Kinder ohne elterliche Fürsorge gibt es in Thailand auch dort, wo die Prospekte nur Strand und Sonnenuntergang zeigen. Der Fall, um den es hier geht, handelt von zwei Geschwistern, vier und zehn Jahre alt, die bei ihrer Großmutter leben, weil die Mutter die Familie verlassen hat. Die Ältere kocht, wäscht und kümmert sich um das Kleine. Dabei schreibt das thailändische Gesetz klar vor, dass Eltern ihre Kinder unterhalten müssen, solange diese minderjährig sind, also bis zum 20. Geburtstag.
Zwei Geschwister, eine Oma und ein leerer Platz am Tisch
Es gibt Geschichten, die man nicht erfinden muss. Zwei Kinder, vier und zehn Jahre alt, leben bei ihrer Großmutter, und die ist so betagt, dass sie den eigenen Alltag kaum noch bewältigt, geschweige denn den von zwei Kindern. Die Mutter hat die Familie verlassen, so heißt es, und lebe seither mit einem neuen ausländischen Partner in Pattaya.
Ich will niemanden vorverurteilen, denn in die Haut dieser Frau kann keiner von uns schlüpfen, und was sie zu ihrem Schritt bewogen hat, wissen wir nicht. Aber wir wissen, wer am Ende die Rechnung bezahlt: nicht die Mutter, nicht der Partner, sondern ein Mädchen, das gerade erst zweistellig geworden ist.
Wenn die Zehnjährige zur Mutter wird
Die Zehnjährige kocht, wäscht und kümmert sich um das jüngere Geschwisterchen, so wird berichtet, und zwar nicht aus Spaß am Spiel, sondern weil sonst niemand es tut. Das sind Aufgaben, die in jedem Haushalt Erwachsenen zufallen, und die Großmutter kann sie nicht mehr schultern. Also springt das Kind ein.
Was dabei verloren geht, steht in keinem Haushaltsbuch: Freizeit, Hausaufgaben, Nachmittage mit anderen Kindern, vielleicht auch ein paar Stunden Schlaf. Wer mit zehn den Reis aufsetzt und die Wäsche aufhängt, lernt Verantwortung, ja, aber zu einem Preis, den ein Kind nicht verhandeln kann. Die eigene Bildung ist dann das Erste, was auf der Strecke bleiben kann.
Was Thailands Zivilgesetzbuch den Eltern abverlangt
Das Gesetz ist an dieser Stelle erfreulich unmissverständlich. Paragraf 1564 des Zivil- und Handelsgesetzbuchs verpflichtet Eltern, ihre Kinder zu unterhalten und ihnen eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, solange sie minderjährig sind. Volljährig wird man in Thailand mit 20, die Pflicht gilt also bis zum 20. Geburtstag.[1]
Die Pflicht trifft Mutter und Vater gleichermaßen, und sie erlischt nicht, nur weil einer geht oder sich die Eltern trennen. Selbst wenn ein Gericht einem Elternteil die elterliche Sorge entzieht, bleibt die Unterhaltspflicht bestehen. Bei volljährigen Kindern gilt sie nur noch, wenn diese behindert sind und sich nicht selbst versorgen können.[2]
Warum der Anspruch so oft ins Leere läuft
Ein Anspruch ist noch kein Geld auf dem Tisch. Wer Unterhalt verlangt, muss ihn geltend machen, und das heißt Behörden, Anträge, womöglich ein Gericht. Klagen kann ein Elternteil; geschieht das nicht, kann die Staatsanwaltschaft auf Antrag naher Verwandter einen Fall aufgreifen.[3]
Für eine gebrechliche Großmutter ist dieser Weg ein Berg. Sie müsste wissen, dass es ihn gibt, müsste jemanden finden, der sie begleitet, und müsste ein Verfahren gegen die Mutter der Kinder in Gang setzen, die sie womöglich nicht anzeigen will. Dass da lieber niemand etwas unternimmt, ist menschlich. Den Kindern hilft es nicht.
Was der Staat wirklich zahlt
Wer glaubt, Thailand lasse Kinder in Not völlig im Regen stehen, liegt nicht ganz richtig. Es gibt einen Kinderzuschuss von 600 Baht im Monat, allerdings nur für Kinder mit thailändischer Staatsangehörigkeit bis zum sechsten Geburtstag, nur für Haushalte mit niedrigem Einkommen und nur auf Antrag, in Pattaya im Rathaus. Automatisch kommt da nichts.[4]
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Für das vierjährige Kind in unserer Geschichte käme das also grundsätzlich infrage, für die Zehnjährige trägt dieser Zuschuss nicht mehr. Die Großmutter bekommt, wenn sie die Voraussetzungen erfüllt, ein Altersgeld von 600 bis 1.000 Baht im Monat, je nach Alter. Wer das gegen die Kosten für zwei Kinder rechnet, braucht keinen Taschenrechner, um das Ergebnis zu kennen.[5]
Straßenkinder: Eine Zahl, die niemand genau kennt
Wie viele Kinder in Thailand ohne elterliche Aufsicht auf der Straße leben, weiß niemand genau. Die Schätzungen reichen von 20.000 bis zu 30.000, stammen teils aus den Zehnerjahren und wollen entsprechend vorsichtig gelesen werden. Besonders viele sind in Bangkok, Chiang Mai, Phuket und Pattaya unterwegs.[6]
Allein in Pattaya und Umgebung sind es nach Angaben der Helfer vor Ort knapp 4.000 obdachlose oder gefährdete Kinder und Jugendliche, Tendenz steigend. Eine Stadt, die vom Tourismus lebt und einen entsprechenden Ruf hat, ist für Kinder ohne Aufsicht ein gefährliches Pflaster, weil dort Vernachlässigung, Missbrauch und Ausbeutung auf sie lauern können.
Kinderrechte seit 1992: Was Artikel 19 verspricht
Thailand ist der UN-Kinderrechtskonvention 1992 beigetreten und hat damit zugesagt, Kinder vor Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung zu schützen. Artikel 19 verlangt dafür ausdrücklich gesetzgeberische, administrative, soziale und erzieherische Maßnahmen, und zwar auch dann, wenn das Kind bei den Eltern oder einer anderen Betreuungsperson lebt.[7]
Ob diese Zusage im Alltag überall ankommt, beantworte ich lieber mit einem Gegenbeispiel: dem Mädchen am Herd. Ein Kind, das mit zehn Jahren den Haushalt führt, ist nicht das Bild eines Landes, das Vernachlässigung zuverlässig erkennt und auffängt. Das ist keine Anklage, sondern eine Lücke, und Lücken kann man schließen.
Familie ist heilig, die Kinder zahlen den Preis
In Thailand ist die Familie der Fixpunkt, an dem sich alles andere ausrichtet. Man hilft einander, die Alten werden versorgt, und Kinder tragen früh zum Einkommen oder zum Haushalt bei, was dort nicht als Härte, sondern als Normalität gilt. Das ist kein Missstand, sondern eine Haltung, vor der ich Respekt habe.
Problematisch wird es, wenn Armut und der Zerfall der Familie zusammenkommen. Dann trägt oft das Mädchen die Last, weil man ihm die Elternrolle eher zutraut, und wer von außen helfen will, stößt manchmal auf Scham: Wer fremde Hilfe annimmt, gesteht ein, dass in der eigenen Familie etwas schiefläuft. Genau diese Scham muss weg.
Wer in Pattaya und Bangkok tatsächlich hilft
In Pattaya arbeitet die Human Help Network Foundation Thailand, kurz HHNFT. Ihr Drop-in-Center mitten in der Stadt ist rund um die Uhr offen und bietet Kindern Essen, Kleidung, medizinische Hilfe und eine zeitweise Unterkunft. Eine Mobile Training Unit erreicht Kinder, die nicht kommen können, und das Learning Center hat Platz für bis zu 180 Kinder.[8]
In Bangkok kümmert sich die Stiftung zum Schutz der Kinderrechte, CPCR, seit 1981 um Kinder, die Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben, mit Rettung, Heimen, Rehabilitation, Stipendien und Berufsausbildung.[9] Die Kinderhotline Childline Thailand, ein Partner von terre des hommes Niederlande, ist unter der Nummer 1387 rund um die Uhr erreichbar.[10]
Was sich ändern müsste und wie Leser helfen können
Zu fordern wäre vieles: ein Sozialsystem, das Familien in Not nicht erst nach Anträgen auffängt, Unterhaltsansprüche, die sich leichter durchsetzen lassen, mehr Mittel für Schulen und Hilfsorganisationen und eine Öffentlichkeit, die über solche Fälle spricht, statt sie zu verschweigen. Das Stigma gehört abgebaut, damit betroffene Familien Hilfe suchen, bevor aus einem Notfall ein Dauerzustand wird.
Wer Kinder in einer solchen Lage kennt, kann sich an die Hotline 1300 des Sozialministeriums wenden, die nach Angaben des Ministeriums rund um die Uhr besetzt ist.[11] Wer lieber unterstützt, kann an die genannten Organisationen spenden, und wer Einfluss hat, sollte ihn nutzen, damit aus Paragrafen und Konventionen mehr wird als Papier.
Anmerkungen der Redaktion
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Die Angaben zur Familie beruhen auf Berichten und konnten nicht unabhängig überprüft werden, Namen und Wohnorte nennen wir bewusst nicht. Die genannten Unterhalts-, Zuschuss- und Altersgeldregeln gelten nach dem Stand Oktober 2026 und können in der Anwendung durch örtliche Behörden im Einzelfall abweichen.
- Paragraf 1564 und Paragraf 19 des Zivil- und Handelsgesetzbuchs (Unterhaltspflicht während der Minderjährigkeit, Volljährigkeit mit 20). Wortlaut der Gesetzgebungsbehörde Krisdika, abgerufen über Legardy: Paragrafen 1561 bis 1584/1 und Paragraf 19. ↩
- Unterhaltspflicht bleibt bei Trennung bestehen, bei Entzug der elterlichen Sorge nach Paragraf 1584, bei Volljährigen nur bei Behinderung nach Paragraf 1564 Absatz 2. Quellen: Gesetzestext und Erläuterung zu Paragraf 1564 nach Scheidung. ↩
- Paragrafen 1562 und 1565: Klage durch einen Elternteil, Aufgreifen durch die Staatsanwaltschaft auf Antrag naher Verwandter. Quelle: Gesetzestext. ↩
- Kinderzuschuss (Child Support Grant): 600 Baht im Monat bis zum sechsten Geburtstag, Haushaltseinkommen höchstens 100.000 Baht pro Person und Jahr, thailändische Staatsangehörigkeit des Kindes, Kind lebt beim Erziehungsberechtigten und nicht in einer Einrichtung, Anmeldung in Pattaya im Rathaus. Quellen: Thansettakij, PPTV, Bangkok Biznews (September 2026). ↩
- Altersgeld gestaffelt: 600 Baht (60 bis 69 Jahre), 700 (70 bis 79), 800 (80 bis 89), 1.000 (ab 90). Voraussetzungen unter anderem thailändische Staatsangehörigkeit und kein anderer staatlicher Ruhegehaltsbezug. Quelle: Regierungsamt für Öffentlichkeitsarbeit. ↩
- Schätzungen zu Straßenkindern: 30.000 (Hilfsorganisation Help Alliance, zuvor Foundation for the Better Life of Children 2010), rund 20.000 landesweit und davon nur etwa 5.000 in öffentlichem Schutz (japanische Botschaft, Projektbeschreibung 2021); Pattaya und Umgebung rund 3.800 bis 3.950 (Angabe der Organisation selbst). Quellen: Help Alliance, Japanische Botschaft, Übersicht Street children in Thailand. ↩
- Beitritt Thailands zur UN-Kinderrechtskonvention am 27. März 1992; Wortlaut Artikel 19 Absatz 1. Quellen: Universität Minnesota, UN-Menschenrechtsbüro OHCHR. ↩
- HHNFT: Drop-in-Center rund um die Uhr geöffnet (Essen, Kleidung, Medizin, zeitweise Unterkunft), Mobile Training Unit, Learning Center mit Platz für bis zu 180 Kinder. Quelle: Help Alliance, Projektseite. ↩
- CPCR: gegründet 1981, Rettung, drei Heime, Rehabilitation, Stipendien, Berufsausbildung. Quellen: CRIN-Archiv, Charity-Profil. ↩
- Childline Thailand: landesweite 24-Stunden-Hotline 1387, Partnerorganisation von terre des hommes Niederlande (nicht der deutschen Sektion). Quellen: terre des hommes Niederlande, Better Care Network. ↩
- Hotline 1300 des Sozialministeriums, 24 Stunden. Angabe des Ministeriums, Stand der Quelle 2018. Quelle: Matichon. ↩

Wer fängt Kinder auf, die in Thailand durchs Raster fallen? In der Regel der Farang.