Gestern Nachmittag, 15:40 Uhr, Ratchathewi. Ein Güterzug trifft einen gasbetriebenen Linienbus an einem Bahnübergang. Beim Aufprall reißt die CNG-Leitung, das Gas strömt aus und entzündet sich – Verpuffung, sofort Flammen. Acht Menschen sterben. 35 werden verletzt. Die Feuerwehr löscht, birgt Tote und entlüftet gleichzeitig die überhitzten Tanks – weil sonst die nächste Verpuffung droht. Und wir, die wir hier leben, sehen die Bilder auf dem Handy und denken: schon wieder.
Schon wieder. Das ist das Schlimmste daran. Nicht die Bilder vom ausgebrannten Bus, nicht die Zahl der Toten – sondern dass uns dieses Wort überhaupt durch den Kopf geht. Vor 19 Monaten verbrannten in Pathum Thani 20 Schulkinder und drei Lehrerinnen in einem Bus, dessen Gastanks illegal aufgerüstet und nie ordentlich geprüft worden waren. Die Regierung versprach danach, alle gasbetriebenen Busse des Landes zu kontrollieren. Gestern brannte wieder einer. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt alles, was man über Thailand und Sicherheit wissen muss.
55 Tote pro Tag – das nennt man hier normal
Rund 20.000 Menschen sterben in Thailand jährlich im Straßenverkehr. Das sind 55 pro Tag. Jeden Tag. Die WHO hat Thailand damit unter die zehn gefährlichsten Länder der Welt eingestuft. Der wirtschaftliche Schaden übersteigt 530 Milliarden Baht pro Jahr – mehr als das Land für sein gesamtes Gesundheitssystem ausgibt. Man könnte meinen, solche Zahlen lösen etwas aus. Einen Aufschrei. Eine echte Reaktion. Tun sie nicht. Sie werden jedes Songkran zitiert, jedes Neujahr, nach jedem Massenunfall – und verschwinden dann wieder in den Schubladen der zuständigen Ministerien.
Songkran 2026: 242 Tote in sieben Tagen. Drei Viertel der Unfälle: Motorräder. Hauptursache: zu schnell. Platz zwei: betrunken. Das ist kein Naturgesetz. Das ist das Ergebnis einer politischen Entscheidung – der Entscheidung, es so zu lassen, wie es ist. Thailand hat sich das Ziel gesetzt, bis 2027 auf maximal 12 Verkehrstote pro 100.000 Einwohner zu kommen. Aktuell liegt das Land bei über 25. Zwei Jahre Zeit, doppelt so viele Tote wie erlaubt. Es fehlt kein Gesetz und kein Wissen. Es fehlt der Wille.
Der Helm bleibt zu Hause – und man versteht es fast
Wer als Expat in Bangkok oder Chiang Mai lebt, hat irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Motorräder täglich ohne Helm vorbeifahren. Familien zu fünft auf einem Roller, das Baby vorne, keiner mit Kopfschutz. Fahrer, die auf der falschen Seite der Straße entgegenkommen, weil der erlaubte U-Turn 200 Meter weiter liegt und das zu weit ist. Man kann darüber staunen – oder man versucht zu verstehen, warum.
Seit Juni 2025 sind die Bußgelder verschärft, bis zu 2.000 Baht ohne Helm. Trotzdem trägt die Mehrheit auf Kurzstrecken keinen. 53 Prozent der Fahrer glauben, wer langsam fahre, brauche keinen Helm. 41 Prozent sind überzeugt, bei einem Sturz die Balance zu halten. Das klingt absurd – bis man begreift, dass der nächste Checkpoint zwei Straßen weiter liegt und der Polizist dort für einen Schein wegsieht. 83,8 Prozent aller Verkehrstoten in Thailand sind Motorradfahrer. Die Helmpflicht existiert seit Jahrzehnten. Das kommentiert sich selbst.
Alkohol, Tea Money und die Logik des Systems
Nach dem Feierabendbier noch kurz nach Hause fahren – das ist hier so selbstverständlich wie das Abendessen selbst. Kein gesellschaftliches Stigma, keine ernsthafte Konsequenz, solange nichts passiert. Am 1. Januar 2026 gab es 726 Unfälle, 317 Verletzte, 54 Tote – an einem einzigen Tag. Alkohol in knapp 30 Prozent der Fälle Hauptursache. Checkpoints gibt es, sichtbar und angekündigt. Wer die Nebenwege kennt, fährt drumherum. Wer nicht, zahlt manchmal einen Schein und fährt weiter. Tea Money – es funktioniert verlässlich, nur nicht für die Verkehrssicherheit.
Was das mit dem Busunglück von gestern zu tun hat? Alles. In einem System, das Regeln konsequent nicht durchsetzt, lernen alle: Regeln sind Verhandlungssache. Bußgelder werden ausgehandelt, Zertifikate ausgestellt ohne Kontrolle, Sicherheitsstandards ignoriert, weil niemand wirklich hinschaut. Das gilt auf der Straße. Und es gilt auf den Baustellen.
Pathum Thani, Oktober 2024: Was hinter dem Tod der Kinder steckt
Am 1. Oktober 2024 platzte auf der Vibhavadi Rangsit Road der rechte Vorderreifen eines Reisebusses. An Bord: 38 Schulkinder zwischen sechs und fünfzehn Jahren, sechs Lehrkräfte – auf dem Weg zu einem Schulausflug nach Ayutthaya. Der Bus prallte nach dem Reifenplatzer gegen eine Schutzplanke. Die Gasverbindung riss, CNG strömte in die Hohlräume der Karosserie, entzündete sich. 20 Kinder und drei Lehrerinnen verbrannten. 19 Personen erlitten schwere Verbrennungen. Die meisten Opfer waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.
Was die Ermittlungen der Anti-Korruptionsbehörde NACC danach aufdeckten, macht diesen Tod noch schwerer zu ertragen: Der Bus war für sechs Gastanks zugelassen – eingebaut waren illegal elf. Der DLT-Inspektor hatte das Sicherheitszertifikat ausgestellt, ohne das Fahrzeug jemals gesehen zu haben. Phantom-Inspektionen gegen Bestechungsgeld – in der Branche ein offenes Geheimnis. Notfallhämmer und geeignete Feuerlöscher fehlten an Bord. Diese Kinder starben nicht durch bloßes Pech. Sie starben, weil ein System, das sie hätte schützen sollen, an jedem Punkt versagt hatte.
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Korat, 14. Januar 2026: Ein Kran fällt auf einen Zug
09:13 Uhr, Bezirk Sikhio. Eine Brückenvorschubrüstung fällt von den Pfeilern der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke Bangkok–Nong Khai – direkt auf den darunterfahrenden Expresszug Nummer 21 mit 195 Passagieren an Bord. Der zweite Waggon wird in der Mitte durchschnitten. Die elektrischen Türen blockieren, weil der Strom weg ist. Rettungskräfte schneiden mit Hydraulikscheren durch die Wagenwände. 32 Tote, 64 Verletzte. Einen Tag später fällt auf der Rama II Road ein Kran auf zwei Autos. Zwei Tote, fünf Verletzte. Anderes Projekt, gleicher Auftragnehmer: Italian-Thai Development, kurz ITD.
In Korat hatten die Verantwortlichen eine klare Sicherheitsanweisung missachtet: keine Hebearbeiten, solange Züge darunter durchfahren. Das Notabschaltsystem des Krans versagte. Der Verkehrsminister erschien nach dem zweiten Unfall persönlich und erklärte, er verstehe nicht, wie derselbe Konzern binnen 48 Stunden zwei Katastrophen verursachen könne. Gute Frage. Noch bessere: Warum hatte ITD überhaupt noch gebaut, nachdem die Liste der Vorfälle auf der Rama II Road seit 2022 stetig gewachsen war? Weil ITD politisch unantastbar schien. Bis es das nicht mehr war.
Das Hochhaus des Rechnungshofs – eine bittere Pointe
28. März 2025. In Myanmar bebt die Erde, Stärke 7,7, Epizentrum über 1.300 Kilometer von Bangkok entfernt. Ganz Thailand schwankt. Ein einziges Gebäude kollabiert vollständig: das im Rohbau fertiggestellte, 33-stöckige Verwaltungsgebäude des State Audit Office – jener Behörde, die staatliche Bauprojekte kontrollieren soll. 96 Tote. Der tödlichste Gebäudeeinsturz der modernen Geschichte Thailands. Kein anderes Gebäude in Thailand stürzte durch dieses Beben ein. Gebaut von ITD und China Railway No. 10.
Die Ermittlungen fanden: minderwertige Baumaterialien, gefälschte Ingenieurgutachten, erschlichene Baugenehmigungen, Strohfirmen – und Versuche, nach dem Einsturz Beweismittel von der Baustelle zu schaffen. 23 Personen wurden angeklagt, darunter ITD-Präsident Premchai Karnasuta. Derselbe Karnasuta, der 2018 beim illegalen Abschuss eines seltenen schwarzen Panthers in einem Nationalpark erwischt und verurteilt wurde – und dessen Konzern danach trotzdem weiter Milliarden-Staatsaufträge erhielt. Man muss das nur laut sagen, um zu verstehen, wie das System hier funktioniert.
Mai Pen Rai: Wenn Gelassenheit auf der Baustelle tötet
Es gibt zwei kulturelle Konzepte, ohne die man das alles nicht wirklich einordnen kann. Das erste ist Mai Pen Rai – macht nichts, wird schon, kein Problem. Eine Haltung, die Harmonie schützt und Konflikte vermeidet, im Alltag oft wohltuend. Auf einer Baustelle, in einem Bus mit elf illegalen Gastanks, an einem unbeschrankten Bahnübergang in Bangkok ist sie gefährlich. Technische Mängel werden weggelächelt. Gefahren nicht angesprochen, weil das unangenehm wäre.
Das zweite ist Krengjai – die Rücksicht, die verhindert, dass jemand das Gesicht verliert. Ein Bauarbeiter sieht den Riss im Betonträger und schweigt, um den Vorarbeiter nicht zu blamieren. Der Vorarbeiter sieht den defekten Kran und sagt nichts, um den Ingenieur nicht zu brüskieren. Der Ingenieur unterschreibt die Abnahme, ohne hinzuschauen. So entsteht eine Kette des Schweigens, an deren Ende ein Kran auf einen Reisezug fällt. Das ist kein kulturelles Klischee, das ist der dokumentierte Mechanismus hinter einem Gutteil der Katastrophen, die in den letzten Jahren passierten.
Wer stoppt das – und wann?
Die Lösungen sind bekannt. Digitale Fahrzeugregister, die Phantom-Inspektionen unmöglich machen. Unabhängige Bauaufsicht, die nicht in der Hierarchie der Auftraggeber sitzt. Strafverfolgung, die nicht vor der Chefetage haltmacht. Baustopps, die sofort greifen – nicht nach dem dritten Todesfall auf derselben Baustelle. All das steht in Berichten der Structural Engineers Association, in WHO-Empfehlungen, in Parlamentsdebatten. Seit Jahren. Passiert ist wenig – oder zu spät.
Premierminister Anutin Charnvirakul kündigte ITD-Verträge erst Ende Januar 2026 auf – nachdem der Konzern in einer Woche 34 Menschen getötet hatte. Keine Konsequenz nach Korat allein, keine nach dem SAO-Hochhaus. Erst als der öffentliche Druck nicht mehr zu ignorieren war, folgte die Entscheidung. Das ist keine Governance. Das ist Schadensbegrenzung. Wer heute Abend in Bangkok in einen Linienbus steigt, kann sich fragen, ob dieser Bus in den letzten 19 Monaten überprüft wurde. Die ehrliche Antwort lautet: wahrscheinlich nicht.
Redaktionelle Hinweise
Die Opferzahlen zum Unglück vom 16. Mai 2026 in Ratchathewi basieren auf ersten Behördenmeldungen und können sich ändern. Verkehrsstatistiken stammen aus WHO-Berichten und Daten des Department of Disaster Prevention and Mitigation. Alle genannten Strafverfahren gegen ITD und beteiligte Personen laufen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch.



hervorragender Bericht! Die Thais müssen dringend ihre Mentalität in Bezug auf SIcherheit und Einhaltung von Regeln ändern! So darf es nicht weitergehen!
Aber, wahrscheinlich ändert sich nichts! Sie sagen weiter – mei pen rai!
MaiPenRai, sehe ich JEDEN Tag. Mit 50cm Abstand löst sich die Autoschlange langsam und mit Stockung auf. 10m hinter dem Bahnübergang geht eine Straße rechts ab. Oft blockieren Abbieger, bedingt durch den Gegenverkehr, den Verkehrsfluss und die Fahrzeuge stehen auf den Schienen.
Letzte Woche fuhr ich mit dem Bike im Schritttempo in ausreichendem Sicherheitsabstand von 5m auf den Bahnübergang zu. Tatsächlich überhohlte mich 10m vor dem Übergang noch ein Kleinbus!
Andersrum, wenn die Schranken schließen, versuchen die [entfernt] schnell noch drüber zu kommen, auch wenn der Verkehr wegen der Abbieger stockt.
In den letzten 20 Jahren hat sich das Sicherheitsverständnis nicht gebessert, sondert verschlechtert.
Ich Frage nicht, warum so viele Unfälle geschehen, sondert warum es nur so wenig sind.
Ein wenig Verständnis habe ich schon für die Policeofficers. Würden sie tatsächlich allen Verkehrsvergehen nachgehen ( in voller Montur bei der Hitze), wäre das grausame Folter.
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