NAKHON RATCHASIMA, THAILAND – Nach dem tödlichen Kranabsturz auf einen Expresszug im Distrikt Sikhiu sieht das Verkehrsministerium einen schweren Vertragsverstoß des Baukonsortiums Italian-Thai Development und bereitet die Kündigung des Großauftrags vor.
Ermittlungsbericht nach Frist des Premierministers
Die Ergebnisse der Faktenuntersuchung zu dem Unglück wurden am 23. Januar 2026 bekanntgegeben – exakt sieben Tage nach Ablauf der vom Premierminister gesetzten Frist. Die Präsentation erfolgte bei einer Pressekonferenz unter Leitung von Deputy Premier und Verkehrsminister Phiphat Ratchakitprakarn.
Anwesend waren hochrangige Vertreter des Verkehrsministeriums, der State Railway of Thailand (SRT) und des Department of Highways. Der stellvertretende Staatssekretär des Ministeriums trat als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses auf.
Kranbasis stürzt auf fahrenden Expresszug
Nach den Ermittlungen handelte es sich bei dem Teil, der den Zug traf, um ein Element der vorderen Stützbasis des Krans. Dieses Bauteil geriet beim Umsetzen des Krans aus dem Gleichgewicht und stürzte herab – just in dem Moment, als ein Passagierzug die Baustelle unterfuhr.
Bei dem Unfall am 14. Januar wurden 30 Menschen getötet und 66 verletzt, als das Kranbauteil auf Wagen eines Expresszuges im Distrikt Sikhiu fiel. Der Abschnitt ist Teil der ersten Phase der Thai–China-Hochgeschwindigkeitsstrecke, die von führenden thailändischen Firmen in Partnerschaft mit der China Railway Group (CREC) gebaut wird.
Arbeit über aktiven Gleisen trotz ausdrücklichen Verbots
Besonders belastend ist laut Bericht, dass Bauarbeiten über der Strecke durchgeführt wurden, während der Zugverkehr lief. Der Vertrag schreibe jedoch klar vor, dass über den Gleisen nur gearbeitet werden dürfe, wenn der Zugbetrieb ausgesetzt sei.
Zudem verlangt der Vertrag eine vorherige Funkmeldung an die Bahnhöfe, damit Züge gestoppt oder verzögert werden können, bis die Baustelle gesichert ist. Die Ermittler fanden keine Funkprotokolle oder sonstige Hinweise auf eine solche Meldung am Unfalltag. Der Zug fuhr daher planmäßig in den Gefahrenbereich ein.
„Wir wissen, wo der Fehler lag“, sagte Phiphat Ratchakitprakarn. Die unterlassene Benachrichtigung stelle einen zentralen und schweren Vertragsbruch dar und belaste Italian-Thai Development Public Company Limited (ITD) unmittelbar.
SRT-Vorstand soll über Vertragskündigung entscheiden
Das Verkehrsministerium will nun eine Vertragsbeendigung empfehlen. Die Entscheidung liegt beim Vorstand der SRT, da sie als staatliches Unternehmen die formale Hoheit über den Vertrag besitzt. Der Vorschlag soll am 29. Januar auf die Tagesordnung des SRT-Boards kommen, nachdem die Rechtsunterkommission der SRT den Fall geprüft hat.
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
Anan Pothinimdaeng, stellvertretender Gouverneur und amtierender Gouverneur der SRT, bestätigte, dass der Vorfall eklatante Mängel bei den im Vertrag vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen offenlege. Laut Anan müssten Auftragnehmer Bahnhöfe in der Regel mindestens einen Tag, teils bis zu sieben Tage im Voraus per Funk informieren.
Eine Auswertung der Kommunikationsprotokolle habe jedoch keinerlei entsprechende Meldung ergeben. „Der Zug fuhr ohne Warnung in den Baustellenbereich, das führte direkt zu dem Unfall“, erklärte Anan. Die beschädigte Strecke bei Sikhiu sei inzwischen repariert, der Zugverkehr laufe wieder.
Zweiter Kranunfall auf Rama-2-Straße und 60-tägige Vollsperrung
Parallel untersuchte der Ausschuss einen zweiten Kranunfall auf der Rama‑2‑Straße beim Bau der Intercity-Autobahn Bang Khun Thian–Ban Phaeo. Dort war ein Kran auf ein Fahrzeug gestürzt und hatte Teile einer Brückenkonstruktion beschädigt. Die Ermittlungen dazu dauern an; erste Erkenntnisse deuten auf einen Absturz nach Arbeitsende hin.
Piyapong Chiwatnakulpaishal, Generaldirektor des Department of Highways, erklärte, dass seine Behörde gemeinsam mit dem Verkehrsministerium und der Engineering Institute of Thailand den Unfallort geprüft habe. Die Behörden beschlossen, den Hauptfahrstreifen der Rama‑2‑Straße im Baustellenbereich für 60 Tage vollständig zu sperren.
• Beschädigte Brückenteile sollen abgerissen werden
• Weitere gefährliche Strukturen im Einflussbereich des Unfalls werden entfernt
• Der Verkehr wird auf Parallelspuren umgeleitet
Zugleich werde der Bau an Hochrisikopunkten über dem Fluss Tha Chin beschleunigt, wo umfangreiche Gerüste und Stützen im Einsatz seien. Eine erste Stabilitätsanalyse des Engineering Institute habe gezeigt, dass eine anhaltende Instabilität ein Einsturzrisiko birgt. Daher müsse die Arbeit in diesen Bereichen innerhalb von 60 Tagen abgeschlossen sein.
Vertragsstrafen und mögliche Kündigung beim Autobahnprojekt
Die Arbeiten wurden nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch als Sanktionsmaßnahme ausgesetzt: Die verbleibende Bauzeit des Auftragnehmers wird verkürzt, zusätzliche Vergütung ist ausgeschlossen. Die Inbetriebnahme der Strecke, ursprünglich für April vorgesehen, verschiebt sich. Wird der Bau nicht bis Mai 2026 fertig, greifen Vertragsstrafen von 0,25 % des Auftragswerts pro Tag. Bei einem Volumen von 1,8 Milliarden Baht entspricht das rund 4,7 Millionen Baht täglich.
Das Department of Highways bereitet sich zudem auf eine mögliche Vertragskündigung vor. Eine Drei-Parteien-Kommission aus Department of Highways, Office of the Attorney General und Department of the Comptroller General prüft die rechtlichen Grundlagen und Kündigungsrechte.
Sollte der Auftragnehmer weitermachen dürfen, gelten laut Piyapong strenge Auflagen:
• Vollständige Absicherung der Baustelle
• Technische Überprüfung aller Maschinen, ergänzt um Warnsensoren
• Einsatz eines neuen, verlässlichen Ingenieur- und Arbeitsteams
• Permanente Aufsicht durch das Engineering Institute of Thailand
• Öffentliche Berichte über den Baufortschritt
Schärfere Sanktionsmechanismen gegen unsichere Bauunternehmen
Chayatham Phromsorn, Generalsekretär im Verkehrsministerium, verwies auf umfassendere Sanktionsinstrumente gegen Bauunternehmen. Einstufungen, Punktabzüge, Herabstufungen und Blacklisting lägen formal beim Finanzministerium und würden durch das Comptroller General’s Department verwaltet. Es gebe bereits einschlägige Regelungen, Details der Umsetzung seien jedoch noch in Arbeit.
Unabhängig davon verfolge das Verkehrsministerium seit über drei Jahren verschärfte Sicherheitsvorgaben für Bauprojekte, inklusive Dokumentations- und Kontrollsystemen. Die Befugnis zur Degradierung von Auftragnehmern sei jedoch an zentrale Kriterien gebunden. Eine separate Kommission solle die Umsetzung nun beschleunigen.
In Verträgen der dem Verkehrsministerium unterstellten Behörden seien inzwischen zusätzliche Strafklauseln für Projekte verankert, in denen es zu schweren Unfällen mit Todesfolge kommt.
Reaktion von Italian-Thai Development
Die Italian-Thai Development Public Company Limited nahm über Senior Executive Vice President Sumet Surabotsopon Stellung zu den Ergebnissen. Das Unternehmen akzeptiere die Resultate der Untersuchung und sei bereit, sich jeder Prüfung zu stellen.
„Wir haben sofort erste Hilfeleistungen an Verletzte und Hinterbliebene gezahlt“, sagte Sumet. Es sei eine Entschädigung von über einer Million Baht pro Person vorbereitet worden – zusätzlich zu Versicherungsleistungen und Zahlungen der SRT.
Regelmäßige Kontrollen durchgeführt
Nach Angaben von Sumet entsprachen Geräte und Maschinen den technischen Standards, Tragfähigkeiten seien regelmäßig kontrolliert worden. Auch gemietete Krane seien von Beratern und Bauleitern geprüft worden. Die Vorfälle könnten auf Mängel in den Abläufen zurückgehen, nicht auf generelle Defizite aller ITD-Projekte.
Sumet wies Berichte zurück, wonach das Unternehmen plane, die Regierung zu verklagen. „Diese Behauptungen sind falsch“, erklärte er. Die Liquidität des Konzerns sei normal, finanzielle Probleme hätten weder die Sicherheit noch die Materialqualität beeinträchtigt. Eine zentrale Sicherheitskommission überwache alle Baustellen.
Zudem arbeite eine Sondereinheit interne Sanktionsmaßnahmen bei Fahrlässigkeit aus. Das Unternehmen bitte um die Chance, Abläufe zu verbessern. Das Verkehrsministerium betonte, dass die Ermittlungen in beiden Fällen weiterlaufen. Weitere rechtliche und administrative Schritte hängen von den endgültigen Schlussfolgerungen ab.
🗣 Wenn aus Bauprojekten Todesfallen werden
Dreißig Tote, dutzende Verletzte – und nun kommt heraus, dass trotz klarer Verbote gearbeitet wurde.
Reicht eine Vertragskündigung, wenn Menschen gestorben sind? Oder braucht Thailand endlich einen radikalen Neuanfang bei Kontrolle, Haftung und Bauaufsicht?
Wo siehst du die Grenze zwischen Fahrlässigkeit und Verbrechen?


