Thailand-Steuern: Meldepflicht für Ausländer

Thailand-Steuern: Meldepflicht für Ausländer
KI-generierte Illustration, erstellt von Google Gemini.

Wenn die Wahrheit zur Gefahr wird

Walter S., ein deutscher Geschäftsmann in Bangkok, beobachtete seit Monaten, wie sein thailändischer Geschäftspartner systematisch Einnahmen am Finanzamt vorbeischleuste. Die Summen waren erheblich, die Konsequenzen potenziell verheerend. Doch was würde passieren, wenn er die Behörden informierte? Würde er selbst ins Visier geraten? Könnte er seine Arbeit verlieren?

Diese Fragen stellen sich viele Ausländer in Thailand, wenn sie Zeuge von Steuerverstößen werden. Seit Juni 2025 hat sich die rechtliche Situation für Whistleblower grundlegend verändert. Das Königreich hat sein Anti-Korruptionsgesetz reformiert und bietet nun erstmals umfassenden Schutz für Hinweisgeber.

Die neue Ära des Hinweisgeberschutzes

Am 5. Juni 2025 trat das Organic Act on Anti-Corruption (No. 2) B.E. 2568 in Kraft. Diese Gesetzesnovelle markiert einen Wendepunkt im Umgang mit Korruptionsmeldungen. Während das ursprüngliche Anti-Korruptionsgesetz von 2018 bereits Grundlagen schuf, fehlten konkrete Mechanismen zum Schutz der Informanten.

Die Änderungen schließen diese Lücke systematisch. Paragraph 132 des Gesetzes wurde umfassend überarbeitet und gewährt Whistleblowern nun ausdrückliche Immunität vor rechtlichen und disziplinarischen Konsequenzen. Wer Korruption meldet, darf nicht mehr entlassen, degradiert oder auf andere Weise benachteiligt werden.

Revenue Department unter Beobachtung

Das thailändische Finanzamt, offiziell Revenue Department genannt, steht seit Jahren unter besonderer Beobachtung. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatte in mehreren Berichten zwischen 2018 und 2024 deutliche Empfehlungen ausgesprochen: bessere Koordination zwischen Anti-Korruptionsbehörden, Verbesserung des Vermögensregisters für Beamte und vor allem stärkerer Schutz für Whistleblower.

Die thailändische Regierung reagierte. Neben den gesetzlichen Änderungen implementierte das Revenue Department neue digitale Kontrollsysteme. Die Plattform DBD Biz Regist verknüpft Unternehmensdaten in Echtzeit mit Steuerunterlagen. Algorithmen erkennen verdächtige Muster – etwa wenn dieselben thailändischen Strohmänner in mehreren Firmen als passive Anteilseigner auftauchen.

Ausländer im Fokus der Steuerbehörde

Für die geschätzt 300.000 bis 500.000 dauerhaft in Thailand lebenden Ausländer bedeuten die Entwicklungen erhebliche Veränderungen. Seit 2024 müssen alle ausländischen Residenten, die mehr als 180 Tage im Königreich verbringen, Steuererklärungen einreichen. Dies betrifft sämtliche Einkünfte, die nach Thailand überwiesen werden.

Die Frist für die Steuererklärung 2024 endete am 31. März 2025. Elektronische Abgaben waren bis zum 8. April möglich. Laut einer Umfrage des Thai Examiner planten jedoch nur 42 Prozent der betroffenen Ausländer, ihrer Pflicht nachzukommen. Die Mehrheit von 58 Prozent wollte keine Erklärung abgeben.

Wenn Nachbarn zu Hinweisgebern werden

In englischsprachigen Online-Foren häufen sich Berichte von Ausländern, die von Nachbarn oder Bekannten aufgefordert wurden, zum Revenue Office zu gehen. Manche Forumsteilnehmer berichten von angeblichen Zahlungsverpflichtungen in Höhe von fünf Prozent aller aus dem Ausland überwiesenen Beträge.

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Diese Aussagen sind nicht korrekt. Die tatsächliche Steuerlast hängt von der Art des Einkommens und den Doppelbesteuerungsabkommen ab. Thailand hat mit 95 Prozent aller Herkunftsländer ausländischer Residenten entsprechende Verträge abgeschlossen. Allerdings unterscheiden sich diese Abkommen erheblich voneinander.

Die Mechanismen der neuen Whistleblower-Regelung

Das reformierte Anti-Korruptionsgesetz etabliert konkrete Schutzmechanismen. Hinweisgeber können sich an verschiedene Stellen wenden: die National Anti-Corruption Commission (NACC), die Public Sector Anti-Corruption Commission oder direkt an spezialisierte Abteilungen innerhalb des Revenue Department.

Besonders bedeutsam ist die Anonymitätsoption. Whistleblower können ihre Identität verbergen, sofern sie ausreichend detaillierte Informationen und Beweismittel vorlegen. Die Behörden sind verpflichtet, innerhalb von drei Monaten zu reagieren. Geschieht dies nicht, dürfen Hinweisgeber an die Medien gehen, ohne ihren Schutzstatus zu verlieren.

Unternehmen unter Druck

Parallel zu den individuellen Schutzrechten verschärfte Thailand die Anforderungen an Unternehmen. Im Oktober 2024 veröffentlichte das Anti-Corruption Cooperation Committee neue Richtlinien für öffentliche Ausschreibungen. Diese treten am 13. April 2025 in Kraft.

Der Schwellenwert für verpflichtende Anti-Korruptionsmaßnahmen sank von 500 Millionen Baht (etwa 13,5 Millionen Euro) auf 300 Millionen Baht (rund 8,1 Millionen Euro). Unternehmen, die an entsprechenden Projekten teilnehmen wollen, müssen dokumentierte Verhaltenskodizes vorweisen, Whistleblower-Hotlines einrichten und jährliche Anti-Korruptionsschulungen durchführen.

Die Realität der Durchsetzung

Trotz der rechtlichen Fortschritte bleiben Zweifel an der konsequenten Umsetzung. Thailands Bewertung im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International zeigt nur langsame Verbesserungen. Die Fragmentierung der Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Behörden erschwert effektive Ermittlungen.

Die OECD kritisierte 2024 erneut die mangelnde Datenkollektierung zu Korruptionsfällen. Ohne systematische Erfassung lassen sich Trends und Erfolge kaum bewerten. Zudem fehlen Anreize für Whistleblower. Anders als in manchen anderen Ländern sieht das thailändische Recht keine Strafmilderung für Personen vor, die an illegalen Aktivitäten beteiligt waren und diese später melden.

Risikogruppen im Visier

Für 2025 kündigte das Revenue Department verstärkte Kontrollen in Hochrisikosektoren an. Über 46.900 Unternehmen sollen überprüft werden, besonders im Immobiliensektor (Phuket, Bangkok), Tourismus, E-Commerce, Logistik, Landwirtschaft und Bauwesen.

Die Behörden führen unangekündigte Betriebsprüfungen durch und befragen thailändische Anteilseigner zu ihrem tatsächlichen Geschäftsverständnis und finanziellen Engagement. Diese Maßnahmen zielen auf die Aufdeckung von Nominee-Strukturen ab, bei denen ausländische Investoren illegale Eigentumskonstruktionen verschleiern.

Der Fall Phuket als Warnung

Ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2024 demonstriert die Ernsthaftigkeit der Durchsetzung. In Phuket führte die Aufdeckung von Nominee-Strukturen zu strafrechtlichen Verurteilungen. Die Gerichte stellten klar, dass sie bei der Bewertung auf die tatsächliche Kontrolle und Finanzierungsquelle achten, unabhängig von formal korrekten Dokumenten.

Dieser Präzedenzfall signalisiert ausländischen Investoren: Papierkonstruktionen bieten keinen Schutz mehr. Die Vernetzung von Unternehmensdaten und Steuerinformationen macht Ungereimtheiten schnell sichtbar. Rote Flaggen sind fehlende Nachweise über Kapitalquellen thailändischer Gesellschafter oder ausbleibende Dividendeneinkommen bei angeblichen Anteilseignern.

Whistleblowing in der Praxis

Wer tatsächlich Korruption beim Revenue Department melden möchte, sollte systematisch vorgehen. Zunächst ist eine sorgfältige Dokumentation unerlässlich. Beweise wie E-Mails, Verträge, Kontoauszüge oder Zeugenaussagen stärken die Glaubwürdigkeit erheblich.

Die Meldung kann schriftlich oder elektronisch erfolgen. Viele thailändische Unternehmen haben eigene Compliance-Abteilungen mit Whistleblower-Hotlines eingerichtet. Dort werden Hinweise entgegengenommen und untersucht. Bei Bestätigung drohen den Verantwortlichen disziplinarische Maßnahmen oder rechtliche Schritte.

Die internationale Dimension

Thailands Reformen stehen nicht isoliert. Der Druck kommt auch von außen. Internationale Investoren fordern Transparenz und Rechtssicherheit. Thailands schlechte Platzierung im OECD-Index zur Beschränkung ausländischer Direktinvestitionen (FDIRRI) erfordert nachweisbare Fortschritte gegen Umgehungskonstruktionen.

Die Integration mit globalen Standards wird vorangetrieben. Das reformierte Korruptionsgesetz erweitert den Korruptionsbegriff über nationale Bestechung hinaus und berücksichtigt internationale Dimensionen. Unternehmen können sich nun unter verschiedenen internationalen Anti-Korruptionsstandards zertifizieren lassen.

Steuerliche Spielräume und Grenzen

Die neuen Steuerpflichten für Ausländer werfen komplexe Fragen auf. Doppelbesteuerungsabkommen bieten theoretisch Schutz, doch die praktische Anwendung bleibt unklar. Das Revenue Department hat bisher keine detaillierten Richtlinien veröffentlicht, wie genau Einkommen aus verschiedenen Quellen behandelt wird.

Renteneinnahmen, Kapitalerträge, Vermietungseinkünfte oder Unternehmensgewinne – jede Kategorie könnte unterschiedlich besteuert werden. Die Abkommen mit Deutschland, Großbritannien oder den USA unterscheiden sich in wesentlichen Details. Wer Sicherheit sucht, muss professionelle Steuerberatung in Anspruch nehmen.

Kulturelle Herausforderungen

Die Implementierung von Whistleblower-Schutz trifft auf kulturelle Widerstände. In der thailändischen Gesellschaft gilt das Prinzip der Harmonie und Gesichtswahrung. Offene Konfrontation widerspricht traditionellen Werten. Wer Vorgesetzte oder Geschäftspartner öffentlich beschuldigt, riskiert soziale Isolation.

Diese kulturellen Faktoren erklären teilweise die Zurückhaltung bei Korruptionsmeldungen. Trotz rechtlicher Garantien fürchten potenzielle Whistleblower informelle Nachteile – vom Karriereknick bis zur gesellschaftlichen Ächtung. Die Gesetzgeber erkennen dieses Dilemma, haben aber noch keine Lösung gefunden.

Was Expats wissen müssen

Ausländer in Thailand sollten mehrere Punkte beachten. Erstens: Die Steuerpflicht ist real und wird durchgesetzt. Ignorieren ist keine Option mehr. Die Vernetzung der Behörden macht Verstöße wahrscheinlicher erkennbar.

Zweitens: Bei Kenntnis von Steuerverstößen anderer besteht keine generelle Meldepflicht für Privatpersonen. Wer jedoch als Angestellter oder Geschäftsführer in ein Unternehmen involviert ist, kann mitverantwortlich gemacht werden. Hier schützt der Whistleblower-Status.

Drittens: Die rechtliche Situation bleibt dynamisch. Weitere Änderungen und Präzisierungen sind zu erwarten. Regelmäßige Information über aktuelle Entwicklungen ist unerlässlich.

Der Blick nach vorn

Thailand bewegt sich schrittweise Richtung Transparenz und Rechtsstaatlichkeit. Die Whistleblower-Reformen sind ein wichtiger Baustein. Doch zwischen Gesetz und Wirklichkeit klafft noch eine Lücke.

Die OECD wird die Umsetzung weiterhin kritisch begleiten. Für 2025 und 2026 stehen weitere Überprüfungen an. Internationale Investoren beobachten genau, ob Thailand seinen Worten Taten folgen lässt.

Schutz oder Illusion?

Zurück zu Walter S., dem deutschen Geschäftsmann. Nach reiflicher Überlegung und juristischer Beratung entschied er sich für die Meldung. Das Revenue Department nahm seine Hinweise ernst und leitete eine Untersuchung ein. Walter wurde nicht genannt, sein Arbeitsplatz blieb sicher.

Sein Fall zeigt: Das System kann funktionieren. Doch er zeigt auch die Grenzen. Die Untersuchung zog sich über Monate hin. Der Ausgang blieb unklar. Und Walter fragte sich, ob er richtig gehandelt hatte.

Die neuen Gesetze bieten Rahmen und Schutz. Ob sie Vertrauen schaffen und Korruption tatsächlich eindämmen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Für Ausländer in Thailand bedeutet die Entwicklung vor allem eines: Steuerehrlichkeit ist nicht mehr optional, sondern existenziell.

Anmerkung der Redaktion:

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3 Kommentare zu „Thailand-Steuern: Meldepflicht für Ausländer

  1. Wieder mal ein Bericht im Wochenblitz der mehr Verunsicherung verursacht als aufklärt. Ich halte es weiterhin so dass ich erst dann handle wenn über diese ganze Steuergeschichte offiziell berichtet wird. Bisher ist vor allem in den deutschsprachigen Medien darüber berichtet worden. Sturm im Wasserglas. Wie kann über etwas berichtet werden es selbst die thailändische Steuerbehörde noch nicht weiss??

  2. Die Steuerpflicht ist real, aber ebenso auch daß diese auch nicht kontrolliert wird…..Es fehlt einfach an den Institutionen bzw. geschulten Personal.

  3. Wie sieht es eigentlich aus, wenn man 2024 und 2025 kein Geld nach Thailand überwiesen hat? Dann ist man ja nicht steuerpflichtig und muss nach meiner Meinung auch keine Steuererklärung einreichen (Selbstdeklaration)!

Kommentare sind geschlossen.