Vietnam hat Thailands stärkstes Argument übernommen und zur eigenen Waffe gemacht: das günstigere Preis-Leistungs-Verhältnis. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, wird heute durch Besucherzahlen belegt. Thailand verliert Touristen, Vietnam gewinnt sie. Und der Abstand schrumpft schneller, als Bangkok reagieren kann.
Vor Corona: Thailand mit 22 Millionen Besuchern Vorsprung
2019 war Thailand das beliebteste Reiseziel in Südostasien. Fast 40 Millionen Besucher kamen in diesem Jahr ins Land, angezogen von Stränden, Nachtleben, Essen und einem Preis-Leistungs-Verhältnis, das andere Länder nicht bieten konnten. Vietnam war damals ein aufstrebendes Reiseziel, interessant für Abenteurer, aber noch weit entfernt von Thailands Besucherzahlen. Der Abstand von fast 22 Millionen Touristen schien kaum aufholbar.
Dann kam die Corona-Pandemie. Beide Länder verloren fast alle ausländischen Besucher. Vietnam zählte 2020 noch 3,8 Millionen Ankünfte, Thailand noch weniger. Aber die Erholung verlief sehr unterschiedlich. Vietnam schloss 2025 mit 21,2 Millionen Besuchern ab, was 17,8 Prozent über dem Wert von 2019 liegt. Thailand kam auf 32,97 Millionen. Das klingt nach mehr, bis man bedenkt: 2019 waren es 39,8 Millionen. Sechs Jahre nach der Pandemie fehlen Thailand noch immer fast sieben Millionen Besucher.
Vietnam knackt seinen Vor-Corona-Rekord. Thailand nicht.
Vietnams Erholung verlief bemerkenswert schnell. 12,6 Millionen Besucher 2023, 17,6 Millionen 2024, dann der Sprung: 20,4 Prozent Zuwachs auf 21,2 Millionen im Jahr 2025. Vietnam hat seinen alten Rekord damit übertroffen und wächst weiter. Das Ziel für 2026 lautet 25 Millionen internationale Besucher. Nach acht Monaten steht Vietnam bei 15,9 Millionen und liegt damit auf Kurs.
Thailand hatte 2024 noch einmal Auftrieb: 35,55 Millionen Besucher. Dann brach die Erholung ein. 2025 sanken die Zahlen um 7,23 Prozent auf 32,97 Millionen. Die Einnahmen aus dem Tourismus fielen um 4,71 Prozent auf rund 1,54 Billionen Baht. Auch 2026 läuft nicht besser. In einer Umfrage der Thai Hotels Association und der Bank of Thailand rechnen 52 Prozent der Befragten damit, dass die Besucherzahl dieses Jahr noch weiter sinken wird. Die Vorauszahlungen für das vierte Quartal liegen unter dem Vorjahresniveau.
Der Preiskampf, den Thailand verliert
Jahrzehntelang war das gute Preis-Leistungs-Verhältnis Thailands stärkstes Argument. Hotels, Restaurants, Strände und Nachtleben zu Preisen, die für Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr erschwinglich waren. Verglichen mit Westeuropa stimmt das immer noch. Aber der entscheidende Vergleich ist heute ein anderer: Bangkok gegen Ho-Chi-Minh-Stadt, Phuket gegen Phu Quoc, Pattaya gegen Da Nang. Und bei diesem Vergleich schneidet Thailand schlechter ab.
Adit Chairattananont, Generalsekretär des Verbands der thailändischen Reisebüros, hat das Problem klar benannt: Vietnam bietet vergleichbare Natur und Strände zu niedrigeren Preisen. Der starke Baht verschärft die Lage. Über einen zweiwöchigen Urlaub summieren sich selbst kleine Unterschiede beim täglichen Ausgabenniveau merklich. Für Familien mit mehreren Reisenden oder für Rentner, die mehrere Monate im Land verbringen möchten, ist der Unterschied noch deutlicher spürbar.
Visum Thailand verschärft, Visum Vietnam gelockert
Während Vietnam den Zugang für ausländische Besucher erleichtert, geht Thailand den entgegengesetzten Weg. Seit dem 15. September 2026 gilt für 59 Länder, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, nur noch eine visumfreie Einreise von 30 Tagen, statt der bisher geltenden 60 Tage. In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden knapp 30.000 Ausländer an der Grenze abgewiesen. Wer mehrfach einreist, keine klaren Reisepläne vorweisen kann oder zu wenig Bargeld dabei hat, riskiert Probleme bei der Einreise.
Vietnam geht einen anderen Weg. Deutsche Staatsangehörige dürfen bis zu 45 Tage ohne Visum einreisen. Ein elektronisches Visum ist an 83 Grenzübergängen erhältlich. Wer sein Aufenthaltsrecht in Thailand verlängern oder die neue 30-Tage-Regelung durch eine andere Visa-Kategorie umgehen möchte, kann sich bei einem auf Visa spezialisierten Beratungsbüro Unterstützung holen. Die Grundrichtung der thailändischen Politik ist jedoch klar: mehr Kontrolle, weniger Flexibilität.
Der Rückgang chinesischer Touristen trifft Thailand hart
2019 kamen elf Millionen Chinesen nach Thailand, das entsprach einem Viertel aller Besucher. 2025 waren es nur noch 4,47 Millionen, ein Rückgang von mehr als 33 Prozent gegenüber 2024. Malaysia hat China als wichtigsten Herkunftsmarkt abgelöst. Die fehlenden sechs Millionen chinesischen Besucher im Vergleich zu 2019 sind das größte Problem in Thailands Tourismusbilanz, und es gibt keine klare Antwort darauf, wann sich das ändert.
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
Vietnam steht vor keinem vergleichbaren Problem, weil die Ausgangszahlen aus China nie so hoch waren. 5,3 Millionen Chinesen besuchten Vietnam 2025, etwas mehr als die 4,47 Millionen, die nach Thailand kamen. Im ersten Quartal 2026 war der Unterschied gering: 1,4 Millionen für Vietnam, 1,49 Millionen für Thailand. Der entscheidende Unterschied ist, dass Vietnam gleichzeitig auch in westlichen Märkten stark wächst.
Immer mehr Europäer reisen nach Vietnam
In den ersten acht Monaten 2026 kamen 2,68 Millionen Europäer nach Vietnam, das sind 53,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Besucher aus Amerika stiegen um 20,7 Prozent, aus Australien und Neuseeland um 23,3 Prozent. Vietnam gewinnt nicht mehr nur asiatische Besucher, sondern zieht zunehmend Reisende an, die früher automatisch nach Thailand geflogen wären.
Thailand bleibt für europäische Urlauber weiterhin attraktiv. Russland und mehrere westeuropäische Länder gehören zu den wichtigsten Herkunftsmärkten. Aber das Wachstum kommt zunehmend Vietnam zugute. Polnische Reisebüros melden bereits sinkende Buchungen für Thailand und gleichzeitig steigende Nachfrage nach Vietnam. Das ist kein Einzelfall, sondern ein erkennbarer Trend.
Bangkoks Hotels: mehr Zimmer, weniger Einnahmen
Bangkoks Hotels meldeten für das erste Halbjahr 2026 eine Auslastung von 76,2 Prozent. Das klingt zufriedenstellend, doch der durchschnittliche Zimmerpreis sank um 2,1 Prozent auf 4.013 Baht. Der Erlös pro verfügbarem Zimmer fiel um 0,6 Prozent. In den nächsten zwei Jahren kommen weitere 17.000 Zimmer auf den Markt. Mehr Angebot bei schwächerer Nachfrage und sinkenden Preisen ist eine schlechte Ausgangslage für die Branche.
Vietnam verfügt mit rund 780.000 Zimmern in 38.000 registrierten Unterkünften bereits über mehr Kapazität als Thailand mit geschätzten 704.000 Zimmern. Und der Ausbau geht weiter. Am Flughafen Tan Son Nhat in Ho-Chi-Minh-Stadt ist ein neues Terminal mit einer Kapazität von 20 Millionen Passagieren in Betrieb. Ein neuer internationaler Flughafen entsteht vor den Toren der Stadt. Auf der Insel Phu Quoc wird die Infrastruktur ausgebaut. Thailand investiert in diesem Tempo nicht.
Was Thailand helfen könnte
Thailand hat nach wie vor starke Argumente. Bangkok, Phuket, Pattaya, Chiang Mai und Koh Samui sind weltweit bekannte Reiseziele. Das Flugangebot ist gewachsen. Medizintourismus und längere Aufenthalte bleiben wichtige Standbeine. Sollte der Baht deutlich schwächer werden oder die Zahl chinesischer Besucher wieder steigen, könnte sich das Bild schnell verändern.
Das sind jedoch Möglichkeiten, keine Gewissheiten. Die Zahlen für 2026 zeigen: Vietnam wächst, Thailand verliert Besucher. Vietnam bietet heute das, womit Thailand jahrzehntelang geworben hat, nämlich gute Strände, lebhafte Städte, günstiges Essen und Nachtleben zu niedrigen Preisen. Der Vorsprung von einst 22 Millionen Besuchern ist auf etwa fünf Millionen geschrumpft. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Vietnam Thailand einholt.
Redaktionelle Hinweise
Lesen Sie auch: Iran-Krieg, teure Flüge, Inflation – Thailand fürchtet um seine Hochsaison
Die genannten Tourismuszahlen stammen aus offiziellen Statistiken der vietnamesischen Tourismusbehörde VNAT sowie der thailändischen Behörde für Tourismus und Sport (Stand: September 2026). Kurzfristige Entwicklungen wie Wechselkursverschiebungen oder politische Änderungen können das Bild rasch verändern. Hinweis: Dieser Artikel enthält Links zu unseren Werbepartnern.

Wichtiger Hinweis für unsere Leser
Wir freuen uns auf Ihren Beitrag! Bitte beachten Sie für ein freundliches Miteinander unsere Regeln: