„Mule Accounts“: Thailands neue Betrugswaffe

„Mule Accounts“: Thailands neue Betrugswaffe
ROYAL THAI POLICE

BANGKOK, THAILAND – Sogenannte „Mule Accounts“ – in Thai als „Banchee Ma“ bekannte Pferdekonten – haben sich in kürzester Zeit zum zentralen Werkzeug professioneller Betrugsbanden entwickelt. Polizei und Banken sehen darin inzwischen eine ernsthafte gesellschaftliche Bedrohung und Kerninfrastruktur organisierter Online-Betrügereien.

Neue Generation von Betrugs-Konten

Laut einer Quelle im Anti Online Scam Operation Center (AOC) gelten derzeit drei Konto-Typen als besonders brisant: Firmen-Mule-Accounts, Fake-Mule-Accounts und Spy-Mule-Accounts. Am gefährlichsten sei die Entwicklung der „Corporate Mule Accounts“, also Firmenkonten, die eigens für Betrugszwecke eröffnet oder aufgekauft wurden. Diese Form tauche seit etwa einem Jahr verstärkt auf und markiere eine deutliche Eskalation der Methoden.

Bei diesem Modell gründen oder erwerben Kriminelle offiziell eingetragene Unternehmen oder Personengesellschaften nur zu einem Zweck: ein Bankkonto auf Firmenname zu eröffnen. Die formale Unternehmenshülle erzeuge den Eindruck eines seriösen Geschäftspartners, während die Konten tatsächlich zur Abwicklung von Betrugserlösen und Geldwäsche genutzt werden.

Opfer werden zu unfreiwilligen Geldkurieren

Als zweiter kritischer Typ gelten die „Fake Mule Accounts“. Dabei handelt es sich um Konten von Betrugsopfern, die ihr gesamtes Geld verloren haben oder ihre Schulden nicht mehr begleichen können.

Diese Menschen werden laut AOC durch Täuschung, psychologischen Druck oder Drohungen so beeinflusst, dass sie Geld aus anderen Betrugsfällen annehmen und weiterleiten. Oft erkennen sie nicht, dass sie damit zum ersten Glied einer Geldwäschekette werden und praktisch als Frontlinie der Mule Accounts fungieren.

Undercover-Konten als verdeckte Waffe

Der dritte Typ, die „Spy Mule Accounts“, wurde seit Mitte des vergangenen Jahres weitgehend geheim gehalten. Nach Angaben der AOC-Quelle eröffnen verdeckt arbeitende Polizeibeamte Konten bei Geschäftsbanken und bieten diese auf Online-Schwarzmarktplätzen zum Verkauf an.

Sobald Banden die Konten nutzen, verfolgen Ermittler komplette Betrugs- und Geldwäschenetzwerke bis zu ihren Steuerungszentren. Ähnlich wie bei verdeckten Drogenermittlungen bleiben diese Konten unter voller Polizeikontrolle und hätten bereits zu zahlreichen Festnahmen geführt.

Fünf Risiko-Stufen der „Pferdekonten“

Die Zentralbank Bank of Thailand stuft Mule Accounts in ein fünfstufiges Risikosystem ein, bekannt als „Five-Colour Horses“:

Black Mules: höchstes Risiko, mit von der Anti-Money Laundering Office (Amlo) bestätigten Geldwäschebelegen
Dark Grey Mules: angezeigte Fälle, bei denen Banken Gelder ohne Gerichtsbeschluss einfrieren dürfen
Light Grey Mules: auffällige Konten, die überwacht werden, bis Beschwerden vorliegen
Dark Brown Mules: verdächtige Überweisungsmuster
Light Brown Mules: frühe Betrugsindikatoren, die im gesamten nationalen Finanzsystem engmaschig überwacht werden

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Tausende Fälle, harte Strafen

Pol Lt Gen Jirabhop Bhuridej, stellvertretender nationaler Polizeichef und Leiter des AOC, erklärte der „Bangkok Post“, dass die Polizei zwischen dem 27. Oktober des Vorjahres und dem 21. Januar insgesamt 1.964 Fälle bearbeitet und 1.870 Verdächtige im Zusammenhang mit Mule Accounts festgenommen habe.

Der Verkauf oder die Vermietung eines Bankkontos ist strafbar und kann mit bis zu drei Jahren Haft, einer Geldstrafe von 300.000 Baht oder beidem geahndet werden. Wer Personen für Mule Accounts anwirbt oder dafür wirbt, muss mit zwei bis fünf Jahren Haft und Geldstrafen zwischen 200.000 und 500.000 Baht rechnen.

Strategie „Detect–Freeze–Expand“

Nach Angaben von Jirabhop arbeitet die Royal Thai Police (RTP) eng mit der Bank of Thailand, der Thai Bankers’ Association, Geschäftsbanken und staatlichen Stellen zusammen. Kern sei die „Detect–Freeze–Expand“-Strategie.

Erster Baustein ist die Echtzeit-Überwachung: Polizei und Banken tauschen Risikodaten über ein zentrales Central Fraud Registry aus. Auffällige Transaktionen – etwa sofortige Barabhebungen nach Eingängen in Hochrisikogebieten – lösen sofortige Warnmeldungen aus.

Datenanalysen und KI kommen zum Einsatz

Im zweiten Schritt kommen Datenanalysen und KI zum Einsatz, um Muster von Mule Accounts frühzeitig zu erkennen und finanzielle Schäden zu verhindern.

Der dritte Baustein ist ein behördenübergreiflicher „War Room“, der mit örtlichen Polizeidienststellen und Bankfilialen koordiniert. Bei verdächtigen Aktivitäten sollen Überweisungen oder Barabhebungen unmittelbar gestoppt werden. Diese Vorgehensweise habe bereits hohe Summen für Opfer gesichert, so Jirabhop.

Blick nach Singapur – ohne Echtzeit-Zahlungen zu gefährden

Thailand orientiert sich nach Jirabhop eng am Modell Singapurs, um Mule-Netzwerke zu stören. Diskutiert werden Überweisungsverzögerungen bei Hochrisiko-Transaktionen und ein „Kill Switch“, mit dem Bürger ihre eigenen Konten im Notfall sofort einfrieren könnten.

Allerdings basiere die heimische Zahlungsinfrastruktur stark auf Echtzeit-Transaktionen, einem zentralen Pfeiler der digitalen Wirtschaft. Anpassungen müssten daher so gestaltet werden, dass sie Unternehmen und Alltagsnutzer nicht unverhältnismäßig belasten.

Neueröffnungen von Mule Accounts zurückgegangen

„Wir sprechen mit der Bank of Thailand und den Geschäftsbanken über gezielte Betrugsregeln oder selektive Hürden für Hochrisiko-Konten, etwa Überweisungsverzögerungen oder strengere Prüfungen vor Großtransaktionen“, sagte Jirabhop.

Ihm zufolge seien Neueröffnungen von Mule Accounts im letzten Quartal des Vorjahres dank schärferer Know-Your-Customer(KYC)-Prüfungen bereits zurückgegangen. Listen von Tätern und zugehörigen Konten würden an die Amlo übermittelt, um sie als besonders riskante „Black Mules“ einzustufen – mit sofortigen landesweiten Einschränkungen. Vor allem Corporate Mule Accounts, häufig mit Briefkastenfirmen verknüpft, blieben jedoch eine der größten Herausforderungen.

„Unser Ziel ist es nicht nur, Konten nach der Tat zu schließen, sondern den Anreizkreislauf dauerhaft zu durchbrechen“, betonte Jirabhop.

Getrennte Betrugs- und Geldwäsche-Teams

Die Struktur der Call-Center-Banden hat das AOC nach eigenen Angaben detailliert analysiert. Ergebnis ist ein klares Arbeitsteilungsmodell, das Ermittlungen erschweren soll.

Die erste Gruppe, das „Deception Group“, ist für die psychologische Manipulation zuständig. Sie überzeugt Opfer, Geld zu überweisen. Diese Einheiten sitzen häufig in Kambodscha, werden von chinesischen Hintermännern geführt und arbeiten wie ein Call-Center-Büro – mit vorbereiteten Skripten und systematischer Schulung.

Die Geldwäsche-Einheit

Mitarbeiter werden in Telefon- und Chatkommunikation trainiert, bevor sie mit Opfern in Kontakt treten und mit der Finanzgruppe kooperieren, sobald eine Überweisung bevorsteht.

Die zweite Gruppe ist die Geldwäsche-Einheit. „Ihre Kernaufgabe ist es, Gelder zu empfangen, zu verschieben und so schnell wie möglich aus dem System zu ziehen“, so Jirabhop. Die Mitglieder erhalten Provisionen von 10 bis 20 Prozent, müssen aber zunächst Sicherheitsleistungen von 3 bis 5 Millionen Baht hinterlegen, um das Vertrauen der Drahtzieher zu gewinnen.

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Quelle: Bangkok Post

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