Wer in Thailand mit Einheimischen am Tisch sitzt und sieht, wie einem Gast nach dem zweiten Glas das Gesicht rot anläuft, bekommt schnell den Spruch zu hören: Die können keinen Alkohol abbauen. Ich kenne den Spruch seit Jahren, er wird bei Expats und Urlaubern gern weitergereicht und mit großer Überzeugung vorgetragen. Er klingt einleuchtend, weil das rote Gesicht ja wirklich da ist. Die Erklärung liegt in der Biologie, und die ist ein Stück genauer als der Spruch.
Was in Asien über Alkohol erzählt wird
Der Spruch kommt in mehreren Fassungen. Mal heißt es, Asiaten vertrügen keinen Alkohol, mal, ihr Körper könne ihn nicht verarbeiten, manchmal wird sogar von einem fehlenden Enzym gesprochen. Gehört habe ich ihn an der Bar, im Restaurant und von Expats, die mit einer Thailänderin verheiratet sind und sich wundern, warum die holde Gattin nach einem Glas Wein glüht.
Das Merkwürdige daran: Ein Stück Wahrheit steckt tatsächlich drin. Die Rötung ist echt, und sie hat eine genetische Ursache. Strittig ist nur, was der Körper nicht kann und bei wem. Denn in Thailand, Vietnam, Laos, Kambodscha, Myanmar und Malaysia sind die Verhältnisse recht verschieden, auch wenn der Spruch pauschal für alle gelten soll.
Was im Körper mit dem Alkohol passiert
Alkohol wird in der Leber in zwei Schritten abgebaut. Im ersten Schritt macht ein Enzym daraus Acetaldehyd. Das ist ein Gift, chemisch mit Formaldehyd verwandt, und es schädigt das Erbgut der Zellen.[1] Im zweiten Schritt wandelt ein weiteres Enzym namens ALDH2 diesen Stoff in Essigsäure um. Die ist ungiftig.
Für die Verträglichkeit kommt es also auf beide Schritte an. Läuft der zweite zügig, ist das Gift schnell wieder verschwunden. Klemmt er, bleibt es länger im Körper, und der Mensch spürt es sofort. Bei den meisten Menschen außerhalb Ostasiens arbeitet das Enzym ALDH2 ohne Störung.[2]
Das Gen, das den Unterschied macht
Bei vielen Menschen in Ostasien ist das Enzym ALDH2 durch eine kleine Veränderung im Erbgut geschwächt. Fachleute nennen sie ALDH2*2. Wer eine Kopie davon trägt, dessen Enzym arbeitet nur noch schwach. Wer zwei Kopien trägt, dessen Enzym ist praktisch ausgefallen. Nach Schätzungen betrifft das rund 540 Millionen Menschen, also etwa 8 von 100 weltweit.[2]
Dazu kommt bei den meisten Ostasiaten eine zweite Besonderheit: Der erste Schritt, die Umwandlung von Alkohol in das Gift, läuft bei ihnen schneller als bei Europäern.[3] Der Körper baut Alkohol also durchaus ab, er stellt das Gift sogar zügig her. Nur das Entgiften dauert dann länger, und genau dort liegt die Schwachstelle.
Warum manche nach einem Glas rot werden
Staut sich das Gift, zeigt der Körper es an. Gesicht und Hals werden rot, das Herz schlägt schneller, dazu kommen oft Übelkeit und Kopfschmerzen. Das passiert schon bei kleinen Mengen.[4] Wer es einmal erlebt hat, vergisst es nicht, und für die Betroffenen ist es kein Spaß, auch wenn die Umstehenden gern lachen.
Bei Chinesen, Japanern und Koreanern kennen etwa 36 von 100 diese Reaktion.[1] Wer zwei Kopien des Gens hat, trinkt in der Regel kaum etwas, denn es wird sofort unangenehm. Wer nur eine hat, spürt weniger und kann sich ans Trinken gewöhnen.[8] Das ist die Gruppe, bei der es später ernst wird, dazu gleich mehr.
Thailand
Für Thailand gibt es eine Untersuchung an Männern aus Südthailand. Von je 100 Männern trugen etwa 15 die Veränderung. Fast alle von ihnen hatten eine Kopie, zwei Kopien kamen kaum vor.[5] Das ist deutlich weniger als in Vietnam. Bei den Thai-Chinesen im Süden wurde die Veränderung in einer weiteren Untersuchung häufig gefunden.[5]
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Von den Männern mit einer Kopie wurden 80 von 100 im Gesicht rot, aber auch 28 von 100 der Männer ohne die Veränderung. Die Rötung allein beweist die Veränderung also nicht. Wer sie trug, trank auch seltener: Fast täglich griffen nur 9 von 100 Männern mit einer Kopie zum Glas, bei den Männern ohne waren es 29 von 100.[5]
Vietnam
Im Norden Vietnams wurden 235 Menschen aus der Provinz Thai Nguyen untersucht. Gut jeder Dritte trägt dort die Veränderung, genau waren es rund 36 von 100.[6] Das liegt klar über dem Wert für Südthailand. Die Japaner liegen nach dem Vergleich der Forscher allerdings noch etwas höher.
Im Süden sieht es anders aus. Bei den Vietnamesen in Ho-Chi-Minh-Stadt trägt etwa jeder Vierte die Veränderung.[6] Ein einheitliches Bild für ganz Vietnam gibt es also nicht, im Norden ist sie häufiger als im Süden. Wer dort mit Einheimischen trinkt, kann an dem einen Tisch einen Vertragsfesten und am nächsten einen Betroffenen sitzen haben.
Laos und Kambodscha
In Laos wurden mehrere Volksgruppen untersucht. Beim Volk der Lao selbst, 122 Personen, trägt grob jeder Fünfte die Veränderung. Bei den meisten anderen Gruppen im Land ist sie deutlich seltener.[7] Wer in Laos unterwegs ist, trifft also auf sehr unterschiedliche Voraussetzungen, je nachdem, aus welchem Dorf die Gastgeber stammen.
Für Kambodscha liegt eine Untersuchung bei den Khmer vor. Dort trägt etwa jeder Vierte die Veränderung, das ist etwas häufiger als bei den Lao. Allerdings wurden nur 25 Menschen getestet, die Zahl ist darum mit Vorsicht zu lesen.[7] Aus einer so kleinen Gruppe lässt sich kein Urteil über ein ganzes Land ableiten.
Myanmar und Malaysia
In Myanmar wurden 88 Burmesen untersucht. Etwa 7 von 100 trugen die Veränderung.[7] Das ist wenig im Vergleich zu Vietnam und zeigt, dass die Verhältnisse selbst unter Nachbarn weit auseinanderliegen. Der Spruch von den Asiaten, die nichts vertragen, trifft für Myanmar jedenfalls nicht in dieser Pauschalität zu.
Bei den Malaien in Malaysia, 65 getestete Personen, liegt der Wert ebenfalls bei etwa 7 von 100.[7] Zahlen für die chinesischstämmigen Malaysier sind mir nicht bekannt. In Malaysia leben mehrere Volksgruppen mit unterschiedlicher Herkunft, ein Wert für das ganze Land wäre darum ohnehin wenig aussagekräftig.
Das Krebsrisiko bei regelmäßigem Trinken
Das Gift aus dem Alkohol gilt bei der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation als sicher krebserregend.[8] Wer eine Kopie des Gens trägt und regelmäßig viel trinkt, hat nach Angaben von US-Forschern ein 6- bis 10-mal höheres Risiko für Speiseröhrenkrebs als Trinker ohne die Veränderung bei gleicher Menge. Rauchen erhöht das Risiko zusätzlich.
Tückisch ist, dass sich diese Menschen ans Trinken gewöhnen können, weil sie die unangenehmen Folgen weniger spüren. Die Forscher raten Hochrisiko-Trinkern zu einer Spiegelung der Speiseröhre, damit ein Tumor früh entdeckt wird.[8] Wer das abklären will, fragt seinen Arzt oder ein Krankenhaus.
Warum der Satz so nicht stimmt
Der Körper kann Alkohol abbauen, und er macht es sogar zügig. Was bei manchen klemmt, ist der zweite Schritt, das Entgiften, und das betrifft nur einen Teil der Menschen: in Südthailand etwa 15 von 100 Männern, in Vietnam je nach Gegend 25 bis 36 von 100, in Myanmar und bei den Malaien etwa 7 von 100. Von „den Asiaten“ zu sprechen, trifft die Sache also nicht.
Für den Alltag heißt das: Wer rot wird, hört auf, auch wenn der Gastgeber nachschenkt. Ich würde niemanden zum Weitertrinken überreden, dessen Gesicht schon glüht, auch die eigene Partnerin nicht. Und weil Alkohol für jeden ein Krebsrisiko ist, mit oder ohne die Veränderung, darf sich auch der Gast ohne rotes Gesicht ruhig ein Glas weniger gönnen.[8]
Redaktionelle Hinweise
Die Zahlen gelten für die untersuchten Gruppen, nicht für jede einzelne Person. Für Kambodscha, Myanmar und Malaysia stammen sie aus kleinen Untersuchungen, Angaben wie „jeder Vierte“ oder „jeder Fünfte“ sind gerundet. Wer wissen will, ob er die Veränderung trägt, bespricht das mit einem Arzt oder einem Krankenhaus.
- Abbau in zwei Schritten, Giftigkeit von Acetaldehyd, rund 36 von 100 Ostasiaten mit Rötung: NIH, Pressemitteilung zu Brooks et al., PLoS Medicine und Scientist Live. ↩
- Veränderung ALDH2*2, rund 540 Millionen Betroffene, fast nur in Ostasien: Disease Models and Mechanisms und weltweite Verteilung, PubMed Central. ↩
- Schnellerer erster Schritt durch ADH1B*2 bei Ostasiaten: PubMed Central, Studie zu ADH1B und ALDH2. ↩
- Rötung, Herzrasen, Übelkeit, Kopfschmerz schon bei kleinen Mengen: PubMed Central, Übersicht zu ALDH2*2. ↩
- Südthailändische Männer, Rötung und Trinkverhalten, Thai-Chinesen: PubMed, Untersuchung der Prince-of-Songkla-Universität und Medizinische Fakultät Songkla. ↩
- Vietnam Nord, 235 Personen in Thai Nguyen, und Süd, Ho-Chi-Minh-Stadt: Asian Pacific Journal of Cancer Prevention und PubMed Central, Tabelle der Allelfrequenzen. ↩
- Laos, Kambodscha, Myanmar, Malaysia: Allelfrequenz-Datenbank des Instituts für Allgemeine Genetik, Moskau. Die Prozentwerte für Träger sind aus den Genfrequenzen umgerechnet. ↩
- Krebsrisiko, Gruppe 1 der Krebsforschungsagentur, Rauchen, Spiegelung: NIH, PubMed Central, Acetaldehyd und Krebs, China Daily, Gesundheitsbericht und Fox News. ↩

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