Vier Mal im Jahr dasselbe Ritual: Formular TM47 ausfüllen, Reisepass einpacken, zur Einwanderungsbehörde fahren. Und wer nach einem Kurztrip zurückkommt, meldet per TM30 seine Adresse neu an – obwohl er seit fünf Jahren in derselben Wohnung lebt. Ich frage mich: Macht das wirklich noch Sinn, oder ist es längst zur reinen Pflichterfüllung ohne Mehrwert geworden?
Ein Gesetz von 1979, das 2026 noch unverändert gilt
Abschnitt 37 des thailändischen Einwanderungsgesetzes stammt aus dem Jahr 1979. Damals war der Massentourismus in Südostasien kaum eine Randnotiz. Die Regel ist simpel: Wer neunzig Tage ununterbrochen im Land bleibt, meldet sich. Wer ausreist, beginnt die Zählung neu.
Seither hat sich die Welt grundlegend verändert. Thailand zählt heute Hunderttausende Langzeitgäste – Rentner, Auswanderer, digitale Nomaden. Das Gesetz steht unberührt. Die Frage, die mich nicht loslässt: Passt ein Werkzeug aus dem Jahr 1979 noch zu dieser Realität?
Was die Behörde seit Mai 2025 wirklich von mir verlangt
Seit Mai 2025 hat sich der Prozess technisch verändert. Die papierene TM6-Karte ist Geschichte; an ihre Stelle trat die Thailand Digital Arrival Card, kurz TDAC. Ohne diese digitale Einreisekarte und ihre zehnstellige Referenznummer läuft im Online-Portal heute schlicht nichts mehr.
Das klingt nach Fortschritt – und manchmal ist es das. Wer die TDAC-Nummer zur Hand hat und das System gerade nicht streikt, erledigt die Meldung in Minuten vom Schreibtisch aus. Wer sie verloren hat oder zum ersten Mal meldet, fährt trotzdem zum Schalter. Der Fortschritt hat seine Grenzen.
Anutin gewinnt die Wahl – und was sein Sieg für Langzeitgäste bedeutet
Am 8. Februar 2026 gewann Anutin Charnvirakul die Parlamentswahl überraschend klar. Seine konservative Bhumjaithai-Partei holte rund 194 von 500 Mandaten – mehr als erwartet. Anutin war seit September 2025 bereits geschäftsführender Premierminister.
Der Wahlsieg gibt Anutin nun ein stabiles Mandat – und er nutzt es direkt für die Immigrationspolitik. Noch am 10. Februar, zwei Tage nach der Wahl, bestätigte das Kabinett eine neue Visa-Kommission. Deren erste Aufgabe: prüfen, ob die visafreie Einreisedauer von 60 auf 30 Tage gekürzt werden soll. Eine Entscheidung steht noch aus.
30 Tage statt 60 – und warum das Expats zunächst nicht trifft
Der Vorschlag, die visafreie Einreise auf 30 Tage zu halbieren, macht Schlagzeilen. Das Außenministerium begründet ihn mit Missbrauch: illegale Arbeit, Kriminalität, überhöhte Mietpreise durch Langzeitaufenthalte auf Touristenvisum. Die Tourismusdaten stützen das – der Durchschnittsbesucher bleibt ohnehin nur 15 bis 21 Tage.
Für Expats und Dauerbewohner mit Non-O, Retirement-Visum oder LTR ändert sich durch diese Maßnahme direkt gar nichts. Die Diskussion trifft jene, die seit Jahren auf Touristenstempel als Dauerlösung setzen – genau das will Anutin beenden. Die Botschaft ist klar: Wer dauerhaft bleibt, braucht das richtige Visum.
Was Langzeitgäste und Auswanderer wirklich stört
Ich höre dieselben Klagen seit Jahren. Ein Rentner in Chiang Mai, der seit einem Jahrzehnt dieselbe Wohnung bewohnt und dieselbe Rente bezieht, soll viermal jährlich seinen unveränderten Wohnsitz bestätigen. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zur gewonnenen Information.
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Hinzu kommen technische Pannen. Das Online-System fällt regelmäßig aus, Daten werden nicht übernommen, Browser-Probleme blockieren die Eingabe. Wer auf die digitale Variante vertraut und scheitert, sitzt plötzlich in der Fristfalle. Ein System, das auf Papier moderner wirkt als in der Praxis, schafft kein Vertrauen.
Die Strafen sind klar – aber treffen sie die Richtigen?
Wer die Frist versäumt, zahlt: 2.000 Baht, rund 54 Euro, bei freiwilliger Meldung. Wird man bei einer Kontrolle aufgegriffen, ohne gemeldet zu haben, verdoppelt sich der Betrag auf 4.000 Baht – etwa 108 Euro. Hinzu kann eine tägliche Gebühr von 200 Baht kommen, bis die Meldung nachgeholt ist.
Die Strafe ist für wohlhabende Rentner verkraftbar. Für Lehrer, Helfer im sozialen Bereich oder Menschen mit kleinem Budget kann sie empfindlich treffen. Ob ein System, das routinemäßig Vergessliche bestraft, wirklich die anvisierte Zielgruppe – Menschen mit böswilliger Absicht – trifft, darf man bezweifeln.
Das LTR-Visum zeigt: Entlastung ist möglich, wenn man es will
Thailand hat selbst bewiesen, dass die 90-Tage-Taktung nicht sakrosankt ist. Inhaber des Long-Term Resident Visa, kurz LTR, müssen sich nur einmal jährlich melden. Das Programm wurde 2026 zugänglicher gemacht: Einkommensgrenzen wurden gesenkt, Arbeitgebernachweise vereinfacht.
Das LTR zeigt die Richtung. Wer dem Staat gegenüber transparent ist – mit nachgewiesenem Einkommen, stabilem Wohnsitz, steuerlicher Compliance – darf seltener zur Behörde. Das ist der richtige Ansatz. Die Frage ist, warum er nur für eine zahlungskräftige Minderheit gilt.
Was ein faires System aussehen könnte
Ich plädiere nicht für die Abschaffung der Meldepflicht. Ich plädiere für Verhältnismäßigkeit. Ein Rentner mit nachgewiesenem Wohnsitz, stabilen Finanzen und langjährigem tadellosen Aufenthalt sollte nicht im selben Rhythmus kontrolliert werden wie ein Visa-Runner mit fragwürdiger Geschichte.
Ein jährlicher Turnus für belegte Langzeitaufenthalte wäre ein sinnvoller Schritt. Auch ein verlässlicheres Online-System mit klaren Fallback-Optionen würde Vertrauen schaffen – auf beiden Seiten. Der Staat gewinnt nichts, wenn er kooperationswillige Menschen durch Systemfehler in Bußgeldfallen treibt.
Der digitale Wandel birgt Chancen – und neue Risiken
Die TDAC-Pflicht ab Mai 2025 ist grundsätzlich eine gute Idee. Ein digitaler Datensatz, der alle Meldungen bündelt, spart Papier und Zeit. Biometrische Pilotprojekte in Bangkok deuten darauf hin, dass künftig ein Gesichtsscan den Amtsbesuch ersetzen könnte. Das wäre ein echter Fortschritt.
Doch Digitalisierung bedeutet auch dichtere Kontrolle. Einwanderungs-, Steuer- und Bankdaten werden seit 2025 aktiver verknüpft. Wer in Thailand lebt, sollte – ebenso wie bei der Krankenversicherung – auch melderechtlich auf solidem Boden stehen.
Zwischen Willkommen und Kontrolle: Wo steht Thailand 2026?
Thailand sendet 2026 widersprüchliche Signale. Einerseits wirbt das Land aktiv um wohlhabende Langzeitgäste, lockert LTR-Bedingungen, schaltet internationale Werbung für das „Tropical Living“-Versprechen. Andererseits verschärft es Kontrollen, schiebt häufiger ab und vernetzt seine Behörden enger.
Das ist kein Widerspruch, sondern eine Botschaft: Thailand will ausgewählte Gäste, nicht jeden. Wer den richtigen Visa-Status hat, die Finanzen nachweist und zuverlässig meldet, lebt weiterhin gut hier. Wer auf alte Schlupflöcher setzt, gerät zunehmend unter Druck. Die Zeiten des geduldeten Graubereichs neigen sich dem Ende zu.
Mein Fazit: Reform ja – aber mit Augenmaß auf beiden Seiten
Ich bin überzeugt, dass die 90-Tage-Meldepflicht in ihrer jetzigen Form reformbedürftig ist – nicht abzuschaffen, sondern anzupassen. Ein System, das jeden gleich behandelt, unabhängig von Aufenthaltsdauer, Nachweisbarkeit und Compliance-Geschichte, verschwendet Ressourcen auf beiden Seiten des Schalters.
Thailand hat das Recht, seine Regeln zu setzen. Aber ein Staat, der dauerhaft auf kooperative Langzeitgäste angewiesen ist – als Konsumenten, Steuerzahler, Mieter – sollte überlegen, ob er sie mit einem Gesetz aus dem Jahr 1979 am besten bedient. Die Antwort dürfte auch in Bangkok bekannt sein. Ob der politische Wille folgt, bleibt abzuwarten.
Alle genannten Geldbeträge basieren auf einem Wechselkurs von 1 Euro zu 37 Thai Baht (Stand: Frühjahr 2026). Angaben zu Bußgeldhöhen und Verfahrensabläufen können je nach Behörde und Region abweichen.



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