nicht spricht – außer heute

„Gesicht wahren“ ist in Thailand eine Kunstform. Leider auch dann, wenn hinter der Haustür Dinge passieren, die eigentlich die Polizei angehen sollten. Viele Frauen trauen sich nicht zur Anzeige – aus Angst, am Ende selbst schräg angeschaut zu werden.

Die Gesetze wurden verschärft, das ist gut. Die lokale Polizei neigt jedoch dazu, häusliche Konflikte als „Familienangelegenheit“ abzuhaken und zur Versöhnung zu raten. Eine Methode, die beim Nachbarn vielleicht klappt, beim Täter aber eher weniger.

Alleinerziehend: Der Vater ist weg, das Unterhaltsrecht auch

Sobald ein Kind kommt oder die Beziehung kriselt, entwickeln erschreckend viele thailändische Männer eine plötzliche Unsichtbarkeit. Das Unterhaltsrecht existiert zwar, ist in der Praxis aber so wirksam wie ein Regenschirm mit Löchern.

Wer als Fabrikarbeiterin für 400 Baht am Tag den Vater ihres Kindes verklagen will, braucht einen Anwalt für mindestens 20.000 Baht Anzahlung. Und mehrere Jahre Geduld. Und Nerven aus Stahl. Und wahrscheinlich einen zweiten Job. Das System hat die Prioritäten klar gesetzt.

Der Buddha segnet – aber nicht alle gleich

Im Theravada-Buddhismus können Männer Mönche werden, geistliches Verdienst ansammeln und die ganze Familie ins spirituelle Plus bringen. Frauen dürfen das offiziell noch immer nicht – zumindest nicht als vollwertige Bhikkhunis. Der Mönchsrat hält eisern an alten Regeln fest.

Praktisch sieht es so aus: Die Frauen stehen morgens auf, kochen Essen, bringen es den Mönchen und halten damit den ganzen Betrieb am Laufen. Die Männer gehen los, nehmen das Essen entgegen und sammeln das spirituelle Verdienst ein. Irgendwie kommt einem das bekannt vor.

Informelle Arbeit: Fleißig, aber rechtlos

Straßenverkäuferin, Masseurin, Hausangestellte – ein riesiger Teil der arbeitenden Frauen Thailands existiert für den Staat de facto nicht. Keine Sozialversicherung, kein Mutterschutz, kein Kündigungsschutz. Wer krank wird, verdient nichts. Das Sicherheitsnetz hat hier eher die Form eines Siebs.

Es gibt staatliche Hilfsprogramme, natürlich. Der Zugang erfordert allerdings so viel Bürokratie, dass man einen eigenen Assistenten bräuchte – den man sich bei dem Lohn wiederum nicht leisten kann. Ein kleiner Kreislauf, den der Gesetzgeber offenbar noch nicht bemerkt hat.

Das offene Geheimnis namens Sexarbeit

Prostitution ist in Thailand illegal. Wer das glaubt und gleichzeitig schon einmal eine beliebige Touristenstraße entlanggegangen ist, darf herzlich lachen. Zehntausende Frauen arbeiten in Bars und Karaoke-Lounges, die Gesellschaft schaut weg – solange die Kasse stimmt.

Da ihre Arbeit offiziell nicht existiert, haben diese Frauen auch keine Rechte. Diskussionen über Legalisierung und Regulierung flammen regelmäßig auf und verlöschen ebenso regelmäßig wieder. Eines der beständigsten Rituale des Landes, leider ohne Ergebnis.

Verhütung ja, Abtreibung: kommt drauf an, wen du fragst

Beim Thema Verhütung ist Thailand vorbildlich – Kondome im Supermarkt, die Pille überall verfügbar, gesellschaftlich kein Problem. Das Abtreibungsrecht wurde zudem reformiert, Schwangerschaftsabbrüche sind nun unter bestimmten Fristen legal. Auf dem Papier ein echter Fortschritt.

In der Praxis verweigern manche Ärzte auf dem Land den Eingriff aus moralischen Gründen. Womit das Recht zwar existiert, aber nur für jene, die auch einen Arzt finden, der es umsetzt. Selbstbestimmung mit Einschränkungen – ein typisch menschliches Kompromissprodukt.

Die junge Generation: laut, vernetzt, ungeduldig

Die gute Nachricht: Junge Frauen in Thailand haben keine Lust mehr auf das alte Spiel. Sie demonstrieren, bloggen, twittern und fordern Dinge ein, über die ihre Großmütter nicht einmal nachgedacht hätten. Uniformpflicht abschaffen, Lehrplan reformieren, Belästigung beenden – auf die Tagesordnung, bitte.

Diese Generation ist digital aufgewachsen und weiß, dass anderswo vieles anders geregelt ist. Der Vergleich macht selbstbewusst. Ihre Mütter haben geschwiegen und gelächelt. Sie lächeln auch – aber während sie die nächste Demo organisieren.

Chefinnen, die lieber Töchter als Söhne einstellen

Thailand hat global gesehen einen der höchsten Anteile an Frauen im Senior Management – ein Fakt, der regelmäßig für Erstaunen sorgt. In Familienunternehmen übernehmen immer öfter die Töchter das Ruder, weil sie als verlässlicher und ehrgeiziger gelten als die Söhne.

Was nichts anderes bedeutet, als dass Thais einfach pragmatisch sind: Wer den Laden am Laufen hält, bekommt den Laden. Das klingt nach gesundem Menschenverstand, ist es auch – und zeigt, dass der Markt manchmal schneller umdenkt als der Gesetzgeber.

Perfekte Mutter, Karrierefrau, Tochter – am besten alles gleichzeitig

Die moderne Thai-Frau soll Karriere machen, gut aussehen, die Eltern pflegen und dabei noch eine Bilderbuchmutter sein. Wer das klaglos hinbekommt, erhält keinen Orden – sondern die Erwartung, es nächste Woche genauso zu machen. Burnout und stressbedingte Erkrankungen nehmen zu. Überraschend ist das nicht.

Das Konzept „Katanyu“ – Dankbarkeit gegenüber den Eltern – drückt traditionell schwerer auf die Schultern der Töchter als auf die der Söhne. Der Sohn heiratet und kümmert sich um die Schwiegereltern. Die Tochter heiratet und kümmert sich um alle. Fairness war wohl nicht das Leitmotiv.

Gesetze, die gut gemeint und selten genutzt werden

Das Gleichstellungsgesetz schaut gut aus im Regal. Angewendet wird es selten, denn ein Anwalt kostet mindestens 20.000 Baht als Anzahlung, die Verfahren dauern Jahre, und die Richterbank ist überwiegend männlich und konservativ. Wer trotzdem klagen will: Mut ist kostenlos.

Ein Systemwandel über die Justiz braucht laut Experten vielleicht Generationen. Die betroffenen Frauen haben Generationen leider nicht zur Verfügung – sie brauchen Hilfe eher bis nächsten Dienstag. Eine gewisse Ungeduld ist also durchaus verständlich.

Lakorns: Wenn das Fernsehen das Frauenbild formt

Jahrzehntelang lieferten Thailands beliebteste Fernsehserien ein klares Frauenbild: entweder sanftes Opfer oder kreischende Furie. Vergewaltigung wurde gelegentlich als dramatischer Erzählkniff romantisiert. Das Publikum schaute zu. Millionen von Menschen, Abend für Abend.

Neuere Produktionen zeigen zum Glück differenziertere Heldinnen, die eigene Entscheidungen treffen und nicht auf Rettung warten. Der kulturelle Wandel im Wohnzimmer ist oft nachhaltiger als der im Parlament. Manchmal ist das Beste, was der Feminismus tun kann: gute Drehbücher schreiben.

Im Vergleich gut – aber kein Grund zur Selbstgefälligkeit

Im regionalen Vergleich steht Thailand gar nicht schlecht da. Frauen dürfen Auto fahren, reisen, Firmen gründen und Eigentum besitzen – ohne die Erlaubnis eines Mannes einholen zu müssen. Das klingt nach Selbstverständlichkeit, ist es in der Region leider noch lange nicht überall.

Allerdings: Der Maßstab sollte nicht das schlechtere Umfeld sein. „Bei uns ist es besser als anderswo“ ist kein Ziel, sondern eine Ausrede. Das Potenzial der thailändischen Gesellschaft verdient mehr als einen Vergleich nach unten und ein beruhigtes Schulterzucken.

Demographischer Wandel: Die Demographie macht, was die Politik nicht schafft

Thailand altert. Die Arbeitskräfte werden weniger. Und plötzlich entdecken Unternehmen, dass gut ausgebildete Frauen existieren – was für eine Überraschung. Wenn Talente rar werden, steigt ihr Marktwert. Der demografische Druck könnte erreichen, woran die Gleichstellungspolitik jahrzehntelang gescheitert ist.

Der Markt hat keine moralischen Überzeugungen, aber er rechnet sehr gut. Wer qualifizierte Mitarbeiter braucht und Frauen schlechter bezahlt, verliert sie an die Konkurrenz. Manchmal ist Eigennutz effizienter als Idealismus – solange das Ergebnis stimmt, darf man darüber hinwegsehen.

Smartphone und Seidenschal: Empowerment aus dem Isaan

Eine Mutter im ländlichen Isaan verkauft ihre handgewebten Seidenschals per Instagram direkt nach Bangkok oder München – 3.000 Baht pro Stück, kein Zwischenhändler, kein Chef, der ihr sagt, was sie tun soll. Das Internet hat mehr für die Wirtschaftsfreiheit getan als manches Gesetz.

E-Commerce in Thailand wird stark von Frauen getrieben. Während Männer über Disruption diskutieren, haben Frauen einfach angefangen zu verkaufen. Wirtschaftliches Empowerment in Reinform – und das ganz ohne Förderprogramm, Antragsformular oder Behördengang.

Fazit: Stark, lächelnd und noch lange nicht fertig

Die thailändische Frau trägt die Familie, schmeißt den Laden, pflegt die Eltern, zahlt die Rechnungen und lächelt dabei. Die strukturelle Macht hat sie noch nicht vollständig. Aber wer sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, erkennt: Das Lenkrad wechselt gerade langsam die Hände.

Die Gleichberechtigung in Thailand ist kein Geschenk, das überreicht wird – sie wird Baht für Baht, Tag für Tag selbst erarbeitet. Von Frauen wie Nop an ihrer Garküche und den Chefinnen in den Hochhaustürmen. Das dauert. Aber es passiert. Und das ist mehr als ein Anfang.

Anmerkung der Redaktion

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4 Kommentare zu „Thai-Frauen: 7 Tage, 12 Stunden, 1 Lächeln – Rechnung folgt

  1. Habe 5 Jahre einer Bus Company als Chef der Electronic geholfen. Habe in dieser Zeit eine Kabelbaumfertigung und eine Softwareentwicklung aufgebaut und mehr. In dieser Zeit wurden in meinem Team die Frauen gleich behandelt. Es ist in den 5 Jahren ein tolles Team entstanden – noch heute habe ich Kontakt mit allen.

  2. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel! Ich stimme allen Punkten zu. Ich kenne einige Frauen wie Nop aus der Familie und Nachbarschaft, und diese Frauen beeindrucken mich jeden Tag. Sie malochen und jammern nicht.
    Und den stillen Wandel bemerke ich auch – ein steter Tropfen.

  3. Immer wieder hört man abfällige Bemerkungen und es wird nur geschmunzelt, wenn jemand sagt „Meine ist anders“. Es soll auch „Aliens“ geben, deren Frauen das Geld verwalten und einer Arbeit nachgehen. Da braucht man als Mann gar keine Gesetze vorgeben, es klappt ganz einfach.

  4. Herrlich rübergebracht und in der Sache völlig richtig. Bei meiner Familie klotzen alle tagtäglich ran wie oben beschrieben, auch der Herr Sohn übrigens. Nur ich alter Zausel kümmere mich tagsüber um Haus und Garten, sowie den Hunden. So ändern sich die Zeiten!

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