Am Freitag habe ich Ihren Artikel gelesen, und deshalb schreibe ich Ihnen: weil ich selbst ein Opfer bin. Ich bin 78 Jahre alt, Witwer seit fünf Jahren, und ich schäme mich so sehr, dass ich kaum weiß, wie ich anfangen soll. Aber ich muss es tun. Vielleicht bewahre ich damit einen anderen alten Mann davor, denselben Fehler zu machen.
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Es fing harmlos an. Eine Nachricht über eine Dating-Plattform. Sie hieß Jennifer, lebte in Houston, Texas, arbeitete als Krankenschwester. Ihr Profil sah echt aus – Fotos mit Freunden, ein Golden Retriever, ein Vorgarten mit Rosen. Sie schrieb gut, warmherzig, mit einer Art Humor, die mich zum Lachen brachte. Nach zwei Wochen telefonierten wir zum ersten Mal.
Ihre Stimme war ruhig, freundlich, ein bisschen rau. Sie erzählte von ihrer Arbeit im Krankenhaus, von ihrem Vater, der an Alzheimer erkrankt war und den sie jeden Sonntag besuchte. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit dem Tod meiner Frau wieder wie ein Mensch, den jemand wirklich sieht.
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Dann kam der Anruf, der alles veränderte. Jennifer hatte einen Autounfall, ihr Wagen war totalschaden, die Versicherung lehnte ab. Sie bat um 800 Dollar. Nur als Darlehen, sie würde es zurückzahlen. Ich schickte das Geld über Western Union. Ich dachte, das ist das Mindeste, was ich tun kann.
Zwei Wochen später: Ihre Mutter im Krankenhaus. Dann die Miete, die sie nicht zahlen konnte. Dann eine unerwartete Steuerrechnung. Jedes Mal dieselbe Geschichte, jedes Mal dringender, jedes Mal mit Tränen in der Stimme. Ich habe insgesamt über 12.000 Euro überwiesen. Mein ganzes Erspartes. Alles.
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Der Moment, in dem ich es begriff, war still. Kein Drama, kein lautes Aufschreien. Ein alter Freund schickte mir einen Link zu einer Webseite über Romance Scams. Aus Neugier lud ich eines ihrer Fotos hoch – das erste, das sie mir geschickt hatte, noch vor unserem ersten Telefonat.
Das Ergebnis: Das Bild gehörte einer amerikanischen Schauspielerin, die seit über zehn Jahren tot ist. Ich suchte nach ihrer Telefonnummer. Sie kam aus Lagos, Nigeria. Nicht aus Houston. Nicht aus Amerika. Gar nichts war echt.
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Ich habe stundenlang auf meinen Küchentisch gestarrt. Nicht aus Wut. Aus Scham. Ich, der immer gesagt hat, dass so etwas nur dummen Menschen passiert. Ich habe mich für klug gehalten. Für erfahren genug, um so etwas zu erkennen.
Und dann war ich der, der monatelang in eine Lüge gefallen ist, jeden Abend, jedes Gespräch, jedes versprochene Wiedersehen. Alles inszeniert. Von einem Mann, der am anderen Ende der Welt saß und darauf wartete, dass ich die nächste Überweisung tätigte.
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Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu bekommen. Das habe ich nicht verdient. Ich will, dass jeder, der das liest, eines begreift: Wenn jemand, den Sie nie persönlich getroffen haben, nach Geld fragt – egal wie echt die Geschichte klingt, egal wie sehr Sie fühlen, egal wie lange Sie schon schreiben – dann ist es Betrug. Immer. Es gibt keine Ausnahme. Keine.
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Jeder Mensch ist von Natur aus im Vergleich mit der Tierwelt übergroßen Gehirn ausgestattet. Man müsste es nur mal benutzen. Dann hätten zum Beispiel solche Liebesfallen, Hütchenspiele oder gar der Enkeltrick keine Chance.
Welches Gehirn, das bereits seit Jahrzehnten iim Smartphone verankert ist!