Wer in Thailand zum ersten Mal nachts von einem Tokeh geweckt wird, hält das Geräusch für einen Defekt der Klimaanlage, für einen betrunkenen Nachbarn oder für den Beginn des Weltuntergangs. Der Verursacher, ein bis zu vierzig Zentimeter langer Gecko mit orangeroten Punkten, hängt derweil ganz ruhig an der Wand und bellt sein „to-keh“ in den Raum. Die Thais haben dafür eine eigene Zahlenlehre, Händler rufen Preise in Millionenhöhe auf, und beides hält sich hartnäckig.
Das Geräusch, das nachts durch die Wand dringt
Der Ruf klingt wie sein Name: ein rauer, bellender Zweiklang, „to-keh“, den ein Männchen gern mehrmals hintereinander in die Nacht schickt. Beim ersten Mal sitzt man senkrecht im Bett und sucht den Urheber unter den Säugetieren. Die Weibchen begnügen sich übrigens mit Fauchen, was ich als gerechte Arbeitsteilung empfinde.
Gerufen wird vor allem von Dezember bis Mai, vermutlich zur Markierung des Reviers und als Teil der Balz. Der Tokeh (Gekko gecko, auf Thai ตุ๊กแก, etwa „Tuk-kä“ gesprochen) lebt als Kulturfolger gern in Häusern, ist grau mit orangeroten Punkten und bringt es auf bis zu vierzig Zentimeter. Miete zahlt er nicht, Beschwerden nimmt er nicht entgegen.[1]
Sieben Rufe und ein Lottoschein
In Thailand wird nachts mitgezählt, denn wie oft der Tokeh ruft, entscheidet nach altem Volksglauben über Glück oder Unglück im Haus. Bei der Zahl sieben gehen die Deutungen allerdings auseinander: Die eine Quelle verspricht das große Los, die andere kündigt Vermögensverlust an.[2] Ich zähle deshalb vorsichtshalber nicht mehr mit.
Wie ernst das genommen wird, zeigt ein Dorf in Surin: Dort hielten Bewohner im März 2021 ein lautes Geräusch zunächst für kämpfende Tokehs, bis sich herausstellte, dass sich nur Hausgeckos paarten. Statt zu lachen, sahen die Leute darin ein Glückszeichen und suchten Lottozahlen.[3] Selbst thailändische Medien rücken den Zahlenglauben inzwischen zurecht und nennen ihn Brauchtum.
Eine Million Baht für ein Tier an der Decke
Im Mai 2017 bot ein Mann auf Facebook zwischen einer und fünf Millionen Baht für besonders lange Geckos, angeblich im Auftrag „malaysischer Agenten“, die ihre Gründe nicht nennen wollten.[4] Die thailändische Netzgemeinde blieb skeptisch, und das mit Recht: Verlangt waren ab 17,5 Zoll, also rund 44 Zentimeter, das Lexikon der Biologie kennt als Höchstmaß vierzig.
Das Muster wiederholt sich quer durch Südostasien. In Bangladesch verlangten Händler Anfang 2023 für einen einzigen Tokeh 30 Millionen Taka, etwa 300.000 US-Dollar, und landeten bei der Polizei. Ein Wildtierermittler vor Ort fand keinen einzigen bestätigten Käufer, der je einen derart hohen Preis gezahlt hätte.[5]
Wer hinter dem Märchen vom Gecko-Gold steckt
Getrocknete Geckos gelten in der traditionellen Medizin Asiens seit Langem als Heilmittel, und 2009 schoss die Nachfrage plötzlich nach oben, weil das Gerücht umging, die Tiere könnten HIV heilen. Das Gesundheitsministerium der Philippinen stellte klar, dass es dafür keine Grundlage gibt.[6]
Das Handelsnetzwerk TRAFFIC sprach früh von unglaublichen Heilsversprechen und riesigen Gewinnen, hinter denen womöglich ein ausgeklügelter Schwindel steckt. Ein Biologe in Sabah nannte die Millionenpreise für schwere Exemplare einen Schwindel, der einfach nicht totzukriegen sei. Wer also einen Tokeh im Schlafzimmer hat, besitzt kein Vermögen, sondern ein Haustier ohne Anspruch auf Futter.[6]
Warum der Handel trotzdem ernst ist
Der Schwindel hat echte Folgen für die Tiere: In Teilen Bangladeschs, Chinas, Indonesiens und Thailands sind die Bestände durch den Handel örtlich zurückgegangen.[5] Seit 2019 steht der Tokeh deshalb in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES), was den internationalen Handel überwachbar machen soll.[7]
Auch in Thailand wird dabei nicht gespaßt. Im April 2022 nahmen Beamte in Ubon Ratchathani zwei Frauen mit 320 Geckos fest, der Vorwurf lautete auf Schmuggel von Tierkörpern ohne Genehmigung. Die Behörden sprachen von bis zu vier Jahren Haft oder 40.000 Baht Strafe und von 19 geschützten Arten.[8] Ob der Tokeh dazugehört, konnte ich nicht belegen. Wer fängt oder verkauft, fragt besser vorher bei den Behörden nach.
Der Mitbewohner mit dem Appetit auf Mäuse und Schlangen
Als Hausgenosse ist der Tokeh ein Schädlingsbekämpfer, der keine Rechnung schreibt. Auf seinem Speiseplan stehen große Insekten, Mäuse und kleine Echsen, und er greift sogar Schlangen an. In seiner Heimat gilt er deshalb als nützlich, mancherorts sogar als Glücksbringer.[1]
Eine thailändische Untersuchung des Nationalparkamts fand in den Mägen getrockneter Tokehs aus mehreren Provinzen im Norden und Isaan neben Insekten auch Erdschlangen, Schnecken und Ratten.[9] Wer so einen Esser an der Hauswand duldet, spart sich einen guten Teil des Kammerjägers, und der Tokeh ruft dafür sogar abends noch zur Begrüßung.
Aggressiv oder nur schlecht gelaunt?
Angriffslustig ist er nicht, im Gegenteil: Ein thailändischer Haushaltsratgeber beschreibt ihn als Tier, das Menschen nichts tut und beim Näherkommen meist davonläuft.[10] Der Tokeh ist nachtaktiv, lebt meist für sich und möchte vor allem eines: in Ruhe gelassen werden.
Wehrhaft ist er allerdings, und wer ihn bedrängt, bekommt es zu spüren: Er gilt als leicht reizbar und beißt kräftig zu. Dazu kommt der Familiensinn, denn er betreibt Brutpflege und verteidigt Gelege und Junge.[1] Er beginnt also keinen Streit, beendet ihn aber gern und gründlich.
Giftig? Eine Frage der Definition
Giftig ist der Tokeh nicht, das Lexikon der Biologie nennt ihn schlicht ungiftig, und damit ist die Frage aus der Überschrift zur Hälfte beantwortet.[1] Wer sich nachts vor Gift fürchtet, darf den Kopf also wieder aufs Kissen legen. Die Giftschlangen des Landes haben andere Adressen als die Wand über dem Schrank.
Eine Frage der Definition bleibt es trotzdem, denn auch ohne Gift kann ein Biss Ärger machen: Geckos tragen im Maul Bakterien und andere Erreger, die über verletzte Haut in den Körper gelangen können. Tollwut übertragen sie nicht.[11] Aus der Küche gehört der Tokeh wegen seines Kots ohnehin ferngehalten.[10]
Wenn er zubeißt: Wunde versorgen und zum Arzt
Größere Arten wie der Tokeh können tiefe und schmerzhafte Wunden reißen, ein thailändischer Ratgeber hält den Biss sogar für kräftig genug, dass genäht werden muss.[10] Hat der Zahn die Haut verletzt, wird die Stelle gründlich mit warmem Wasser und antibakterieller Seife gewaschen, danach schaut ein Arzt drauf, bei Kindern auf jeden Fall.[11]
Rötung, Schwellung oder Eiter gehören ohnehin zum Arzt. Kinder sollten Reptilien nur unter Aufsicht anfassen und sich danach die Hände waschen. Wer einen Tokeh loswerden will, greift besser zu stark riechenden Pflanzen oder Zwiebeln und räumt Insekten aus dem Haus, von Mottenkugeln, Insektiziden und Kerosin rät der Ratgeber ab.[10]
Warum ich ihn trotzdem hinter dem Schrank lasse
Ich gestehe, dass mein Verhältnis zu dem Tier inzwischen herzlich ist, so wie man mit einem lauten Untermieter irgendwann herzlich wird, der Mäuse abliefert und keine Fragen stellt. Nachts schlafe ich mit seinem Ruf wie mit dem Rauschen der Klimaanlage, und nach etwa einer Woche fehlt er einem sogar, wenn er einmal schweigt.
Die Wahrheit über den Tokeh ist unaufgeregt: ungiftig, wehrhaft, nützlich und kein Goldesel. Ob sieben Rufe nun Glück oder Pech bedeuten, will ich im Dezember beim nächsten Rufkonzert herausfinden, den Lottoschein lasse ich vorsichtshalber im Schrank.
Anmerkungen der Redaktion
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Die Hinweise zur Wundversorgung stammen aus einer tierärztlichen Beratung zu Reptilienbissen und ersetzen keine Untersuchung, bei tiefen Wunden, Schwellung oder Eiter gehört der Biss in ärztliche Hände. Ob der Tokeh in Thailand zu den geschützten Arten zählt, ist nicht belegt, die genannten Strafen stammen aus einem Bericht von 2022 und können sich geändert haben. Die Deutungen der Rufe sind Volksglaube ohne Beleg.
- Länge, Rufe, Ernährung, Brutpflege, Ungiftigkeit und Nützlichkeit: Lexikon der Biologie, Eintrag „Tokee“ (Spektrum). spektrum.de ↩
- Deutung der Rufzahl: Thairath ordnet sie am 23. Juli 2026 als Volksglauben ein, ein älterer Sanook-Beitrag vom 20. April 2009 deutet sieben Rufe anders. Thairath, Sanook ↩
- Geräusch und Lottodeutung in Ban Chalik, Surin, vom 6. März 2021: Naewna. naewna.com ↩
- Facebook-Angebot für lange Geckos vom 26. Mai 2017. Die Umrechnung 17,5 Zoll in rund 44 Zentimeter ist eine eigene Rechnung. thestartv.com ↩
- Fall in Bangladesch (30 Millionen Taka, kein bestätigter Käufer) und örtliche Bestandsrückgänge, Mongabay, 12. Januar 2023. mongabay.com ↩
- Nachfrageschub 2009 und Schwindel-Einschätzung: TRAFFIC. Aussage des philippinischen Gesundheitsministeriums, 2011: Global Voices. Millionenpreise in Sabah, 2010: Universiti Malaysia Sabah (Zeitungsausschnitt). TRAFFIC, Global Voices, UMS ↩
- Aufnahme in CITES-Anhang II auf der Vertragsstaatenkonferenz 2019. awionline.org ↩
- Festnahme mit 320 Geckos, Strafandrohung und 19 geschützte Arten, Bericht vom 26. April 2022. Der aktuelle Rechtsstand wurde nicht geprüft. thethaiger.com ↩
- Magenuntersuchung getrockneter Tokehs, Proben von Februar bis April 2005, Nationalparkamt, über mgronline. mgronline.com ↩
- Verhalten, Kot, Biss und Vertreibung: Sanook-Ratgeber vom 20. September 2019, die Wirksamkeit der Hausmittel ist nicht geprüft. sanook.com ↩
- Wundreinigung, Bakterien, Tollwut, Kinder: Tierärztin Margaret A. Wissman, Reptiles Magazine. reptilesmagazine.com ↩

ab sofort darf der Quälgeist bei uns bleiben.
Hat sich mein Gartenhaus als seine Unterkunft ausgesucht.
Wenn er schreit mach ich halt mit!!555
Ein Thai hat sich ihn als Mahlzeit auserkoren, davon wirds jetzt nix!