Thailands öffentliche Medien stehen vor ihrer größten Machtprobe. Der Staat greift nach dem Sender, der ihm nicht gehört. Oder der Sender greift nach dem Geld derer, die ihn bezahlen. Thai PBS bekommt jedes Jahr bis zu zwei Milliarden Baht aus der Alkohol- und Tabaksteuer, die Regierungspartei Bhumjaithai will diesen Zufluss kappen, und der Rechnungshof stellt Fragen zu Millionenbeträgen. Die öffentliche Anhörung zum Gesetzentwurf endet am 14. Oktober 2026.
Thai PBS: Was der öffentliche Sender Thailands ist
Thai PBS ist kein Staatsfernsehen und kein Privatsender. Das Gesetz von 2008 machte den Nachfolger des gescheiterten Senders iTV zu einer eigenen juristischen Person, die weder zur Regierung noch zu den Staatsbetrieben zählt. Wer dort Programm macht, soll weder Ministern noch Werbekunden gehorchen müssen.
Genau diese Konstruktion ist der Kern des Streits. Unabhängig heißt: Das Geld kommt automatisch, ohne dass ein Parlament jedes Jahr darüber abstimmt. Kontrolliert wird trotzdem, vom Rechnungshof und vom Senat, der den Jahresbericht des Senders noch im August auseinandernahm.
Zwei Milliarden Baht aus der Schnaps- und Zigarettensteuer
Auf Alkohol und Tabak erhebt Thailand eine Verbrauchsteuer. Obendrauf schreibt das Gesetz einen Aufschlag vor: 1,5 Prozent davon fließen direkt an Thai PBS, gedeckelt bei zwei Milliarden Baht im Jahr. Die Hersteller zahlen, der Sender kassiert, ohne dass ein Minister unterschreiben muss.[1]
Das Modell stammt aus der Gründungszeit. Ein Sender ohne Werbezwang und ohne jährliche Haushaltsdebatte kann Regierungen und Konzerne kritisieren, ohne um sein Budget zu bangen. Die heutige Regierung zieht daraus den umgekehrten Schluss: Ein Geldfluss ohne jährliche Kontrolle passe nicht mehr in die Zeit.
40.000 Baht pro Folge für Suthichai und Veera
Auslöser war ein Vergabedokument. Für die Gesprächssendung „Khui hai khit“, jeden Freitag eine Stunde, erhielt Veera Thirapat 400.000 Baht für zehn Folgen. Die Firma des Altjournalisten Suthichai Yoon bekam 920.000 Baht für 23 Folgen. Das sind im Schnitt jeweils 40.000 Baht pro Sendung, vergeben ohne Ausschreibung.[2]
Die Fronten verlaufen quer durchs Lager. Der Journalist Pravit Rojanaphruk nennt die Summe zu hoch für einen Sender aus Steuermitteln, Nachwuchs wäre sinnvoller. Der frühere Abgeordnete Chamnarn Chanruang hält den Preis für mehr als lohnenswert. Die Moderatorin Narakorn Tiyayon sagt, 40.000 Baht seien für diese Erfahrung nicht überhöht.
246.100 Baht pro Folge für „Flashpoint“
Das Auslandsmagazin „Flashpoint“ mit Karuna Buakamsri kostet deutlich mehr. Für 30 Folgen im zweiten bis vierten Quartal 2026 erhielt eine Produktionsfirma 7,383 Millionen Baht, im Schnitt 246.100 Baht pro Sendung. Auch hier gab es keine Ausschreibung, sondern eine Direktvergabe.[2]
Karuna Buakamsri verteidigt die Summe: Auslandseinsätze, Bildrechte, Recherche, Team und Schutzausrüstung kosteten Geld, und bei fehlendem Nutzen höre sie auf. Der frühere Thai-PBS-Manager Theerat Rattanasevi fragt dagegen, ob nach zwei Jahren noch so viel extern entstehen muss, wenn vor allem internationales Bildmaterial läuft.
Direktvergabe statt Ausschreibung: Der Streit um den Namen
Eine Direktvergabe ist nach thailändischem Beschaffungsrecht erlaubt, wenn Gründe vorliegen. Pravit spricht trotzdem vom Festnageln auf einen Namen: Ein auf eine Person zugeschnittener Auftrag schließe andere Bewerber aus. Das sei von Korruption nicht weit entfernt, und wer es gut finde, solle es für jede Behörde fordern.[3]
Die Gegenseite warnt vor dem Gegenteil. Der Kolumnist Bai Tong Haeng argumentiert, eine offene Ausschreibung bringe am Ende irgendeinen Billiganbieter, wie beim Rohbau des Rechnungshof-Gebäudes, der im März 2025 beim Erdbeben einstürzte. Pravit hält das für ein Zerrbild, denn offene Verfahren funktionierten fast immer.
26 Millionen Baht an eine Firma: Umsatz ist kein Honorar
Eine Auswertung der Vergabeunterlagen liefert eine größere Zahl: Mindestens 27 Aufträge im Wert von mehr als 26,23 Millionen Baht gingen an die Firma Black Coffee, an der Suthichai Yoon 69 Prozent hält. Es geht um Moderation, Produktion und den Einkauf von Sendungen über mehrere Jahre.[4]
Diese Summe ist Firmenumsatz, kein persönliches Honorar, und die Auswertung selbst nennt keinen Beleg für Regelverstöße oder Doppelzahlungen. Offen bleibt etwas anderes: wie die Leistungen getrennt sind, nach welchem Verfahren die Aufträge vergeben wurden und ob Kosten und Nutzen zusammenpassen.
85,22 Millionen Baht Schaden: Rechnungshof gegen Thai PBS
Nach Medienberichten soll der Rechnungshof die Ausgaben von 2022 bis 2025 geprüft haben, insgesamt 5,09 Milliarden Baht. Er beziffere einen möglichen Schaden von 85,22 Millionen Baht: 15,84 Millionen aus Direktvergaben von Sendungen, 69,38 Millionen aus Moderatoren- und Gasthonoraren ohne feste Regeln. Gegen den Direktor und zehn Mitarbeiter seien Verfahren empfohlen.[5]
Thai PBS bestreitet das Verfahren, nicht nur die Zahlen: Es liege kein offizieller Bescheid vor, Prüffeststellungen seien Empfehlungen und keine Urteile. Zugleich will der Sender den Vorsitzenden des National Audit Committee bitten, das mutmaßlich vorzeitige Durchsickern der Informationen zu untersuchen.[6][7]
Bhumjaithai will den Geldhahn zudrehen
Die Regierungspartei Bhumjaithai legte vier Gesetzentwürfe vor. Thai PBS, die Gesundheitsstiftung ThaiHealth, der Sportfonds und der Seniorenfonds sollen kein Geld mehr direkt aus der Alkohol- und Tabaksteuer bekommen, sondern es jedes Jahr im Haushalt beantragen. Zusammen geht es um rund 14 Milliarden Baht.[1][8]
Die Regierung nennt Haushaltsdisziplin als Grund, Ministerpräsident Anutin Charnvirakul verweist aufs Parlament. Dagegen stehen die früheren Premiers Chuan Leekpai und Abhisit Vejjajiva sowie sechs Medienverbände, die politischen Druck aufs Programm fürchten. Der Demokrat Korn Chatikavanij will prüfen, aber nur mit voller Transparenz.[7][9]
Unabhängigkeit oder Kontrolle: Was Leser im deutschsprachigen Raum kennen
Deutsche, Österreicher und Schweizer kennen diese Debatte: Rundfunkbeitrag, ORF-Haushaltsabgabe, SRG-Gebühr. Der Unterschied liegt in der Mechanik. Thailand kennt keine Gebühr für Haushalte, sondern einen unsichtbaren Aufschlag auf Alkohol und Tabak. Der Bürger spürt diesen Geldfluss nicht, und deshalb fragt selten jemand, was er dafür bekommt.
Ein Sender, der sich selbstgerecht zurücklehnt. Ein Staat, der nach der Kasse greift. Beide träge, beide bevormundend. Der mündige Bürger verlangt Zahlen, Ausschreibungen und Rückgrat, von den einen wie von den anderen. Wer das fordert, verteidigt keine Institution, sondern das Recht, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Anmerkungen der Redaktion
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Die Angaben zum Rechnungshof-Bericht beruhen auf Medienberichten, Thai PBS hat nach eigener Aussage noch keinen offiziellen Bescheid erhalten. Die Honorare stammen aus veröffentlichten Vergabebekanntmachungen und gelten als Durchschnitt pro Folge, nicht als persönliches Einkommen. Wertungen sind Meinungen des Kolumnisten.
- Bangkok Biz News, Berichte vom 5. und 6. Oktober 2026 zur Änderung der Sündensteuer: bangkokbiznews.com/economics/1255123 ↩
- Naewna, Berichte zu Vergabeunterlagen und Stellungnahmen (Flashpoint, „Khui hai khit“): 105821, 101962, 106071, 106759 ↩
- Thai Post, Facebook-Beitrag von Pravit Rojanaphruk vom 11. Oktober 2026: thaipost.net/x-cite-news/1086368 ↩
- News1Live, Auswertung der Aufträge an Black Coffee: news1live.com/detail/1791623917710 ↩
- Thai Enquirer, Nachrichtenüberblick vom 8. Oktober 2026: thaienquirer.com/75005 ↩
- Bangkok Post, Thai PBS seeks audit clarification: bangkokpost.com/thailand/general/3334453 ↩
- Thai PBS World, Stellungnahmen zum Prüfverfahren und zur Finanzierung: 567998, 570714, 567710 ↩
- The Nation, Bhumjaithai-Entwurf mit öffentlicher Anhörung bis 14. Oktober 2026: nationthailand.com/news/40071758 ↩
- Thairath, Äußerung von Korn Chatikavanij vom 4. Oktober 2026: thairath.co.th/news/politic/2963994 ↩
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