Thailand schafft das Bargeld ab?

Thailand erlebt eine digitale Zahlungsrevolution: Mit dem Echtzeit-System PromptPay überholt das Land Europa und entwickelt sich zur Vorzeigegesellschaft im bargeldlosen Bezahlen.

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Eine digitale Revolution im Land des Lächelns

Von der Corona-Krise zur bargeldlosen Gesellschaft: Wie Thailand Europa beim digitalen Bezahlen langsam überholt


Wer in den vergangenen Monate durch Bangkok, Chiang Mai oder selbst durch die entlegensten Dörfer Thailands gereist ist, dem dürfte eine bemerkenswerte Veränderung aufgefallen sein: Überall, wo früher ausschließlich Bargeld den Besitzer wechselte, prangt heute ein QR-Code. Vom Straßenhändler, der Pad Thai für umgerechnet zwei Euro verkauft, bis hin zum Taxifahrer, der seine Kunden durch den Bangkoker Verkehrsdschungel navigiert – alle akzeptieren mittlerweile die digitale Zahlung per Smartphone. Thailand erlebt eine stille Revolution, die das Königreich zu einem der fortschrittlichsten bargeldlosen Gesellschaften der Welt macht.

Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als sie in einem Land stattfindet, das noch vor wenigen Jahren als Hochburg des Bargeldes galt. Während Europa mühsam um die Einführung digitaler Zahlungssysteme ringt und Deutschland weiterhin an seinem geliebten Bargeld festhält, hat Thailand binnen weniger Jahre den Sprung in die digitale Zukunft geschafft. Die Frage ist nicht mehr, ob Thailand das Bargeld abschafft, sondern wann dieser Prozess vollständig abgeschlossen sein wird.

Der Siegeszug von PromptPay: Eine nationale digitale Infrastruktur

Das Herzstück der thailändischen Zahlungsrevolution trägt den Namen PromptPay – ein nationales Echtzeit-Überweisungssystem, das 2017 von der Bank of Thailand eingeführt wurde. Anders als in Europa, wo verschiedene private Anbieter um die Vorherrschaft kämpfen, setzte Thailand von Anfang an auf eine einheitliche, staatlich geförderte Lösung. PromptPay ermöglicht es jedem Bürger, kostenlose Überweisungen in Echtzeit mit einer einfachen Telefonnummer oder Personalausweisnummer durchzuführen – ohne Bankgebühren, ohne komplizierte IBAN-Nummern, ohne Wartezeiten.

Der Clou des Systems liegt in seiner Einfachheit: Ein QR-Code genügt, um Geld zu senden oder zu empfangen. Diese Technologie erwies sich als so benutzerfreundlich, dass selbst ältere Menschen und Personen mit geringer Technikaffinität sie schnell adaptierten. Innerhalb von nur fünf Jahren nach der Einführung nutzen heute über 50 Millionen Thailänder – mehr als zwei Drittel der Bevölkerung – regelmäßig PromptPay. Die täglichen Transaktionen über das System erreichen mittlerweile Werte von mehreren Milliarden Baht.

Die Regierung unterstützte die Einführung mit gezielten Anreizen: Steuererleichterungen für Händler, die digitale Zahlungen akzeptieren, kostenlose QR-Code-Geräte für kleine Unternehmen und Aufklärungskampagnen in ländlichen Gebieten. Diese koordinierte Herangehensweise unterscheidet sich fundamental von der fragmentierten Landschaft digitaler Bezahlsysteme in Europa, wo PayPal, Apple Pay, Google Pay und nationale Lösungen miteinander konkurrieren, ohne dass eine einheitliche Infrastruktur entstanden ist.

Corona als Katalysator: Hygiene trifft auf Technologie

Die COVID-19-Pandemie wirkte für Thailands digitale Zahlungsrevolution wie ein Brandbeschleuniger. Was zuvor als praktische Alternative zum Bargeld beworben wurde, entwickelte sich plötzlich zur hygienischen Notwendigkeit. Die Angst vor einer Ansteckung durch kontaminierte Geldscheine und Münzen trieb selbst die konservativsten Verbraucher in die Arme der kontaktlosen Bezahlung. Binnen weniger Monate verdoppelte sich die Nutzung von PromptPay, und auch traditionelle Branchen wie Märkte, Tempel und lokale Restaurants stellten ihre Zahlungssysteme um.

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Besonders bemerkenswert war die Geschwindigkeit, mit der sich kleine Händler und Straßenverkäufer anpassten. Während in Deutschland noch über die Hygiene von Bargeld diskutiert wurde, hatten thailändische Som-Tam-Verkäufer bereits QR-Codes an ihren Ständen angebracht. Die Regierung unterstützte diesen Wandel durch spezielle Corona-Hilfsprogramme, die an die Nutzung digitaler Zahlungssysteme gekoppelt waren. Wer staatliche Unterstützung erhielt, musste diese über digitale Kanäle beantragen und empfangen – ein cleverer Schachzug, der Millionen von Thailändern erstmals mit PromptPay in Kontakt brachte.

Die Pandemie offenbarte auch die Schwächen bargeldbasierter Systeme: Geldautomaten waren zeitweise nicht verfügbar, Banken schlossen ihre Filialen, und der Umgang mit physischem Geld wurde zum Gesundheitsrisiko. PromptPay hingegen funktionierte reibungslos weiter und erwies sich als krisenfest. Diese Erfahrung prägte das Vertrauen der Thailänder in digitale Zahlungssysteme nachhaltig und beschleunigte einen Wandel, der andernfalls möglicherweise Jahre gedauert hätte.

Die Anatomie des thailändischen Erfolgs

Der Erfolg Thailands beim Übergang zur bargeldlosen Gesellschaft beruht auf mehreren Faktoren, die in ihrer Kombination einzigartig sind. Zunächst die technologische Infrastruktur: Thailand investierte massiv in den Ausbau des Mobilfunknetzes und erreichte bereits vor der PromptPay-Einführung eine Smartphone-Penetration von über 80 Prozent. Diese Basis war entscheidend, denn ohne flächendeckende Internetverbindung hätte auch das beste Zahlungssystem nicht funktioniert.

Zweitens spielte die kulturelle Offenheit für neue Technologien eine wichtige Rolle. Thailänder gelten als frühe Adopter digitaler Innovationen – ein Phänomen, das sich bereits bei der rasanten Verbreitung sozialer Medien wie Facebook und Line zeigte. Die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, gepaart mit einem pragmatischen Ansatz gegenüber Technologie, schuf ideale Voraussetzungen für die digitale Zahlungsrevolution. Anders als in manchen europäischen Ländern gab es wenig ideologische Widerstände gegen die Digitalisierung des Geldverkehrs.

Drittens erwies sich die Einbeziehung der informellen Wirtschaft als Schlüsselfaktor. In Thailand arbeitet ein Großteil der Bevölkerung in kleinen, oft unregistrierten Betrieben – von Garküchen über Motorradtaxis bis hin zu Marktständen. Statt diese Bereiche zu ignorieren oder zu regulieren, entwickelte die Regierung PromptPay gezielt für die Bedürfnisse der informellen Wirtschaft. Keine Registrierung, keine Gebühren, keine komplizierten Verfahren – das System funktioniert für alle, unabhängig vom formalen Status des Geschäfts. Diese Inklusivität unterscheidet Thailand fundamental von europäischen Ansätzen, die oft auf formelle Geschäftsstrukturen ausgerichtet sind.

Deutschland: Bargeldliebe als kulturelles Phänomen

Deutschland präsentiert sich als Kontrastprogramm zu Thailand. Trotz einer hochentwickelten Technologieinfrastruktur und einer der stärksten Volkswirtschaften der Welt hinkt die Bundesrepublik bei der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs deutlich hinterher. Noch immer werden rund 60 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld abgewickelt – ein Wert, der in Thailand mittlerweile bei unter 30 Prozent liegt. Diese Diskrepanz lässt sich nicht allein durch technologische Unterschiede erklären, sondern wurzelt tief in der deutschen Kultur und Geschichte.

Die deutsche Bargeldliebe hat historische Wurzeln: Zwei Währungsreformen im 20. Jahrhundert, Hyperinflation und die Erfahrung der DDR-Überwachung prägten das Vertrauen in physisches Geld als Garant für Privatsphäre und Wertstabilität. „Nur Bares ist Wahres“ – dieser Leitsatz spiegelt eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber digitalen Zahlungssystemen wider. Hinzu kommt die Sorge um Datenschutz und Privatsphäre, die in Deutschland ausgeprägter ist als in den meisten anderen Ländern. Viele Deutsche fürchten die totale Überwachung ihrer Ausgaben durch Banken, Staat oder Technologiekonzerne.

Diese Haltung wird durch die fragmentierte Landschaft digitaler Bezahlsysteme verstärkt. Anders als Thailand mit seinem einheitlichen PromptPay kämpfen in Deutschland verschiedene Anbieter um Marktanteile: die Girocard der Banken, internationale Systeme wie Visa und Mastercard, Tech-Giganten wie Apple und Google sowie deutsche Lösungen wie Paydirekt. Diese Vielfalt schafft Verwirrung bei Verbrauchern und Händlern, die nicht wissen, welches System sie wählen sollen. Während ein thailändischer Straßenhändler einen einzigen QR-Code benötigt, müss deutsche Geschäfte mehrere Terminals vorhalten – ein kostspieliger und komplexer Ansatz, der die Adoption hemmt.

Schweden: Der Vorreiter mit Schatten

Schweden gilt oft als Europas Vorbild für die bargeldlose Gesellschaft. Tatsächlich ist das skandinavische Land Deutschland bei der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs Jahre voraus: Nur noch etwa 10 Prozent aller Transaktionen werden bar abgewickelt, und viele Geschäfte akzeptieren überhaupt kein Bargeld mehr. Diese Entwicklung wurde durch das schwedische System Swish vorangetrieben, eine mobile Zahlungsapp, die von den größten Banken des Landes gemeinsam entwickelt wurde und ähnlich unkompliziert funktioniert wie PromptPay in Thailand.

Der schwedische Erfolg beruht auf ähnlichen Faktoren wie in Thailand: eine koordinierte Herangehensweise der Finanzindustrie, starke staatliche Unterstützung und eine technologieaffine Bevölkerung. Swish wurde 2012 eingeführt und erreichte binnen weniger Jahre eine Marktdurchdringung von über 80 Prozent. Die App ermöglicht Echtzeit-Überweisungen mit Telefonnummern, ähnlich wie PromptPay, und wird von nahezu allen schwedischen Banken unterstützt. Diese Einheit der Finanzbranche fehlt in Deutschland, wo jede Bank ihre eigenen digitalen Lösungen vorantreibt.

Doch der schwedische Weg zeigt auch Schattenseiten auf, die in Thailand bisher weniger diskutiert werden. Die rapide Abschaffung des Bargeldes führte zur sozialen Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen: Ältere Menschen, Migranten ohne Bankkonto und Personen mit schlechter Bonität haben teilweise keinen Zugang mehr zum Zahlungsverkehr. Die schwedische Zentralbank warnte bereits vor den Risiken einer vollständig bargeldlosen Gesellschaft für die finanzielle Inklusion. In Thailand hingegen ermöglichte die niedrigschwellige Struktur von PromptPay auch bisher ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen den Zugang zu digitalen Zahlungsmitteln.

Chancen und Risiken der digitalen Transformation

Die thailändische Erfolgsgeschichte ist nicht frei von Herausforderungen und Risiken. Die zunehmende Abhängigkeit von digitalen Zahlungssystemen macht die Wirtschaft anfällig für Cyberangriffe und technische Störungen. Ein großflächiger Ausfall von PromptPay könnte das gesamte Wirtschaftsleben lahmlegen – ein Risiko, das bei einer bargeldbasierten Wirtschaft nicht besteht. Zudem entstehen neue Formen der sozialen Kontrolle: Jede digitale Transaktion hinterlässt Spuren, die vom Staat oder von Unternehmen zur Überwachung genutzt werden könnten.

Auf der anderen Seite bietet die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs erhebliche volkswirtschaftliche Vorteile. Die Kosten für den Umgang mit Bargeld – Transport, Lagerung, Sicherheit – entfallen weitgehend. Steuerhinterziehung wird erschwert, da alle Transaktionen dokumentiert sind. Kleine Unternehmen erhalten Zugang zu Finanzdienstleistungen, die ihnen zuvor verwehrt blieben, da ihre Umsätze nun digital nachverfolgbar sind. Die Effizienz des gesamten Zahlungsverkehrs steigt dramatisch: Was früher Stunden oder Tage dauerte, geschieht in Sekundenschnelle.

Besonders bemerkenswert ist die Demokratisierung des Zugangs zu Finanzdienstleistungen. In Thailand haben heute Millionen von Menschen Zugang zu digitalen Zahlungsmitteln, die niemals ein Bankkonto besaßen. PromptPay funktioniert auch für Personen ohne formelle Kreditgeschichte oder festes Einkommen – eine Inklusivität, die traditionelle Bankensysteme selten erreichen. Diese Entwicklung könnte als Vorbild für andere Entwicklungs- und Schwellenländer dienen, in denen große Teile der Bevölkerung vom formellen Finanzsektor ausgeschlossen sind.

Die Zukunft des Geldes: Lehren aus Thailand

Thailand zeigt, dass der Übergang zur bargeldlosen Gesellschaft nicht nur möglich, sondern auch sozial verträglich gestaltet werden kann – vorausgesetzt, die richtigen politischen und technologischen Weichenstellungen werden getroffen. Der Erfolg von PromptPay beruht auf drei Säulen: Einfachheit, Inklusivität und staatliche Koordination. Während Europa noch über Standards diskutiert und Deutschland an der Bargeldliebe festhält, hat Thailand bereits Fakten geschaffen.

Die Lehren aus Thailand sind klar: Eine erfolgreiche Digitalisierung des Zahlungsverkehrs erfordert mehr als nur bessere Technologie. Sie benötigt eine kohärente Strategie, die alle Bevölkerungsschichten mitnimmt, sowie den politischen Willen, bestehende Strukturen zu überwinden. Europa täte gut daran, von Thailands Erfahrungen zu lernen, statt weiterhin auf fragmentierte nationale Lösungen zu setzen. Die Zeit des Experimentierens geht zu Ende – die Zukunft des Geldes wird digital sein, und Thailand zeigt, wie dieser Weg erfolgreich beschritten werden kann.

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