BANGKOK, THAILAND – Kurz vor einem entscheidenden Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts hat sich der Fall um Ex-Vize-Polizeichef Surachate „Big Joke“ Hakparn zu einem komplexen Macht- und Korruptionskonflikt zwischen Polizei, Anti-Korruptionsbehörde und Parlament ausgeweitet.
Entscheidender Tag für Ex-Vize-Polizeichef
Am Freitag sollte das Oberste Verwaltungsgericht über die Zukunft von Pol.-Gen. Surachate Hakparn entscheiden. Der frühere stellvertretende Chef der Royal Thai Police war aus dem aktiven Dienst entfernt worden und versucht über die Gerichte seine Wiedereinsetzung zu erreichen.
Unabhängig von dieser Entscheidung ist Hakparn, landesweit als „Big Joke“ bekannt, inzwischen in einen möglichen Bestechungsskandal verwickelt, der die Nationale Anti-Korruptionskommission (NACC), führende Polizisten und das Parlament erfasst.
Vorwurf: Gold im Wert von über 10 Millionen Baht
Anfang der Woche übergab Pol.-Maj.-Gen. Jaroonkiat Pankaew von der Anti-Korruptionspolizei eine Ermittlungsakte an die NACC. Im Zentrum steht der Vorwurf, dass am 1. September des Vorjahres einem amtierenden NACC-Kommissar 246 Baht Gold im Wert von mehr als 10 Millionen Baht als Bestechung angeboten worden sein sollen.
Genannt wird der Kommissar Ekawit Watchawakku. Sowohl er als auch Surachate bestreiten die Vorwürfe. Die NACC kann den Fall selbst untersuchen oder die Akte an die Polizei zurückgeben – diese Weichenstellung ist noch offen.
Verteidiger drängt auf NACC-Ermittlungen
Am 7. Januar 2026 legte Surachates Anwalt, Sanyapat Samart, persönlich beim Büro der NACC Einspruch gegen eine mögliche Rückgabe der Akte an die Polizei ein. Unter Verweis auf § 61 Abs. 2 des Anti-Korruptions-Organikgesetzes (B.E. 2561) forderte er, die NACC solle das Verfahren selbst weiterführen.
Er nannte vier zentrale Bedenken gegen die bisherige Polizeiermittlung:
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• Herkunft einzelner Beweise sei rechtlich angreifbar und teils möglicherweise unzulässig
• Zeugen könnten durch Vorteile, Versprechen oder Druck zu belastenden Aussagen bewegt worden sein
• gegen Pol.-Col. Pakphum Phismai, der das Gold nach eigenen Angaben übergeben haben soll, seien keine Anklagen erhoben worden
• Mitglieder des Ermittlerteams stünden in Konflikt zu Surachate, was Zweifel an der Unparteilichkeit wecke
Zudem kritisierte Sanyapat eine Polizei-Pressekonferenz vom 6. Januar, bei der aus seiner Sicht geschützte Informationen gezeigt wurden. Er verwies auf Artikel 36 und 37 des Anti-Korruptionsgesetzes, Klausel 6 der NACC-Ermittlungsregeln sowie Artikel 164 des Strafgesetzbuches.
„Die Rückgabe der Akte würde das Verfahren zurückwerfen und die Fairness untergraben“, argumentierte er. Der richtige Weg führe über NACC, Staatsanwaltschaft und die Strafabteilung des Obersten Gerichtshofs für Amtsträger.
Verteidigung betont Unschuld und Verbleib im Land
Sanyapat erklärte, sein Mandant befinde sich weiterhin im Land und werde nicht fliehen. „Pol.-Gen. Surachate weist alle Vorwürfe zurück und beharrt auf seiner Unschuld“, sagte der Anwalt. Ziel der Verteidigung sei ausschließlich, dass Beweise und Verfahren rechtmäßig seien.
Trotz Berichten über interne Spannungen zeigte sich Sanyapat zuversichtlich gegenüber der Arbeit der NACC: Er praktiziere seit über 32 Jahren als Anwalt und glaube nicht an Absprachen innerhalb der Behörde.
Ehemalige Vertraute wenden sich ab
Besondere Brisanz erhält der Fall, weil sich zwei frühere enge Vertraute Surachates, Pol.-Col. Pakphum Phismai und sein jüngerer Bruder Pol.-Col. Khemarin Phismai, öffentlich gegen ihren früheren Vorgesetzten gestellt haben. Medien hatten sie lange als loyale Unterstützer beschrieben.
Sie warfen Surachate unter anderem Brutalität gegenüber Untergebenen vor und verwiesen auf seine Anschuldigungen gegen den damaligen Polizeichef Gen. Torsak Sukwimol im März 2024. Die Police Complaints Review Board (PCRB) hatte im Oktober Surachates Vorwürfe teilweise gestützt und Anklagen gegen rund 200 ranghohe Polizisten, darunter Torsak, empfohlen.
Fall erreicht das Parlament
Am Mittwoch brachte Pol.-Col. Pakphum den Konflikt in die Parlamentsarena. Um 16 Uhr übergab er im Parlament ein Schreiben an Senatspräsident Mongkol Surasajja, formal eingereicht über Senator Phisit Apinyapong.
Das Schreiben fordert das Parlament auf, den Fall an den Präsidenten des Obersten Gerichtshofs weiterzuleiten, um rechtliche Schritte gegen NACC-Kommissar Ekawit wegen angeblicher Annahme des Goldes zu prüfen. Senator Phisit erklärte, das Dokument werde allen 200 Senatoren zugeleitet.
Gemäß Artikel 236 der Verfassung sind dafür die Unterschriften von mindestens einem Fünftel der Mitglieder nötig – also mindestens 40 Senatoren. Erst dann könnte der Präsident des Obersten Gerichtshofs ein Untersuchungsgremium zu möglichem Fehlverhalten eines NACC-Kommissars einsetzen.
Pakphum schildert Bruch mit Big Joke
Pakphum gab an, umfangreiche Dokumente und physische Beweise zur Goldaffäre vorgelegt zu haben. Die Verantwortung für die angebliche Bestechung sei ihm zugeschoben worden, mit nach seiner Darstellung schweren drohenden Strafen.
Als Wendepunkt nannte er eine Pressekonferenz vom 19. März 2024 zur BNK-Glücksspielseite, bei der es um 38 Millionen Baht und einen ehemaligen Polizeichef ging. Die Veranstaltung war von Surachate und dessen Anwälten organisiert worden und hatte eine anhaltende Krise mit der Royal Thai Police ausgelöst. Pakphum und sein Bruder seien damals nicht einverstanden gewesen, weil keine Beweise präsentiert worden seien.
Er berichtete zudem von Fällen, in denen Schuld nach unten delegiert worden sei und Untergebene teils körperlich angegangen worden seien. Zugesagte Hilfe sei oft ausgeblieben, sobald Verfahren vor Gericht gelangten.
Video bei Ex-Parlamentspräsident und Druck im Hintergrund
Pakphum schilderte weiter Druck im Zusammenhang mit einem Video, das im Haus von Wan Muhammad Nor Matha, dem früheren Parlamentspräsidenten, aufgenommen worden sein soll. Er sei gedrängt worden, zuzugeben, der Urheber zu sein. Ziel sei gewesen, NACC-Chef Suchart Trakulkesemsook unter Druck zu setzen.
Das habe insbesondere seinen Vater empört und letztlich zum endgültigen Bruch geführt. Er habe Surachates Arbeit ursprünglich geschätzt, seine Haltung aber geändert, nachdem er Vorgehensweisen beobachtet habe, die über dienstliche Pflichten hinausgingen und seinen eigenen Prinzipien widersprachen.
Indirekte Strukturen und Rückgabe des Goldes
Pakphum bezog sich auch auf Äußerungen von Pol.-Maj.-Gen. Jaroonkiat, der eingeräumt habe, dass ranghohe Offiziere häufig über Untergebene agierten und Finanzströme verschleierten. Dadurch sei direkte Beweisführung schwierig, Tarnung von Abläufen sei Teil des Systems.
Zur Goldaffäre erklärte er, es habe den Versuch gegeben, das Gold zurückzugeben. Er und Ekawit hätten sich nicht gekannt, ein Mittelsmann sei eingesetzt worden. Die Interaktion sei auf Video aufgezeichnet worden.
Pakphum sagte, er habe zunächst die Annahme verweigert. Später sei er gedrängt worden, die Eigentümerschaft zu übernehmen, um eine Rückgabe zu ermöglichen. Er habe dies abgelehnt, weil das Gold nicht sein Eigentum gewesen sei und eine Annahme falsche Besitzverhältnisse suggeriert hätte. Trotz wiederholter Anrufe und Angeboten, ihm das Gold zu überlassen, habe er konsequent abgelehnt. Schließlich sei das Gold von anderen zurückgegeben worden.
Unterstützung für Wiedereinsetzung – getrennte Verfahren gefordert
Bemerkenswert ist, dass Pakphum trotz seiner Aussagen angab, er wünsche sich die Rückkehr Surachates in den Polizeidienst – ohne verbleibende Zweifel. Parallel dazu solle das Bestechungsverfahren unabhängig seinen Lauf nehmen.
Er verwies auf die Zuständigkeiten von NACC, Staatsanwaltschaft, Gerichten und Polizei und betonte die Bedeutung von Transparenz und öffentlicher Kontrolle. Die Reaktionen auf seine Enthüllungen seien stärker ausgefallen als erwartet. Ihm sei bewusst, dass er selbst zum Beschuldigten werden könne, dies würde er akzeptieren.
Von einem „Verrat“ an Vorgesetzten wollte er nicht sprechen. Er respektiere weiterhin manche Vorgesetzte, habe aber im Interesse von Institution und Öffentlichkeit handeln müssen.
Belastende Aussagen, bestreitende Beschuldigte
Pakphum erinnerte daran, dass zunächst Kommissar Ekawit Ziel einer angeblichen Erpressung per Video gewesen sei, bevor später er selbst in eine inszenierte Übergabe des Goldes hineingezogen werden sollte. Ob dies als Verrat gelte, hänge von der Perspektive ab.
Ekawit hat jede Beteiligung an einem Bestechungsschema zurückgewiesen und bestreitet auch Fehlverhalten gegenüber der Anti-Korruptionspolizei. Surachate wiederum hat die Ermittlungen insgesamt angegriffen, insbesondere die Art der Beweisgewinnung und die Vorgehensweise der Anti-Korruptionseinheit der Polizei.
Die Akte liegt derzeit bei der NACC, die über das weitere Vorgehen noch nicht entschieden hat. Gleichzeitig steht die Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts über eine mögliche Wiedereinsetzung Surachates weiterhin aus – zwei zentrale Hürden für den Mann, den die Öffentlichkeit als „Big Joke“ kennt.
UPDATE: „Big Joke“ verliert Prozess gegen Polizei
BANGKOK – Das juristische Aus für einen der mächtigsten Polizisten Thailands ist besiegelt. Das Oberste Verwaltungsgericht wies die Klage des Ex-Vizechefs Surachate „Big Joke“ Hakparn gegen seine Entlassung ab. Damit ist sein rasanter Fall endgültig.
Das Urteil ist gefallen – und es ist eindeutig
Das Gericht entschied am Freitag, dass der Entlassungsbeschluss gegen den einstigen Polizei-Superstar rechtmäßig ist. Surachate hatte gegen den Nationalpolizeichef, die Polizei-Laufbahnkommission und den Premierminister geklagt.
Die Klage zielte darauf ab, seine Wiedereinstellung zu erreichen. Diesem Anliegen erteilten die Richter nun eine klare Absage. Der Weg zurück in die Polizei ist damit versperrt.
„Der Beschluss war gesetzeskonform“, so das kurze, aber klare Statement des Gerichts.
Warum „Big Joke“ gefeuert wurde
Am 18. April 2024 wurde Surachate zunächst vom Dienst suspendiert. Der Grund: Ermittlungen zu schweren disziplinarischen Verfehlungen.
Im Juni 2024 stimmte die 12-köpfige Polizeikommission unter Vorsitz von Ex-Premier Srettha Thavisin dann einstimmig für seine Entlassung.
Der Hauptvorwurf: Seine angebliche Verstrickung in das Online-Glücksspielnetzwerk „BNKMaster“. Ihm wird Verschwörung zur Geldwäsche vorgeworfen.
Was bedeutet das Urteil für Thailands Polizei?
Das endgültige juristische Aus für „Big Joke“ markiert das Ende einer Ära. Der einstige Medienstar und gefürchtete Ermittler ist gefallen.
Sein Fall zeigt die tiefen Gräben und Machtkämpfe innerhalb der hochrangigen Polizeistrukturen Thailands. Ein Kampf, den seine Gegner nun klar für sich entschieden haben.
Für die Polizeiführung ist es ein wichtiger Sieg in ihrem Bemühen, interne Korruption zu bekämpfen – oder zumindest so darzustellen.
Und jetzt? Die Zukunft von Surachate Hakparn
Für den 55-Jährigen bleiben nun nur noch die strafrechtlichen Verfahren. Die Vorwürfe der Geldwäsche und der Bestechung lasten weiter auf ihm.
Seine politischen Ambitionen, die er nach seinem Rauswurf aus der Polizei geäußert hatte, sind durch die neuen Ermittlungen erheblich beschädigt.
Der Mann, der einst für spektakuläre Verbrecherjagden sorgte, ist selbst zum Gejagten geworden. Sein Spitzname „Big Joke“ klingt heute wie eine bittere Ironie.



