Ich sitze im Restaurant, schaue auf die Rechnung und frage mich, ob ich wieder zu viel nachdenke. Meine Freundin lächelt, legt einen Schein auf den Tisch, wartet auf das Wechselgeld. Und dann lässt sie einen Teil davon liegen. Immer. Das macht sie so, seit ich sie kenne.
Die junge Thai bringt die Rechnung und lächelt, wie alle hier lächeln
Die Kellnerin lächelt beim Bringen, beim Abräumen, beim Kassieren. Das Lächeln gehört zum Job wie die Schürze. Ich habe lange gebraucht, das zu verstehen. Am Anfang dachte ich, es bedeutet: Sie ist zufrieden mit uns. Später dachte ich: Es bedeutet nichts. Jetzt denke ich: Es bedeutet, dass sie professionell ist. Das ist mehr als das meiste, was ich in deutschen Restaurants erlebt habe.
Meine Freundin gibt ihr Trinkgeld. Nicht viel, vielleicht 20 oder 30 Baht, manchmal das Wechselgeld, das auf dem Tablett landet. Aber sie gibt es. Jedes Mal. Ich habe gelernt, es ihr nachzumachen. Irgendwann habe ich aufgehört, darüber nachzudenken.
Zahlen die Thailänder eigentlich auch Trinkgeld?
Ich frage meine Freundin. Sie zuckt mit den Schultern. Kommt drauf an, sagt sie. Auf das Restaurant, auf die Stimmung, darauf, ob man die Person kennt. Keine Regel, kein fester Prozentsatz, keine moralische Verpflichtung. Sie erklärt mir, dass Thais der Mittelschicht und Oberschicht in gehobeneren Lokalen durchaus etwas dalassen. Wer ungefähr so viel verdient wie die Person, die den Teller bringt, denkt da meistens gar nicht drüber nach.
Das macht Sinn. Mehr Sinn als vieles, was ich darüber gelesen habe. Trinkgeld ist kein Kulturding in Thailand. Es ist ein Klassending. Wer es gibt, zeigt damit, dass er zu einer anderen Einkommensgruppe gehört. Wer das nicht zeigen will oder muss, lässt es eben.
Am Nachbartisch sitzen drei Thai-Frauen – und lassen nichts liegen
Ich beobachte es gerade live. Drei junge Frauen, Smartphones auf dem Tisch, Pad Thai gegessen, QR-Code gescannt, gegangen. Kein Zögern, kein Blick auf das Tablett. Ich schaue zu meiner Freundin. Sie nickt leicht. Ganz normal, sagt ihr Gesicht. Und ich fange an zu verstehen, warum meine Freundin Trinkgeld gibt, diese drei Frauen aber nicht.
Meine Freundin gibt Trinkgeld, wenn ich dabei bin. Ich habe das erst nicht bemerkt. Als ich sie einmal darauf angesprochen habe, war sie ehrlich: Mit mir an der Seite gehört sie für diesen Abend einer anderen Schicht an. Nicht weil sie sich verstellt, sondern weil das die soziale Realität ist. Ein Ausländer am Tisch verändert die Wahrnehmung, ob man will oder nicht.
Wer bedient mich hier eigentlich – und woher kommt sie?
Ich schaue mich um. Die Kellnerin, die unsere Bestellung aufgenommen hat, spricht ein leicht anderes Thai als meine Freundin. Ich frage später. Sie kommt aus Kambodscha, sagt meine Freundin. Der junge Mann an der Bar: Myanmar. Die Frau, die abräumt: Laos, wahrscheinlich. Ich hatte das nicht bemerkt, aber jetzt sehe ich es überall. In vielen Restaurants in Bangkok, Pattaya, Chiang Mai bedient einen kein Thai. Die Servicekräfte kommen aus den Nachbarländern. Wer die Jobs macht, die kein Thai mehr machen will, kommt meistens von woanders.
Wer die Sprache ein bisschen kann, merkt das schneller. Ich nicht, mein Thai ist ausbaufähig. Meine Freundin merkt es sofort. Wer sich ernsthaft mit Thailändisch lernen beschäftigt, entwickelt ein Gefühl dafür. Mir fehlt es noch.
Was verdient jemand, der den ganzen Tag Teller trägt?
Ich frage meine Freundin. Sie nennt eine Zahl, irgendwas um die 10.000 bis 12.000 Baht im Monat. Der gesetzliche Mindestlohn liegt in Bangkok bei 400 Baht pro Tag, das wären bei sechs Arbeitstagen knapp über 10.000 Baht. Ich rechne kurz nach: Das sind etwa 270 Euro. Für einen Vollzeitjob, bei dem man den ganzen Tag auf den Beinen ist.
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Bei Migranten ohne gültigen Work Permit gilt dieser Schutz faktisch nicht. Sie können keine Beschwerden einreichen, nicht ohne das Risiko einer Abschiebung. Viele schulden Vermittlern Geld für die Einreise. Das macht sie abhängig. Der Arbeitgeber zahlt, was er für richtig hält. Deswegen werden sie eingestellt: nicht weil sie schlechter arbeiten, sondern weil sie weniger zurückschlagen können.
Er rundet auf – und gibt noch 50 Baht extra, als er hört, woher die junge Frau kommt
Ich lege 50 Baht extra hin. Nicht weil der Service außergewöhnlich war. Weil ich gerade weiß, woher sie kommt, was sie verdient, wie wenig Absicherung sie hat. Ich fühle mich dabei gut. Fünf Minuten später frage ich mich, ob das die richtige Motivation ist.
Die Kellnerin nebenan, die aus Chiang Rai kommt und genauso wenig verdient, bekommt nichts extra von mir. Ich kenne ihre Geschichte nicht. Also denke ich nicht daran. Das ist keine Moral, das ist Zufall. Wer fair sein will, sollte das Trinkgeld nicht an die Biografie knüpfen, die er gerade zufällig erfahren hat.
QR-Code oder Bargeld – und warum das einen Unterschied macht
Ich schaue zu den drei Thai-Frauen, die gerade bezahlt haben. QR-Code, Summe eingetippt, fertig. Kein Wechselgeld, kein Tablett, keine Entscheidung. PromptPay, Thailands Zahlungssystem, hat über 90 Millionen registrierte Nutzer. Man scannt, man zahlt genau den Betrag auf der Rechnung. Das System zwingt niemanden zum Nachdenken.
Mit Bargeld läuft das anders. Das Wechselgeld landet vor einem, man schaut drauf, man zögert. Liegt da ein 20-Baht-Schein, lässt man ihn manchmal einfach liegen. Nicht als Entscheidung, sondern weil er schon dort liegt. Der QR-Code nimmt diese Reibung raus. Und mit der Reibung geht auch das Trinkgeld.
Auf der Rechnung stehen zwei Pluszeichen – was bedeutet das?
Ich google es. Das „++“ steht für zwei Aufschläge: 7 Prozent Mehrwertsteuer und 10 Prozent Service Charge. Wer 500 Baht bestellt hat, zahlt tatsächlich 588 Baht. Ich habe das am Anfang nicht verstanden und mich gewundert, warum die Rechnung nicht stimmt. Steht unten klein auf der Karte, zu klein für den ersten Abend in einem neuen Restaurant.
Die Mehrwertsteuer ist Pflicht. Die Service Charge nicht. Restaurants können sie erheben, müssen aber nicht. Wer „++“ auf der Rechnung sieht, hat für den Service bereits bezahlt. Zusätzliches Trinkgeld ist dann optional. Meine Freundin weiß das. Sie gibt trotzdem manchmal etwas. Ich lerne es ihr nach.
10 Prozent drauf – aber wer bekommt die eigentlich?
Das habe ich mich ehrlich gesagt nie gefragt, bis ich darüber gestolpert bin. Recherchen von BK Magazine Bangkok, die direkt in verschiedenen Restaurants nachgefragt haben, ergaben: In den meisten Betrieben bekommt das Personal etwa zwei bis sechs Prozent der zehn Prozent. Der Rest fließt in Betriebskosten, Reparaturen, Stromrechnung oder bleibt beim Eigentümer. Klingt nach Nebenkosten-Abrechnung, nicht nach Trinkgeld.
Geld direkt in die Hand dagegen bleibt beim Empfänger. Keine Umverteilung, kein Fonds, kein Chef dazwischen. Wer sicherstellen will, dass seine 50 Baht bei der Person landen, die seinen Teller gebracht hat, gibt sie ihr direkt. Nicht auf das Tablett, nicht in die Rechnungsmappe. Das hat mir meine Freundin erklärt. Ich mache es jetzt so.
Mit der Freundin nach Vietnam oder Kambodscha – läuft das dort genauso?
Wir planen einen Trip. Ich frage mich, ob ich dort wieder neu lernen muss. Die kurze Antwort: Grundmuster gleich, Details anders. In Vietnam und Kambodscha ist Trinkgeld ebenfalls keine lokale Tradition, hat sich aber in Touristenstädten wie Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt und Phnom Penh als Erwartung eingeschliffen. In einfachen lokalen Restaurants gibt niemand extra. In Restaurants, die auf internationale Gäste ausgerichtet sind, wird es erwartet oder zumindest erhofft.
Der Unterschied zu Thailand: In Vietnam und Kambodscha steht seltener eine automatische Service Charge auf der Rechnung. Die Frage, ob man etwas gibt, ist unverstellter. Wer in Thailand gelernt hat, die Rechnung zu lesen, ist in Hanoi oder Phnom Penh gut vorbereitet. Meine Freundin wird es sowieso wissen. Ich frage sie einfach.
Redaktionelle Hinweise
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Die Angaben zum Mindestlohn basieren auf dem Beschluss des Nationalen Lohnkomitees, gültig seit Januar 2025. Zahlen zur Verteilung der Service Charge entstammen Recherchen von BK Magazine Bangkok und können je nach Betrieb erheblich abweichen. Angaben zur rechtlichen Situation undokumentierter Migranten basieren auf Berichten von IOM und Thai-Medienquellen; Einzelfälle weichen ab. Hinweis: Dieser Artikel enthält Links zu unseren Werbepartnern.
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