Wer in Thailand im Condo wohnt, teilt Wände, Pool und Müllraum mit Menschen aus einem Dutzend Nationen. Jeder hat eine andere Vorstellung von Ruhe, Sauberkeit und der richtigen Temperatur, und niemand gibt nach. Der Alltag im Hochhaus besteht aus fünfzehn Kleinkriegen mit Nachbarn, Verwaltung, Behörden und Getier, und gekämpft wird jeden Tag. Der erste dreht sich um eine Banane. Gewonnen hat bisher keiner.
CSI Condo: Der Müll, das Grauen
Ich wollte nur eine Banane entsorgen. Fand mich aber stattdessen an der stinkenden Müllsammelstelle unseres Condos, wo Mülltrennung so funktioniert: Alles in einen Sack, Hauptsache schnell weg. Reisreste auf Styropor, Fischköpfe in Plastiktüten, eine volle Windel direkt daneben.
Mein Nachbar aus Mumbai steht daneben, zuckt mit den Schultern und sagt trocken: „Everything go together, boss.“ Ich nicke und suche nach einem Schild, das irgendetwas erklärt. Es gibt keins. Ich denke: Auch die Hoffnung auf Hygiene geht hier regelmäßig den Bach runter.
Morgens knallt Amerika durchs Mauerwerk
6:30 Uhr, meine Decke wackelt. Oben diskutieren zwei Amerikaner ihre Eheprobleme mit Lautstärkelevel „Wrestling-Show“. Ich liege im Bett und höre jedes Wort, als säße ich mit am Küchentisch, nur ohne Einladung und ohne Kaffee. Beton ist in diesem Haus offenbar nur eine Empfehlung.
Ich erfahre Dinge, die ich nie wissen wollte: Was seine Mutter von ihr hält, warum er keine Socken trägt und dass Florida im Sommer zu schwül ist. Ich trinke Kaffee, aber der hilft nicht. Nur Ohropax und Geduld. Die Ohropax sind schon drin. Und Geduld habe ich zu wenig.
Visa-Run: Reise ans Ende der Geduld
„Easy“, sagt der Touranbieter. Der Kleinbus hat keine Klimaanlage, dafür einen Fahrer mit sehr eigener Meinung zu Bremswegen. Ich lande nach sieben Stunden in einem Grenzort mit dem Charme einer Busstation in Tschernobyl. Mehrere Formulare, Stempel, ein verschwitzter Beamter, der mir aus Versehen das falsche Visum reinklebt.
Ich lache nicht, ich schwitze. Der Stempel im Pass sitzt schief, aber er sitzt, und niemand im Raum interessiert sich für meine Meinung dazu. Auf der Rückfahrt schlafe ich im Sitzen ein. Am Ende bin ich zurück in Thailand. Körperlich! Geistig brauch ich drei Tage Reha.
Songkran: Feuchtigkeit auf allen Ebenen
Ich wollte nur zur Apotheke, genau dreihundert Meter hin und dreihundert Meter zurück. Kam zurück, als hätte man mich aus einem Gulli gezogen. Songkran, Thailands Neujahr, bedeutet: Jeder mit einer Wasserpistole ist König. Ich war das Opfer, und das Opfer hatte kein Regencape.
Wassereimer, Babyöl, weißes Pulver ins Gesicht, und das alles von fremden Teenagern, die dabei strahlen wie an Weihnachten. Die Tabletten in der Tüte? Brei. Im Hausflur tropfe ich eine Spur bis zum Aufzug. Ich habe geheult. Aber es hat eh keiner gesehen, das Wasser war schneller.
Klimaanlage auf Nordpol
Im Condo unter mir wohnt ein US-Amerikaner, der glaubt, Bangkok läge am Äquator von Alaska. Seine Klimaanlage läuft 24/7. Die Kälte kriecht durch die Wände, ich schlafe mit Kapuze. Mein Fußboden fühlt sich an wie ein Kühlregal, draußen sind 34 Grad, und ich trage Socken.
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Ich klopfe bei ihm an. Er öffnet in Daunenjacke, auf dem Thermostat stehen 16 Grad, und er lächelt zufrieden. Er sagt nur: „Cold is clean, man.“ Ich denke über Heizstrahler nach. Und über Mord. Nur kurz. Wir sind keine Nachbarn mehr, wir sind zwei Klimazonen.
Pool-Peinlichkeiten bei 35 Grad
Ich wollte nur ein paar Bahnen schwimmen. Aber am Pool treffen sich Fitness-Influencer, Rentner mit Bauchansatz und eine Russin mit 20.000 Followern und null Bikini-Stoff. Hier ist jeder Hauptdarsteller, Schwimmer sind Statisten. Die Liegen sind um acht Uhr morgens vergeben, mit Handtuch und Besitzanspruch.
Ein Australier grillt Würstchen auf einem Elektrogrill, direkt neben dem Becken. Der Geruch zieht über das Wasser, und plötzlich fühle ich mich wie ein Grillgut mit Schwimmbrille. Die Poolregeln hängen am Zaun, gelesen hat sie nie jemand. Ich tauche ab, vor Scham und Sonnenbrand.
WhatsApp: die Rache der Senioren
08:12 Uhr. 142 neue Nachrichten. Die deutschsprachige Condo-WhatsApp-Gruppe explodiert. Themen: Aufzug quietscht. Warum kein deutsches Brot im 7-Eleven ist. Und ob man Katzen im Fahrstuhl mitnehmen darf. Ich habe noch nicht mal Kaffee gehabt, und das Handy vibriert wie ein Wecker, den man nicht ausstellen kann.
Ich lese still mit. Und bereue es jedes Mal. Um 08:40 Uhr steht es 3 zu 2 für die Katzen im Fahrstuhl, ein pensionierter Herr schreibt in Großbuchstaben, eine Dame antwortet mit Herzchen. „Austreten“ klingt plötzlich sehr verlockend. Aus der Gruppe, nicht aus dem Leben. Noch nicht.
Roller-Rodeo bei Regen
Ich fuhr Roller. Es regnete. Ich bremste. Thailand lachte. Ich lag. Es ging fast elegant: Der Asphalt war nass, der Reifen hatte eine eigene Meinung, und plötzlich war ich auf Augenhöhe mit einem Gullydeckel. Mein Stolz rutschte noch ein paar Meter weiter.
Drei Schüler halfen mir auf, machten ein Selfie und lachten noch mal. Dann kam ein Mönch, bot mir ein Pflaster an und sagte: „Karma.“ Ich sagte: „Karma hat mich aufs Gesicht gelegt.“ Er nickte weise, und ich glaube, er hat sich ein Grinsen verkniffen. Das Pflaster hielt, der Rest nicht.
Karaoke-Katastrophe um Mitternacht
„Only Thai song“, sagt der Barkeeper. Drei Stunden später kann ich „Luk Thung“ singen, habe Bier über der Hose und eine neue Freundin, die denkt, ich heiße Dieter und sei Schweinezüchter aus Düsseldorf. Das Mikrofon war klebrig, der Text lief auf Thai über den Bildschirm, ich habe einfach laut gesungen.
Ich sage nicht ja, aber definitiv nicht nein. Die Tischrunde klatscht im Takt, jemand reicht mir das nächste Lied, und ich begreife: Hier gibt es keinen Ausgang, nur Zugaben. Um zwei Uhr nachts stehe ich vor dem Laden, heiser, glücklich und ein bisschen Dieter.
Committee des Grauens
„Du musst zur Versammlung kommen!“ Ich geh hin. Thema: Farbe der Flurfliesen. Ein Franzose und ein Australier schreien sich an, der Thai-Manager lächelt höflich und schreibt nichts mit. Es gibt Beamer, Tabellen und Kaffee aus der Thermoskanne, und trotzdem fehlt jedes Verfahren.
Ergebnis: alles bleibt, wie es war, außer meiner Geduld. Die ist weg. Nach zwei Stunden wird vertagt, auf einen Termin, den niemand in den Kalender einträgt. Beim Rausgehen fragt mich der Franzose, ob Beige nicht die bessere Farbe sei. Ich sage, ich bin neutral. Er schaut mich an, als hätte ich ihn verraten.
Gecko-Gate: Besuch auf vier Füßen
Ich sitze nackt auf dem Klo. An der Wand ein Gecko. Wir starren uns an. Keiner blinzelt. Er ist handtellergroß, regungslos und hat Augen wie zwei schwarze Perlen. Ich habe keine Hose an, er hat die Wand, die Lage ist asymmetrisch. Ich weiß: Das hier ist sein Revier.
Er kriecht später über meine Zahnbürste. Ich dusche. Erst mich. Dann die Bürste. Dann den ganzen Tag aus dem Gedächtnis. Seitdem liegt sie im Schrank. Mein Nachbar sagt am Abend, ein Gecko im Haus bringe Glück. Ich frage ihn, wem. Er überlegt kurz und sagt: dem Gecko.
Love Letters vom Lotterbett
„I like you long time, mister“, steht in der Nachricht. Ich: gerührt. Sie kam um 23 Uhr, mit drei Herzchen und einem Foto, das aussieht wie aus einem Katalog. Ich lese sie dreimal, zweimal aus Neugier, einmal aus Dummheit. Dann folgt der Preis: 5.000 Baht.
Ich sag, ich hab nur 1.000. Sie sagt: „Short time okay.“ Romantik klingt anders, aber wenigstens ist sie ehrlich. Ich schreibe zurück, ich hätte eigentlich nur Gesellschaft für einen Spaziergang gesucht. Die Antwort ist ein einziges Fragezeichen. Ich lege das Handy weg und bestelle mir eine Pizza, die verlangt keine Verhandlung.
Markt-Mystery um Mitternacht
Ich kaufe einen Spieß. Die Verkäuferin sagt: „Chicken.“ Ich beiße rein und bereue sofort. Der Spieß ist knusprig, dunkel und hat eine Form, die ich nicht einordnen kann. Es ist kurz vor Mitternacht, das Licht am Stand ist spärlich, und mein Hunger war größer als meine Vorsicht.
Zwei Stunden später: Drama im Badezimmer. Ich google „thailändische Tiere mit Stacheln“. Ergebnis: Skorpion. Ich hoffe, das war nur Deko. Die Treffer sind wenig beruhigend, die Kommentare darunter noch weniger. Um drei Uhr nachts schwöre ich dem Streetfood ab. Um zwölf Uhr mittags bin ich wieder da.
Yoga, Yuppies und Yakuza-Gerüchte
Im Yoga-Kurs sagt man mir, der neue Nachbar sei ein Yakuza. Ich frage warum. Antwort: „Er trägt immer Schwarz.“ Die Dame, die das sagt, steht im Herabschauenden Hund und weiß erstaunlich viel über alle im Haus. Ich nehme mir vor, nie wieder neben ihr zu stehen.
Ich trage auch oft Schwarz, bin ich jetzt auch gefährlich? Später lädt er mich auf Sake ein. Netter Typ. Tätowiert ist er übrigens nicht, dafür hat er einen Hund, der Mochi heißt. Vielleicht tötet er mich. Vielleicht grillen wir morgen. Gerüchte sind jedenfalls billiger als Sake.
Internet tot, Stimmung auch
Kein WLAN, kein Netflix, kein WhatsApp. Ich fange an, ein Buch zu lesen. Seite 7: Stromausfall. Der Router ist aus, der Ventilator steht still, das Handy hat noch 11 Prozent, und die verbrauche ich für die Taschenlampe. Plötzlich hört man im Haus Menschen, die man sonst nie hört.
Thailand will offenbar, dass ich nach draußen gehe. Ich sitze auf dem Balkon und starre in den Abend. Fühlt sich an wie früher, nur heißer. Unten reden zwei Nachbarn leise Thai, und ich begreife, wie ruhig dieses Haus sein kann. Und wenn dir das alles nichts ausmacht: Welcome to Thailand. Hier wirst du dich wohlfühlen.
Redaktionelle Hinweise
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Dieser Beitrag ist Satire und kein Tatsachenbericht. Personen, Szenen und Dialoge sind überspitzt oder erfunden. Das gilt auch für die Szenen mit Tieren, etwa den Gecko im Bad und den Skorpion am Spieß: Sie dienen der Pointe und sagen nichts über Hygiene oder Streetfood in Thailand aus. Auch Nationalitäten der Nachbarn sind reines Stilmittel ohne Wertung.

Welcome to Thailand. Hier wirst du dich wohlfühlen. 55555 ja, so naiv war ich auch mal.