Die roten Geldbeutel, die Siam retteten

Frankreich stellte Siam 1893 ein Ultimatum: 48 Stunden, eine gewaltige Summe. Gerettet hat das Land angeblich ein Schatz in roten Beuteln, den ein König Jahrzehnte zuvor gefüllt hatte.

Die roten Geldbeutel, die Siam retteten
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„Ngoen Thung Daeng“, die roten Geldbeutel, retteten Siam vor einer großen Krise.[1] Der Kolonialismus in Siam begann während der Herrschaft von König Nangklao, Rama III., dem Bruder von König Chomklao, Rama IV.[2] Der 23. Oktober ist für die Thais ein wichtiger Nationalfeiertag, an dem sie des Königs gedenken, der das Land durch diese Krise führte. Gastautorin Duangdee K. (Khun Daeng) schildert in Ihrem Artikel “Andere Länder, andere Sitten“, wie Siam 1893 nach ihrer Darstellung einer drohenden Übernahme entging.

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Die roten Geldbeutel von König Rama III.

Der Name „Ngoen Thung Daeng“ heißt auf Deutsch „die roten Geldbeutel“. Gemeint sind die persönlichen Vermögenswerte von König Nangklao, Rama III., die er durch seinen Handel mit China angehäuft hatte. Transportiert wurde mit Segelschiffen. Ein Teil des Geldes kam aus der Steuerverwaltung.[3]

König Nangklao, Rama III., erklärte es so: Diese Gelder seien Geld, um das Land in Krisenzeiten zu retten. Also hatte er geahnt, dass die westlichen Kolonialisten immer wieder kommen würden.[4] Das Geld von Rama III. wurde daher für die nachfolgenden Monarchen aufbewahrt, damit diese es zur Lösung der Probleme des Landes in Zeiten der Not verwenden konnten.

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Paknam 1893: Französische Kriegsschiffe vor Bangkok

Und tatsächlich wurden während der Regierung von König Chulalongkorn (Sohn von Rama IV.) die roten Geldbeutel als Teil der Kriegsreparation an Frankreich verwendet. So wurde Siams Unabhängigkeit erhalten.[5] Frankreich entsandte im Jahr 1893 zwei Kriegsschiffe, um in die Mündung des Chao Phraya einzudringen, und missachtete dabei Verbote und bestehende Verträge.

Ihr Ziel war es, Siam unter Druck zu setzen, damit es Frankreich das Gebiet am linken Ufer des Mekong abtrat. Als die französischen Kriegsschiffe die Verteidigungsanlagen durchbrachen, feuerten die siamesischen Soldaten Warnschüsse über den Bug der Schiffe ab, um ihnen das Signal zum Anhalten zu geben. Doch die Franzosen gaben nicht auf und erwiderten das Feuer mit scharfer Munition. Dies führte zu einem heftigen Schusswechsel.[6]

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Ultimatum und Zahlung der Millionen

Schließlich gelang es dem französischen Schiff durchzubrechen und vor der französischen Botschaft in Bangkok zu ankern. Das führte auch zur Auferlegung ausbeuterischer Bedingungen auf Siam. Frankreich stellte ein Ultimatum und forderte 3 Millionen Francs Schadenersatz (eine gewaltige Summe in der damaligen Zeit), die innerhalb von 48 Stunden hätten gezahlt werden müssen.[7]

So sollte Siam in den Bankrott getrieben werden, der dann als Vorwand für die Übernahme des Landes dienen sollte.[8] König Rama V. nutzte die Gelder in den roten Beuteln zusammen mit seinem persönlichen Vermögen, um Frankreich den vollen Betrag zu zahlen. Obwohl Siam einige seiner Außengebiete verlor, konnte es die Unabhängigkeit seines Mutterlandes erhalten.[9] Dies war der Weg, die Krise und die Bedrohung durch Frankreich zu überwinden und dem Land eine sichere Zukunft zu geben.

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Der Beliebte König unter seinem Volk

König Chulalongkorn der Große oder Rama V. (1853 bis 1910, Urgroßvater des Königs Vajiralongkorn, Rama X.) mischte sich oft sehr einfach gekleidet unter sein Volk, um näher bei der Bevölkerung zu sein. So konnte er die Lebensgewohnheiten seiner Untertanen besser beobachten.[10]

Das Volk nennt ihn „Piya Maharat“. Zu Deutsch: „der große Beliebte“.[11] Sein größtes Anliegen Ende des 19. Jahrhunderts war es, die Sklaverei abzuschaffen. Das war gar nicht so einfach, denn die Sklavenhalter der Oberschicht hatten in diesen Luxusservice eine Menge Geld investiert.[12]

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Warum die Sklaverei nicht über Nacht endete

Für die Fürsten und Herzöge bedeuteten die Maßnahmen von König Chulalongkorn einen großen finanziellen Verlust. Für die Sklaven würde es auch große Probleme geben. Wo sollten sie hin, wenn sie aus der Sklaverei entlassen würden? Von wem würden sie dann ihr tägliches Essen bekommen? Die Sklaven hatten nie gelernt, für sich selbst zu sorgen, etwas zu besitzen kannten sie nicht, und Löhne hatten sie natürlich auch nie bekommen. Daher ging der König schrittweise vor.

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Um Blutvergießen zu verhindern, entschloss er sich, den Geplagten einen moderaten Übergang in die Freiheit zu geben. Das funktionierte natürlich nur mit einer langfristigen Planung und deren Umsetzung. Bei einer plötzlichen Abschaffung der Sklaverei hätte der König auf Widerstand stoßen können, dann wären die Sklaven vielleicht noch schlechter behandelt worden.

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Das Geburtstagsgesetz und die Freilassung von 1905

Zunächst verkündete der König ein Gesetz, das besagte: Zu meinem Geburtstag dieses Jahres sollen Sklaven, die in diesem Jahr 20 Jahre alt werden, in die Freiheit entlassen werden. Das ist ein Brauch bei den Thais, der heute noch praktiziert wird: Das Geburtstagskind macht Geschenke. Die betroffenen Sklaven hatten die freie Wahl. Selbstverständlich konnten sie weiter bei ihren Herrschaften leben, nur zur Arbeit durften sie nicht mehr gezwungen werden.[13]

Im Jahr darauf erließ er ein neues Gesetz, in dem er anordnete, dass fortan alle neugeborenen Sklavenkinder in die Freiheit entlassen werden sollen (Kinder von Sklaven waren automatisch nach der Geburt auch Sklaven). Einige Sklaven löste der König aus eigener Tasche aus, und für andere senkte er die Preise von Jahr zu Jahr, bis die Zwangsarbeiter schließlich keinen Wert mehr hatten.[14] Im Jahr 1905 entschied Rama V. durch ein Gesetz die endgültige Freilassung aller Sklaven und die Abschaffung jeglicher Form von Sklaverei.[15]

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Reformen: Eisenbahn, Schulen, Krankenhäuser

Man unterschied verschiedene Arten von Sklaven, bedingt durch ihre Herkunft: Sklaven, die vom Land neu dazugekauft worden waren, andere, die im Haus geboren wurden, solche, deren Eltern bei den Herrschaften beliebt waren, oder wieder andere, die ins Haus kommen durften oder sich nur außerhalb des Hauses aufhalten durften. Es gab also auch innerhalb dieser untersten Stufe der Hierarchie große Unterschiede.

Seine Majestät Chulalongkorn „Piya Maharat“ führte weitreichende Verwaltungsreformen durch. Krankenhäuser, Postwesen, Ministerien, neue Kommunikations- und Transportmittel wurden von ihm eingeführt. Mit dem Bau der Eisenbahn wurden die abgelegenen Landesteile zugänglich gemacht. Er erarbeitete ein Programm für die öffentliche Erziehung und Ausbildung der Kinder und Jugendlichen. Später richtete er auch Universitäten ein.[16]

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Studium im Ausland und Berater aus Europa

Zugleich sorgte der König dafür, dass junge Thais zum Studium nach Europa oder in die USA gehen konnten. Im Gegenzug holte er hunderte von Ingenieuren und Wissenschaftlern aus ausgewählten Ländern ins Land, welche keine kolonialen Interessen an Thailand hatten, wie zum Beispiel Deutschland, Österreich, die Schweiz und Italien.[17]

Am 23. Oktober 1910 starb der König. Dieser Tag ist bis heute ein Nationalfeiertag. Jedes Jahr legen Schüler, Studenten und Regierungsbeamte Kränze an seiner Reiterstatue vor dem alten Parlamentsgebäude nieder.[18] An diesem Gedenktag kommt die ganze Bevölkerung zusammen und ehrt den Verstorbenen mit Kränzen und Blumen. Diesen Feiertag nennen die Thais „Wan Piya Maharat“.

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Woher die Autorin ihr Wissen hat

Die Autorin nennt mehrere Quellen für ihre Angaben. Dazu zählt die Sendung des Moderators Kanok Ratwongsakul auf dem Sender Top News (Kanal 77), der laut Duangdee K. fast jeden Sonntag Professoren und andere Experten zur Geschichte Thailands befragt. Deren Forschung zeige, wie die Monarchen Siam beschützt hätten.[19]

Außerdem verweist sie auf Freundinnen, die Thailands Geschichte an der Chulalongkorn- und der Mahidol-Universität studiert haben und bestätigt hätten, dass die „Kolonialjagd“ unter Rama III. begann. Sie selbst lebe seit ihrer Kindheit bei einer Adelsfamilie, aus der sie Berichte über die Nachwirkungen der Sklaverei bis in deren Kindheit kenne. Ein früherer hochrangiger Regierungsbeamter (81), der Rama IX. diente, habe ihren Bericht „ganz o.k.“ gefunden.

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Anmerkungen der Redaktion

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Die Redaktion hat die Angaben der Gastautorin anhand thailändischer Quellen geprüft und das Geburtsjahr Chulalongkorns korrigiert. Wo Quellen abweichen oder nichts belegen, steht eine nummerierte Anmerkung. Der Text selbst gibt die Darstellung der Autorin wieder.

  1. Die Zahlung von 3 Millionen Francs an Frankreich im Jahr 1893 aus dem Privatvermögen des Königs (Ersparnisse Ramas III., laut Lexikon des Royal Institute rund 40.000 Chang) ist belegt. Die Schilderung der Beutel und ihres Transports beruht auf mündlicher Überlieferung. Quelle: Silpa-mag, „Ngoen Thung Daeng“. ↩
  2. Der Burney-Vertrag von 1826 war der erste Vertrag Siams mit dem Westen. Siam selbst wurde nie kolonisiert, dass der Kolonialismus unter Rama III. begann, ist die Deutung der Autorin. Mongkut (Rama IV.) war ein jüngerer Halbbruder von Nangklao. Quelle: Wikipedia, Nangklao. ↩
  3. Nangklao gilt als Vater des thailändischen Handels, das Steuerpachtsystem war eine wichtige Einnahmequelle der Krone. Quelle: Wikipedia, Nangklao. ↩
  4. Den Ausspruch von Rama III. konnten wir in den geprüften Quellen nicht im Wortlaut belegen, er gilt als Überlieferung. Belegt ist, dass seine Hinweise an den Nachfolger Wachsamkeit in der Außenpolitik betonten. Quellen: Silpa-mag, „Ngoen Thung Daeng“, Wikipedia, Nangklao. ↩
  5. Die 3 Millionen Francs wurden nach den Quellen in Silbermünzen aus dem Privatvermögen des Königs gezahlt. Quelle: Silpa-mag, „Ngoen Thung Daeng“. ↩
  6. Die Quellen beschreiben Kämpfe an den Forts Phra Chula Chom Klao und Phi Sua Samut am 13. Juli 1893, bei denen beide Seiten Schäden erlitten. Ob Warnschüsse abgegeben wurden und wer zuerst schoss, nennen die geprüften Quellen nicht. Quelle: The Standard, 13. Juli 1893. ↩
  7. Das Ultimatum wurde am 20. Juli 1893 gestellt, die Frist betrug 48 Stunden. Laut thailändischem Außenministerium verlangte Frankreich 2 Millionen Francs für französische Staatsbürger und die Hinterlegung von 3 Millionen Francs als Garantie. Quelle: Thailändisches Außenministerium (MFA). ↩
  8. Dass Frankreich Siam in den Bankrott treiben und übernehmen wollte, ist die Sicht der Autorin. Ein thailändischer Fachbeitrag verneint ein Ziel der direkten Kolonisierung Siams, es ging demnach um Einfluss in Indochina. Quelle: Silpa-mag, Krise Ro.So. 112. ↩
  9. Im Vertrag vom 3. Oktober 1893 verzichtete Siam auf das linke Mekong-Ufer, Frankreich besetzte außerdem Chanthaburi. Quelle: Thailändisches Außenministerium (MFA). ↩
  10. Das Geburtsjahr hat die Redaktion korrigiert: Im Originaltext stand 1835, Chulalongkorn wurde am 20. September 1853 geboren. Die Linie zu Vajiralongkorn lautet Chulalongkorn, Mahidol, Bhumibol, Vajiralongkorn. Reisen in einfacher Kleidung (Prapas Ton) sind für 1904 und 1906 belegt. Quellen: Wikipedia, Chulalongkorn, Wikipedia, Mahidol Adulyadej, Sanook, Vermächtnis von Rama V.. ↩
  11. Der Titel Phra Piyamaharaj wird mit „Great Beloved King“ übersetzt. Quelle: Thailändische Botschaft München. ↩
  12. Laut thailändischen Quellen war mehr als ein Drittel der Bevölkerung versklavt. Quelle: Sanook, Vermächtnis von Rama V.. ↩
  13. In keiner der geprüften Quellen steht ein Geburtstagsgesetz mit Freilassung der 20-Jährigen. Belegt ist: Am 22. Juli 1874 legte Rama V. eine Denkschrift zur schrittweisen Abschaffung vor, nach der Sklavenkinder mit 21 Jahren frei sein sollten (Silpa-mag, 22. Juli 1874). Ein Gesetz vom 21. August 1874 befreite Kinder von Sklaven mit 21 Jahren (Sanook, Vermächtnis von Rama V.). Die Regel betraf ab 1868 geborene Kinder (Wikipedia, Slavery in Thailand). ↩
  14. Der Loskaufwert der Kinder sollte nach dem Plan von 1874 ab dem 8. Lebensjahr bis zum 21. Lebensjahr auf null sinken (Silpa-mag, 22. Juli 1874). Ein weiteres Gesetz „im Jahr darauf“ nennen die geprüften Quellen nicht, und dass der König einzelne Sklaven aus eigener Tasche auslöste, haben wir nicht geprüft. ↩
  15. Das Sklavengesetz von 1905 (Rattanakosin-Zeitrechnung 124) beendete die Sklaverei, Kauf und Verkauf wurden strafbar. Quellen: Sanook, Vermächtnis von Rama V., Silpa-mag, Abschaffung der Sklaverei. ↩
  16. Belegt sind Krankenhäuser (Siriraj, Bang Rak), die Post (1881), die Eisenbahn (ab 1890, erste Strecke nach Ayutthaya) und das Bildungsministerium (1892), Quelle: Sanook, Vermächtnis von Rama V.. Zur Universität: Silpa-mag datiert die Gründung der Chulalongkorn-Universität auf den 26. März 1916, also nach dem Tod des Königs (Silpa-mag, Gründung der Chulalongkorn-Universität), die Universität nennt Chulalongkorn selbst als Gründer (Chulalongkorn-Universität). Die Redaktion konnte das nicht abschließend klären. ↩
  17. Belegt ist unter anderem der belgische Jurist Gustave Rolin-Jaequemyns als Berater des Königs (Sanook, Vermächtnis von Rama V.). Dass die Berater aus Ländern ohne Kolonialinteressen kamen, die genannten Herkunftsländer und die Zahl der Studierenden im Ausland konnten wir nicht belegen. ↩
  18. Das Reiterstandbild steht auf dem Royal Plaza vor der Ananta-Samakhom-Thronhalle. Am 23. Oktober, einem Nationalfeiertag, legen Menschen dort Kränze nieder, die Chulalongkorn-Universität hält am Standbild eine Gedenkzeremonie ab. Quellen: Thailändische Botschaft München, Chulalongkorn-Universität. ↩
  19. Die Angaben in diesem Abschnitt stammen aus dem Begleitschreiben der Autorin und sind nicht unabhängig geprüft. Die Sendung konnte die Redaktion nicht einsehen. ↩

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