Thailands Sexindustrie gilt als Erfindung für Ausländer — für Soldaten, Seeleute, Touristen. Aber das stimmt nicht. Die Industrie existiert seit der Ayutthaya-Periode, also seit dem 14. Jahrhundert, als das Land noch Siam hieß und bis 1939 so genannt wurde — und ihre Hauptkundschaft waren immer einheimische Männer. Ausländer haben das System nicht gebaut. Sie haben es nur größer gemacht.
Ein Mythos, der sich hartnäckig hält
Der Gedanke liegt nahe. Man geht durch die Walking Street, sieht überwiegend Ausländer, und zieht daraus den Schluss: alles auf Touristen zugeschnitten. Das ist ungefähr so logisch wie der Umkehrschluss, dass BMW nur Autos für Autobahnen baut, weil man dort eben meistens schnell fährt. Prostitution in Thailand ist so alt wie Thailand bzw. Siam selbst.
Bereits in der Ayutthaya-Periode (1351–1767) war Prostitution legal, staatlich reguliert und fester Teil des gesellschaftlichen Lebens. Sie war für die einheimische Bevölkerung da – Soldaten, Händler, Beamte. Ausländische Touristen gab es damals schlicht nicht.
Thailand hatte das schon, bevor der erste Farang vom Flugzeug stieg
Bis in die 1950er Jahre arbeiteten in Thailand rund 20.000 Sexarbeiterinnen – mehrheitlich chinesischstämmige Frauen, deren Kundschaft fast ausschließlich aus Thai-Männern und chinesischen Migranten bestand. Kein Sextourismus, kein Massentourismus, kein Rucksack mit Europa-Aufkleber. Und trotzdem: ein florierendes Gewerbe.
Das Geschäft lief nicht trotz fehlender Ausländer, sondern wegen der einheimischen Nachfrage. Die Industrie war da, lange bevor irgendjemand auf die Idee kam, Thailand als „exotisches Reiseziel“ zu vermarkten.
Der Vietnamkrieg: als Amerika kam und alles größer machte
Was den Maßstab gesprengt hat, war nicht der Tourismus – es war der Krieg. Ab Mitte der 1960er Jahre stationierten die USA bis zu 50.000 Soldaten auf fünf Militärbasen in Thailand. Sie kamen mit R&R-Urlaub und Dollars. Was folgte, war ein Schock für jede Statistik: Von rund 20.000 Sexarbeiterinnen im Jahr 1957 schnellte die Zahl bis 1972 auf mindestens 500.000 hoch.
Der Entertainment Places Act von 1966 öffnete formal die Tür für Bars, Nachtclubs und Massagesalons, die „Sonderdienstleistungen“ anbieten durften. Eine Studie der London School of Economics aus dem Jahr 2017 zeigt: In den Distrikten rund um ehemalige US-Basen arbeiten bis heute fünfmal mehr Sexarbeiterinnen als in vergleichbaren Gebieten ohne Militärvergangenheit.
Love Motels: Stündlich abrechnen, auf Thailändisch
Wer wirklich verstehen will, wer die eigentliche Kundschaft ist, sollte sich die Love Motels anschauen. Auf Thai heißen sie „ม่านรูด“ (maang rut) – übersetzt in etwa „Vorhang zuziehen“. Man fährt mit dem Auto rein, der Vorhang fällt, die Welt draußen existiert nicht mehr. Kein Rezeptionist, dem man in die Augen sehen müsste. Kein Eintrag im Gästeregister.
Diese Hotels finden sich in Chiang Mai, Nakhon Ratchasima, Ratchaburi, Udon Thani – überall da, wo kaum ein Ausländer je hinkommt. Die Zielgruppe ist klar: Thai-Männer und ihre „Gäste“. Gäste, die nicht die Ehefrau sind.
Was ist eigentlich ein „Gik“?
Die thailändische Sprache hat für Beziehungskonstellationen ein Vokabular entwickelt, das manchen Deutschen sprachlos hinterlässt. „Faen“ (แฟน) ist der feste Partner oder die feste Partnerin. „Gik“ (กิ๊ก) ist das, was daneben läuft: ein gelegentlicher Liebhaber ohne Versprechen, ohne Verpflichtung, manchmal sogar ohne Heimlichtuerei. Eher ein abgemachter Zustand als ein Tabubruch.
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Der Bangkok Post zufolge hat sogar ein ehemaliger Premierminister bei einer Rede öffentlich über Gik-Gesetze gesprochen – und das Wort dabei so beiläufig benutzt, als würde man über Verkehrsregeln reden. Kein Entsetzten im Saal, nur Gelächter. Das sagt mehr über die kulturelle Normalität des Begriffs als jeder Eintrag im Wörterbuch.
Mia Noi: die „kleine Frau“ mit langer Tradition
Noch älter als der Begriff „Gik“ ist die Institution der „Mia Noi“ (เมียน้อย) – wörtlich: die kleine Ehefrau. Eine Nebenfrau, die informell anerkannt wird, eigene Kinder haben kann und manchmal sogar ein eigenes Haus bekommt. Kein westliches Konzept, keine importierte Idee. Mia Noi ist eine thai-gesellschaftliche Realität, die in Familien der Mittel- und Oberschicht jahrhundertelang offen gelebt wurde.
Bis 1935 war Polygamie in Thailand legal. Erst das Zivilrechtsreform-Gesetz machte offiziell Schluss damit – inoffiziell existiert das Konzept in abgewandelter Form weiter. Man muss das nicht gutheißen. Aber man sollte es kennen, bevor man behauptet, die Thai-Gesellschaft habe ihre Sexindustrie für westliche Besucher erfunden.
Ratchadapisek: Vergnügungsviertel ohne Ausländer
Bangkok hat zwei parallele Unterhaltungsuniversen. Das eine kennt jeder Reiseführer: Nana Plaza, Cowboy, Patpong – beleuchtet, laut, auf Englisch beschriftet. Das andere liegt in Ratchadapisek, und dort sucht man englische Schilder vergeblich. Karaokebars, Clubs, Massagesalons – nach Wikitravel-Einschätzung richten sich diese Betriebe fast ausschließlich an ein thai-lokales Publikum.
Samstagnachts drängen sich dort Thai-Studierende und Berufstätige in die Clubs rund um die Royal City Avenue. Ausländer sind willkommen, aber sie sind die Randnotiz, nicht das Zielpublikum. Das ist Unterhaltungsindustrie für Einheimische – und ein ziemlich guter Beleg dafür, wo die Nachfrage wirklich sitzt.
Wirtschaft, Armut, Migration: die eigentlichen Treiber
Wenn junge Frauen aus dem Isaan nach Pattaya oder Bangkok ziehen, um in der Sexindustrie zu arbeiten, liegt das nicht daran, dass Ausländer dort Geld ausgeben. Das liegt daran, dass auf dem Land kaum etwas zu verdienen ist. Die Sozialwissenschaftlerin Patcharin Lapanun beschreibt, wie wirtschaftliche Ohnmacht Familien dazu bringt, eine Tochter ins Stadtleben zu schicken – in der Hoffnung auf Geldüberweisungen zurück ins Dorf.
Das Geld, das dabei fließt, kommt längst nicht nur von Ausländern. Der akademische Konsens in der Forschung zu Thailands Sexwirtschaft (u. a. Brodeur/Lekfuangfu, LSE 2017) ist klar: Die einheimische Nachfrage trägt die Industrie mit – und war immer ein wesentlicher Teil von ihr.
Warum Ausländer trotzdem auffallen
Wer als Europäer durch Pattaya läuft, fällt auf. Das ist nicht böse gemeint – es stimmt einfach. Und weil die touristischen Rotlichtviertel genau auf diese Sichtbarkeit ausgerichtet sind, entsteht ein Zerrbild: Man sieht viele Ausländer, also muss das Ganze für Ausländer sein. Dabei ist das wirtschaftliche Gewicht der einheimischen Kundschaft in der Gesamtindustrie viel größer als es die bunten Straßen von Walking Street und Patpong vermuten lassen.
Sextourismus existiert. Er ist ein reales Phänomen, er hat echte Schäden angerichtet, und er ist kein Thema, das man wegdiskutieren sollte. Aber er ist nicht der Ursprung. Er ist eine Schicht, die sich über etwas Älteres gelegt hat – wie Farbe über eine Wand, die schon lange vor dem Anstrich stand.
Was der Mythos anrichtet – und wer davon profitiert
Das Narrativ „Thailand’s Sexindustrie wurde für Ausländer gemacht“ hat eine bequeme Nebenwirkung: Es verschiebt die Verantwortung vollständig nach außen. Thai-Männer als Kundschaft? Kommt im Bild kaum vor. Thai-Politiker, die die Industrie über Jahrzehnte geduldet oder aktiv gefördert haben? Ebenfalls. Wer schuld ist, sind die Ausländer – und diese Geschichte erzählen manche Akteure in Thailand gerne mit.
Wer die Geschichte ehrlich erzählt, kommt zu einem ungemütlicheren Bild: eine Industrie mit tiefen kulturellen und wirtschaftlichen Wurzeln im eigenen Land, befeuert durch einen Krieg, der nicht Thai-Thais Krieg war, und dann vermarktet an die Welt. Ausländische Nachfrage hat das System skaliert. Erfunden haben es andere.
Redaktionelle Hinweise
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Dieser Artikel schildert historische und gesellschaftliche Zusammenhänge und enthält keine Werbung für sexuelle Dienstleistungen. Alle zitierten Zahlen basieren auf akademischen Quellen (u. a. LSE Discussion Paper 1489, 2017) sowie Wikipedia-Einträgen mit Primärquellenbelegen. Angaben zur Rechts- und Gesellschaftslage können sich ändern.
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nicht touristischen Stadt ist das heute noch so wie vor 300 Jahren…nur geht es in den Karaoke Bars eben lauter und bunter zu als damals. Es wird ja oben beschrieben…fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Und die Hotels mit den Vorhängen fand ich immer klasse, nicht wegen der rundum Verspiegelung, nein, da hatte ich niemals Probleme, wenn ich mit Frau und 4 Hunden ankam.