Wer nach Thailand flieht, hat die Gefahr oft hinter sich gelassen. Aber das Überleben beginnt erst. Thailand hat die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht ratifiziert. Das Immigrationsgesetz von 1979 kennt keine Kategorie „Flüchtling“ – nur „illegalen Einwanderer“. Wer also vom UNHCR als Flüchtling anerkannt wird, bleibt nach thai-ländischem Recht trotzdem ein Illegaler.
Rund 7.000 Asylbewerber aus 45 Ländern leben nach Angaben der NGO Asylum Access Thailand in Bangkok und anderen Städten. Dazu kommen über 80.000 Myanmar-Flüchtlinge in neun Grenzlagern entlang der Grenze zu Myanmar. Für alle gilt dasselbe Grundproblem: kein Recht auf Arbeit, kein gesicherter Zugang zu Gesundheit und Bildung, ständige Abschiebegefahr.
Was der UNHCR-Status in Thailand wert ist
Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) führt in Thailand ein eigenes Anerkennungsverfahren durch. Wer dieses besteht, gilt international als Flüchtling und erhält einen UNHCR-Ausweis. Das Problem: Dieser Ausweis ist in Thailand kein Rechtsdokument. Thai-Behörden sind nicht verpflichtet, ihn anzuerkennen.
In der Praxis bedeutet das: Eine Mutter aus Pakistan, die UNHCR-anerkannt ist, kann trotzdem verhaftet werden, sobald ihr Touristenvisum abgelaufen ist – was zwangsläufig passiert, wenn das Verfahren Monate oder Jahre dauert. Wer keine Dokumente vorweisen kann, riskiert beim nächsten Polizeieinsatz im Viertel die Verhaftung. Manchen passiert es beim Einkaufen.
Der NSM: Hoffnungsträger mit magerer Bilanz
Im September 2023 startete Thailand den sogenannten National Screening Mechanism (NSM), ein staatliches Verfahren zur Anerkennung von Schutzbedürftigen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes gibt es damit einen eigenen Rechtsrahmen für Asylsuchende – unabhängig vom UNHCR. Das klang nach einem Schritt nach vorn.
Die Bilanz nach 18 Monaten: sieben anerkannte Personen. Sieben. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, der NSM schütze zwar auf dem Papier vor Abschiebung, nicht aber vor Verhaftung und Inhaftierung. Wer einen NSM-Antrag stellt, kann trotzdem festgenommen werden – nach Section 17 des Immigrationsgesetzes. Die Lücke im Gesetz ist bekannt. Geschlossen wurde sie nicht.
Halber Lohn, weil kein Pass
Ohne legalen Aufenthaltsstatus gibt es kein Recht auf Arbeit. In der Praxis bedeutet das: Wer arbeitet, tut es schwarz – und ist damit erpressbar. Manche Arbeitgeber zahlen weniger, weil sie wissen, dass der Arbeiter keine Anzeige erstatten kann. Andere stellen erst gar nicht ein. Wer kein Einkommen hat, kann keine Arztrechnung bezahlen. Wer keine Papiere hat, kommt nicht ins Krankenhaus – oder nur gegen Vorkasse.
Das Ergebnis ist eine stille Parallelgesellschaft in Bangkoks Wohnblöcken: Flüchtlinge, die Biryani kochen und weiterverkaufen, die als Dolmetscher für andere Flüchtlinge arbeiten, die Kosmetik und Handwerk untereinander lehren. Eine Ökonomie der Not, die funktioniert, weil sie keine andere Wahl hat.
Aufgewachsen in Bangkok, rechtlich unsichtbar
Besonders betroffen sind junge Menschen, die als Kinder nach Thailand kamen oder hier aufgewachsen sind. Sie sprechen Thaiisch, kennen nichts anderes als Bangkok – und haben trotzdem keine Papiere. Schulen und Universitäten verlangen Ausweise. Ohne diese bleibt der Bildungsweg versperrt, egal wie gut die Noten sind.
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Manche hoffen auf Resettlement in einem Drittland – USA, Kanada, Australien, Deutschland. Aber die Wartezeiten sind lang, die Plätze begrenzt. Weltweit schätzt das UNHCR den Bedarf für 2026 auf 2,5 Millionen Resettlement-Plätze. Tatsächlich zugesagt wurden von der internationalen Gemeinschaft 120.000. Das ist keine Lücke. Das ist ein Abgrund.
80.000 in Lagern: Die Anderen, die keiner sieht
Neben den urbanen Asylsuchenden gibt es die noch größere Gruppe: über 80.000 Flüchtlinge aus Myanmar in neun Grenzlagern, die von der Royal Thai Government verwaltet werden. Viele leben seit Jahrzehnten dort. Fast die Hälfte wurde in den Lagern geboren. Sie dürfen das Lager nur in Ausnahmefällen verlassen, haben kein Recht zu arbeiten und sind auf Hilfsorganisationen angewiesen.
Die thailändische Regierung hat angekündigt, die Lager in den nächsten zehn Jahren schließen zu wollen. Was das für die Bewohner bedeutet, bleibt offen. Rückkehr nach Myanmar? Der Bürgerkrieg dauert an. Resettlement? Die Quoten reichen nicht. Integration in Thailand? Dafür fehlt die Rechtsgrundlage.
Was jetzt fehlt, ist ein Gesetz
Die Lösung liegt auf dem Tisch, wird aber nicht gegriffen: Thailand müsste die Genfer Flüchtlingskonvention ratifizieren oder ein nationales Asylgesetz verabschieden, das Flüchtlinge vor Verhaftung schützt und ihnen das Recht zu arbeiten gibt. Menschenrechtsorganisationen fordern das seit Jahren. Bisher ohne Erfolg.
Für Expats in Thailand ist das kein abstraktes Thema. Wer hier lebt, kennt Thailands Bürokratie, kennt die Bedeutung von Papieren, kennt das Gefühl, wenn ein Visum ausläuft. Der Unterschied: Ein abgelaufenes Visum kostet den Expat eine Geldstrafe und Ärger. Für eine Mutter aus Pakistan oder eine junge Frau aus Vietnam kann dasselbe Versäumnis Verhaftung, Abschiebung und Trennung von der Familie bedeuten. Das eine ist unangenehm. Das andere zerstört Leben.
Redaktionelle Hinweise
Dieser Artikel basiert auf Berichten des Bangkok Post, UNHCR, Asylum Access Thailand, Human Rights Watch und Fortify Rights. Einzelfallgeschichten stammen aus dem Bangkok Post-Bericht „Living among Thais is a mixed bag“ (Juni 2026). Zahlen können je nach Quelle und Erhebungszeitpunkt variieren.



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