Die Steintisch-Generäle von Thailand

Punkt 16 Uhr tagt zwischen Rawai und Naklua der inoffizielle „Weltsicherheitsrat“. Am Tresen sitzen Männer, die Thailand erklären – spätestens nach dem dritten Chang mit letzter Gewissheit. Ein Porträt über Auswanderer, die im Exil plötzlich alles besser wissen.

Die Steintisch-Generäle von Thailand
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Punkt 16 Uhr beginnt in den einschlägigen Etablissements zwischen Rawai und Naklua die tägliche Sitzung des Weltsicherheitsrates. Hier sitzen die Männer, die Thailand wirklich verstehen – oder es zumindest nach dem dritten Chang-Bier behaupten. Ein Porträt über die Spezies des „Alleswissers“, der die Heimat verließ, um im Exil alles besser zu wissen.

Die Ein-Wort-Expertise

Der typische Steintisch-General lebt seit fünfzehn Jahren in Thailand, beherrscht aber sprachlich nur ein einziges Wort fehlerfrei: „Check-Bin“. Das hindert ihn jedoch nicht daran, die hochkomplexe thailändische Innenpolitik bis ins kleinste Detail zu analysieren. Mit einer Inbrunst, die jeden Politikprofessor vor Neid erblassen ließe.

Während er mühsam versucht, dem Kellner zu erklären, dass sein Schnitzel zu weich ist, entwirft er gleichzeitig einen Masterplan zur Stabilisierung des Baht-Kurses. Sein Wissen bezieht er aus dunklen Foren und dem Hörensagen anderer Experten, die ebenfalls seit Jahren keine thailändische Zeitung mehr von innen gesehen haben.

Die deutsche Gründlichkeit im Exil

Nichts wird am Steintisch so leidenschaftlich diskutiert wie die Unfähigkeit der Thais, ordentliche Gehwege zu bauen oder Kabel ordentlich zu verlegen. Der Expat sitzt in kurzen Hosen unter Palmen und schimpft über die „Laissez-faire“-Einstellung der Einheimischen, während er seinen dritten Termin des Tages wegen „Hitze“ absagt.

Es ist eine paradoxe Liebe: Man ist vor der deutschen Bürokratie geflohen, vermisst sie aber beim Anblick eines thailändischen Sicherungskastens schmerzlich. Jeder Steintisch-General hat eine Liste mit Verbesserungen parat, die Thailand innerhalb von zwei Wochen in ein tropisches Preußen verwandeln würden – wenn man ihn nur ließe.

Das „Früher war alles besser“-Lied

Keine Sitzung vergeht ohne die Hymne auf die „gute alte Zeit“. Früher, als das Bier noch 30 Baht kostete, die Frauen noch dankbar waren und man in Pattaya noch den Sand am Strand sehen konnte. Der Steintisch-General ist der Hüter der verlorenen Paradiese, auch wenn er selbst Teil der Veränderung ist.

Man beschwert sich über die Touristenmassen, während man selbst beim günstigsten Pauschalanbieter bucht. Die Satire der Existenz im Exil gipfelt darin, dass man die thailändische Gelassenheit sucht, sich aber am Steintisch jeden Tag über die mangelnde Pünktlichkeit des Moped-Taxis aufregt, als ginge es um die Deutsche Bahn.

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Die Visa-Diplomatie am Tresen

Das Thema Visum ist der heilige Gral der Steintisch-Gespräche. Jeder hat eine geheime Quelle in der Immigration, einen Agenten, der Unmögliches möglich macht, oder kennt einen Trick, wie man die 90-Tage-Meldung per Gedankenübertragung erledigt. Es ist die Währung, mit der man sich Respekt am Tisch erkauft.

Wer nur ein normales Rentner-Visum hat, gilt als Anfänger. Der wahre General prahlt mit Papieren, die so komplex sind, dass selbst die Beamten sie nicht verstehen. Dass er jedes Mal vor Angst schwitzt, wenn er eine Polizeikontrolle sieht, wird galant mit einem kräftigen Schluck aus dem Glas überspielt.

Der Kampf gegen die thailändische Zeitrechnung

Pünktlichkeit ist die Zier des Steintisch-Generals, auch wenn er außer dem nächsten Bier keine Termine mehr hat. Er sitzt bereits zehn Minuten vor Eröffnung der Bar am Tisch und schaut vorwurfsvoll auf die Uhr, wenn die Bedienung noch die Stühle rückt. „In Deutschland gäbe es das nicht“, lautet das universelle Urteil.

Dass er genau wegen dieser thailändischen Entspanntheit hergekommen ist, hat er längst vergessen. Er lebt in einem permanenten Zustand der künstlichen Aufregung über Dinge, die einen Thailänder nicht einmal ein müdes Lächeln kosten würden. Der Blutdruck steigt, während die Sonne langsam und völlig unpünktlich im Meer versinkt.

Die kulinarische Festung

Kulinarisch ist der Steintisch-General eine uneinnehmbare Festung. Nach zehn Jahren in den Tropen ist sein Magen immer noch auf Schweinebraten und Kartoffelsalat programmiert. Thailändisches Essen wird nur unter Protest akzeptiert, meistens „Mai Phet“ (nicht scharf), was die Köchin ohnehin als persönliche Beleidigung auffasst.

Man trifft sich beim „Hansi“ oder „Willi“, um über die schlechte Qualität der lokalen Wurst zu philosophieren. Die Ironie, dass man tausende Kilometer fliegt, um dann über die Konsistenz von Graubrot zu debattieren, entgeht der Runde völlig. Es ist gelebte Heimatliebe, nur eben mit Palmen im Hintergrund und ohne Heizkosten.

Der Masterplan zur Rettung der Welt

Gegen 18 Uhr, wenn der Pegel stimmt, werden die wirklich großen Räder gedreht. Der Steintisch-General löst den Ukraine-Konflikt, bändigt die Inflation und erklärt, warum E-Autos in Thailand niemals funktionieren werden – meistens mit dem Argument, dass man die Batterien nicht im Regen laden kann.

Es ist die Stunde der großen Gesten und der unumstößlichen Wahrheiten. Dass zu Hause die thailändische Ehefrau das Sagen hat und er dort kaum ein Wort zu melden hat, spielt hier keine Rolle. Am Steintisch ist er der König, der General und der Philosoph in Personalunion. Zumindest bis die Rechnung kommt.

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5 Kommentare zu „Die Steintisch-Generäle von Thailand

  1. Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind.

    Das ist leider zutreffend. Ich habe das Gefühl viele sind hier gestrandet weil sie im Heimatland nicht geregelt bekommen und hier Überlegenheitsgefühl meinen ausleben zu können.
    Ich für meinen Teil habe den Kontakt zu meinen“Landleuten“ runtergefahren
    Man kann hier sehr schnell feststellen ob ein Kontakt sich lohnt, hier fühlen die sicher mit ihren Meinungen, mit denen sie nicht hinter den Berg halten
    Die russischen Touristen sind nicht gerade Sympathieträger. Viele Deutsche in ihrer Engstirnigen Borniertheit sind nicht besser

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