PATTAYA – Ein schwerer Verkehrsunfall mit einem chinesischen Staatsbürger hat ein transnationales Verbrechernetzwerk von gewaltigem Ausmaß aufgedeckt. Die thailändische Polizei stieß bei den Ermittlungen auf illegale Waffen, Cyber-Betrug im großen Stil und finanzielle Verbindungen zum zusammengebrochenen Imperium der Prince Group. Der Fall löste landesweite Razzien, Festnahmen und die Beschlagnahmung von Luxusvermögen im Wert von über 583 Millionen Baht aus.
Der Unfall, der alles ins Rollen brachte
Am 8. Mai überschlug sich der Toyota eines 31-jährigen Chinesen in Na Chom Thian in der Nähe von Pattaya. Was zunächst nach einem gewöhnlichen Verkehrsunfall aussah, entpuppte sich schnell als Tür zu einer kriminellen Parallelwelt. Mingchen Shan war mit seiner Freundin unterwegs, sein Wagen ein umgebautes ehemaliges Taxi.
Bei der Unfallaufnahme fanden die Beamten eine Glock-26-Pistole. Dieser Fund warf sofort ernste Fragen auf. Noch brisanter: Shan trug eine thailändische Identitätskarte und ein Hausregistrierungsdokument bei sich, die nicht hätten existieren dürfen.
Von der Verkehrskontrolle zur Sache der nationalen Sicherheit
Der Fall wanderte umgehend in die höheren Etagen der Königlich Thailändischen Polizei. Die Ermittler gruben tiefer und stießen auf militärische Waffen, Sprengstoffe, ausländische Pässe und Kontakte nach Kambodscha. Sogar Personal der Königlich Thailändischen Marine soll verwickelt sein.
Die Behörden stufen die Angelegenheit inzwischen als Untersuchung der nationalen Sicherheit ein. Aus einem Verkehrsunfall war ein weitverzweigtes Netzwerk geworden, das weit über einfache Kriminalität hinausgeht.
Klare Worte aus Peking
Die chinesische Botschaft in Thailand reagierte am 10. Mai mit einer unmissverständlichen öffentlichen Erklärung. Chinesische Staatsbürger, die in kriminelle Aktivitäten verwickelt sind, erhalten keinen Schutz. Die diplomatische Note war eine klare Distanzierung von den Machenschaften Shans.
Die Ermittlungen nahmen unterdessen eine dramatische Wendung. Während des Polizeigewahrsams versuchte Mingchen Shan, sich das Leben zu nehmen. Er überlebte und wird seitdem unter verstärkter Bewachung festgehalten.
Die Spur des Geldes führt nach Kambodscha
Finanzermittler verfolgten die Transaktionen von Shan und seinen Komplizen. Das Ergebnis: Sie entdeckten bedeutende Verbindungen zum kambodschanischen Prince-Group-Netzwerk. Dessen ehemaliger Vorsitzender ist der chinesisch-kambodschanische Geschäftsmann Chen Zhi, auch bekannt als Vincent Chen Zhi.
Das Imperium der Prince Group kollabierte, nachdem das FBI der Vereinigten Staaten im Oktober 2025 rund 15 Milliarden Dollar beschlagnahmt hatte. Chen Zhi wurde im Januar 2026 nach China ausgeliefert. Die thailändischen Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass sich die Finanzsysteme um Shan mit den Strukturen der Prince Group überschneiden.
Operation "Dragon's Lair" und die große Razzia
Die Ergebnisse der monatelangen Untersuchung mündeten in der Operation „Dragon’s Lair“. Am 12. Juni gab Polizeigeneralleutnant Surapol Prembutr, Kommissar des Cyber Crime Investigation Bureau, die Resultate auf einer Pressekonferenz in Nonthaburi bekannt. Neben ihm standen mehrere hochrangige Polizeigeneräle, darunter Vertreter des Büros des Polizeigeneralkommissars und des Generalinspekteurs.
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Mehr als 100 Beamte stürmten zeitgleich 14 Standorte in Bangkok, Samut Prakan und Chiang Mai. Sie beschlagnahmten Luxushäuser, Villen, Eigentumswohnungen und teure Fahrzeuge im Wert von über 583 Millionen Baht. Dazu kamen Grundbuchauszüge und umfangreiche digitale Beweise.
Das System hinter dem Betrug
Die Cyber-Ermittler rekonstruierten, wie das Netzwerk seit mindestens 2021 operierte. Über soziale Medien sprachen die Kriminellen gezielt Opfer an, bauten Vertrauen auf und lockten sie auf gefälschte digitale Investitionsplattformen. Das Geld der Geprellten floss über ein System aus Strohmannkonten und Kanälen für digitale Vermögenswerte.
Die Polizei verknüpfte fünf große Strafverfahren von verschiedenen Polizeistationen mit dem Netzwerk, darunter Fälle aus Din Daeng, Nong Kham in Chonburi, Bang Khen und Sala Daeng. Obwohl unterschiedliche Plattformen genutzt wurden, führten alle Finanzströme in dieselbe Richtung und mündeten schließlich bei den Hintermännern.
Über 4.000 Fälle und mehr als 815 Millionen Baht Schaden
Insgesamt brachten die Ermittler die Organisation mit 4.143 Online-Kriminalitätsfällen in Verbindung. Die gemeldeten Verluste der Opfer übersteigen 815 Millionen Baht. Die Finanzermittler fanden zudem heraus, dass auf Konten von Mingchen Shan mehr als 100 Millionen Baht von Personen aus dem eigenen kriminellen Netzwerk eingingen.
Die Polizei bewertete Shans Rolle daraufhin neu. Er gilt nicht als kleines Licht, sondern als einer der Hauptbegünstigten und führenden Köpfe der transnationalen Organisation. Die Ermittler entdeckten zudem Finanzstrukturen im Wert von etwa 600 Millionen Baht, die mit dem Netzwerk in Verbindung stehen.
Die Jagd geht weiter
Neben den beschlagnahmten Luxusgütern wertet die Polizei nun die massenhaft sichergestellten digitalen Beweise aus. Sie rechnet damit, dass weitere finanzielle Verbindungen und Hintermänner auftauchen werden. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Königlich Thailändischer Polizei und dem Cyber Crime Investigation Bureau koordiniert die weitere Fahndung.
Die Untersuchung bleibt aktiv. Die Behörden verfolgen weiterhin die Geldflüsse und identifizieren weitere Personen, die mit dem Netzwerk von Mingchen Shan in Verbindung stehen. Der Fall, der mit einem umgekippten Toyota in Chonburi begann, hat sich zu einer der größten internationalen Strafverfolgungsaktionen des Landes entwickelt.



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