Musik gegen das Vergessen: Gedenken in Bangkok

Musik gegen das Vergessen: Gedenken in Bangkok
Bangkok Post

BANGKOK, THAILAND – Mit einem eindringlichen Gedenkkonzert hat Opera Siam in Bangkok an die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik erinnert und ein deutliches Zeichen gegen Geschichtsvergessenheit und Holocaust-Leugnung gesetzt.

Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz

Am vergangenen Sonntag fand in der Great Hall der King’s College International School Bangkok ein Holocaust Memorial Concert von Opera Siam statt. Anlass war der bevorstehende Jahrestag der Befreiung der Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau am 27. Januar 1945 – ein Datum, an dem die Welt erstmals das Ausmaß des nationalsozialistischen Massenmords erkannte.

Die Veranstaltung war den Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder gewidmet, die unter der NS-Herrschaft ermordet wurden. Acht Jahrzehnte nach diesen Verbrechen leben nur noch wenige Überlebende; die Verantwortung für das Gedenken liegt zunehmend bei nachfolgenden Generationen.

Deutliche Worte des deutschen Botschafters

Vor Konzertbeginn wandte sich Dr. Ernst Reichel, deutscher Botschafter in Bangkok, mit einer persönlichen Ansprache an das Publikum. „Das deutsche Volk empfindet bis heute eine Scham, die kein Verfallsdatum kennt“, sagte er.

Reichel machte deutlich, dass Erinnerung und Verantwortung nicht an der Staatsgrenze enden. Das Gedenken an den Holocaust sei eine Aufgabe für Menschen aller Nationen, und künftige Generationen dürften das Geschehene niemals verdrängen oder relativieren.

Góreckis „Symphony of Sorrowful Songs“ als zentrales Werk

Zum Auftakt erklang die 3. Sinfonie von Henryk Górecki, bekannt als „Symphony Of Sorrowful Songs“. Das dreisätzige Werk für Sopran und Orchester entstand 1976 und ist vor allem als Klage über das Leid des Krieges und die deutsche Besatzung Polens angelegt. Die 1992 erschienene Einspielung mit der London Sinfonietta und Sopranistin Dawn Upshaw machte die Sinfonie weltweit zu einem Phänomen und verkaufte sich über eine Million Mal.

Die Komposition basiert auf polnischen Texten von großer emotionaler Wucht. Zwei Sätze geben die Perspektive trauernder Eltern wieder, ein weiterer beruht auf einer Nachricht der 18‑jährigen Polin Helena Błażusiakówna, eingeritzt in die Wand einer Gestapo-Zelle. Trotz des tragischen Inhalts bleibt die Musik überwiegend in Dur und vermittelt eine leise Botschaft von Hoffnung und Widerstandskraft.

Cassandra Black berührt mit stiller Intensität

Die Siam Sinfonietta ließ das Werk aus einer schlichten Kontrabasslinie zu voller orchestraler Leuchtkraft anwachsen. Die sich wiederholenden Dreiton-Phrasen der Sopranstimme wirkten wie ein lautloser Aufschrei der Menschheit.

Als Solistin überzeugte die amerikanische Sopranistin Cassandra Black mit einem leuchtenden, kontrollierten Klang und großem Gespür für den spirituellen Charakter der Musik. Ihre eindringlichen Rufe fügten sich organisch in den Orchesterklang ein, ohne je auf Effekt zu zielen. Am Ende herrschte in der Halle eine solche Stille, dass niemand den Moment als Erster mit Applaus unterbrechen wollte.

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Strauss, Spätromantik und ein schwieriges Erbe

Im zweiten Teil standen die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss auf dem Programm, geschrieben 1948, ein Jahr vor dem Tod des Komponisten. Unter der Leitung von Somtow Sucharitkul, künstlerischer Leiter und Chefdirigent der Siam Sinfonietta, formte das Orchester einen disziplinierten, zugleich ausdrucksstarken Spätromantik-Klang.

Hervorgehoben wurden insbesondere Hornist Yuttapol Kangwansurakrai, der seine exponierten Soli mit Ruhe und warmem Ton bewältigte, sowie die Konzertmeisterin Aim Chotikulo, deren Violinpassagen zu den Höhepunkten des Abends gehörten. Cassandra Black meisterte die anspruchsvolle Sopranpartie mit kluger Krafteinteilung und feiner Gestaltung, selbst über vollem Orchester.

Als Zugabe sang sie Strauss’ „Zueignung“, die den Saal mit ungebrochener stimmlicher Präsenz füllte.

Richard Strauss und der Schutz seiner Familie

Im Anschluss erinnerte das Konzert auch an die ambivalente Biografie von Richard Strauss in der NS-Zeit. Nach Kriegsende wurden seine Vermögenswerte und Tantiemen eingefroren, während seine mögliche Nähe zur NSDAP untersucht wurde. Er wurde letztlich als unschuldig beurteilt.

Tatsächlich war Strauss in Deutschland geblieben, um seine jüdische Schwiegertochter und seine Enkel zu schützen, die unter dem NS-Regime erheblich gefährdet waren. Die Familie lebte auf seinem Anwesen unter Hausarrest und in ständiger Angst vor der Gestapo. Strauss fuhr persönlich ins Konzentrationslager Theresienstadt, um die Freilassung weiterer Angehöriger zu erreichen – ohne Erfolg.

Mahnung der israelischen Botschafterin

Die israelische Botschafterin Dr Alona Fisher-Kamm betonte in ihrer Ansprache die Bedeutung von Bildung als Schutz vor erneuten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. „Bildung bleibt das stärkste Werkzeug, das wir haben, um sicherzustellen, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen – gegen keine Nation, keinen Glauben und keine ethnische Gruppe“, sagte sie.

In einer Situation, in der Sprache oft an ihre Grenzen stößt, wurde das Konzert zu einem gemeinsamen Akt des Gedenkens. Die Verantwortung, an die Opfer zu erinnern, bleibt eine dauerhafte Aufgabe – weiterzugeben von den Zeitzeugen an kommende Generationen.

🗣 Wenn Erinnerung Pflicht wird

Die letzten Zeitzeugen verschwinden. Was bleibt, sind Worte, Töne – und unsere Haltung. Reicht kulturelles Gedenken aus, um Leugnung und Gleichgültigkeit entgegenzutreten?
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Quelle: Bangkok Post

Ein Kommentar zu „Musik gegen das Vergessen: Gedenken in Bangkok

  1. Wenn ich von dieser Veranstaltung im Vorfeld gewusst hätte, wäre ich da hin gegangen. In Gedenken an meine Eltern und Großeltern die sehr unter der Terrorherrschaft der Nazis im eigenen Land haben leiden müssen. Ein Leiden das selbst nach dem Tag der Befreiung noch immer nicht vorbei war. So ist das eben mit dem „Fliegenschiss“. Wirkt unglaublich lange nach.

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