Bangkok – Ein Güterzug tötet acht Menschen am Makkasan-Bahnübergang. Was danach ans Licht kommt, ist noch erschreckender als der Unfall selbst: Der Lokführer war zum Zeitpunkt des Aufpralls offenbar gar nicht im Führerstand. Er hatte Methamphetamin im Blut. Er besaß keine gültige Lizenz. Und er war bereits 2019 wegen Drogenkonsum vorbestraft. Die Schranke blieb oben. Kein Warnsignal. Und sein Vorgesetzter schickte noch vor der Polizeivorführung einen Friseur ans Krankenbett.
Was am 16. Mai 2025 als Verkehrsunfall begann, ist zwei Tage später eine Staatsaffäre. Drogen, fehlende Lizenzen, ein leerer Führerstand, eine versagende Schranke und mögliche Vertuschung durch Vorgesetzte – die Ermittler bei der Polizeistation Makkasan arbeiten sich durch eine Kette von Versagen, die in ihrer Häufung kaum zu fassen ist. Ein Überblick über alle bekannten Fakten – Stand 18. Mai 2025.
Der Unfall: Acht Tote, Feuerball mitten in Bangkok
Es war 15:42 Uhr, als der Güterzug der Linie 2126 auf der Strecke Laem Chabang–Bang Sue in den klimatisierten Bus der Linie 206 krachte. Das orangefarbene Fahrzeug mit Kennzeichen 12-5641 – Direktlinie Mega Bangna zur Kasetsart-Universität – hatte den Bahnübergang an der Asok-Din Daeng Road nahe der Makkasan Airport-Rail-Link-Station gerade befahren. Der Aufprall war brutal. Sofort brach Feuer aus, erfasste den Bus, umliegende Fahrzeuge und Motorräder.
Acht Fahrgäste starben, mehr als 30 weitere wurden verletzt und in Bangkoker Krankenhäuser gebracht, darunter ins Camillian Hospital. Der Busfahrer Lapit überlebte schwer verletzt mit Verbrennungen an Oberkörper und Beinen – er liegt noch immer im Krankenhaus. Bangkoks Straßen standen still, Schaulustige filmten die Flammen, und die Frage, wie so etwas passieren konnte, stellte sich das ganze Land.
Wo war der Lokführer? Kameras zeigen leeren Führerstand
Der vielleicht brisanteste Fund der Ermittler: Mehrere Überwachungskameras, die den Führerstand des Zuges in den Minuten vor dem Aufprall erfassten, zeigen Lokführer Sayomporn Sonkul, 46, nicht auf dem Fahrersitz. Wo er sich aufhielt, ist unklar. Die Notbremsung wurde laut Blackbox erst 100 Meter vor dem Bus eingeleitet – von wem und unter welchen Umständen, ist nun eine der zentralen Fragen der Untersuchung.
Die Blackbox liefert weitere erschreckende Zahlen: Der Zug war mit 34 km/h unterwegs. Für einen schwer beladenen Containerzug dieser Klasse beträgt der normale Bremsweg 500 bis 2.000 Meter – je nach Beladung. Hundert Meter sind bei einem rollenden Stahlkoloss schlicht nichts. Der Hilfsmechaniker, der auf derselben Fahrt mitfuhr, wurde für 14:00 Uhr des 18. Mai zur Befragung einbestellt. Seine Aussage könnte der Schlüssel sein.
Methamphetamin im Blut – und eine Vorstrafe aus 2019
Sayomporn wurde noch am Unfalltag einem Drogentest unterzogen – und fiel positiv auf. Am 18. Mai bestätigte die Polizei Makkasan: Im Blut des Mannes fanden sich Methamphetamin-Verbindungen. Daraufhin wurden zwei weitere Strafverfahren eingeleitet: wegen illegalem Drogenkonsum und wegen Führens eines Schienenfahrzeugs unter Drogeneinfluss. Gegenüber Ermittlern gab Sayomporn an, regelmäßig Yaba – Methamphetamin-Tabletten – und Cannabis zu konsumieren, jeweils mehrere Einheiten auf einmal.
Den letzten Konsum datiert er auf zehn Tage vor dem Unfall. Die Polizei glaubt ihm das nicht ohne Weiteres – zu verdächtig erscheint der zeitliche Abstand, den er konstruiert. Denn eine Vorstrafe existiert bereits: 2019 wurde Sayomporn in Thung Song, Provinz Nakhon Si Thammarat, wegen Drogenkonsum strafrechtlich verfolgt. Dass die Staatsbahn ihn trotz dieser Vorgeschichte als Lokführer einsetzte, werden die Ermittler nun auch der Rechtsabteilung der Thai Railway erklären lassen.
Kein Dienstanzug, langes Haar – und dann der Friseur?
Fotos, die am 18. Mai bei der Polizeistation Makkasan auftauchten, zeigen Sayomporn unmittelbar nach seiner Festnahme: graues Kurzarmshirt, lange blaue Hose, Lederschuhe – kein Dienstanzug, kein Namensschild, langes Haar. Alles Verstöße gegen die Dienstvorschriften der Thai Railway. Wie er in diesem Aufzug überhaupt einen Zug übernehmen konnte, ohne dass ein Vorgesetzter einschritt, ist eine weitere offene Frage.
Als Sayomporn sich dann offiziell bei der Polizeistation stellte, hatte er plötzlich kurzes Haar. Sein Vorgesetzter soll einen Friseur direkt ans Krankenbett geschickt haben – noch während der Behandlung im Krankenhaus. Warum das Erscheinungsbild des Beschuldigten vor der Polizeivorführung verändert werden musste, dazu schweigen alle Beteiligten.
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Ohne Lizenz am Steuer – und er ist nicht der Einzige
Generaldirektor Pichet Kunadhamraks von der Abteilung für Schienenverkehr enthüllte am 18. Mai: Sayomporn besaß keine gültige Betriebslizenz. Er fuhr ohne Zulassung. Doch das ist kein Einzelfall – nach aktuellem Stand besitzt kein einziger aktiver Lokführer der Staatsbahn eine offizielle Fahrerlizenz der zuständigen Behörde. Die Rechtsabteilung der Thai Railway soll nun erklären, nach welchen Regeln überhaupt jemand einen Zug führen darf.
Thailand betreibt ein Schienennetz mit Hunderten täglichen Verbindungen – Personen- und Güterzüge durch Städte und Ballungsräume. Dass keiner der Fahrer eine staatlich anerkannte Zulassung hat, ist kein Bürokratiefehler. Es ist ein Systemversagen, das nach dem Makkasan-Unglück nicht länger ignoriert werden kann. Die Rechtsabteilung der Thai Railway wird in den kommenden Tagen vorgeladen.
Die Schranke blieb oben – Flaggenmann und Lokführer widersprechen sich
Ein zweiter Bahnmitarbeiter steht vor Gericht: Uthen Jomkiri, der sogenannte Flaggenmann, war an jenem Nachmittag für die Sicherung des Übergangs zuständig. Seine Aufgabe: Bei herannahendem Zug den Verkehr stoppen. Die Schranke blieb oben. Der Bus fuhr ein. Der Zug kam. Die Abteilung für Schienenverkehr betont, das Signalsystem sei technisch betriebsbereit gewesen – nur die Schranke habe nicht reagiert.
Die Aussagen der beiden Angeklagten klaffen auseinander: Uthen besteht darauf, das Warnsignal ordnungsgemäß gegeben zu haben. Sayomporn sagt das Gegenteil – kein Signal, keine Warnung. Wer die Wahrheit sagt, sollen CCTV-Auswertungen klären. Das Ermittlungsteam fährt dazu alle Bahnübergänge ab, die der Zug an jenem Tag passierte, und hat beim Gouverneur der Staatsbahn eine Tatrekonstruktion vor Ort beantragt.
Busfahrer im Krankenhaus – Anklage trotz negativem Drogentest
Busfahrer Lapit liegt mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus. Ein Drogentest während der Behandlung verlief negativ – kein Nachweis von Betäubungsmitteln. Trotzdem bereitet die Staatsanwaltschaft Anklage wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung vor. Sobald sein Zustand eine Befragung zulässt, wollen die Ermittler ihn formal vernehmen.
Ob ihm eine Mitschuld nachzuweisen ist, bleibt offen. War die Schranke oben, als er den Übergang befuhr? Hat er den herannahenden Zug rechtzeitig sehen können? Und hätte er noch bremsen können? Zeugenaussagen und CCTV-Material sollen diese Fragen beantworten.
Ermittlungen gegen Vorgesetzte – Pflicht-Drogentest ab sofort
Die Strafverfolgung weitet sich aus. Ermittler prüfen, ob Vorgesetzte Sayomporn trotz Drogenverdachts und fehlender Lizenz weiter eingesetzt haben. Die Staatsbahn wurde angewiesen, alle beteiligten Mitarbeiter sofort zu suspendieren. Als Sofortmaßnahme hat die Abteilung für Schienenverkehr verfügt: Alle Bahnmitarbeiter im Betrieb müssen ab sofort vor jeder Schicht einen Drogen- und Alkoholtest absolvieren – Lokführer, Streckenpersonal, Schrankenoperatoren.
Rechtsgrundlage ist Paragraf 90 des Schienenverkehrsgesetzes 2025, der Inspektoren die Befugnis gibt, Personal unter Drogenverdacht zu testen. Dass diese Vorschrift offenbar nicht genutzt wurde, ist Teil des Skandals. Generaldirektor Pichet erklärte, die Maßnahme sei notwendig, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Schienensystem zurückzugewinnen – und das Unglück von Makkasan dürfe sich nicht wiederholen.
Was jetzt geschieht
Am Morgen des 18. Mai wurde auf der Polizeistation Makkasan ein dediziertes Ermittlungsteam eingerichtet. Es koordiniert forensische Untersuchungen, Zeugenbefragungen, alle CCTV-Auswertungen und die Überprüfung der Betriebsunterlagen der Staatsbahn. Sayomporn und Uthen wurden am selben Tag zum Ratchada-Strafgericht gebracht, um die erste Untersuchungshaft zu beantragen.
Acht Familien warten auf Antworten. Das Unglück hat eine längst überfällige Debatte neu entfacht: Wie sicher sind Bangkoks Bahnübergänge mitten im dichten Stadtverkehr – und wie lange werden bekannte Schwachstellen noch ignoriert? Thailand wartet auf eine Bahnreform, die diesen Namen verdient.
Redaktioneller Hinweis
Die Ermittlungen laufen noch. Alle genannten Personen gelten bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig. Angaben zu Strafvorwürfen basieren auf Polizeimitteilungen vom 18. Mai 2025.



Die wahre Ursache liegt wie in vielen anderen Bereichen in der Mai-Pen-Rai Mentalität. Gerne auch Thailändische „Gelassenheit“ genannt. (Verantwortungslosigkeit, Liederlichkeit, Arglosigkeit, Ignoranz)
sehe ich auch so!