Leserbrief: Er hat sie erwischt – und schweigt

Ein Leserbrief, der uns nicht losgelassen hat. Ein Deutscher im Isaan erwischt seine Frau bei einer Affäre — aber was er dabei sieht, hätte er nie erwartet. Er schweigt bis heute. Warum, erklärt er selbst.

Leserbrief: Er hat sie erwischt – und schweigt
KI-generiertes Symbolbild

Manche Briefe liest man einmal und vergisst sie. Diesen nicht. Ein älterer Deutscher, seit Jahren im Isaan zu Hause, hat uns geschrieben — über eine Entdeckung, die sein Leben verändert hat, und darüber, warum er bis heute schweigt.

Sein Brief kam ohne Namen, nur mit dem Pseudonym „Hans aus dem Isaan.“ Wir zitieren daraus und ordnen ein — weil diese Situation seltener offen besprochen wird, als sie tatsächlich vorkommt. Was ein Tomboy in Thailand ist, was das für eine Beziehung bedeutet, und warum das Schweigen irgendwann einen Preis hat.

Der Brief, der uns nicht losließ

„Ich bin 64, lebe seit sieben Jahren in Thailand, und ich habe hier das Beste und das Schwerste meines Lebens erlebt — beides mit derselben Frau. Wir haben einen Sohn, er ist vier. Ich dachte, das sei die Antwort auf alles gewesen, was ich in Deutschland nie hatte. Eine Familie. Ein Zuhause. Jemanden, der abends noch da ist.“

„Dann habe ich sie gesehen. Mit einer anderen Frau. Kurze Haare, Männerkleidung, jünger als ich. Sie haben sich so verhalten, wie ich mir das nie erlaube — offen, ungeniert, als gäbe es mich nicht. Ich habe nichts gesagt. Ich sage bis heute nichts. Jeden Morgen wache ich auf und weiß nicht, ob ich ein Dummkopf bin oder ob ich einfach nur ein Vater sein will.“

Was ein Tomboy in Thailand ist — und was nicht

Toms — so heißen sie hier — sind Frauen, die männlich auftreten, kurze Haare tragen und sich klar als Teil der lesbischen Szene verstehen, ohne deshalb Transgender zu sein. Das ist in Thailand kein Randphänomen und kein Geheimnis. Der entspannte Umgang der Thais mit Menschen, die nicht den gängigen Standards entsprechen, gilt als eine der Ursachen dafür, dass Tomboys hier weit häufiger sichtbar sind als in anderen Ländern.

Die Partnerin eines Tomboys heißt Dee — abgeleitet von Lady. Eine Dee fühlt sich zu einem Tomboy hingezogen und ist in diesem Sinne eindeutig lesbisch. Was das für einen Mann bedeutet, der glaubte, in einer Ehe zu leben: Das ist die Frage, auf die Hans keine Antwort findet. Nicht aus Unwissen — sondern weil die Antwort keinen Weg zeigt, den er gehen will.

Das Schweigen hat einen Preis

Hans schreibt nicht, dass er seine Frau nicht liebt. Er schreibt auch nicht, dass er sie noch liebt. Er schreibt: „Ich lasse es zu und halte die Klappe.“ Das klingt nach Erschöpfung. Nach einem Mann, der die Lage bewertet hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass Reden mehr kostet als Schweigen — zumindest im Moment.

Das ist kein Versagen. Das ist eine Entscheidung, die viele Männer in ähnlichen Situationen treffen, auch wenn sie es sich selbst nie so nennen würden. Der Sohn ist vier. Die Familie funktioniert nach außen. Und wer einmal eine Familie verloren hat — durch Scheidung, durch Entfremdung, durch schlichte Abwesenheit — weiß, dass „funktioniert“ manchmal das Wertvolle ist, das man schützt.

Was Thailand damit macht — und was nicht

Thailand ist tolerant gegenüber Geschlechterrollen, solange bestimmte gesellschaftliche Strukturen gewahrt bleiben. Eine Frau kann einen Tomboy lieben — und trotzdem heiraten, Kinder bekommen, den Alltag mit einem Mann teilen. Das ist in der Thai-Gesellschaft kein Widerspruch, der zwingend aufgelöst werden muss. Es ist eine der vielen Formen, in denen Menschen hier gleichzeitig mehrere Wahrheiten leben.

Für einen deutschen Mann, groß geworden mit dem Konzept der monogamen Zweierbeziehung als Fundament von allem, ist das kaum zu greifen. Nicht weil er rückständig wäre — sondern weil seine gesamte emotionale Grammatik eine andere ist. Hans fragt sich, ob er betrogen wird. Vielleicht ist die ehrlichere Frage: Ob er etwas erwartet hat, das so nie vereinbart war.

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Was ich dazu sagen würde — und was nicht

Ich schreibe keine Ratschläge für Situationen, die ich nicht kenne. Ich weiß nicht, wie die Frau von Hans ist, was zwischen ihnen gesagt wurde oder nicht gesagt wurde, und ob das Kind weiß, wie sich sein Vater gerade fühlt. Was ich weiß: Ein Mann, der diesen Brief schreibt, hat nicht aufgegeben. Er sucht. Das ist mehr als viele tun.

Was ich Hans sagen würde, wenn er vor mir säße: Das Schweigen funktioniert — bis es das nicht mehr tut. Und wenn der Moment kommt, wo es aufhört zu funktionieren, ist es gut zu wissen, dass man dann wenigstens weiß, was man will. Nicht was man ertragen kann. Was man will. Das ist der Unterschied, auf den es ankommt.

Wer schreiben möchte: leserbrief@wochenblitz.com

Briefe wie dieser zeigen, dass das Leben hier — mit allem, was dazugehört — Raum verdient. Nicht Urteile, nicht Checklisten. Raum. Namen werden auf Wunsch nicht veröffentlicht.

Wenn dieser Brief einen anderen Mann beschreibt — einen, der gerade ähnlich schweigt — dann ist das vielleicht schon Antwort genug: Er ist nicht der Einzige.

Anmerkung der Redaktion

Auszüge aus diesem Leserbrief wurden mit Einverständnis des Einsenders und unter Pseudonym veröffentlicht. Persönliche Details wurden zum Schutz der betroffenen Personen angepasst. Die Redaktion nimmt keine rechtliche oder therapeutische Einordnung vor.

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