Tiger Balm wird in mehr als 100 Ländern verkauft, und in Thailand halten ihn viele für ein Stück Heimat. Ob das stimmt, beantwortet jeder anders: der Konzern, die Konkurrenz im Regal, das Wörterbuch. Fest steht nur eine Angabe, mit der kaum jemand rechnet: Seit 2003 betreibt der Hersteller in Pattaya ein Aquarium. Das passt zu einer Marke, die selten dort war, wo man sie vermutet, und trotzdem überall verstanden wird.
Ein Glas, mehr als 100 Länder
Die Dose ist klein, das Prinzip alt: eine Salbe für alles, von Verspannung bis Insektenstich. Die Rezeptur hieß ursprünglich Ban Kim Ewe, zehntausend Goldöle, ein Name, der mehr verspricht, als jede Packungsbeilage zulassen würde. Heute liegt das Zeug in Regalen von Kanada bis Südafrika.
Die Marke gehört zu einem börsennotierten Konzern namens Haw Par, und der hat mehr zu verwalten als Dosen: Beteiligungen, Immobilien, ein Aquarium. Wer glaubt, hier werde ein Familienrezept in Gläser gefüllt, liegt knapp daneben. Das Geschäft ist nüchterner als die Legende.
Zwei Brüder, ein Tiger, ein Leopard
Am Anfang steht Aw Chu Kin, Sohn eines Kräuterkundigen aus Xiamen. Er geht nach Rangoon, gründet dort die Apotheke Eng Aun Tong, Halle des ewigen Friedens, und stirbt 1908. Den Laden erbt der jüngere Sohn Boon Par, dem die Verantwortung zu groß ist. Er holt den älteren Bruder aus China zurück.
Haw heißt Tiger, Par heißt Leopard, und so tragen die Brüder ihre Namen bis heute im Konzernnamen. Boon Par tüftelt an der Rezeptur, Boon Haw organisiert den Verkauf. 1909 ist die Marke Tiger Balm geboren, benannt nach Boon Haw selbst. Bescheiden war er nicht.
Von Rangoon nach Singapur
1920 ist Boon Haw noch keine vierzig und gilt als reichster Chinese in Rangoon. Trotzdem reicht ihm Burma nicht. 1926 zieht er nach Singapur und baut an der Neil Road eine Fabrik, die zehnmal so viel produziert wie die in Rangoon. Rangoon wird damit zur kleineren Schwester.
Mit einem Auto mit Tigerkopf und brüllender Hupe fährt er durch kleine Orte in Malaya und verteilt Proben. Fabriken und Vertriebspartner entstehen in Hongkong, Batavia, China und Thailand. Heute nennt man das Marketing. Damals nannte man es Unverschämtheit, und es funktionierte.
Ya Mong, das Wort aus Burma
Im Thailändischen heißt Balsam Ya Mong, und das Wort hat eine Geschichte. Nach gängiger Deutung kommt es von Mong, der Anrede für Burmesen, weil Salben dieser Art einst aus Burma ins Land kamen. Belegt ist das nicht, aber die Erklärung hält sich hartnäckig.

Selbst wenn das Wort anders entstanden ist: Ein thailändisches Alltagswort, das auf ein Nachbarland zeigt, passt erstaunlich gut zu einer Marke, die in Rangoon begann und in Singapur zur Weltfirma wurde. Identität ist offenbar Ansichtssache. Die Frage nach der Heimat der Marke bleibt offen.
Zwanzig Jahre Lizenz für Jack Chia
Nach dem Börsengang 1969 gerät der Konzern 1971 in die Hände der britischen Investmentgruppe Slater Walker. Die zerlegt, was sich verkaufen lässt, und vergibt Tiger Balm für die wichtigsten Märkte Asiens auf 20 Jahre an die Jack Chia Group, für zwei Millionen Singapur-Dollar im Jahr plus Gewinnanteil.
Erst 1992 läuft die Lizenz aus, und Haw Par übernimmt die Kontrolle über die Marke wieder in allen Märkten. Der Lizenznehmer soll in Thailand ansässig gewesen sein. Für ein Stück thailändische Identität wäre das ein erstaunlich kurzer Vertrag: zwanzig Jahre, dann Schluss.
Der Goldene Becher aus Talat Phlu
Eine der großen thailändischen Balsam-Marken heißt nicht Tiger, sondern Goldener Becher. Die erste Rezeptur entstand 1944 im Krämerladen Li Peng Heng im Bangkoker Stadtteil Talat Phlu, 1950 wurde die Firma Thuay Thong Osot eingetragen. Das ist Thailand, ohne Umweg über Rangoon.
Nach Darstellung der Familie war Tiger Balm die erste Balsam-Marke im Land, die zweite stammte von Boribun, und Golden Cup kam als Nachahmer dritter. Den größten Marktanteil holte sich trotzdem der Becher. Auch das ist Identität: Man kauft, was sich nach dem Eigenen anfühlt.
Das Aquarium des Tigers in Pattaya
Seit 2003 betreibt Haw Par in Pattaya die Underwater World, ein Aquarium mit gläsernem Unterwassertunnel. Das Haus gehört also dem Konzern mit dem Tiger im Namen und keinem Thai-Investor. Wer dort unter Haien durchläuft, zahlt an einen Balsam-Konzern.

2025 kam ein neuer Quallenbereich dazu, und die Zahl der ausländischen Besucher blieb stabil, obwohl insgesamt weniger Ausländer nach Thailand reisten. Der Konzern beschreibt Pattaya als hart umkämpften Markt: mehr Attraktionen, kleinere Nachfrage. Das Aquarium hält sich damit besser als der Balsam.
Was die Touristen 2025 nicht mehr kaufen
Der Geschäftsbericht für 2025 liest sich wie ein Wetterbericht für den Tourismus. Die Healthcare-Sparte setzte 210,4 Millionen Singapur-Dollar um, sieben Prozent weniger als im Vorjahr. In den ASEAN-Märkten fiel der Umsatz um neun Prozent auf 80,5 Millionen.
Der Konzern führt das auf weniger Reisende zurück und auf Urlauber, die ihr Geld lieber für Erlebnisse ausgeben als für Mitbringsel. Die Dose im Souvenirregal verliert gegen die Erlebnisreise. Thailändische Identität hin oder her: Ein Glas, das keiner mehr einpackt, ist am Ende Lagerbestand.
Redaktionelle Hinweise
Zum Ursprung des Wortes Ya Mong und zur Reihenfolge der Balsam-Marken in Thailand liegen keine belastbaren Primärquellen vor, beide Angaben beruhen auf Überlieferung und Darstellung der Hersteller. Die Finanzzahlen stammen aus dem Geschäftsbericht 2025 von Haw Par. Balsame gehören nur auf unverletzte Haut, nicht in Augen oder auf Schleimhäute; bei Kindern unter drei Jahren und bei Hautreaktionen ärztlichen Rat einholen.

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