Auswandern und dann verbittert aufgeben

Der Traum vom Auswandern endet oft in Frust. Ein Leser hinterfragt die wahren Herausforderungen fernab der Heimat und sucht den ehrlichen Dialog.

Auswandern und dann verbittert aufgeben
Gemini AI
Google Werbung

Sehr geehrte Redaktion, liebe Mitlesende,

mit großem Interesse, aber auch mit einer wachsenden Sorge verfolge ich die Erfahrungsberichte von Auswanderern, die ihren Lebensmittelpunkt fernab der Heimat gesucht haben. Immer häufiger stoße ich in diversen Netzwerken auf geradezu dramatische Berichte, in denen Menschen unter dem Ausdruck ihrer absoluten Erschöpfung ein baldiges Ende ihres Auslandsaufenthalts ankündigen.

Diese Phänomene werfen grundlegende Fragen auf, die weit über das rein persönliche Scheitern hinausgehen und vielmehr die tiefgreifenden gesellschaftlichen, seelischen und zwischenmenschlichen Ebenen des Auswanderns berühren.

Ich möchte dieses Thema hiermit als Anregung für eine tiefere redaktionelle Aufarbeitung sowie als offene Frage an die Leserschaft verstanden wissen. Der Traum vom unbeschwerten Leben unter Palmen wird in den Medien oft stark verschönert dargestellt.

Der Übergang von einem entspannten Urlaub in einen dauerhaften Alltag bringt jedoch Herausforderungen mit sich, die in ihrer Schwere von vielen Auswanderern offenbar stark unterschätzt werden. Es beginnt bereits bei den scheinbar einfachen Dingen des täglichen Lebens.

Die Wetterbedingungen, die während eines mehrwöchigen Urlaubs als wärmend und angenehm empfunden werden, entwickeln sich bei dauerhafter Anwesenheit oft zu einer schweren körperlichen Belastung. Hinzu kommen Hürden im direkten Lebensumfeld. Eine laute und unruhige Umgebung steht im starken Gegensatz zur erhofften Ruhe des Ruhestandes.

Die Verkehrswege und die allgemeine Sicherheit auf den Straßen entsprechen häufig nicht den gewohnten heimischen Maßstäben und stellen somit eine tägliche Gefahrenquelle dar. Ein weiterer, tiefgreifender Gesichtspunkt ist der ständige Umgang mit den örtlichen Behörden. Die fortlaufende Notwendigkeit, Aufenthaltsrechte immer wieder zu verlängern, verbunden mit sich schnell ändernden und schwer verständlichen Gesetzen, erzeugt ein dauerhaftes Gefühl der Unsicherheit.

Viele Menschen bleiben trotz eines jahrelangen Aufenthalts rechtlich betrachtet lediglich geduldete Gäste, was die Lebensplanung massiv erschwert. Diese mangelnde rechtliche und gesellschaftliche Absicherung zermürbt viele Menschen auf lange Sicht.

Den eigentlichen Kern des Problems sehe ich jedoch in der alltäglichen Verständigung und der daraus folgenden gesellschaftlichen Vereinsamung. Die Hürde der fremden Sprache ist fast immer höher, als man es sich im Vorfeld ausmalt. Selbst wenn ein grundlegender Wortschatz erlernt wird, bleiben tiefe Gräben in der Art und Weise, wie man Auseinandersetzungen führt, wie man Anliegen direkt oder eben indirekt anspricht und welche Wertvorstellungen den Alltag einer Gesellschaft bestimmen.

In vielen fernöstlichen Kulturen ist beispielsweise die Vermeidung von Gesichtsverlust ein hohes Gut. Die europäische Neigung, Probleme unverblümt und zielgerichtet anzusprechen, führt hier unweigerlich zu schweren Missverständnissen und zu einer unüberwindbaren Distanz zwischen den Einheimischen und den Zugewanderten.

Stört Sie die Werbung?
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
ZUM ANGEBOT

Viele Auswanderer ziehen sich schließlich in einen kleinen, geschlossenen Kreis von Schicksalsgefährten zurück, anstatt jemals ein echter Teil der örtlichen Gemeinschaft zu werden. Dies verstärkt das schleichende Gefühl, in der Fremde nie wirklich angekommen zu sein.

Wenn sich im fortgeschrittenen Alter dann noch die Ersparnisse verringern oder gesundheitliche Sorgen auftreten, für die die örtliche medizinische Versorgung ohne teure Zusatzzahlungen nicht ausreicht, kippt die Stimmung vollends. Der einstige Traumort wird plötzlich als feindselige Umgebung wahrgenommen.

Die Reaktionen auf diese spürbaren Grenzen der Belastbarkeit schwanken zwischen tiefer Verzweiflung und offener Wut gegenüber dem Gastland, was sich in den oft verzweifelten Einträgen im Internet deutlich zeigt.

Daher richte ich mich heute mit einer doppelten Bitte an Sie. An die Redaktion richte ich die Frage, ob in der öffentlichen Berichterstattung über das Leben im Ausland nicht ein deutlich wirklichkeitsnäheres Bild gezeichnet werden müsste. Ein Bild, das auch das mögliche Scheitern nicht ausblendet, sondern als greifbare Möglichkeit benennt und enttabuisiert.

An die werte Leserschaft, insbesondere an jene, die diesen großen Schritt selbst gewagt haben, richte ich die ehrliche Frage nach den persönlichen Lösungswegen. Wie gehen Sie mit diesen täglichen Reibungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit um? Gibt es überhaupt eine echte Möglichkeit, sich auf diese weitreichende Umstellung vorzubereiten, oder ist ein gewisses Maß an Unzufriedenheit ein unumgänglicher Teil des Lebens fern der Heimat, den man schlichtweg annehmen muss?

Ich erhoffe mir von diesem Aufschlag eine sachliche, ehrliche und erhellende Diskussion zu diesem vielschichtigen Thema und danke Ihnen für den Raum, diese Gedanken hier äußern zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr aufmerksamer Leser

Anmerkung der Redaktion:

Newsletter abonnieren

Newsletter auswählen:
Abonnieren Sie den täglichen Newsletter des Wochenblitz und erhalten Sie jeden Tag aktuelle Nachrichten und exklusive Inhalte direkt in Ihr Postfach.

Wir schützen Ihre Daten gemäß DSGVO. Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Kommentar zu „Auswandern und dann verbittert aufgeben

  1. Lieber Leser, der Du diese Diskussion angeregt hast. Alles nachfolgende nur von meiner Warte aus gesehen.
    Ich finde, grade hier im WB wird genügend über die Realität wie z.B. Wetter, Gefahren im Verkehr und insbesondere den Umgang mit Behörden berichtet. Ob Du Dich hier als Gast fühlst oder Dich ein wenig integrieren willst, liegt hauptsächlich an Dir selber. Wo Du lebst, wie Du die Sprache lernst und wie Deine Einstellung zu Thailand im Allgemeinen ist. Daher rate ich jedem, nicht einfach auszuwandern sondern sich das gewählte Land erst mal anzuschauen. Vor allem raus aus den Touri Gebieten. Ist natürlich als „Neuling“ nicht so einfach und ab einem gewissen Alter schon gar nicht. Ein „Ausspähen der Situation“ von mindestens 3 Monaten ist m.E. nötig um seinen Körper und Geist zu testen. Und dann kann man dann evtl. abwägen ob das gewisse Maß an Unzufriedenheit hier nicht so groß ist wie z.B. in Deutschland. Was Wunsch und Wirklichkeit betrifft kann ich nur für mich sprechen. Ich habe es nie bereut mich in Thailand niederzulassen. Ehrlich.

Wichtiger Hinweis für unsere Leser

Wir freuen uns auf Ihren Beitrag! Bitte beachten Sie für ein freundliches Miteinander unsere Regeln:

  • Höflichkeit: Keine Beleidigungen, Kraftausdrücke oder Gewaltandrohungen.
  • Sorgfalt: Bitte achten Sie auf die korrekte Schreibweise von Namen.
  • Quellen: Zitate nur mit Namensnennung (Internet-Links/URLs sind nicht erlaubt).
  • Themen: Bitte keine Kritik an der Regierung, der Monarchie oder Diskussionen zur Moderation.
Vorbehalt der Redaktion: Wir behalten uns das Recht vor, Kommentare nachträglich zu bearbeiten oder zu löschen, sollten diese gegen unsere Regeln oder geltendes Recht verstoßen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert