Thailand ist weltberühmt für seine Strände, Tempel und das pulsierende Nachtleben. Doch eine Facette bleibt für viele Touristen und Expats im Verborgenen: das Glücksspiel. Während im Westen Spielbanken und Online-Casinos längst zur Normalität gehören, sind sie in Thailand streng verboten. Hinter diesem Verbot steckt eine Mischung aus buddhistischer Tradition, staatlicher Kontrolle und gesellschaftlicher Angst vor Spielsucht.
Ein Land zwischen Moral und Verlockung
Gleichzeitig aber boomt die Sehnsucht nach dem schnellen Gewinn. Millionen Thais kaufen Monat für Monat Lottoscheine, setzen heimlich auf Fußballspiele oder besuchen illegale Spielhöllen. Und genau hier zeigt sich die Kuriosität des thailändischen Glücksspielrechts: Zwischen drakonischen Verboten und staatlicher Doppelmoral hat sich ein System entwickelt, das weltweit einzigartig ist.
Das Gesetz der Karten: 120 Stück reichen
Eines der bizarrsten Glücksspielgesetze Thailands betrifft ausgerechnet etwas so Harmloses wie Spielkarten. Seit 1935 regelt der sogenannte Playing Cards Act den privaten Besitz. Demnach darf niemand mehr als 120 Spielkarten besitzen.
Klingt absurd – hat aber einen ernsten Hintergrund. Karten galten lange als Symbol für illegale Glücksspielrunden, die der Staat eindämmen wollte. Noch heute kommt es vor, dass Polizei bei privaten Pokerrunden Hausdurchsuchungen durchführt und Karten beschlagnahmt. Selbst Bridge-Turniere internationaler Verbände wurden schon gestürmt, weil die Behörden einen Verstoß witterten.
Für Touristen kaum vorstellbar: Wer in Thailand mit Freunden Karten spielt, muss stets beweisen können, dass es sich um reine Unterhaltung ohne Geldeinsatz handelt.
Pferderennen: Tradition schlägt Moderne
Während fast jede Form des Glücksspiels in Thailand verboten ist, gibt es eine bemerkenswerte Ausnahme: Pferderennen. In Bangkok betreiben traditionsreiche Jockey-Clubs Rennbahnen, auf denen ganz legal gewettet werden darf.
Das Privileg stammt aus der Zeit von König Rama VI. (Anfang des 20. Jahrhunderts), der Pferderennen als moderne Unterhaltung und Symbol für den gesellschaftlichen Fortschritt betrachtete. Noch heute pilgern Fans an Renntagen in Scharen dorthin – eine legale Oase in einem ansonsten streng regulierten Umfeld.
Ironischerweise sind die bei jungen Thais so beliebten Fußballwetten strikt verboten. Millionen setzen trotzdem während der Premier League auf Spiele, aber immer im Untergrund – mit hohem Risiko, bei einer Razzia erwischt zu werden.
Die staatliche Lotterie: Moral mit Doppelkasse
Eine weitere Ausnahme ist die Thai Government Lottery, die zweimal im Monat gezogen wird. Offiziell gilt sie als einzige legale Lotterie des Landes. Millionen Menschen, ob arm oder reich, kaufen Lose und hoffen auf den Jackpot.
Für den Staat ist das Geschäft höchst lukrativ: Ein Großteil der Einnahmen fließt direkt in die Staatskasse. Private Lotterien hingegen sind streng verboten. Kleine Straßenhändler, die eigene Mini-Lotterien anbieten, riskieren hohe Geldstrafen oder sogar Gefängnis.
Die Absurdität liegt auf der Hand: Während die Regierung Glücksspiel offiziell verbietet, verdient sie selbst Milliarden mit ihrer eigenen Lotterie.
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Illegale Casinos – geduldet bis zum Skandal
Wer in Bangkok, Pattaya oder Chiang Mai unterwegs ist, weiß: Offiziell gibt es keine Casinos. Inoffiziell aber existieren zahlreiche illegale Spielhöllen, in denen Baccarat, Roulette und Poker gespielt werden.
Die Behörden wissen davon – und greifen meist nur dann durch, wenn politischer Druck entsteht oder internationale Schlagzeilen drohen. Dann kommt es zu spektakulären Razzien, bei denen Hunderte von Spielern festgenommen werden. Doch nur wenige Wochen später öffnen dieselben Etablissements an anderer Stelle wieder.
Dieser Kreislauf zeigt die tiefe Ambivalenz des Systems: Verbot und Duldung existieren nebeneinander, und viele Spieler nehmen die Risiken in Kauf.
Spielautomaten: Von der Bar in den Hinterhof
Auch Spielautomaten sind offiziell verboten. Dennoch findet man in Hinterzimmern von Bars und kleinen Läden immer wieder sogenannte „Fish Machines“ – eine Mischung aus Videospiel und Glücksspielautomat.
Die Betreiber tarnen sie gern als harmlose Unterhaltungsspiele. Kommt die Polizei zur Razzia, werden die Geräte abgedeckt oder in Windeseile abtransportiert. Doch wie beim Katz-und-Maus-Spiel tauchen sie wenige Tage später an anderer Stelle wieder auf.
Online-Glücksspiel: Die Grauzone des Internets
Mit dem Aufstieg des Internets hat sich eine neue Glücksspielwelt eröffnet – auch in Thailand. Offiziell sind Online-Casinos streng verboten, und die Regierung sperrt regelmäßig Domains von Glücksspielanbietern.
Doch viele Seiten haben ihre Server im Ausland. Für thailändische Nutzer ist der Zugang oft nur einen VPN-Klick entfernt. Gerade junge Spieler entdecken so den Weg ins virtuelle Casino.
Rein rechtlich begeben sie sich damit auf dünnes Eis: Wer erwischt wird, riskiert hohe Geldstrafen. In der Praxis aber sind Kontrollen schwierig, und viele bleiben unbehelligt.
Glücksspiel und Religion: Buddhistische Feiertage als Tabuzone
Ein besonderer Aspekt thailändischer Glücksspielgesetze ist der Einfluss der Religion. An wichtigen buddhistischen Feiertagen wird Glücksspiel noch strenger überwacht.
In Tempeln kommt es dann vor, dass selbst harmlose Würfelspiele oder Bingo-Runden untersagt werden, sobald Geld im Spiel ist. Gleichzeitig verkaufen staatlich lizenzierte Händler direkt vor den Tempeln ihre Lotterielose – ein Widerspruch, der für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar ist.
Glücksspiel bei Beerdigungen: Zwischen Trauer und Tradition
Trauer und Glücksspiel – ein Widerspruch?
Thailand ist ein Land voller Rituale und Traditionen. Beerdigungen sind normalerweise sehr formell, geprägt von Respekt, buddhistischen Zeremonien und familiärer Trauer. Doch in einigen Regionen, besonders im Nordosten (Isaan), ist es nicht unüblich, dass Geldspiele oder kleine Wetten während der Beerdigung stattfinden.
Ursprung: Geld sammeln für das Begräbnis
Die meisten dieser Glücksspiele sind eng mit dem Brauch verbunden, Geld für die Beerdigung zu sammeln. Beerdigungen können sehr teuer sein – besonders für aufwändige Zeremonien oder große Familien. Deshalb werden Spiele wie Kartenspiele, Würfel oder kleine Lotterien veranstaltet, bei denen Gäste teilnehmen können.
- Die Idee: Wer spielt, kann gleichzeitig sein Mitgefühl zeigen, der Familie helfen und etwas Spannung in die ansonsten triste Atmosphäre bringen.
- Die Einnahmen werden traditionell verwendet, um die Kosten für die Zeremonie oder Spenden für Mönche zu decken.
Gesetzliche Lage
Offiziell gilt in Thailand: Glücksspiel ist verboten, auch bei Beerdigungen. In der Praxis wird jedoch oft ein Auge zugedrückt, solange:
- Es sich um private, kleine Spiele handelt.
- Kein kommerzieller Gewinn dahintersteht.
- Die Veranstaltung respektvoll bleibt und den religiösen Rahmen nicht stört.
Kuriositäten und Konflikte
- In manchen Dörfern gibt es organisierte Mini-Turniere, bei denen sogar Preise vergeben werden – ein Mix aus Trauer, Unterhaltung und Sozialritual.
- Polizei und Behörden greifen selten ein, solange es lokal begrenzt ist und niemand öffentlich Schaden nimmt.
- Touristen, die das mitspielen wollen, sollten vorsichtig sein – die Grauzone bleibt riskant, und das Gesetz könnte theoretisch angewendet werden.
Bedeutung im sozialen Kontext
- Glücksspiel bei Beerdigungen ist nicht primär Spaß, sondern ein Mittel, Solidarität und Gemeinschaft zu zeigen.
- Es dient gleichzeitig als finanzielle Unterstützung für die Familie und als geselliges Ritual, das das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt.
Warum bleibt Thailand so streng?
Die strikte Haltung gegenüber Glücksspiel hat mehrere Gründe:
- Buddhistische Ethik: Glücksspiel gilt als „falscher Weg“ und steht im Widerspruch zu moralischen Prinzipien wie Achtsamkeit und Selbstdisziplin.
- Gesellschaftliche Angst: Spielsucht ist in Thailand weit verbreitet und gilt als Gefahr für Familienstrukturen.
- Staatliche Kontrolle: Indem die Regierung selbst die Lotterie betreibt, behält sie ein Monopol über die größten Einnahmequellen.
- Korruption und Machtpolitik: Illegale Casinos dienen oft als Einnahmequelle für lokale Netzwerke, die eng mit Politik und Polizei verflochten sind.
Ausblick: Legalisierung in Sicht?
Immer wieder taucht in der politischen Debatte die Frage auf, ob Thailand offizielle Casinos legalisieren sollte. Befürworter argumentieren, dass Milliarden an Steuergeldern ins Land fließen könnten – ähnlich wie in Singapur oder Macau. Kritiker verweisen auf die Gefahren für die Gesellschaft und die religiösen Tabus.
Bislang aber bleibt alles beim Alten: eine offizielle Ablehnung, inoffizielle Duldung und ein florierender Schwarzmarkt.
Kurzum
Glücksspiel in Thailand ist ein Paradebeispiel für gesetzliche Widersprüche und gesellschaftliche Doppelmoral. Während der Staat offiziell auf Moral pocht, verdienen seine Lotterien Milliarden. Während illegale Casinos verboten sind, wissen viele, wo man sie findet. Und während Spielkarten als Bedrohung gelten, tippen Millionen Thais heimlich auf Fußballspiele.
Für Touristen und Expats bedeutet das: Vorsicht ist geboten. Wer glaubt, ein harmloses Kartenspiel oder ein Online-Pokerturnier sei unproblematisch, riskiert im Ernstfall harte Strafen. Gleichzeitig zeigt sich: In keinem anderen Land der Welt sind die Regeln rund ums Glücksspiel so kurios, widersprüchlich – und faszinierend wie in Thailand.


