Stimmt es, dass Thais keine Milch vertragen?

Thailand erzeugt viel Milch, doch die Thais trinken kaum welche. Sind die Gene schuld, oder steckt hinter dem Milchglas eine ganz andere Geschichte? Wir gehen der Sache nach.

Stimmt es, dass Thais keine Milch vertragen?
Thaiger

Thailand erzeugt mehr Rohmilch als jedes andere Land der Asean-Region, doch die Thais selbst trinken im Schnitt nur 18 Liter im Jahr, etwa zwei Gläser pro Woche.[1] Als Grund wird häufig die Laktoseintoleranz genannt, also die Unverträglichkeit von Milchzucker. Viele Expats und Urlauber kennen deshalb den Satz: Thais vertragen keine Milch. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 113 Litern pro Kopf und Jahr, mehr als das Sechsfache.

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Warum Thais so wenig Milch trinken

Wie selten Milch in Thailand auf den Tisch kommt, zeigt eine Gesundheitserhebung aus dem Jahr 2020 mit 4.136 Erwachsenen. 76 Prozent von ihnen tranken weniger als eine Portion Milch im Monat.[2] Das ist keine Ausnahme einzelner Gruppen, sondern der Normalfall. Die Frage lautet also nicht, ob Thais wenig Milch trinken, sondern warum.

Vier Hürden bremsen den Milchkonsum: der Preis, die fehlende Tradition, die Konkurrenz durch andere Getränke und Beschwerden nach dem Milchtrinken.[8] Wie stark jede einzelne wirkt, lässt sich nicht beziffern. Nur eine der vier lässt sich im Labor messen, nämlich die Beschwerden.

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Milch gehörte nie zur traditionellen Küche

Die thailändische Küche kam traditionell ohne Kuhmilch aus. Reis, Fisch, Gemüse und Früchte bildeten die Grundlage, für cremige Soßen sorgte die Kokosmilch. Milch zu trinken lernten viele Thais erst, als westliche Ernährungsgewohnheiten ins Land kamen.[1]

Das hat Folgen für den Körper. Bei der Mehrheit der Weltbevölkerung sinkt nach dem Kindesalter die Menge des Verdauungsenzyms Laktase. Nur wo Milch früh zur Alltagsnahrung wurde, setzte sich eine Anpassung durch. In Europa dauerte sie nach dem Beginn des Milchtrinkens mehr als 4.000 Jahre.[1]

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In der Schule ändert sich Thailand: Milch für jedes Grundschulkind

Im Klassenzimmer wird der Wandel sichtbar. Das staatliche Schulmilchprogramm versorgt Kinder von der Vorschule bis zur sechsten Klasse der Grundschule, vorgesehen sind 260 Tage pro Schuljahr.[3] Für das Haushaltsjahr 2023 plante die Regierung rund 12,5 Milliarden Baht für 6,79 Millionen Kinder.

Ab November 2026 sollen auch rund 583.000 Schüler der Klassen 7 bis 9 in Schulen mit erweiterter Stufenzahl Milch erhalten. Dahinter steht auch ein wirtschaftlicher Grund: Das Programm sichert den Absatz überschüssiger Rohmilch und damit das Einkommen der Milchbauern.[3] Ohne Schulprogramm greifen viele Kinder seltener zur Milch, 2022 tranken nur 31,1 Prozent der Kinder im Schulalter täglich welche.

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Fruchtjoghurt zum Trinken: Der Milchliebling der Thais

Fruchtjoghurt zum Trinken ist in Thailand fast überall zu finden, in Supermärkten wie in kleinen Läden. Der Markt für Trinkjoghurt und Sauermilch erreichte 2024 rund 13,7 Milliarden Baht, für 2025 werden etwa 14,1 Milliarden geschätzt.[4]

Kinder und Erwachsene greifen gleichermaßen zu, kleine Beutel gewinnen vor allem bei Kindern an Beliebtheit.[4] Auffällig ist, dass ausgerechnet ein Milchprodukt so gut ankommt, obwohl Thais bei Milch sonst zurückhaltend sind. Die Erklärung liegt im Darm, und die folgenden Abschnitte führen dorthin.

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Was nach dem Milchglas im Bauch passiert

Milch enthält Milchzucker, Fachleute sagen Laktose. Im Dünndarm spaltet das Enzym Laktase diesen Zucker in Glukose und Galaktose, die dann ins Blut gelangen. Fehlt Laktase oder ist zu wenig davon vorhanden, wandert der Zucker unverdaut in den Dickdarm.[1]

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Dort zersetzen Bakterien ihn und bilden Gas. Die Folgen sind Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall. Mit einer Allergie hat das nichts zu tun: Eine Milchallergie ist eine Abwehrreaktion des Immunsystems auf Milcheiweiß und kann zu Hautausschlag, Schwellungen und Erbrechen führen. Laktoseintoleranz ist in der Regel unangenehm, aber nicht schwerwiegend.[1]

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Nordthailand 1969: Was Forscher damals überraschte

Die Frage beschäftigt Mediziner seit mehr als 55 Jahren. In den 1960er-Jahren untersuchten Forscher in Nordthailand Erwachsene auf Laktosetoleranz. Nur ein einziger Erwachsener vertrug Milchzucker, er stammte aus der Provinz Ayutthaya, rund 70 Kilometer nördlich von Bangkok.[5]

Eine zweite Frage lautete: Kann sich der Körper an Milch gewöhnen? Bekamen betroffene Thais wochenlang täglich Milch oder Laktose, bildete sich kein zusätzliches Enzym.[5] Die Gewöhnung, an die viele glauben, ändert also nichts an der Laktaseproduktion selbst.

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98,6 Prozent: Was das Erbgut der Thais verrät

Moderne Gentests bestätigen das Bild. Bei 4.136 erwachsenen Thais aus einer landesweiten Gesundheitserhebung hatten 98,6 Prozent die Genvariante, die mit nachlassender Laktaseproduktion im Erwachsenenalter verbunden ist. Nur 1,4 Prozent trugen eine Variante, die das Enzym ein Leben lang aktiv hält.[2]

Auffällig war ein zweites Ergebnis: Die Genvariante stand in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Milchmenge, die jemand trinkt. Wer viel Milch trinkt, trägt trotzdem fast immer dieselbe Variante wie alle anderen. Das Erbgut allein erklärt also nicht, wer Milch meidet und wer nicht.[2]

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Warum nicht jeder Thai Bauchweh bekommt

Ein Gentest verrät nicht, ob jemand Beschwerden hat. Bei Studierenden einer thailändischen Universität berichteten 38,1 Prozent von Laktoseintoleranz, am häufigsten mit Bauchschmerzen.[6] Bei 45 jungen Erwachsenen, die täglich eine Packung Milch tranken, litten 47 Prozent an Beschwerden, bei 51 Prozent war die Verwertung des Milchzuckers gestört.

Die Menge entscheidet. Die meisten Betroffenen vertragen 12 bis 15 Gramm Laktose, etwa eine Tasse Milch, am besten zu einer Mahlzeit.[7] Joghurt mit lebenden Kulturen wird in der Regel noch besser vertragen, weil dessen Bakterien einen Teil des Milchzuckers abbauen. Ob ein Trinkjoghurt lebende Kulturen enthält, steht auf der Packung.

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Calcium ohne Kuhmilch: Tofu, Fisch und laktosefreie Alternativen

Wer Milch meidet, muss den Bedarf an Calcium und Vitamin D anders decken. Gute Quellen sind Fisch, Eigelb, Leber, Tofu und grünes Blattgemüse.[1] Auch Pflanzendrinks wie Sojamilch können Milch ersetzen, wenn sie mit Calcium angereichert sind. Das steht auf der Packung.

Zusätzlich gibt es Milch ohne Laktose, bei der ein Enzym den Milchzucker schon vor dem Trinken abbaut. Sie liefert die wichtigen Nährstoffe der Milch.[1] Eine weitere Möglichkeit sind Tabletten mit dem Enzym Laktase, die vor dem Verzehr von Milchprodukten eingenommen werden.[8]

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Also doch kein Milchtrinker? Die Antwort für Thais und Touristen

Die Aussage, Thais vertrügen keine Milch, stimmt nur zur Hälfte. Fast alle Thais besitzen die Genvariante, die die Laktaseproduktion im Erwachsenenalter drosselt. Beschwerden haben jedoch nur manche, in den genannten Studien lagen die Werte bei 38 bis 47 Prozent, und viele vertragen kleine Mengen ohne Probleme.

Gewöhnung hilft nur begrenzt. In einer kleinen Studie mit 25 Erwachsenen asiatischer Herkunft stiegen nach zwölf Wochen die Darmbakterien, die Milchzucker abbauen, die Beschwerden gingen statistisch aber nicht deutlich zurück.[9] Wer in Thailand selbst Beschwerden nach Milchprodukten bemerkt, kann mit kleinen Mengen, Joghurt oder laktosefreier Milch beginnen.

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Anmerkungen der Redaktion

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Die Aussagen zur Verträglichkeit beruhen auf kleinen Studien, von denen einige älter als zehn Jahre sind. Zahlen zu Milchkonsum und Markt stammen aus den Jahren 2020 bis 2026 und können sich ändern. Wer nach Milchprodukten regelmäßig Bauchschmerzen oder Durchfall hat, sollte die Ursache ärztlich klären lassen, etwa mit einem Atemtest.

  1. Pro-Kopf-Konsum, Tradition, Verdauung, Allergie und Calcium-Quellen, Stand 2023 (Sekundärquelle): Bangkok Biz News, 08.06.2023 ↩
  2. Erhebung NHES VI (2020) mit 4.136 Erwachsenen: 76 Prozent weniger als eine Portion Milch pro Monat, 98,6 Prozent CC-Genotyp, kein Zusammenhang mit dem Milchkonsum: PLOS ONE 2023, DOI 10.1371/journal.pone.0289762 ↩
  3. Schulmilchprogramm, Ausweitung auf Klassen 7 bis 9 ab November 2026: Matichon, 11.08.2026; Haushalt 2023 und Konsum der Schulkinder 2022: Thai PBS, 01.06.2022 ↩
  4. Markt für Trinkjoghurt 2024 und 2025: Marketeer Online; Beutel im Kindersegment (nur Auszug zugänglich): Bonafide Research ↩
  5. Laktosetoleranz und fehlende Enzym-Anpassung bei Thais, nur Abstract zugänglich: Flatz & Saengudom, Nature 224 (1969) ↩
  6. 38,12 Prozent selbst berichtete Intoleranz bei Studierenden, Stand 2019: Siriraj Medical Journal / ThaiDJ; 45 Freiwillige, Atemtest, Stand 2004: Journal of the Medical Association of Thailand 87(12) ↩
  7. 12 bis 15 g Laktose meist gut verträglich: Systematic Review, Univ. Minnesota, Purdue Extension; Joghurt mit lebenden Kulturen: Am J Clin Nutr 54:1041 (1991), Tufts Health & Nutrition Letter ↩
  8. Hürden beim Milchkonsum, ohne Datum: Yumda; Laktase-Präparate: HDmall ↩
  9. 25 Erwachsene asiatischer Herkunft, 12 Wochen, Konferenzbeitrag, teils von FrieslandCampina finanziert: Proceedings 2023, 91, 47 ↩

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